Fer­kel dür­fen in Deutsch­land wei­ter oh­ne Be­täu­bung kas­triert wer­den

Gros­se Ko­ali­ti­on will Aus­nah­me­ge­neh­mi­gung ver­län­gern

Neue Zurcher Zeitung - - PANORAMA - STE­PHA­NIE LAHRTZ, MÜNCHEN

20 Mil­lio­nen männ­li­che Fer­kel wer­den jähr­lich in Deutsch­land in ih­ren ers­ten Le­bens­ta­gen oh­ne Be­täu­bung chir­ur­gisch kas­triert. Dar­an wird sich in ab­seh­ba­rer Zeit nichts än­dern. Die gros­se Ko­ali­ti­on aus Uni­on und SPD hat am Frei­tag im Bun­des­tag ein Ge­setz ein­ge­bracht, um die En­de Jahr ab­lau­fen­de Aus­nah­me­ge­neh­mi­gung für die be­täu­bungs­lo­se Fer­kel­kas­tra­ti­on um wei­te­re zwei Jah­re zu ver­län­gern. Eber sind bei Züch­tern un­be­liebt, weil de­ren Schlacht­kör­per ei­nen den männ­li­chen Hor­mo­nen ge­schul­de­ten und von Kon­su­men­ten nicht ak­zep­tier­ten Ge­ruch auf­wei­sen kön­nen.

Al­ter­na­ti­ven nicht eta­bliert

Die Ver­ab­schie­dung des neu­en Ge­set­zes­ab­schnitts gilt an­ge­sichts der Mehr­heits­ver­hält­nis­se als si­cher. Sie sei er­for­der­lich, «weil die der­zeit ver­füg­ba­ren Al­ter­na­ti­ven zur be­täu­bungs­lo­sen Kastra­ti­on den An­for­de­run­gen der Pra­xis nicht ge­recht wer­den wür­den», so be­grün­det die Ko­ali­ti­on die Frist­ver­län­ge­rung.

Doch da­mit lügt man sich in die Ta­sche und will ei­ge­nes, fünf Jah­re an­dau­ern­des Ver­sa­gen ver­schlei­ern. Denn seit der Neu­for­mu­lie­rung des Tier­schutz­ge­set­zes 2013 wissen al­le Be­tei­lig­ten, dass die be­täu­bungs­lo­se Fer­kel­kas­tra­ti­on ab dem 1. Ja­nu­ar 2019 de­fi­ni­tiv ver­bo­ten sein wird. Ei­gent­lich. Doch es ge­schah in all die­ser Zeit fast nichts, um die in an­de­ren Län­dern teil­wei­se seit Jah­ren prak­ti­zier­ten Al­ter­na­ti­ven wie Eber­mast, Im­mu­no­kas­tra­ti­on oder chir­ur­gi­sche Kastra­ti­on un­ter Lo­kala­n­äs­the­sie wirk­lich zu eta­blie­ren.

Die Frist­ver­län­ge­rung sei ein Ein­kni­cken vor der Agrar­lob­by, schimp­fen da­her Tier­schüt­zer. Für Andre­as Pal­zer, Nutz­tier­arzt und Do­zent an der Uni­ver­si­tät München, ist es ein Ein­kni­cken vor der selbst­ver­schul­de­ten Rea­li­tät. Po­li­ti­ker gä­ben da­mit de fac­to zu, dass sie es nicht ge­schafft hät­ten, die Be­tei­lig­ten vor drei oder vier Jah­ren an ei­nen Tisch zu brin­gen und ei­nen rea­lis­ti­schen Aus­stiegs­fahr­plan zu er­ar­bei­ten.

Je­de der drei zur Ver­fü­gung ste­hen­den Al­ter­na­ti­ven zur be­täu­bungs­lo­sen Kastra­ti­on hat ge­wis­se Nach­tei­le für die be­trof­fe­nen Tie­re, ist aber aus Tier­schutz­as­pek­ten bes­ser als die der­zei­ti­ge Pra­xis. Zu­dem bringt je­de Va­ri­an­te Um­stel­lun­gen in den Stäl­len und ge­wis­se Kos­ten für den Land­wirt mit sich. So­mit soll­te je­der Schwei­ne­züch­ter die für ihn gang­bars­te Al­ter­na­ti­ve wäh­len kön­nen – er braucht da­für aber die Si­cher­heit, dass sei­ne Tie­re ver­käuf­lich sind. Und die hat er der­zeit nicht. Da­her be­nö­ti­gen die Land­wir­te die Frist­ver­län­ge­rung tat­säch­lich.

Schweiz als Vor­bild

Of­fen­bar wol­len die Po­li­ti­ker von Uni­on und SPD we­nigs­tens ver­hin­dern, in zwei Jah­ren wie­der ei­ne neue Frist­ver­län­ge­rung be­an­tra­gen zu müs­sen. Ge­mäss den An­kün­di­gun­gen im Bun­des­tag will man in Deutsch­land nun dem Bei­spiel der Schweiz fol­gen und die so­ge­nann­te Isof­lur­an­me­tho­de eta­blie­ren. Da­bei wer­den die neu­ge­bo­re­nen Fer­kel mit dem Be­täu­bungs­gas Isof­lu­ran für knapp ei­ne Mi­nu­te aus­ser Ge­fecht ge­setzt. In die­ser Zeit wer­den die Ho­den chir­ur­gisch ent­fernt. An­schlies­send soll noch ein Schmerz­mit­tel ver­ab­reicht wer­den. In den kom­men­den Mo­na­ten muss Isof­lu­ran für die­sen Zweck zu­ge­las­sen wer­den. Zu­dem müs­sen gros­se Men­gen Isof­lur­an­sets pro­du­ziert und ver­teilt und über­dies Land­wir­te im Um­gang da­mit ge­schult wer­den. Das al­les dau­ert schät­zungs­wei­se ein gu­tes Jahr. Soll es al­so tat­säch­lich kei­ne wei­te­re Frist­ver­län­ge­rung mehr ge­ben, müss­te jetzt ge­han­delt wer­den.

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