Uno-Mi­gra­ti­ons­pakt auf der Ab­schuss­lis­te

Der Druck auf den Bun­des­rat steigt

Neue Zurcher Zeitung - - SCHWEIZ - CHRIS­TI­NA NEU­HAUS

Der Lan­des­re­gie­rung schei­nen Zwei­fel zu kom­men, ob der Uno-Mi­gra­ti­ons­pakt in­nen­po­li­tisch durch­setz­bar ist. Sie will nun die par­la­men­ta­ri­sche Be­ra­tung ab­war­ten – und dann ent­schei­den. Der Bun­des­rat ist über­zeugt, dass der Uno-Mi­gra­ti­ons­pakt im In­ter­es­se der Schweiz ist. Am 10. Ok­to­ber be­schloss er, der Ver­ein­ba­rung mit ei­ner Er­klä­rung zu­zu­stim­men. In­nen­po­li­ti­schen Hand­lungs­be­darf er­kann­te er kei­nen. Mit die­ser Ein­schät­zung la­gen die sie­ben Ma­gis­tra­ten al­ler­dings ziem­lich da­ne­ben. Spä­tes­tens seit sich Ös­ter­reich En­de Ok­to­ber aus dem Ver­trags­werk zu­rück­ge­zo­gen hat, tobt die Dis­kus­si­on um die Trag­wei­te des Pakts auch in der Schweiz. Die SVP warn­te vor of­fe­nen Gren­zen, welt­weit frei­em Per­so­nen­ver­kehr und ei­nem fest­ge­schrie­be­nen Recht auf Mi­gra­ti­on. Die Zürcher FDP-Na­tio­nal­rä­tin Do­ris Fia­la mahn­te, «so et­was» dür­fe die Schwei­zer Re­gie­rung nie­mals un­ter­zeich­nen, sonst ge­be es ei­nen Auf­stand.

Kei­ne Rei­se nach Mar­ra­kesch?

Am Don­ners­tag hat sich nun auch die Staats­po­li­ti­sche Kom­mis­si­on des Stän­de­rats ge­gen die Un­ter­zeich­nung des Pakts aus­ge­spro­chen. Die Kom­mis­si­ons­mit­glie­der emp­feh­len dem Bun­des­rat mit deut­li­chem Mehr, dem Pakt nicht zu­zu­stim­men. Die Un­si­cher­heit über die po­li­ti­schen Aus­wir­kun­gen des Mi­gra­ti­ons­pakts sei noch zu gross. Wei­ter ver­ab­schie­de­ten sie ei­ne Mo­ti­on von SVPS­tän­de­rat Peter Föhn, die ver­langt, dass der Bun­des­rat dem Par­la­ment den An­trag zur Zu­stim­mung in Form ei­nes Bun­des­be­schlus­ses un­ter­brei­ten soll. Ob die­ser auch dem fa­kul­ta­ti­ven Re­fe­ren­dum un­ter­stellt wer­den sol­le, sei noch of­fen, hiess es am Frei­tag. Die Stän­de­rä­te fol­gen da­mit der na­tio­nal­rät­li­chen Schwes­ter­kom­mis­si­on, die ver­gan­ge­ne Wo­che das Glei­che be­schlos­sen hat­te.

Grund­sätz­lich könn­te sich der Bun­des­rat ent­spannt zu­rück­leh­nen und dem Ge­tö­se auf dem po­li­ti­schen Par­kett aus si­che­rer Dis­tanz zu­se­hen. Da es sich beim Mi­gra­ti­ons­pakt um so­ge­nann­tes Soft Law han­delt, kann die Lan­des­re­gie­rung in ei­ge­ner Kom­pe­tenz ent­schei­den, ob sie das Pa­pier un­ter­zeich­net oder nicht. Mitt­ler­wei­le schei­nen dem Bun­des­rat aber Be­den­ken ge­kom­men zu sein. In Bern er­zäh­len sich Aus­sen­po­li­ti­ker, dass der Bun­des­rat nicht an der fei­er­li­chen An­er­ken­nung des Mi­gra­ti­ons­pakts in Ma­rok­ko ver­tre­ten sein wer­de. Ei­ne Rei­se von Bun­des­prä­si­dent Alain Ber­set nach Mar­ra­kesch sei ab­ge­sagt wor­den.

Je­an-Marc Cre­voi­sier, der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­chef des De­par­te­men­tes für aus­wär­ti­ge An­ge­le­gen­hei­ten (EDA), wi­der­spricht je­doch. Der Bun­des­rat ver­fol­ge der­zeit die Dis­kus­si­on um den UnoMi­gra­ti­ons­pakt, sag­te Cre­voi­sier mit Ver­weis auf den noch aus­ste­hen­den Ent­scheid der Aus­sen­po­li­ti­schen Kom­mis­si­on des Stän­de­rats. Er wer­de nach dem Ab­schluss der par­la­men­ta­ri­schen Dis­kus­sio­nen Bi­lanz zie­hen und in den kom­men­den Wo­chen ent­schei­den.

SVP hofft auf Un­ter­stüt­zung

Mit an­de­ren Wor­ten: Der Bun­des­rat könn­te auf sei­nen Be­schluss vom 10. Ok­to­ber zu­rück­kom­men. Of­fen­bar hat er nun doch ge­merkt, wel­che in­nen­po­li­ti­sche Spreng­kraft die Dis­kus­si­on um den Uno-Mi­gra­ti­ons­pakt mitt­ler­wei­le ent­wi­ckelt hat. FDP-Aus­sen­po­li­ti­ker Han­sPe­ter Port­mann, der in der Aus­sen­po­li­ti­schen Kom­mis­si­on des Na­tio­nal­rats mit ei­ner ähn­lich for­mu­lier­ten Mo­ti­on wie die­je­ni­ge von Föhn ge­schei­tert ist, wünscht sich des­halb, dass ein Bun­des­rats­mit­glied den Mut auf­bringt, ei­nen Rück­kom­mens­an­trag zu stel­len. Es brau­che aber wohl noch mehr po­li­ti­schen Druck.

Auf die­sen hofft auch SVP-Prä­si­dent Al­bert Rös­ti. Am Frei­tag hat er FDPChe­fin Pe­tra Gös­si und CVP-Prä­si­dent Ger­hard Pfis­ter an den Von-Wat­ten­wy­lGe­sprä­chen zwi­schen den Par­tei­en und dem Bun­des­rat da­zu auf­ge­for­dert, sich ge­mein­sam mit der SVP für ei­ne Sis­tie­rung der Ver­trags­un­ter­zeich­nung ein­zu­set­zen. Zu­dem sei der Pakt dem Re­fe­ren­dum zu un­ter­stel­len. Der Bun­des­rat teil­te an­schlies­send mit, er ha­be sich mit den Par­tei­en aus­ge­tauscht und wer­de zu ge­ge­be­nem Zeit­punkt über die wei­te­ren Schrit­te in­for­mie­ren.

Ob Gös­si und Pfis­ter der Auf­for­de­rung ih­res Amts­kol­le­gen nach­kom­men, ist of­fen. Bei­de wa­ren am Frei­tag nicht für ei­ne Stel­lung­nah­me er­reich­bar. Der Ent­scheid für ein ak­ti­ves Lob­by­ing ge­gen den Mi­gra­ti­ons­pakt dürf­te ih­nen je­doch nicht leicht­fal­len. Zwar meh­ren sich auch in der FDP und in der CVP die kri­ti­schen Stim­men. Ein all­zu de­zi­dier­tes En­ga­ge­ment ge­gen den Mi­gra­ti­ons­pakt spielt je­doch der SVP in die Hän­de, die das Uno-Ver­trags­werk zum Kö­nigs­ar­gu­ment für ein Ja zur Selbst­be­stim­mungs­in­itia­ti­ve auf­bau­en will. Ge­lingt es ihr, den Pakt als Pa­ra­de­bei­spiel für ei­nen in­ter­na­tio­na­lis­ti­schen Kne­bel­ver­trag hin­zu­stel­len, könn­te das Ja-La­ger ent­schei­dend ge­stärkt wer­den.

Spricht sich am Mon­tag auch die Aus­sen­po­li­ti­sche Kom­mis­si­on des Stän­de­rats ge­gen ei­ne Be­stä­ti­gung des Mi­gra­ti­ons­pakts aus, wird sich der Bun­des­rat ernst­haft über­le­gen müs­sen, sei­nen Ent­scheid zu über­den­ken. Ein Rück­kom­men wür­de nicht gleich das de­fi­ni­ti­ve En­de des Ver­trags be­deu­ten. Der Pakt kann auch spä­ter noch un­ter­zeich­net wer­den. Erst müs­sen aber die in­nen­po­li­ti­schen Dis­kus­sio­nen ge­führt wer­den.

Zu­stän­dig­keit neu prü­fen

So un­sach­lich und un­ge­recht­fer­tigt ein Teil der Kri­tik am «Glo­bal Com­pact for Mi­gra­ti­on» auch sein mag, von un­ge­fähr kommt das Miss­be­ha­gen nicht. Be­reits im Streit um ei­ne Lo­cke­rung der Waf­fen­ex­por­te muss­te der Bun­des­rat auf­grund des mas­si­ven öf­fent­li­chen Wi­der­stands zu­rück­kreb­sen. Wie beim Mi­gra­ti­ons­pakt lag die Ent­scheid­kom­pe­tenz bei ihm, was vie­len Par­la­men­ta­ri­ern sau­er auf­stiess. Ei­ne im Na­tio­nal­rat ein­ge­reich­te Mo­ti­on der BDP, die ver­langt, dass künf­tig das Par­la­ment die Re­geln bei den Waf­fen­ex­por­ten fest­legt, wur­de im Sep­tem­ber deut­lich an­ge­nom­men.

Statt sich in den Mi­gra­ti­ons­pakt zu ver­beis­sen, sol­le man sich statt­des­sen über die Zu­stän­dig­kei­ten von Bun­des­rat und Par­la­ment un­ter­hal­ten, sagt die Prä­si­den­tin der Aus­sen­po­li­ti­schen Kom­mis­si­on des Na­tio­nal­rats, Eli­sa­beth Schnei­der-Schnei­ter. Die In­nen­po­li­tik wer­de auch in der Schweiz zu­neh­mend von der Aus­sen­po­li­tik be­ein­flusst. Der Bun­des­rat wä­re gut be­ra­ten, die­ser Tat­sa­che Rech­nung zu tra­gen.

EDUARDO MUNOZ / REUTERS

Macht der Bun­des­rat ei­nen Rück­zie­her? Das Bild zeigt Bun­des­prä­si­dent Alain Ber­set bei der Uno-Ge­ne­ral­ver­samm­lung von die­sem Sep­tem­ber in New York.

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