Die Un­si­cher­heit in der Schwei­zer In­dus­trie steigt

Ma­na­ger und Pa­trons fra­gen sich, ob nach dem Boom be­reits wie­der der Ab­schwung droht

Neue Zurcher Zeitung - - WIRTSCHAFT - DO­MI­NIK FELDGES es.

Un­ter­neh­men vor­ab aus der Au­to­bran­che zö­gern ver­mehrt bei der Auf­trags­ver­ga­be. Auch aus dem E-Com­mer­ce-Be­reich gibt es ers­te Warn­zei­chen. Bis vor kur­zem ha­ben Kun­den dem West­schwei­zer Ma­schi­nen­her­stel­ler Bobst förm­lich die Tür ein­ge­rannt. Ab­neh­mer aus der Ver­pa­ckungs­in­dus­trie, wel­che die An­la­gen der Waadt­län­der Fir­ma für die Her­stel­lung von Kar­ton­schach­teln oder Bo­xen aus Well­pap­pe be­nö­ti­gen, wa­ren der­mas­sen er­picht dar­auf, schnell be­dient zu wer­den, dass sie gleich bei Ver­trags­un­ter­zeich­nung ei­ne An­zah­lung für die Be­stel­lung leis­te­ten. Sie ver­such­ten sich so früh­zei­tig ei­nen Slot in der stark aus­ge­las­te­ten Pro­duk­ti­on von Bobst zu si­chern.

Ab­küh­lung auf ho­hem Ni­veau

Wie das Ma­nage­ment die­sen Don­ners­tag an ei­ner In­ves­to­ren­kon­fe­renz in Zü­rich aus­ge­führt hat, herrscht in den Fa­b­ri­ken der Grup­pe, die welt­weit über 5000 Mit­ar­bei­ter zählt und ei­nen Um­satz von rund 1,5 Mrd. Fr. er­wirt­schaf­tet, vie­ler­orts noch im­mer Hoch­be­trieb. Ge­wis­se An­la­gen ar­bei­ten na­he an der Ka­pa­zi­täts­gren­ze, weil das Un­ter­neh­men wie vie­le Schwei­zer In­dus­trie­fir­men nach wie vor da­mit be­schäf­tigt ist, ei­nen ho­hen Auf­trags­be­stand ab­zu­ar­bei­ten.

Doch bei den Neu­auf­trä­gen stellt Bobst neu­er­dings ei­ne Ab­küh­lung fest – «von ei­nem sehr ho­hen, ja ex­tre­men Ni­veau», wie Fi­nanz­chef At­ti­lio Tis­si kon­sta­tiert. Er fügt hin­zu, dass die Kun­den vor­sich­ti­ger ge­wor­den sei­en. Vie­le von ih­nen schei­nen ab­zu­war­ten, zu wel­chen Schlüs­sen ih­re Ab­neh­mer kom­men, die be­son­ders aus dem Ver­sand­han­del so­wie aus der Zi­ga­ret­ten-, Le­bens­mit­te­lund Kos­me­tik­in­dus­trie stam­men. Setzt sich der glo­ba­le Kon­junk­tur­auf­schwung fort, und hält – vor al­len Din­gen – der Boom im E-Com­mer­ce-Be­reich an, der die Nach­fra­ge ins­be­son­de­re nach Well­pap­pe in den ver­gan­ge­nen Jah­ren stark nach oben ge­trie­ben hat?

Die Kon­zern­füh­rung von Bobst ist nicht si­cher, ob es sich beim jüngs­ten Ver­lauf der Neu­be­stel­lun­gen um ei­ne Del­le han­delt oder ob der Trend schon ge­kehrt hat. «Wir wissen es nicht», meint Tis­si. Das Ma­nage­ment der Fir­ma kann sich da­mit trös­ten, dass es vie­len Schwei­zer In­dus­trie­un­ter­neh­men ähn­lich er­geht. Mit Blick auf die Ge­schäfts­ent­wick­lung im drit­ten Quar­tal ha­ben die von Vor­sicht ge­präg­ten Stim­men je­den­falls auf­fal­lend zu­ge­nom­men.

Der Stahl­her­stel­ler Schmolz + Bi­cken­bach, zu dem auch die Toch­ter­ge­sell­schaft Swiss Steel ge­hört, sprach eben­falls die­sen Don­ners­tag von «ers­ten An­zei­chen ei­ner ab­neh­men­den Dy­na­mik» ge­gen­über ei­ner – noch star­ken – ers­ten Jah­res­hälf­te 2018. Der Fir­ma hat jüngst die Zu­rück­hal­tung vor al­lem deut­scher Un­ter­neh­men aus dem Au­to­mo­bil­sek­tor zu schaf­fen ge­macht, die ge­rin­ge­re Men­gen als vor­her ab­ru­fen. Das Un­ter­neh­men lei­det zu­dem un­ter den Aus­wir­kun­gen des welt­wei­ten Han­dels­krie­ges. So sind Lie­fe­run­gen vom Schwei­zer Werk in Em­men­brü­cke in den EU-Raum we­gen Mass­nah­men, die Brüs­sel zum Schutz der deut­schen, fran­zö­si­schen oder ita­lie­ni­schen Stahl­in­dus­trie ver­hängt hat, nur noch un­ter er­schwer­ten Be­din­gun­gen mög­lich. We­gen der Straf­zöl­le der USA ist die Grup­pe zu­dem ge­zwun­gen, USame­ri­ka­ni­sche Kun­den aus ei­ner Pro­duk­ti­ons­stät­te in Chi­ca­go zu be­die­nen, de­ren Kos­ten­struk­tur vom Ma­nage­ment als un­güns­ti­ger ta­xiert wird als die ei­nes zu­vor fa­vo­ri­sier­ten Werks in Ka­na­da. Washington hat be­schlos­sen, Stahl­ein­fuh­ren auch aus dem Nach­bar­land Ka­na­da mit ei­nem pro­hi­bi­tiv ho­hen Zoll­satz von 25% zu be­le­gen.

Die Straf­zöl­le tref­fen ne­ben der in­ter­na­tio­na­len Stahl- so­wie der Alu­mi­ni­um­in­dus­trie, de­ren Ab­neh­mern in den USA von der Trump-Re­gie­rung Ab­ga­ben von 10% auf Ein­fuh­ren aus dem Aus­land auf­ge­brummt wor­den sind, vor­ab die Au­to­mo­bil­bran­che und ih­re Zu­lie­fe­rer. Un­ter­neh­men aus die­sem Sek­tor ha­ben deut­lich ge­stie­ge­ne Roh­stoff­kos­ten zu ver­kraf­ten. We­gen des Han­dels­streits, der in­zwi­schen vor al­lem im Wa­ren­ver­kehr zwi­schen Chi­na und den Ver­ei­nig­ten Staa­ten zahl­rei­che Wirt­schafts­be­rei­che tan­giert, sind die Fir­men zu­dem zu kost­spie­li­gen An­pas­sun­gen bei ih­ren Lie­fer­ket­ten ge­zwun­gen. Als ob dies nicht schon ge­nug wä­re, set­zen den Au­to­mo­bil­fir­men zur­zeit Eng­päs­se bei der Ab­nah­me von neu­en Fahr­zeug­mo­del­len zu. We­gen neu­er – welt­weit har­mo­ni­sier­ter – Be­stim­mun­gen ha­ben Prüf­stel­len deut­lich hö­he­re Vo­lu­men zu be­wäl­ti­gen und kom­men kaum nach. Dies ver­zö­gert die Markt­ein­füh­rung von Neu­hei­ten.

Ver­lie­rer am Ak­ti­en­markt

An­le­gern ist die ge­stie­ge­ne Ve­r­un­si­che­rung bei Un­ter­neh­men, de­ren Ge­schäft in ho­hem Aus­mass von der Au­to­bran­che ab­hängt, nicht ver­bor­gen ge­blie­ben. So notiert der Kurs der Ak­ti­en des Schaff­hau­ser In­dus­trie­kon­zerns Ge­org Fi­scher, der Guss­tei­le aus Alu­mi­ni­um für den Fahr­zeug­bau her­stellt, noch im­mer über ei­nen Vier­tel un­ter dem Ni­veau von An­fang die­ses Jah­res. Im­mer­hin ha­ben po­si­ti­ve Nach­rich­ten von der Ver­kaufs­front – dem Un­ter­neh­men ge­lang es, für sei­ne Ma­schi­nen­bau­s­par­te meh­re­re Gross­auf­trä­ge von Elek­tro­fahr­zeug­her­stel­lern und Fir­men aus der Luft­fahrt­bran­che zu ak­qui­rie­ren – jüngst für ei­ne leich­te Ge­gen­be­we­gung ge­sorgt.

Bei den Schwer­ge­wich­ten ABB, OC Oer­li­kon und Bu­cher In­dus­tries ha­ben An­le­ger mit ih­ren En­ga­ge­ments in Jah­res­frist zwi­schen 21 und 29% ver­lo­ren, bei Bobst und beim Spin­ne­rei­ma­schi­nen­her­stel­ler Rie­ter be­trägt das Mi­nus so­gar je rund 40%. Auch der Bör­sen­wert von Sul­zer hat sich spür­bar, um 13%, ab­ge­schwächt, ob­wohl sich das Ma­nage­ment des Pum­pen­her­stel­lers mit Blick auf wie­der an­zie­hen­de In­ves­ti­tio­nen im Erd­öl- und Erd­gas­sek­tor seit län­ge­rem vol­ler Zu­ver­sicht zeigt.

Zwar kön­nen sich auch An­le­ger täu­schen, doch die In­di­zi­en für ei­nen Ab­schwung im In­dus­trie­sek­tor sind zwei­fel­los ge­stie­gen. Da­bei ist in Be­tracht zu zie­hen, dass Un­ter­neh­men wich­ti­ge Be­wäh­rungs­pro­ben wie der be­fürch­te­te un­ge­ord­ne­te Aus­stieg Gross­bri­tan­ni­ens aus der EU und ei­ne mög­li­che Ver­schär­fung der Haus­halt­kri­se in Ita­li­en noch be­vor­ste­hen. Auch die Aus­wir­kun­gen der Han­dels­strei­tig­kei­ten auf das welt­wei­te In­ves­ti­ti­ons­ver­hal­ten sind erst in An­sät­zen er­kenn­bar. Bei Bobst plant man vor die­sem Hin­ter­grund vor­erst, den welt­wei­ten Aus­bau der Ser­vice­mann­schaft zu dros­seln. Zu­dem sind Kos­ten­sen­kungs­mass­nah­men in Chi­na in Vor­be­rei­tung.

MAR­TIN LEISSL / BLOOM­BERG

Noch läuft es rund, doch bei Neu­auf­trä­gen ha­pert

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