Stel­len­boom dank Pri­va­ten

Neue Zurcher Zeitung Sunday - - SCHWEIZ - Ste­fan Büh­ler

Der Spi­tal­ver­band H+ und der Ge­werk­schafts­bund kon­tern die Kri­tik, in staats­na­hen Branchen wie dem Ge­sund­heits­we­sen sei das Stel­len­wachs­tum zu hoch.

Zwi­schen 2004 und 2014 ist die Zahl der Er­werbs­tä­ti­gen im Ge­sund­heits­be­reich um 79 000 Per­so­nen an­ge­stie­gen, in Hei­men und im So­zi­al­we­sen um 88 000 Per­so­nen. Die bei­den Be­rei­che ex­pan­dier­ten mit 38 Pro­zent über­durch­schnitt­lich stark: In der Ge­samt­wirt­schaft be­trug der An­stieg in den letz­ten zehn Jah­ren le­dig­lich 16 Pro­zent. So steht es in der Ant­wort auf ei­nen Vor­stoss von FDP-Na­tio­nal­rat Igna­zio Cas­sis (TI), die der Bun­des­rat vor kur­zem ver­öf­fent­licht hat.

Die Zah­len dürf­ten den Wirt­schafts­ver­bän­den zu­pass kom­men: Die­se kri­ti­sie­ren seit län­ge­rem, das Stel­len­wachs­tum in staat­li­chen und staats­na­hen Branchen kon­kur­ren­zie­re die Pri­vat­wirt­schaft im Kampf um die Fach­kräf­te. Vor dem Hin­ter­grund der Initia­ti­ve ge­gen Mas­sen­ein­wan­de­rung sei dies nun um­so pro­ble­ma­ti­scher. An­fang Jahr for­der­ten Ar­beit­ge­ber und Eco­no­mie­su­is­se dar­um ge­mein­sam ein Null­wachs­tum der Stel­len im Staats­sek­tor.

Nun kon­tern der Schwei­ze­ri­sche Ge­werk­schafts­bund (SGB) und der Spi­tal­ver­band H+ die­se Kri­tik. Der SGB stützt sich da­bei auf Zah­len des Bun­des­amts für Sta­tis­tik (BfS) aus den Jah­ren 2001 bis 2012: «So­wohl im Ge­sund­heits- als auch im So­zi­al­we­sen spie­len pri­va­te An­bie­ter ei­ne grosse Rol­le», sagt SGB-Chef­öko­nom Da­ni­el Lam­part. Die BfSZah­len zeig­ten, «dass die Be­schäf­ti­gung vor al­lem bei den pri­va­ten An­bie­tern ge­stie­gen ist». Dem­nach las­sen sich fast neun von zehn neu ge­schaf­fe­nen Stel­len im Ge­sund­heits­be­reich dem pri­va­ten Sek­tor zu­ord­nen, al­so bei­spiels­wei­se Spi­tä­lern mit pri­va­ter Rechts­form, Arzt­pra­xen und ver­schie­de­nen The­ra­pie-An­ge­bo­ten. Im So­zi­al­we­sen ist die Ver­tei­lung ver­gleich­bar, hier ha­ben über­wie­gend pri­va­te Pfle­ge­und Al­ters­hei­me oder Kin­der­ta­ges­stät­ten neue Stel­len ge­schaf­fen. Zum Ein­wand, dass vie­le die­ser In­sti­tu­tio­nen zwar pri­vat­recht­lich or­ga­ni­siert sei­en, aber ei­ner öf­fent­li­chen Trä­ger­schaft ge­hör­ten oder von staat­li­chen Leis­tungs­ver­ein­ba­run­gen pro­fi­tier­ten, sagt Lam­part: «Bei vie­len die­ser Spi­tä­ler und Hei­me hat der Staat bei der Per­so­nal­po­li­tik lei­der nichts mehr zu sa­gen.»

In die glei­che Rich­tung ar­gu­men­tiert Bern­hard Weg­mül­ler, Di­rek­tor des Spi­tal­ver­bands H+. «Be­zo­gen auf die von den Spi­tä­lern er­brach­ten me­di­zi­ni­schen Be­hand­lun­gen han­delt es sich um Di­enst­leis­tun­gen, die von Pri­vat­per­so­nen nach­ge­fragt wer­den und nicht vom Staat», sagt er. Un- ter den Spi­tä­lern, ob in öf­fent­li­chem oder pri­va­tem Be­sitz, be­ste­he ei­ne Kon­kur­renz: «Die­se Si­tua­ti­on ist ver­gleich­bar mit den Leis­tun­gen von Swiss­com oder Kan­to­nal­ban­ken, die in Kon­kur­renz mit Un­ter­neh­men im Pri­vat­be­sitz ste­hen», sagt Weg­mül­ler. Folg­lich könn­ten auf­grund ih­rer me­di­zi­ni­schen Di­enst­leis­tun­gen «auch die öf­fent­li­chen Spi­tä­ler und Kli­ni­ken nicht als staats­nah be­zeich­net wer­den».

Was die Kri­tik am über­pro­por­tio­na­len Be­schäf­ti­gungs­wachs­tum im Ge­sund­heits­be­reich be­trifft, emp­fiehlt Weg­mül­ler den Blick über die Lan­des­gren­zen hin­aus: «Die Ent­wick­lung in der Schweiz ist nicht an­ders als in den an­de­ren hoch ent­wi­ckel­ten Län­dern.» Die trei­ben­den Kräf­te hier­für sei­en die Al­te­rung der Be­völ­ke­rung, ein er­höh­ter Pfle­ge- und Be­treu­ungs­be­darf, neue me­di­zi­ni­sche Be­hand­lungs­mög­lich­kei­ten so­wie ei­ne ge­sell­schaft­li­che Ent­wick­lung, die zu we­ni­ger frei­wil­li­ger und mehr pro­fes­sio­nel­ler Be­treu­ung füh­re.

«Das Ge­sund­heits­we­sen ist ei­ne Boom­bran­che», sagt Weg­mül­ler. «An­de­re pri­va­te Boom­bran­chen wie die Phar­ma­in­dus­trie oder der In­for­ma­ti­ons- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­be­reich ha­ben sich in den letz­ten 10 Jah­ren ge­nau­so stark ent­wi­ckelt.»

Ge­frag­tes Per­so­nal: Kran­ken­pfle­ge­rin in ei­ner Pri­vat­kli­nik.

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