Das Kuh­horn – ein Mys­te­ri­um

Die Be­für­wor­ter der Volks­in­itia­ti­ve ar­gu­men­tie­ren mit wis­sen­schaft­lich nicht ab­ge­stütz­ten Be­haup­tun­gen

Neue Zurcher Zeitung - - SCHWEIZ - AN­GE­LI­KA HARDEGGER

Es pas­sier­te im Hoch­som­mer 2015: Wen­de­lin Gis­ler wan­der­te auf die Alp Lä­cki, ober­halb vom Ur­ner­bo­den. Dort an­ge­kom­men, pack­te er sein Alp­horn aus. Gis­ler be­gann zu spie­len, da sah er, wie ei­ni­ge Kü­he nä­her ka­men. In we­ni­gen Me­tern Dis­tanz, so er­in­nert sich Gis­ler, «blie­ben sie ste­hen und hör­ten mir zu». Es wa­ren aus­nahms­los be­horn­te Tie­re. «Die horn­lo­sen Kü­he trot­te­ten un­be­ein­druckt wei­ter zum Stall.» Für Gis­ler ist seit die­sem Er­leb­nis klar: Das Kuh­horn ist ein Wahr­neh­mungs­or­gan.

Gis­ler ist Ve­te­ri­när­me­di­zi­ner, TierHo­möo­path und Ver­fech­ter der Horn­kuh­Initia­ti­ve. Als Tier­arzt hat er frü­her sel­ber Kü­he ent­hornt. Heu­te könn­te er dies aus Über­zeu­gung nicht mehr ma­chen. Gis­ler glaubt, dass das Kuh­horn ganz viel­fäl­ti­ge Funk­tio­nen hat, und er ist da­mit nicht al­lein. Die Be­für­wor­ter der Horn­kuh­Initia­ti­ve über­bie­ten sich die­ser Ta­ge mit ent­spre­chen­den Be­haup­tun­gen. Kü­he mit Hör­nern sol­len bes­ser ver­dau­en. Ja gar für Milchall­er­gi­ker se­hen man­che in der Horn­kuh die Be­frei­ung. Bloss: Be­wie­sen ist we­nig. Das Kuh­horn ist fast nicht er­forscht.

Aus dem Reich der Eso­te­rik

Aus der an­thro­po­so­phi­schen Ecke stammt die Idee, dass das Horn die Ver­dau­ung un­ter­stützt. Ru­dolf St­ei­ner er­wähn­te ei­nen sol­chen Zu­sam­men­hang in sei­ner Be­grün­dung der bio­dy­na­mi­schen Land­wirt­schaft. Des­halb müs­sen Bau­ern, die un­ter dem Öko­La­bel De­me­ter pro­du­zie­ren, ih­ren Kü­hen die Hör­ner be­las­sen, wäh­rend al­le an­de­re Land­wir­te (auch Bi­o­bau­ern) ih­re Tie­re ent­hor­nen dür­fen. Be­legt ist der Zu­sam­men­hang zwi­schen Ver­dau­ung und Horn­pracht nicht. Ge­nau­so we­nig wie die Be­haup­tung, dass Milch von Horn tra­gen­den Kü­hen für All­er­gi­ker ver­träg­li­cher sei.

Anet Speng­ler Neff ist Mit­in­iti­an­tin der Horn­kuh­Initia­ti­ve und Agrar­in­ge­nieu­rin beim For­schungs­in­sti­tut für bio­lo­gi­schen Land­bau. Sie sagt, bei den All­er­gi­en sei die Fra­ge we­ni­ger, ob Kü­he Hör­ner tra­gen wür­den oder nicht. «Ent­schei­dend ist, was sie fres­sen und wie die Milch ver­ar­bei­tet wird.» De­me­terMilch wird bei­spiels­wei­se nicht ho­mo­ge­ni­siert. Das könn­te ein Grund da­für sein, dass All­er­gi­ker die­se Milch bes­ser ver­tra­gen.

Auch die An­ek­do­te von den Alp­horn hö­ren­den Horn­kü­hen hat Speng­ler Neff schon ge­hört. Wis­sen­schaft­li­che Ar­bei­ten zur Funk­ti­on des Horns als Wahr­neh­mungs­or­gan kennt sie aber kei­ne. We­ni­ger weit her­ge­holt ist hin­ge­gen die Be­haup­tung, dass Kü­he ih­re Kör­per­tem­pe­ra­tur über die Hör­ner re­gu­lie­ren. Tat­säch­lich zei­gen ge­wis­se Stu­di­en, dass Kü­he in tro­pi­schen Kli­ma­zo­nen Wär­me über die Hör­ner ab­ge­ben. Speng­ler Neff ver­mu­tet, dass die Hör­ner in un­se­ren Brei­ten­gra­den hel­fen könn­ten, Wär­me­ver­lus­te zu ver­mei­den.

Si­cher nach­ge­wie­sen ist, dass Kü­he nach dem Ent­hor­nen un­ter Schmer­zen lei­den. Die Fra­ge ist nur: Wie lan­ge? Bei der Ent­hor­nung wird den Käl­bern der Horn­an­satz mit heis­sen Ei­sen aus­ge­brannt. Ge­gen den aku­ten Schmerz er­hal­ten die Tie­re ei­ne Nar­ko­se. Ei­nen Tag spä­ter lei­den prak­tisch al­le Tie­re noch an Schmer­zen, wie ein Team der Uni­ver­si­tät Bern im Früh­ling nach­ge­wie­sen hat. Ein Drit­tel der ent­horn­ten Käl­ber re­agier­te noch drei Wo­chen spä­ter über­emp­find­lich auf Be­rüh­run­gen in der Horn­ge­gend.

Chro­ni­sche Schmer­zen?

«Die Tie­re kön­nen uns nicht mit­tei­len, ob ih­nen et­was weh tut», sagt Clau­dia Spa­da­ve­c­chia, Haupt­au­to­rin der Studie. «Aber die­se Über­emp­find­lich­keit deu­tet klar auf ei­ne Ent­zün­dung und da­mit auf Schmerz hin.» Wie ei­ni­ge Me­di­en be­rich­te­ten, stell­te das For­schungs­team in ei­nem zwei­ten, noch nicht pu­bli­zier­ten Teil der Studie noch nach drei Mo­na­ten ei­ne Über­emp­find­lich­keit bei fast 40 Pro­zent der Käl­ber fest. Das wür­de auf chro­ni­sche Schmer­zen hin­deu­ten, Spa­da­ve­c­chia will die­sen Teil der Studie aber nicht kom­men­tie­ren.

Wis­sen­schaft­lich er­wie­sen ist auch, dass Kü­he über die Hör­ner kom­mu­ni­zie­ren. Oft ge­nügt ei­ne dro­hen­de Kopf­be­we­gung ei­ner rang­hö­he­ren Kuh, um ein un­ter­le­ge­nes Tier ein­zu­schüch­tern, wie ei­ne Studie von Agro­scope, der For­schungs­an­stalt des Bun­des, ge­zeigt hat. Des­halb tra­gen Kü­he mit Hör­nern Rang­kämp­fe öf­ter oh­ne Kör­per­kon­takt aus als ent­horn­te Tie­re. Nur: Ver­let­zen sich Horn­kü­he dann doch, sind die Ver­let­zun­gen oft gra­vie­ren­der.

Das Kuh­horn ist noch fast nicht er­forscht. ANNICK RAMP / NZZ

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