Für ver­läss­li­che Schät­zun­gen fehlt es dem Steu­er­chef des Bun­des oft an In­for­ma­tio­nen

Der Steu­er­chef des Bun­des skiz­ziert das Di­lem­ma, in das ihn Schät­zun­gen bei dür­rer Da­ten­la­ge brin­gen

Neue Zurcher Zeitung - - WIRTSCHAFT - In­ter­view: Han­sue­li Schöch­li

Schätz­pro­ble­me zur steu­er­li­chen Hei­rats­stra­fe und zu Re­for­men der Fir­men­steu­ern na­gen an der Glaub­wür­dig­keit des Bun­des. Des­sen Steu­er­chef Adri­an Hug ver­spricht grös­se­re Trans­pa­renz und ei­ne ex­ter­ne Über­prü­fung künf­ti­ger Schät­zun­gen.

Herr Hug, Rüf­fel des Bun­des­ge­richts zur Un­ter­neh­mens­steu­er­re­form II, zum Volks-Nein zur Steu­er­re­form III – und nun der Zah­len­sa­lat zur Hei­rats­stra­fe: Wie ge­den­ken Sie das Ver­trau­ens­pro­blem be­züg­lich der Zah­len zu Steu­er­vor­la­gen zu lö­sen?

Wir müs­sen trans­pa­rent ma­chen, auf wel­che Art wir sol­che Schät­zun­gen er­stel­len und was de­ren Ein­schrän­kun­gen sind. Wir dür­fen uns auch nicht mit Aus­sa­gen aufs Glatt­eis hin­aus­wa­gen. Es kommt aber auch vor, dass wir ei­ne Zah­len­aus­sa­ge mit deut­li­chen Ein­schrän­kun­gen ma­chen, und am nächs­ten Tag se­hen wir, dass Po­li­ti­ker und Me­di­en nur die­se Zahl oh­ne die Ein­schrän­kun­gen nen­nen, als ob die­se Zahl die letz­te Wahr­heit wä­re. Bei zen­tra­len Vor­la­gen wer­den wir künf­tig ei­ne ex­ter­ne Über­prü­fung un­se­rer Schät­zung oder so­gar ei­ne Zweit­schät­zung ver­lan­gen.

Wer­den Sie sich auch ver­mehrt wei­gern, man­gels zu­ver­läs­si­ger Da­ten über­haupt Schät­zun­gen ab­zu­ge­ben?

Wir ha­ben dem Par­la­ment schon oft ge­sagt, dass wir ge­wis­se Wün­sche zu Schät­zun­gen nicht er­fül­len kön­nen, weil wir die In­for­ma­tio­nen da­zu nicht hät­ten. Dann kommt aber der Wunsch, dass wir we­nigs­tens ei­ne An­nä­he­rung ver­su­chen. Dar­auf­hin ma­chen wir ge­wis­se Schät­zun­gen mit ver­schie­de­nen An­nah­men und sa­gen je­doch, dass wir nicht wissen, wel­che An­nah­men kor­rekt sind.

Be­son­ders schwie­rig ab­zu­schät­zen ist das Aus­mass der Ver­hal­tens­än­de­rung von Be­trof­fe­nen ei­ner Steu­er­re­form. Soll­te man des­halb auf sol­che «dy­na­mi­sche» Schät­zun­gen ver­zich­ten?

Ich wür­de die Fra­ge an­ders stel­len: Hat die Po­li­tik ein le­gi­ti­mes An­lie­gen, von uns ge­wis­se Über­le­gun­gen zu er­hal­ten? In al­ler Re­gel trifft das zu. Dann ist es nicht an der Ver­wal­tung, zu sa­gen, dass sie sich wei­ge­re, ge­wis­se Be­rech­nun­gen zu ma­chen. Es geht viel­mehr dar­um, dass man sich der be­schränk­ten Aus­sa­ge­kraft be­wusst ist und sol­che Schät­zun­gen ent­spre­chend ver­wen­det.

Zur Hei­rats­stra­fe. Laut dem neus­ten Ex­per­ten­be­richt ge­nügt die Da­ten­la­ge nicht für ei­ne zu­ver­läs­si­ge Aus­sa­ge über das Aus­mass der Hei­rats­stra­fe und über die Fol­gen der vor­ge­schla­ge­nen Re­form der Fa­mi­li­en­be­steue­rung. Was soll nun der Bür­ger mit die­ser In­for­ma­ti­on an­fan­gen?

Der Ex­per­te ten­diert zur Aus­sa­ge, dass der­zeit 600 000 Ehe­paa­re be­nach­tei­ligt sind, wir wa­ren auf 700 000 ge­kom­men. Wel­che Zahl eher stimmt, lässt sich mit der jet­zi­gen Da­ten­ba­sis nicht sa­gen. Aber es exis­tiert ei­ne Hei­rats­stra­fe, die ei­nen er­heb­li­chen Teil der Be­völ­ke­rung be­trifft. Die Stimm­bür­ger kön­nen die Fra­ge, ob sie die­se Hei­rats­stra­fe be­sei­ti­gen wol­len, un­ab­hän­gig da­von be­ant­wor­ten, ob 600 000 oder 700 000 die rich­ti­ge Zahl ist. Doch laut dem Ex­per­ten­be­richt ist an­ge­sichts der Da­ten­män­gel über­haupt kei­ne Schät­zung so­li­de. Sind Sie denn si­cher ge­nug, dass bei der Bun­des­steu­er per sal­do ei­ne Hei­rats­stra­fe exis­tiert – dass es we­sent­lich mehr be­nach­tei­lig­te als be­vor­teil­te Ehe­paa­re gibt?

Ob ei­ne sol­che Sald­o­be­trach­tung an­ge­mes­sen ist, ist fast ei­ne phi­lo­so­phi­sche Fra­ge. Wenn es der po­li­ti­sche Wil­le ist, die Ver­hei­ra­te­ten nicht schlechter­zu­stel­len, kann das auch be­deu­ten, dass Le­di­ge oder Kon­ku­bi­nats­paa­re da­bei be­nach­tei­ligt wer­den. Sta­tis­tisch kann ich nicht mit ab­so­lu­ter Si­cher­heit sa­gen, dass die Zahl der be­nach­tei­lig­ten Ehe­paa­re we­sent­lich hö­her ist als je­ne der Be­vor­teil­ten. Aber die der­zeit vor­lie­gen­den Schät­zun­gen stüt­zen die­se Aus­sa­ge. Die­se Gr­und­aus­sa­ge wird al­ler Vor­aus­sicht nach auch bei ei­ner ver­bes­ser­ten Da­ten­la­ge be­ste­hen blei­ben.

Der Bun­des­rat will bes­se­re Steu­er­da­ten von den Kan­to­nen er­hal­ten. Was kon­kret schwebt Ih­nen vor?

Wir ha­ben im Bun­des­sta­tis­tik­ge­setz ei­ne Grund­la­ge für Da­ten­lie­fe­run­gen der Kan­to­ne. Aber das ist im­mer mit dem Vor­be­halt des ver­nünf­ti­gen Auf­wands ver­bun­den. Das ist ein schwam­mi­ges Ele­ment. Der Kos­ten­druck in den Kan­to­nen ist in den letz­ten Jah­ren deut­lich grös­ser ge­wor­den, wes­halb die Kan­to­ne mit Da­ten­auf­be­rei­tun­gen zu­rück­hal­ten­der wur­den. Mög­lich wä­re, in ei­ner Ver­ord­nung zum Sta­tis­tik­ge­setz prä­zi­ser zu de­fi­nie­ren, wel­che Da­ten zu lie­fern sind.

Wel­che kon­kre­ten Da­ten wol­len Sie denn zu­sätz­lich von den Kan­to­nen? Be­züg­lich Hei­rats­stra­fe geht es bei Ehe­paa­ren in ers­ter Li­nie um ge­trenn­te Ein­kom­mens­zah­len für Mann und Frau über den Lohn und die Ren­ten.

Brau­chen Sie nicht auch noch ge­trenn­te Da­ten zum Bei­spiel für Lie­gen­schafts­ein­kom­men und Ab­zü­ge?

Es ist ei­ne Fra­ge der ge­wünsch­ten Ge­nau­ig­keit der Be­rech­nun­gen und des Auf­wands. Ei­ne Vol­ler­he­bung al­ler De­tail­zah­len wä­re ge­mes­sen am Auf­wand nicht ver­tret­bar. Wir ha­ben aber in der Steu­er­er­klä­rung klar ein­zel­ne Fel­der, die aus­zu­fül­len sind und von den Kan­to­nen in der Re­gel auch in den Da­ten­ban­ken se­pa­rat er­fasst wer­den. Es soll­te mög­lich sein, sol­che Da­ten dem Bund zu lie­fern.

Zu den Fir­men­steu­ern. Nach dem Ur­nen­gang von 2008 über die Un­ter­neh­mens­steu­er­re­form II spra­chen Kri­ti­ker von ei­nem «Mil­li­ar­denb­schiss» we­gen un­ge­ahn­ter Ein­nah­me­aus­fäl­le als Fol­ge der Steu­er­be­frei­ung für die Rück­zah­lung von Ka­pi­tal­ein­la­gen. War die Re­form aus heu­ti­ger Sicht ein «Mil­li­ar­denb­schiss»?

Klar nein. Rich­tig ist, dass im da­ma­li­gen Ab­stim­mungs­büch­lein ein Vor­be­halt über die un­kla­re Da­ten­la­ge fehl­te, was das Bun­des­ge­richt ge­rügt hat. Doch man kann nicht, wie das Kri­ti­ker oft tun, das To­tal der seit­her von Fir­men ge­bil­de­ten Ka­pi­tal­ein­la­ge­re­ser­ven, die sie theo­re­tisch an­stel­le von Di­vi­den­den steu­er­frei aus­zah­len kön­nen, mit Ein­nah­men­ein­bus­sen für den Fis­kus gleich­set­zen. Vie­le die­ser Re­ser­ven kä­men oh­ne­hin nie zur Aus­zah­lung, und zu­dem sind als Fol­ge je­ner Re­form auch Un­ter­neh­men neu zu­ge­zo­gen. Auf Ba­sis von Ka­pi­tal­ein­la­ge­rück­zah­lun­gen von 8 Mil­li­ar­den Fran­ken schät­zen wir heu­te die dau­er­haft jähr­lich wie­der­keh­ren­den Min­der­ein­nah­men auf 200 bis 300 Mil­lio­nen Fran­ken bei der Ver­rech­nungs­steu­er und eben­falls auf 200 bis 300 Mil­lio­nen Fran­ken bei den Ein­kom­mens­steu­ern von Bund, Kan­to­nen und Ge­mein­den.

Gros­se Schät­z­un­si­cher­hei­ten gibt es auch bei der neu­en Re­form der Fir­men­steu­ern. Sie muss­ten ge­gen Ih­ren Wil­len im Auf­trag des Par­la­ments ei­ne «dy­na­mi­sche» Schät­zung über die Fol­gen ma­chen. Das Par­la­ment schien dann aber die Schät­zun­gen igno­riert zu ha­ben. War das nicht frus­trie­rend?

Ich hat­te ei­nen an­de­ren Ein­druck über den Ein­fluss der Schät­zun­gen. Im Un­ter­schied zu frü­he­ren Pha­sen gab es kei­ne Vor­schlä­ge mehr zur Ab­schaf­fung der in­ter­na­tio­nal ver­pön­ten Steu­er­pri­vi­le­gi­en oh­ne jeg­li­che Er­satz­mass­nah­men. Der Grund lag dar­in, dass laut un­se­ren Be­rech­nun­gen in fast al­len Sze­na­ri­en die vor­ge­schla­ge­ne Re­form mit­tel­fris­tig – das heisst in­nert fünf bis zehn Jah­ren – bes­ser ab­schnei­det als die nack­te Ab­schaf­fung der ver­pön­ten Pri­vi­le­gi­en. Aber es ist rich­tig, dass wir die Schät­zun­gen nicht ma­chen woll­ten, weil der Ef­fekt stark von der Ent­wick­lung im Aus­land ab­hängt. Im Aus­land pas­siert der­zeit sehr viel, was Schät­zun­gen sehr schwie­rig macht. Wir rech­ne­ten des­halb vie­le Sze­na­ri­en par­al­lel mit ver­schie­dens­ten An­nah­men. Die Stoss­rich­tung bleibt bei fast al­len ge­rech­ne­ten Va­ri­an­ten die glei­che. Das ist trotz den Un­si­cher­hei­ten ei­ne nütz­li­che Aus­sa­ge.

Die Rech­nun­gen zei­gen zwar im Ver­gleich zur nack­ten Ab­schaf­fung der ver­pön­ten Steu­er­pri­vi­le­gi­en ei­ne po­si­ti­ve Wir­kung in den meis­ten Sze­na­ri­en, aber nicht in al­len. Wie si­cher sind Sie, dass der Ef­fekt tat­säch­lich po­si­tiv sein wird? Ich bin zu 100 Pro­zent si­cher, mit ei­ner Ein­schrän­kung. Die­se be­trifft die in­ter­na­tio­na­le Ent­wick­lung. Falls der Pro­tek­tio­nis­mus in der Welt nach dem Mus­ter der USA stark zu­näh­me und die Welt­wirt­schafts­ord­nung da­mit deut­lich ver­än­dert wür­de, könn­te das Bild un­ter Um­stän­den an­ders aus­se­hen. Doch selbst für sol­che Sze­na­ri­en dürf­te die vor­ge­schla­ge­ne Re­form bes­ser sein als ei­ne Mi­ni­va­ri­an­te oh­ne Er­satz­mass­nah­men.

Die ab­seh­ba­re Re­fe­ren­dums­ab­stim­mung zum Pa­ket Fir­men­steu­ern/AHV wür­de nächs­ten Mai statt­fin­den. Was ma­chen Sie, wenn das Volk Nein sagt? Wir ha­ben kei­nen Al­ter­na­tiv­plan in der Schub­la­de. Ich ge­he da­von aus, dass dann ei­ne Mi­ni­mal­va­ri­an­te kommt.

Al­so Ab­schaf­fung der ver­pön­ten Steu­er­pri­vi­le­gi­en, ge­wis­se Über­gangs­re­geln, Än­de­run­gen beim Fi­nanz­aus­gleich und even­tu­ell ei­ne Er­hö­hung des Kan­tons­an­teils an der di­rek­ten Bun­des­steu­er? In die­se Rich­tung dürf­te es ge­hen. Es ist aber nicht aus­zu­schlies­sen, dass auch dann Än­de­run­gen der Di­vi­den­den­be­steue­rung noch ein The­ma sein kön­nen. Doch letzt­lich wür­de das Par­la­ment ent­schei­den.

Wie schnell könn­ten Sie ei­ne neue Vor­la­ge brin­gen, wenn das Volk im Mai

Nein sagt?

Ei­nen Al­ter­na­tiv­plan «Steu­er­vor­la­ge 2019» wer­den wir nicht im Vor­aus er­stel­len. Das Volk hat­te im Fe­bru­ar 2017 die Un­ter­neh­mens­steu­er­re­form III ab­ge­lehnt, und im Sep­tem­ber 2018 hat das Par­la­ment die neue Vor­la­ge be­schlos­sen. Noch schnel­ler dürf­te es kaum ge­hen. Der Haupt­trei­ber des Zeit­be­darfs ist oh­ne­hin nicht die Ver­wal­tung, son­dern das sind die Ver­nehm­las­sung und die Dis­kus­sio­nen im Par­la­ment.

«Ei­nen Al­ter­na­tiv­plan ‹Steu­er­vor­la­ge 2019› wer­den wir nicht im Vor­aus er­stel­len.»

ANNICK RAMP / NZZ

Laut Adri­an Hug sind 700 000 Ehe­paa­re steu­er­lich be­nach­tei­ligt.

Adri­an Hug Di­rek­tor der Eid­ge­nös­si­schen Steu­er­ver­wal­tung

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