HANS-PE­TER DUTTLE

DIE GE­SCHICH­TE DES VER­GES­SE­NEN EVE­R­EST-PIO­NIERS

Schweizer Familie - - VORDERSEITE - — Text Tho­mas Wid­mer

Er war der ers­te Schwei­zer, der den 8000er oh­ne zu­sätz­li­chen Sau­er­stoff be­stei­gen woll­te. Das Un­ter­neh­men schei­ter­te, Hans-pe­ter Duttle wur­de als Spin­ner ver­schrien. Jetzt hat er ein Buch über sei­nen stei­ni­gen Weg ge­schrie­ben, der ihm erst spät Glück be­scher­te.

Das Mat­ta­cker­quar­tier in Güm­li­gen nah Bern ist die­ser Ta­ge ein gros­ser Gar­ten: Blü­ten, Blu­men, Bie­nen­ge­summ. Den Mann frei­lich, der dort mit sei­ner Le­bens­ge­fähr­tin wohnt, ver­bin­det man mit Schnee und Eis, mit Glet­scher­spal­ten und bru­ta­ler Käl­te. Man denkt an sein Em­por­keu­chen in le­bens­feind­li­che Hö­hen. Und an die Ver­zweif­lung im Mo­ment der Um­kehr. Hans-pe­ter Duttle hat Al­pi­nis­mus­ge­schich­te ge­schrie­ben. 1962 woll­te er mit 24 den Mount Eve­r­est be­stei­gen. Via ver­bo­te­nes Land, näm­lich das von Chi­na be­setz­te und kon­trol­lier­te Ti­bet.

In der Woh­nung in Güm­li­gen er­zählt Hans-pe­ter Duttle, Schwei­zer Di­plo­ma­ten­sohn mit Ge­burts­ort Bei­rut, am Ess­tisch vom Eve­r­est. Gleich als Ers­tes macht der 80-Jäh­ri­ge klar: Dass er sich da­mals mit drei Ame­ri­ka­nern zum höchs­ten Gip­fel der Welt auf­mach­te, hat­te für ihn we­nig mit Berg­sport zu tun. Und viel mit dem Be­stre­ben, den Sinn des Le­bens zu fin­den. An dem Berg, der den Ti­be­tern hei­lig ist, ha­be er «ei­nen Blick ins Jen­seits er­ha­schen wol­len, auf das Gött­li­che».

«Gleich­zei­tig war es ei­ne Flucht», sagt er. Jetzt kann man nach­le­sen, wie die in Berg­stei­ger­krei­sen le­gen­dä­re Eve­r­est­un­ter­neh­mung von 1962 mit der düs­ter ge­stimm­ten Bio­gra­fie ih­res Schwei­zer Teil­neh­mers ver­wo­ben ist. Hans-pe­ter Dut­tles Le­bens­ge­schich­te «Il­le­gal am Eve­r­est» ist so­eben er­schie­nen.

Ein­zel­gän­ger und Gip­fel­stür­mer

Als jun­ger Mann ist Hans-pe­ter Duttle ge­trie­ben, ein­sam, zer­quält. Ein Ein­zel­gän­ger, der das Theo­lo­gie­stu­di­um ab­ge­bro­chen hat und zur Ent­täu­schung des ge­fühls­kal­ten Va­ters Pri­mar­leh­rer ge­wor­den ist. Im Sport fin­det er Ablen­kung, mit Gleich­ge­sinn­ten stürmt er die Gip­fel der Schweiz. Im März 1962 macht er Tou­ren in der Ge­gend von Zer­matt. Im Spei­se­saal der Ju­gend­her­ber­ge trifft er Ro­ger Hart, Geo­lo­gie­stu­dent aus Ame­ri­ka.

Hart er­zählt frei her­aus, er wol­le mit zwei Lands­leu­ten auf den Eve­r­est, Grenz­berg zwi­schen Ne­pal und Ti­bet, 8848 Me­ter hoch. Nicht über die ne­pa­le­si­sche Flan­ke, da­für ha­be man kei­ne Be­wil­li­gung. Son­dern via das ver­bo­te­ne Ti­bet. Heim­lich. Oh­ne Sher­pas. Und oh­ne Ver­wen­dung von zu­sätz­li­chem Sau­er­stoff. «Wir brau­chen noch ei­nen vier­ten Mann, ei­ner von uns ist aus­ge­stie­gen – kommst du mit?» Hans-pe­ter Duttle sagt so­fort zu. Der Eve­r­est: ein Fas­zi­no­sum. Erst neun Jah­re zu­vor, 1953, ist dem Neu­see­län­der Ed­mund Hil­la­ry und dem Ti­be­ter Ten­zing Nor­gay die Erst­be­stei­gung ge­lun­gen, un­ter Zu­füh­rung von Sau­er­stoff.

An­fang April 1962 lan­den die Klet­ter­ge­sel­len in Kathmandu, Ne­pal. Von dort nach Ti­bet ein­zu­rei­sen, das ist nicht er­laubt. Doch eben, Hans-pe­ter Duttle, Ro­ger Hart so­wie der Phi­lo­so­phie­pro­fes­sor

Woo­drow Wil­son Say­re und der Rechts­an­walt Nor­man Han­sen wol­len via Ti­bet auf den Eve­r­est. Zu­erst nar­ren sie die ne­pa­le­si­schen Be­hör­den. Sie nen­nen ei­nen un­be­stie­ge­nen Fast-acht­tau­sen­der auf der Gren­ze als Ziel, den von Ne­pal aus er­steig­ba­ren Gya­chung Kang. Das be­wil­li­gen die Ne­pa­le­sen.

Sturz am Nord­sat­tel

Enorm an­stren­gend ist der An­marsch vom Ort Nam­che Ba­zar hin­auf zum Nu­p­la-pass ne­ben dem Gya­chung Kang auf der Gren­ze zu Ti­bet, al­so Chi­na. Schon vor­her, im Ba­sis­la­ger am Fuss des Nup La, hat sich der ne­pa­le­si­sche Auf­pas­ser ver­ab­schie­det – we­gen der Käl­te. Auf dem Nup La wech­seln die drei Ame­ri­ka­ner und der Schwei­zer hin­über nach Ti­bet. Das ist Hoch­ri­si­ko. Er­wi­schen die Chi­ne­sen sie, müs­sen sie mit Jah­ren in ei­nem kom­mu­nis­ti­schen Ver­lies rech­nen. Dass Duttle und sei­ne Be­glei­ter spä­ter in Ti­bet in Sicht­wei­te des ab­ge­le­ge­nen Klos­ters Rong­buk, Stütz­punkt der chi­ne­si­schen Mi­li­tär­pa­trouil­len, vor­bei­zie­hen, oh­ne be­hel­ligt zu wer­den: Dies ist das ei­ne Wun­der. Das an­de­re Wun­der: dass die vier es zu Be­ginn über­haupt auf den fast 6000 Me­ter ho­hen Nup La ge­schafft ha­ben. Der An­stieg führ­te durch ein zer­mür­ben­des La­by­rinth in­sta­bi­ler Glet­scher­eis-tür­me und du­bio­ser Schnee­brü­cken.

Sei­fe, Zahn­bürs­te, Re­ser­ve­wä­sche hat Hans-pe­ter Duttle kei­ne da­bei. Zu es­sen gibt es ge­trock­ne­te Flei­schwür­fel, auf dem Gas­ko­cher auf­ge­taut. Ei­nen Mo­nat nach dem Start im Ba­sis­la­ger be­ginnt un­ter­halb des Eve­r­est-nord­sat­tels auf gut 7000 Me­tern am 29. Mai die ei­gent­li­che Be­stei­gung. Und dann pas­siert es gleich: «Woo­dy» Say­re und Ro­ger Hart stür­zen am Nord­sat­tel. Bei­de müs­sen die Nacht auf ei­nem Sims am Ab­grund ver­brin­gen, oh­ne Schlaf­sack, Ko­cher, Es­sen. Am nächs­ten Tag wankt Say­re, 43-jäh­rig, her­an: «Ein al­ter Mann mit asch­fah­lem Ge­sicht und er­lo­sche­nem Blick». Say­re steigt, er­in­nert sich Hans-pe­ter Duttle, ver­letzt mit den an­de­ren wei­ter. Und stürzt zwei Ta­ge spä­ter

«Ei­ne Rei­fung fand am Eve­r­est nicht statt, ei­nen Er­kennt­nis­ge­winn gab es nicht.» Hans-pe­ter Duttle

auf 7700 Me­tern ein wei­te­res Mal. Im Hö­hen­rausch hat er in den Fels­bän­dern grü­ne Pflanz­ter­ras­sen ge­se­hen.

Sie keh­ren um. Der Rück­zug über drei Glet­scher ist ein Alb­traum aus Hun­ger, Frost und Schmerz. Hans-pe­ter Duttle hat ei­nen eit­ri­gen Zahn, den er mit dem Sack­mes­ser-schrau­ben­zie­her her­aus­bre­chen will, was nicht klappt. Zu­dem trägt er Woo­dys Ruck­sack, weil die­ser kaum ge­hen kann; den ei­ge­nen Ruck­sack muss­te er zu­rück­las­sen. Elf Ta­ge nach dem Aus am Eve­r­est er­rei­chen sie wie­der den Nu­p­la-pass und die Gren­ze zu Ne­pal. Am 20. Ju­ni tref­fen sie im Dorf Khum­jung ein. Wo­chen vor­her hat ihr ne­pa­le­si­scher Auf­pas­ser über Mi­li­tär­funk ei­ne Ver­misst­mel­dung durch­ge­ge­ben. Sie geht spä­ter über die Nach­rich­ten­agen­tur Reu­ters in die Welt hin­aus. Hans-pe­ter Dut­tles El­tern le­sen ent­setzt im Bahn­hof Bern die Leucht­schrift-mel­dung, wo­nach die Grup­pe ih­res Soh­nes im Hi­ma­la­ja ver­schol­len ist. Ei­ni­ge Ta­ge da­nach erst er­reicht sie das Te­le­gramm des Soh­nes, der nun in Ne­pal in Si­cher­heit ist: Er lebt!

Mit Ver­zö­ge­rung bricht ein Jahr spä­ter der Sturm der Em­pö­rung los, als sich der so­ge­nann­te Hi­ma­la­ja-papst der Sa­che an­nimmt: Eve­r­est-au­to­ri­tät Günter Os­kar

Dyh­ren­furth ruft den Bann­fluch ge­gen die Il­le­ga­len aus – sie wer­den Un­per­so­nen. Der SAC, der Schwei­zer Al­pen­club, dis­tan­ziert sich. «Man schau­te mich als To­tal­spin­ner an, als hirn­lo­sen Narr», sagt Hans­Pe­ter Duttle. Er­zählt er da­mals ei­nem Hi­ma­la­ja-kenner vom Eve­r­est-er­leb­nis, sagt die­ser: «Das ist un­mög­lich. Du lügst doch.»

Un­ru­hi­ge Bio­gra­fie

Aber: 1978 er­reicht der Süd­ti­ro­ler Rein­hold Mess­ner mit ei­nem Ge­fähr­ten als ers­ter Mensch oh­ne zu­sätz­li­chen Sau­er­stoff den Eve­r­est­gip­fel und er­öff­net ei­ne neue Klet­ter-ära. Un­ver­se­hens ste­hen die Schei­te­rer von 1962 als Hel­den da. Gal­ten sie zu ih­rer Zeit als dreist und re­spekt­los ge­gen­über den Re­geln des klas­si­schen Al­pi­nis­mus, wir­ken sie plötz­lich wie küh­ne Neue­rer. Wie die Vor­läu­fer ei­ner neu­en Al­pi­nis­ten­ge­ne­ra­ti­on, die die höchs­ten Hi­ma­la­ja-gip­fel im schnel­len tak­ti­schen An­griff nimmt. Leicht­füs­sig und agil wie Mess­ner. Stark wirkt das Buch, das Woo­drow Wil­son Say­re 1964 pu­bli­ziert hat: «Vier ge­gen den Eve­r­est». Say­re, als En­kel des Us-prä­si­den­ten Woo­drow Wil­son vol­ler Sen­dungs­be­wusst­sein, de­fi­niert die Ge­schich­te sei­ner Eve­r­est-ex­pe­di­ti­on neu. Als Ex­pe­ri­ment, das ei­ge­ne Le­ben frei und wild zu le­ben. Auch das passt zum Stil Rein­hold Mess­ners.

Hans-pe­ter Duttle frei­lich bleibt ein Ge­schla­ge­ner, ein von den Ent­beh­run­gen Trau­ma­ti­sier­ter. «Ich war so leer wie zu­vor», sagt er. «Ei­ne Rei­fung fand am Eve­r­est nicht statt, ei­nen Er­kennt­nis­ge­winn gab es nicht.» Was er mit sich an­fan­gen will, bleibt ihm auch fort­an ein Rät­sel. De­pres­sio­nen pla­gen ihn. Da­zu kommt sei­ne Ab­nei­gung ge­gen die Kon­sum­ge­sell­schaft. Nach der Rück­kehr aus Ne­pal ar­bei­tet er als Leh­rer im Ba­sel­biet. 1964 flieht er an den Rand der Zi­vi­li­sa­ti­on. Er geht als Leh­rer nach Ka­na­da zu den Inuit, wo er sich, wie er sagt, «end­lich an­ge­nom­men» fühlt. Ein­mal ist er ta­ge­lang mit ei­nem Jä­ger auf dem Hun­de­schlit­ten un­ter­wegs. Ein win­zi­ger Punkt kommt nä­her, es ist ein an­de­rer Jä­ger. Die zwei Inuit be­gin­nen ein selt­sam ein­sil­bi­ges, an­ge­spann­tes Ge­spräch, at­men erst lang­sam auf. In der Ein­sam­keit gibt es bö­se Geis­ter, die sich als Men­schen tar­nen. Mit Fang­fra­gen muss­te sich je­der Jä­ger ver­ge­wis­sern, dass sein Ge­gen­über kein Dä­mon ist.

Hans-pe­ter Dut­tles Bio­gra­fie fla­ckert un­ru­hig. Er wird in Pe­ru le­ben, in Bo­li­vi­en, in Ne­pal und Hon­du­ras, da­zwi­schen auch in der Schweiz. Mal ist er Leh­rer, dann Ent­wick­lungs­hel­fer. 1982 en­det die Pe­ri­ode des Um­her­zie­hens, er wird in Bern sess­haft. In den fol­gen­den Jah­ren ist er Be­treu­er in ei­nem Ge­fäng­nis, ar­bei­tet in ei­nem Erst­auf­nah­me­zen­trum für Asyl­be­wer­ber, aber auch in ei­nem Kin­der­heim.

Heu­te ist Duttle, der mit ei­ner Schwei­ze­rin ei­ne Fa­mi­lie ge­grün­det hat und sich an sei­ner En­ke­lin er­freut – heu­te ist die­ser Su­chen­de und Un­zu­frie­de­ne längst pen­sio­niert. Von sei­ner Frau, der Mut­ter sei­ner zwei Töch­ter, hat er sich ge­trennt.

Und es sieht aus, als hät­te er sei­nen Frie­den doch noch ge­fun­den. In Güm­li­gen. Mit am Tisch sitzt Ve­re­na El­len­ber­ger, 65. Bei­de ver­eint die Lie­be zu den Ber­gen, zum Aben­teu­er, zur Mu­sik. «Mit Ve­re­na kam die Le­bens­freu­de und Leich­tig­keit in mein Le­ben. Es ist ein­fach schön bei ihr, schön mit ihr. Und wenn sie sich an ih­ren St­ein­way setzt, ist es himm­lisch», heisst es im Buch. Denkt Hans-pe­ter Duttle noch oft an den Eve­r­est? «Durch die Ar­beit am Buch ist der Berg von mir ab­ge­fal­len. Der Eve­r­est ist für mich über­wun­den.»

«Mit Ve­re­na kam die Le­bens­freu­de und Leich­tig­keit in mein Le­ben. Es ist ein­fach schön mit ihr.»

Hans-pe­ter Duttle

Hans-pe­ter Duttle 1962 im Eve­r­est-ge­biet. Mit sei­nen Ge­fähr­ten be­weg­te er sich un­ge­si­chert in ei­ner Land­schaft von Ei­stür­men (r.).

Cam­pen in beis­sen­der Käl­te: Ba­sis­la­ger am Fuss des Nup La (o.). Hans-pe­ter Duttle zu­rück in Ne­pal (l.).

Der Aben­teu­rer in den An­den (l.), und in Ka­na­da (u. r.).

1982 wur­de Hans-pe­ter Duttle wie­der in der Schweiz sess­haft und lebt heu­te in Güm­li­gen (u. l.).

Freu­de am Gar­ten: Hans-pe­ter Duttle mit Ge­fähr­tin Ve­re­na El­len­ber­ger.

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