Ös­ter­reich er­hält doch noch ein Mu­se­um

In Wi­en wird zum 100. Jah­res­tag der Grün­dung der Re­pu­blik ein Na­tio­nal­mu­se­um er­öff­net

Neue Zurcher Zeitung - - PANORAMA - ME­RET BAU­MANN, WI­EN

«Mu­se­um für Zeit­ge­schich­te» nennt sich die am Sams­tag er­öff­ne­te In­sti­tu­ti­on in der Wie­ner «Neu­en Burg». Da­mit en­den die jahr­zehn­te­lan­gen De­bat­ten über die Ge­schich­te der Re­pu­blik aber nicht.

Be­reits seit Jahr­zehn­ten wird in Ös­ter­reich über ein Mu­se­um zur Zeit­ge­schich­te der Re­pu­blik dis­ku­tiert, aber im­mer wie­der schei­ter­ten ent­spre­chen­de Vor­ha­ben. Die Grün­de da­für wa­ren teil­wei­se fi­nan­zi­el­ler oder or­ga­ni­sa­to­ri­scher Na­tur, es lag aber auch dar­an, dass die am­bi­va­len­te Ge­schich­te Ös­ter­reichs im 20. Jahr­hun­dert von den ver­schie­de­nen po­li­ti­schen La­gern un­ter­schied­lich be­wer­tet wird. Pünkt­lich zum 100. Jah­res­tag der Aus­ru­fung der Re­pu­blik am 12. No­vem­ber wird nun aber doch das «Haus der Ge­schich­te Ös­ter­reichs» er­öff­net, und die Di­rek­to­rin Mo­ni­ka Som­mer räumt ein, dass dies der «Ma­gie der run­den Zahl» zu ver­dan­ken sei. Denn wann be­steht ein An­lass zum re­flek­tier­ten Rück­blick, wenn nicht am 100. Ge­burts­tag Ös­ter­reichs?

Ab­bil­dung von Kon­tro­ver­sen

Aus die­sem Grund wur­de vor zwei­ein­halb Jah­ren end­lich die ge­setz­li­che Grund­la­ge für ein Na­tio­nal­mu­se­um ge­schaf­fen, nach­dem zu­vor die Neue Burg am Wie­ner Hel­den­platz als Stand­ort aus­er­ko­ren wor­den war. Der Ort ist be­son­ders ge­schichts­träch­tig: Der mo­nu­men­ta­le Prunk­bau schliesst den Hel­den­platz nach Sü­den hin ab und stammt aus der Zeit, als Kai­ser Franz Jo­seph der Haupt­stadt der Do­nau­mon­ar­chie ar­chi­tek­to­nisch ih­ren im­pe­ria­len Stem­pel auf­drück­te. Vom Bal­kon der Neu­en Burg aus ver­kün­de­te Adolf Hit­ler aber auch Hun­dert­tau­sen­den ju­beln­den An­hän­gern den «An­schluss» Ös­ter­reichs ans «Drit­te Reich». Ei­gent­lich hät­te die­ser Bal­kon in das Mu­se­um in­te­griert wer­den sol­len, doch für die da­für er­for­der­li­chen Si­cher­heits­mass­nah­men fehl­te das Geld.

Über­haupt wur­de das gan­ze Pro­jekt stark re­di­men­sio­niert. An­statt den 2015 vor­ge­se­he­nen 3000 Qua­drat­me­tern Aus­stel­lungs­flä­che sind es nun 750, und auch das Bud­get wur­de stark ge­kürzt. Da­zu kam der Zeit­druck: Som­mer wur­de erst im Fe­bru­ar 2017 zur Di­rek­to­rin er­nannt – in gut an­dert­halb Jah­ren muss­te sie ein Team auf­stel­len und die Aus­stel­lung kon­zi­pie­ren.

Was in die­ser Zeit ent­stan­den ist, ist durch­aus ge­lun­gen. Dem Be­su­cher bie­tet sich ein span­nen­der, schlüs­si­ger und mu­se­ums­di­dak­tisch auf der Hö­he der Zeit ste­hen­der Über­blick über hun­dert wech­sel­vol­le Jah­re. Da­bei wer­den auch Kon­tro­ver­sen voll­stän­dig ab­ge­bil­det, et­wa die seit Jahr­zehn­ten ge­führ­te De­bat­te über die Be­zeich­nung der Jah­re 1933 bis 1938 nach der Aus­schal­tung des Par­la­ments durch En­gel­bert Doll­fuss. Die Ma­cher ent­schie­den sich für Doll­fuss/Schu­sch­nigg-Dik­ta­tur, er­klä­ren aber auch, was für oder ge­gen die Be­grif­fe Aus­tro­fa­schis­mus und Stän­de­staat spricht, die je nach po­li­ti­schem La­ger oft ver­wen­det wer­den.

Die Ex­po­na­te um­fas­sen et­wa ei­nen Ka­len­der Sig­mund Freuds aus dem Jahr 1918 mit Ein­trä­gen zum Um­bruch, das Ra­dio­mi­kro­fon, mit dem Kanz­ler Kurt Schu­sch­nigg im März 1938 den Un­ter­gang Ös­ter­reichs ver­kün­de­te, oder ei­nen Ent­wurf des Staats­ver­trags von 1955, bei dem Aus­sen­mi­nis­ter Leo­pold Figl ei­gen­hän­dig Ös­ter­reichs Mit­ver­ant­wor­tung an NS-Ver­bre­chen ge­stri­chen hat­te – im Sin­ne der be­rühm­ten Op­fer­the­se. Zu se­hen ist aber auch das Kleid, in dem Con­chi­ta Wurst 2014 den Eu­ro­vi­si­on Song Con­test ge­won­nen hat, oder das NS-ver­herr­li­chen­de Lie­der­buch der Bur­schen­schaft ei­nes FPÖ-Po­li­ti­kers, das im Ja­nu­ar für Schlag­zei­len sorg­te.

Zu we­nig Platz

Die Er­öff­nung am Sams­tag wird mit Pro­mi­nenz und fei­er­li­chen Wor­ten er­fol­gen. Zu En­de ist die De­bat­te um Ös­ter­reichs Na­tio­nal­mu­se­um da­mit aber nicht. Die Rä­um­lich­kei­ten ste­hen zur Dis­po­si­ti­on, denn für ei­ne Er­wei­te­rung fehlt in der Neu­en Burg der­zeit der Platz. Und auch der Na­me ist vor­erst ein Pro­vi­so­ri­um. Kul­tur­mi­nis­ter Ger­not Blü­mel sä­he lie­ber ein «Haus der Re­pu­blik». Das Pro­blem da­bei ist je­doch, dass Ös­ter­reich eben ge­ra­de nicht hun­dert Jah­re ei­ne Re­pu­blik war.

MAR­KUS GUSCHELBAUER

Ein Spiel­zeug­trak­tor aus Rest­stof­fen von 1948.

MAR­KUS GUSCHELBAUER

Me­dail­le und Ski­helm von Her­mann Mai­er.

KLAUS PICHLER

Der Ka­len­der von Sig­mund Freud von 1918.

M. GUSCHELBAUER

Fuss­ball­po­kal für ei­nen Sieg ge­gen die Schweiz 1931.

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