SEIN WERK LEBT WEI­TER

Rand­stän­di­ge, Dro­gen­süch­ti­ge, Al­ko­ho­li­ker – ih­nen hat er ein Zu­hau­se und Hoff­nung ge­ge­ben. Am Pfingst­wo­chen­en­de ver­starb Ernst Sieber, doch die Zu­kunft sei­ner so­zia­len In­sti­tu­tio­nen ist ge­si­chert.

Schweizer Familie - - VORDERSEITE - — Text Ga­b­rie­la Mei­le Fo­tos Ste­phan Rap­po —

Auf der Eu­ro­paal­lee mit ih­ren Neu­bau­ten na­he dem Zürcher Haupt­bahn­hof fla­nie­ren Men­schen an De­li­ka­tes­sen­lä­den und Mo­de­bou­ti­quen vor­bei, sit­zen Da­men und Her­ren in Gar­ten­wirt­schaf­ten, ge­nies­sen die Son­ne. Nur zwei Geh­mi­nu­ten da­von ent­fernt liegt die Ecke Mi­li­tär-/lang­stras­se. Ein Mann kramt in der Müll­ton­ne, ei­ne Frau tor­kelt mit ih­rer Bier­do­se in der Hand über das Trot­toir. Ob­dach­lo­se, Ab­hän­gi­ge und Ein­sa­me war­ten im Schat­ten vor der Tür der Su­ne­stu­be, bis die Gas­sen­kü­che für den Nach­mit­tags­be­trieb öff­net.

Ei­ne der reichs­ten Städ­te der Welt ist mit ih­ren ge­pfleg­ten Quar­tie­ren An­zie­hungs­punkt für wohl­ha­ben­de Tou­ris­ten, Ge­schäfts­leu­te und Be­woh­ner, aber mit ih­rem Mi­lieu eben­so für Dro­gen­dea­ler, Süch­ti­ge, Pro­sti­tu­ier­te – und für Be­dürf­ti­ge. Rund zehn Pro­zent der Be­völ­ke­rung sind auf fi­nan­zi­el­le Un­ter­stüt­zung der öf­fent­li­chen Hand an­ge­wie­sen. Er­fasst sind al­ler­dings le­dig­lich je­ne, die sich da­für an­ge­mel­det ha­ben. Wie vie­le Per­so­nen tat­säch­lich an oder un­ter der Ar­muts­gren­ze le­ben, ist nicht er­ho­ben. Doch 2500 Men­schen, die we­ni­ger als we­nig ha­ben oder sich in der Ge­sell­schaft nicht zu­recht­fin­den, be­an­spru­chen re­gel­mäs­sig Hil­fe bei der Stif­tung des evan­ge­li­schen Pfar­rers Ernst Sieber, des Schutz­pa­trons der Rand­stän­di­gen.

Sie über­nach­ten win­ters in sei­nem Pfuus­bus, las­sen ih­re Krank­hei­ten in sei­nem Spi­tal Su­ne-eg­ge be­han­deln oder ver­su­chen in sei­ner Sucht­hil­fe-ein­rich­tung Ur-dörf­li ihr Le­ben, viel­leicht ih­re Ab­hän­gig­keit, ei­ni­ger­mas­sen in den Griff zu be­kom­men. Sie stam­men von übe­r­all her. Denn Sieber ist weit über die Gren­zen hin­aus be­kannt. «Wir küm­mern uns um je­ne, die staat­li­che In­sti­tu­tio­nen über­for­dern, da sie als struk­tur­schwach gel­ten und des­halb be­son­de­re Auf­merk­sam­keit brau­chen», sagt Chris­toph Zingg, 55, Ge­samt­lei­ter der So­zi­al­wer­ke Pfar­rer Sieber (In­ter­view S. 20). Ins­ge­samt um­fasst die Stif­tung zwölf Ein­rich­tun­gen, die von Be­ra­tung über Pfle­ge bis hin zur Re­ha­bi­li­ta­ti­on und Re­so­zia­li­sie­rung al­les bie­ten.

Die­ses Jahr fei­ern die So­zi­al­wer­ke Pfar­rer Sieber, kurz SWS, ihr dreis­sig­jäh­ri­ges Be­ste­hen. De­ren Grün­der, der sie 1988 ins Le­ben rief, ist ver­stor­ben. Er war 91 und seit län­ge­rem nicht mehr in der La­ge ge­we­sen, sich um sei­ne Schütz­lin­ge zu küm­mern oder in der Öf­fent­lich­keit auf­zu­tre­ten. Im Kreis der Fa­mi­lie schlief er am Pfingst­wo­chen­en­de fried­lich ein. Was er auf­ge­baut hat, be­steht in­des wei­ter, weil 185 An­ge­stell­te sein Le­bens­werk er­hal­ten wol­len. «Ge­mein­sam sind wir Pfar­rer Ernst Sieber», sagt Zingg.

Wie wich­tig de­ren Ar­beit ist, weiss auch die Zürcher Stadt­prä­si­den­tin Co­ri­ne Mauch, die über Sieber sagt: «Er hat un­zäh­li­gen Zürche­rin­nen und Zürchern ge­hol­fen, vie­len von ih­nen gar das Le­ben ge­ret­tet. Wo an­de­re weg­schau­ten, da woll­te er hin­schau­en.» Ernst Sieber sei ein Mann mit ei­ner «nicht zu über­tref­fen­den Men­schen­lie­be» ge­we­sen. Bis zu sei­nem Tod setz­te er sich übe­r­all dort ein, wo Äm­ter und Ge­sell­schaft ver­sagt hat­ten, und gab den Schwächs­ten ih­re Wür­de zu­rück.

Die Ge­mein­schaft su­chen

In der Gas­sen­kü­che Su­ne­stu­be zum Bei­spiel ha­ben Rand­stän­di­ge dank ihm ei­nen Platz ge­fun­den, wo sie für ei­ni­ge St­un­den am Tag kos­ten­los Nah­rung und Zu­wen­dung emp­fan­gen. Sie sit­zen um Ti­sche, es­sen Sand­wi­ches und Sup­pen, trin­ken Eis­tee und Kaf­fee. Al­ko­hol, Zi­ga­ret­ten und Dro­gen sind ver­bo­ten. Ein Mann schläft, ein an­de­rer hat sich auf der Toi­let­te ra­siert und be­tupft nun sein Ge­sicht mit ei­nem Deo­rol­ler. Ein Pär­chen, ge­zeich­net vom Ko­ka­in­kon­sum, ver­langt laut­stark nach Pa­tis­se­rie. Bis zu hun­dert Leu­te ge­hen an ei­nem Tag ein und aus, at­men den Duft von Mahl­zei­ten ein, die aus Le­bens­mit­tel­spen­den frisch ge­kocht wer­den. Auch Leu­te, die kei­nen Sucht­hin­ter­grund ha­ben, ge­sel­len sich da­zu und su­chen die Ge­mein­schaft. «Ein­sam­keit ist ei­nes der gröss­ten Pro­ble­me un­se­rer Ge­sell­schaft», sagt Lei­te­rin Christine Die­thelm, 54. «Wir sind für die Men­schen da. Je­der darf hier sein, wie er ist.»

Genau aus die­sem Grund sucht Bi­an­ca Ba­der die Su­ne­stu­be re­gel­mäs­sig auf. Mit ih­rem La­chen und der auf­ge­stell­ten,

«Wir sind für die Men­schen da. Je­der darf hier sein, wie er ist.» Christine Die­thelm, Su­ne­stu­be

wa­chen Art könn­te sie zwar zum Team ge­hö­ren. Doch die 39-jäh­ri­ge ehe­ma­li­ge Ge­schäfts­frau ist ei­ne Aus­stei­ge­rin: Oh­ne Job und fes­ten Wohn­sitz lebt sie in den Tag hin­ein. Ur­sprüng­lich stammt sie aus Deutsch­land, von wo aus sie 2016 über Ös­ter­reich auf die ka­na­ri­sche In­sel La Go­me­ra reis­te und schliess­lich oh­ne Geld in Zü­rich stran­de­te. Letz­tes Jahr lern­te sie Pfar­rer Sieber an der Weih­nachts­fei­er für Be­nach­tei­lig­te ken­nen. «Er im­po­nier­te mir, weil er die Din­ge an­ders sah als die meis­ten, sei­nen Wil­len durch­setz­te und da­für auch mal auf den Tisch hau­te», sagt sie.

Bun­ker für Ob­dach­lo­se

Ein Mann der kla­ren Wor­te war Ernst Sieber tat­säch­lich. Er mach­te sich nicht nur be­liebt. Woll­te er et­was er­rei­chen, er­hob er forsch sei­ne mar­kan­te Stim­me. Von 1991 bis 1995 setz­te sich der da­mals 64-Jäh­ri­ge so­gar in der Po­li­tik ein und for­der­te als Na­tio­nal­rat der Evan­ge­li­schen Volks­par­tei mehr Ge­rech­tig­keit und Be­ach­tung für die so­zi­al Schwa­chen. Zum ers­ten Mal fiel er al­ler­dings be­reits mit 36 ei­ner brei­ten Öf­fent­lich­keit auf: 1963 war der Win­ter der­mas­sen hart, dass der Zü­rich­see ge­fror. Die Seegfrör­ni ging in die Ge­schich­te der Stadt ein – und mit ihr Sieber. Denn er ver­lang­te von den Be­hör­den, sie mö­ge ei­nen Bun­ker für Ob­dach­lo­se öff­nen, um sie nicht der Käl­te zu über­las­sen.

Sie­ben Jah­re spä­ter mach­te er von sich re­den, weil er den Mit­glie­dern des Mo­tor­rad­und Rock­clubs Hells An­gels Ar­beit be­schaff­te. Und 1980 de­mons­trier­te er mit der Ju­gend in Zü­rich, die sich ge­gen die Sub­ven­tio­nie­rung des Opern­hau­ses auf­ge­lehnt hat­te und statt­des­sen ein Ju­gend­zen­trum woll­te. Am En­de je­ner De­ka­de be­gab sich der Ob­dach­lo­sen­pfar­rer, wie er in­zwi­schen ge­nannt wur­de, in die of­fe­ne Dro­gen­sze­ne. Wäh­rend die Stadt über­for­dert war, liess er die Bü­ro­kra­tie bei­sei­te. Auf dem Platz­spitz und dem Let­ten, die welt­weit als Dro­gen­höl­le Schlag­zei­len mach­ten, nahm er sich He­ro­in­süch­ti­ger an. In je­ner Zeit kam auch Aids auf und stell­te Ärz­te vor enor­me Her­aus­for­de­run­gen. Des­halb er­öff­ne­te Ernst Sieber 1989 den Su­ne-eg­ge, wo er Ab­hän­gi­ge, Ob­dach­lo­se und Aids-pa­ti­en­ten sta­tio­nier­te.

Was frü­her vor al­lem ein Ho­s­piz war, ist heu­te ein Fach­spi­tal mit 50 Am­bu­lan­zund 25 Akut­plät­zen. Heu­te ster­ben hier noch zwei, drei Men­schen im Jahr. Die of­fe­ne Dro­gen­sze­ne ist Mit­te der Neun­zi­ger ver­schwun­den, Aids bricht dank der Me­di­ka­men­te bei kaum mehr je­man­dem aus. «Die Pro­ble­me ha­ben sich ver­la­gert», sagt Lei­ter Chris­toph Kas­sel, 53. Zu den Dro­gen­süch­ti­gen sind ver­mehrt schwe­re Al­ko­ho­li­ker ge­kom­men. «De­ren Ge­walt­po­ten­zi­al ist hö­her», sagt Kas­sel. Del­len in der Lift­wand zeu­gen von Faust­schlä­gen. «Vor al­lem auf un­se­rem be­eng­ten Raum es­ka­liert ein Streit zwi­schen Pa­ti­en­ten rasch.»

Ne­ben dem Fach­spi­tal in ei­nem ehe­ma­li­gen Wohn­haus öff­net je­den Abend ei­ne Bar mit dem Na­men «In­fer­no», das ita­lie­ni­sche Wort für Höl­le. Die­ser ver­su­chen vie­le zu ent­kom­men, die im Su­ne-eg­ge be­han­delt wer­den. Micha­el Gi­us­sa­ni et­wa. Der 51-Jäh­ri­ge ist im Su­ne-eg­ge, weil er im Früh­ling zu we­nig auf­pass­te, als er ei­ne Stras­se über­quer­te, und von ei­nem Tram an­ge­fah­ren wur­de. Sei­ne Ver­let­zun­gen ver­hei­len lang­sam. An­de­re Wun­den blei­ben – viel­leicht für im­mer: Gi­us­sa­ni hat die of­fe­ne Dro­gen­sze­ne er­lebt. Er spritz­te He­ro­in und Ko­ka­in, ver­kauf­te auch Dro­gen. We­gen ver­schie­dens­ter De­lik­te sass er ins­ge­samt 17 Jah­re im Ge­fäng­nis. Von sei­nen vier Kin­dern sieht er bloss zwei ab und zu, «doch die nen­nen mich noch Pa­pi». Rausch­gift nimmt er kei­nes mehr, aber er ist dem Al­ko­hol ver­fal­len. «Zu Spit­zen­zei­ten ha­be ich täg­lich sie­ben Fla­schen Wod­ka ge­trun­ken.» Gi­us­sa­ni kann­te Pfar­rer Sieber seit sei­ner Ju­gend. «Ich war ei­ner sei­ner Kon­fir­man­den», sagt er nicht oh­ne Stolz. Dass er der­einst vie­le sei­ner In­sti­tu­tio­nen auf­su­chen wür­de, war da­mals un­denk­bar für ihn. Nun weiss er, wie schnell man ins Ab­seits ge­ra­ten kann. «Die Ge­sell­schaft sieht in mir nur den Rand­stän­di­gen. Das tut weh.»

«Auf un­se­rem be­eng­ten Raum es­ka­liert ein Streit zwi­schen Pa­ti­en­ten rasch.» Chris­toph Kas­sel, Su­ne-eg­ge

Sieber wuss­te den Schmerz sei­ner Schütz­lin­ge stets zu lin­dern: mit Nächs­ten­lie­be. Doch Lie­be al­lein reicht nicht. Weil er schlecht mit Geld um­ge­hen konn­te – es ihn schlicht nie in­ter­es­sier­te –, ge­riet sei­ne Stif­tung Mit­te der Neun­zi­ger­jah­re erst­mals in Li­qui­di­täts­pro­ble­me. Die Spen­den gin­gen zu­rück. Zu­sätz­lich hat­te ein Buch­hal­ter fast zwei Mil­lio­nen Fran­ken hin­ter­zo­gen. Nur durch Re­or­ga­ni­sa­tio­nen konn­ten die SWS be­ste­hen blei­ben. 2004 steck­ten sie er­neut in Schwie­rig­kei­ten und wur­den ver­schie­dent­lich be­trie­ben. Un­ter an­de­rem, weil sie für An­ge­stell­te kei­ne Ahv-bei­trä­ge be­zahlt hat­ten. Gleich­zei­tig hat­te Sie­bers Schwie­ger­sohn Ge­bäu­de ge­kauft, die das Bud­get bei wei­tem über­stie­gen. Das Er­geb­nis: zwei­ein­halb Mil­lio­nen Fran­ken Schul­den. Ein an­ony­mer Spen­der ret­te­te die Sieber-wer­ke. Al­ler­dings un­ter der Be­din­gung, dass de­ren Grün­der die ope­ra­ti­ve Lei­tung ab­gibt.

Spen­der ret­tet Sie­bers Werk

Sieber trat aus dem Stif­tungs­rat aus. «Die­ser Schritt hat bei ihm Ver­let­zun­gen hin­ter­las­sen, die bis zu sei­nem Tod spür­bar wa­ren», sagt sein Nach­fol­ger Pfar­rer Chris­toph Zingg. Aber das öf­fent­li­che An­se­hen sei­ner Per­son blieb trotz Fi­nanz­cha­os un­be­scha­det und Ernst Sieber die Ga­li­ons­fi­gur sei­ner Wer­ke. Zingg ist si­cher: «Zü­rich liess sich sei­nen Stadt­hei­li­gen nicht neh­men.»

Längst war Ernst Sieber aber auch im üb­ri­gen Kan­ton prä­sent. Das Ur-dörf­li et­wa liegt im zür­che­ri­schen Pfäf­fi­kon. Es ist ei­ne der we­ni­gen Sucht­hil­fe-ein­rich­tun­gen der Schweiz, die ih­re Be­woh­ner 24 St­un­den täg­lich be­treu­en. «Wer hier­her­kommt, wur­de von der Ge­sell­schaft ab­ge­schrie­ben, hat kaum noch Chan­cen auf ei­nen Job oder ei­ne Woh­nung», sagt Lei­ter Ge­or­ge An­gehrn, 66, wäh­rend ein Be­trun­ke­ner durch den Ess­saal stapft. Der­zeit sind 21 von 23 Zim­mer be­legt. Nachts kon­trol­lie­ren die An­ge­stell­ten je­des von ih­nen, um si­cher­zu­ge­hen, dass nie­mand in Le­bens­ge­fahr schwebt. Denn hin­ter ver­schlos­se­nen Tü­ren dür­fen die Be­woh­ner kon­su­mie­ren, was sie wol­len. «Das Ur-dörf­li ist we­der ei­ne Ent­zugs­kli­nik noch ein Ge­fäng­nis», er­klärt An­gehrn. Ein­zi­ges Ziel des nie­der­schwel­li­gen An­ge­bots sei, dass die Süch­ti­gen nicht noch mehr Scha­den neh­men oder an­rich­ten.

Clau­de Hart­mann, 39, ist vom Rausch­gift und vom Streck­mit­tel ge­zeich­net. Die Nar­ben in sei­nem Ge­sicht wer­den ver­mut­lich ewig sicht­bar blei­ben. Seit drei Jah­ren lebt er im Ur-dörf­li. Der vier­te Auf­ent­halt ist ein wei­te­rer An­lauf von un­ge­zähl­ten, end­lich al­les hin­ter sich zu las­sen: sei­ne lan­ge Sucht­ge­schich­te, die schwie­ri­ge Kind­heit mit der Dia­gno­se Adhs-syn­drom, das Ge­fühl, von der Mut­ter nicht ge­liebt und in der Schu­le ge­mobbt zu wer­den. Um da­zu­zu­ge­hö­ren, stahl er Geld und Uh­ren. Als er mit 13 von sei­nem Va­ter auf­ge­nom­men wur­de, dach­te

er, sei­ne Ju­gend wür­de bes­ser. «Er tat al­les für mich, kam mit­tags heim, um für mich zu ko­chen, und abends um fünf war er auch wie­der da. Und das, ob­wohl er ei­nen wich­ti­gen Job hat­te», er­zählt Hart­mann und ringt um Fas­sung. Trotz der Be­mü­hun­gen sei­nes Va­ters stürz­te der Jun­ge ab. Mit 14 be­gann er, Fo­lie zu rau­chen. «Ich stieg di­rekt mit He­ro­in ein.» Spä­ter kam Ko­ka­in hin­zu. Bald reich­ten das Rau­chen und das Schnup­fen nicht mehr. Hart­mann fing an zu sprit­zen.

Im­mer wie­der ver­such­te er auf­zu­hö­ren. Im­mer wie­der schei­ter­te er. Doch jetzt ist er seit 96 Ta­gen frei von Ko­ka­in. Er­zählt er von sei­ner Lauf­bahn in ver­schie­de­nen Hei­men und In­sti­tu­tio­nen, da­von, wie sein Va­ter ihn bis heu­te nie im Stich ge­las­sen hat, weint er. «Der Ent­zug macht mich dünn­häu­tig. Der ist nicht oh­ne.» Er steht auf, geht in die Wasch­kü­che und fal­tet Wä­sche. Als er da­mit fer­tig ist, putzt er

«Wer ins Ur-dörf­li kommt, wur­de von der Ge­sell­schaft ab­ge­schrie­ben.» Ge­or­ge An­gehrn, Ur-dörf­li

die Toi­let­ten und Gän­ge. Er rei­nigt sei­ne Um­ge­bung, um sei­ne Ge­dan­ken zu rei­ni­gen, sich ab­zu­len­ken. Auch die Lie­be zu Cornelia, 32, gibt ihm Kraft. Sei­ne Frau hat er im Ur-dörf­li ken­nen­ge­lernt und vor zwei Jah­ren ge­hei­ra­tet. «Ir­gend­wann möch­ten wir ein rich­ti­ges Zu­hau­se.»

Ein Da­heim wünsch­te sich auch der Ob­dach­lo­sen­pfar­rer stets für sei­ne Schütz­lin­ge. Er träum­te von ei­nem Dorf, in dem Arm und Reich zu­sam­men­lebt, sich ge­gen­sei­tig un­ter­stützt. Um­set­zen konn­te er sei­ne Vi­si­on le­dig­lich im Klei­nen. In Zü­rich-alt­stet­ten er­öff­ne­te er 2012 die Not­wohn­sied­lung Bro­thuuse, ei­nen Zufluchts­ort mit fünf Holz­häu­sern, in de­nen drei bis sie­ben Men­schen un­ter­ge­bracht wer­den kön­nen. Fast hei­me­lig sind sie an­zu­se­hen, ein­ge­bet­tet in die grü- ne Land­schaft. Von den Zim­mern aus bli­cken die Be­woh­ner di­rekt auf ei­ne Pfer­de­pen­si­on. Man­che blei­ben bloss we­ni­ge Wo­chen hier, an­de­re Jah­re. «Die Leu­te, die an uns her­an­tre­ten, müs­sen fä­hig sein, ih­ren Ta­ges­ab­lauf selbst zu ge­stal­ten», sagt So­zi­al­päd­ago­gin Ta­b­i­tha Ger­ber, 29. Mass­vol­ler Dro­gen- und Al­ko­hol­kon­sum wird to­le­riert. Bei Ver­feh­lun­gen droht al­ler­dings ein Aus­schluss. «Denn zu uns soll kom­men, wer weg von der Stras­se und zu­rück in ein ei­gen­stän­di­ges Le­ben will.»

Das ist das gros­se Ziel von Ca­n­an Us­tan, 33. «Vor vier Wo­chen kam ich auf

Um­we­gen hier an», sagt sie. «End­lich bin ich ir­gend­wo an­ge­kom­men.» Die Frau mit tür­ki­schen Wur­zeln, lan­gen brau­nen Haa­ren und ge­pfleg­ten ro­ten Fin­ger­nä­geln wirkt nicht wie ei­ne ehe­ma­li­ge Dro­gen­ab­hän­gi­ge. Noch vor et­was mehr als ei­nem Jahr spritz­te sie sich aber täg­lich dreis­sig­mal Ko­ka­in in ih­re Ve­nen. «Ich ge­hö­re nicht in die­se Sze­ne», sagt sie laut. Und lei­ser: «Ich bin nicht so.» Doch das Le­ben ha­be sie fast ge­bro­chen.

«Zu uns soll kom­men, wer zu­rück in ein ei­gen­stän­di­ges Le­ben will.» Ta­b­i­tha Ger­ber, Bro­thuuse

Wün­sche und Träu­me er­wa­chen

Sie nes­telt an ih­rem Ta­schen­tuch, wäh­rend sie er­zählt, dass sie ih­re El­tern von der Schweiz, wo sie auf­ge­wach­sen war, in die Türkei schick­ten. Dort muss­te sie mit 14 ei­nen frem­den Mann hei­ra­ten. Nach acht Mo­na­ten floh sie zu­rück in die Schweiz. Nach Hau­se konn­te sie al­ler­dings nicht. «Wer weiss, was mein Va­ter mir an­ge­tan hät­te», sagt sie un­ter Trä­nen. Sie schlug sich mit Ge­le­gen­heits­jobs durch, schlief mal da, mal dort, ver­lieb­te sich in ei­nen Mann. Zwölf Jah­re wa­ren sie ein Paar und rutsch­ten ge­mein­sam im­mer tie­fer in die Sucht. In Bro­thuuse ver­sucht Us­tan, mit ih­rer Ver­gan­gen­heit ab­zu­schlies­sen. Sie kon­su­miert kein Ko­ka­in mehr, mit dem Metha­don­pro­gramm möch­te sie bis En­de Jahr fer­tig sein. Auf dem Weg dort­hin un­ter­stütz­ten sie die SWS. «Zum ers­ten Mal wer­de ich als ei­gen­stän­di­ge Per­son mit Wün­schen und Träu­men wahr­ge­nom­men.»

Ca­n­an Us­tan hat ih­re Wür­de wie­der­er­langt, so wie vie­le, die in den Sie­ber­wer­ken Hil­fe fin­den. Das Leit­mo­tiv des Pfar­rers war stets, den Men­schen auf Au­gen­hö­he zu be­geg­nen, selbst je­nen, die am Bo­den lie­gen: «Auch wenn man sich da­für bü­cken muss.»

Pfar­rer Sieber, auf­ge­nom­men im Fe­bru­ar 2017 in sei­nem Zu­hau­se in Ui­ti­kon-wal­degg.

Bi­an­ca Ba­der, 39, aus Deutsch­land fühlt sich in der Su­ne­stu­be ak­zep­tiert und auf­ge­ho­ben.

1 Lars Mei­er, 42, stellt im Su­ne-eg­ge die Me­di­ka­men­te für die Pa­ti­en­ten zu­sam­men. 2 Un­ter­su­chungs­raum im Am­bu­la­to­ri­um des Su­ne-eg­ge. 1

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1 Auf die Bil­der sei­ner Hoch­zeit mit Cornelia ist Clau­de Hart­mann stolz. 2 Der vom Dro­gen­kon­sum ge­zeich­ne­te Clau­de Hart­mann, 39, blickt im Ur-dörf­li hoff­nungs­voll auf ei­ne Zu­kunft mit sei­ner Frau. 1

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3 Sim­pel, aber zweck­ge­mäss ein­ge­rich­tet: Ein zur­zeit leer ste­hen­des Zim­mer in Bro­thuuse.4 Ca­n­an Us­tan, 33, hat in der Not­wohn­sied­lung Bro­thuuse ihr ers­tes Zu­hau­se seit lan­gem ge­fun­den. 3

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