Kran­ke Kin­der

Wann dür­fen El­tern frei­neh­men?

Schweizer Familie - - INHALT - — Text Mar­kus Schmid

Muss der Nach­wuchs das Bett hü­ten, ha­ben be­rufs­tä­ti­ge El­tern al­le Hän­de voll zu tun. Dür­fen sie frei­neh­men? Braucht es ein Arzt­zeug­nis? Ein Über­blick zu den Re­ge­lun­gen im Ar­beits­recht.

Be­ruf und Fa­mi­lie las­sen sich nicht im­mer so ein­fach un­ter ei­nen Hut brin­gen. Vor al­lem für be­rufs­tä­ti­ge El­tern oder für Al­lein­er­zie­hen­de ist der Spa­gat zwi­schen Ar­beit und Kin­der­be­treu­ung nicht ein­fach. Und selbst wenn im All­tag al­les bes­tens funk­tio­niert, so muss nur ein Kind krank wer­den, und der durch­or­ga­ni­sier­te Ta­ges­ab­lauf ge­rät durch­ein­an­der.

Da­mit sich die El­tern in sol­chen Kri­sen­mo­men­ten ei­ni­ger­mas­sen frei von be­ruf­li­chen Ver­pflich­tun­gen um ih­re Kin­der küm­mern kön­nen, hat der Ge­setz­ge­ber im Ar­beits­recht Son­der­re­ge­lun­gen für so­ge­nann­te Fa­mi­li­en­pflich­ten fest­ge­legt. «Der Ar­beit­ge­ber muss, was die Ar­beits­zeit be­trifft, auf fa­mi­liä­re Ver­pflich­tun­gen Rück­sicht neh­men», sagt Co­rin­ne Schä­rer, Ge­schäfts­lei­tungs­mit­glied und Ab­tei- lungs­lei­te­rin Ver­trags­po­li­tik, In­ter­es­sen­grup­pen Frau­en und Ju­gend bei der Ge­werk­schaft Unia: «Das ist im Ar­beits­ge­setz so ge­re­gelt.» Kon­kret um­fas­sen die Fa­mi­li­en­pflich­ten die Be­treu­ung und Er­zie­hung von Kin­dern von der Ge­burt bis zum Al­ter von 15 Jah­ren.

Freie Ta­ge bei Krank­heit

Wird ein Kind krank und muss zu Hau­se ge­pflegt wer­den, darf je­der El­tern­teil, al­so auch der Va­ter, für die Be­treu­ung des kran­ken Kin­des drei Ta­ge pro Jahr frei­neh­men. Die­ses Recht gilt für je­des Kind bis 15 Jah­re und mehr­mals im Jahr, auch wenn dies im Ar­beits­ge­setz und in man­chen Ge­samt­ar­beits­ver­trä­gen nicht aus­drück­lich er­wähnt wird. Auch bei Teil­zeit­ar­beit ha­ben El­tern den vol­len An­spruch auf die drei Ta­ge. Die län­ge­re Pfle­ge ei­nes Kin­des ist gleich zu be­han­deln wie die Krank­heit des Ar­beit­neh­men­den, es be­steht laut Ob­li­ga­tio­nen­recht ein An­spruch auf Lohn­fort­zah­lung. Aber Ach­tung: Der An­spruch dau­ert nur so lan­ge, bis die Pfle­ge des kran­ken Kin­des si­cher­ge­stellt ist, und gilt nicht zeit­gleich für bei­de El­tern­tei­le.

Bei Kin­dern über 15 Jah­re greift das ge­setz­li­che Recht auf Krank­heits­ta­ge nicht mehr. Die El­tern müs­sen ent­we­der Fe­ri­en neh­men oder mit dem Ar­beit­ge­ber un­be­zahl­ten Ur­laub ver­ein­ba­ren. Al­ler­dings ha­ben die Müt­ter An­spruch auf ei­ne Mit­tags­pau­se von min­des­tens an­dert­halb St­un­den, um das Kind über Mit­tag zu ver­sor­gen. Zu­dem dür­fen sie in die­sem Fall Über­stun­den ab­leh­nen. Will sie der Ar­beit­ge­ber des­we­gen ent­las­sen, ist die Kün­di­gung miss­bräuch­lich und kann an­ge­foch­ten wer­den.

Arzt­zeug­nis ab dem ers­ten Tag

Mel­det sich ein El­tern­teil von der Ar­beit ab, um sein kran­kes Kind zu be­treu­en, so muss er die Krank­heit des Kin­des mit ei­nem Arzt­zeug­nis be­le­gen kön­nen. Der Ar­beit­ge­ber kann vom ers­ten Tag des Fern­blei­bens we­gen ei­nes kran­ken Kin­des ein Arzt­zeug­nis ver­lan­gen. Dies gilt auch dann, wenn laut Ar­beits­ver­trag oder Un­ter­neh­mens­re­gle­ment ein At­test bei ei­ge­ner Krank­heit erst nach ei­ni­gen Ta­gen vor­ge­legt wer­den muss. In der Re­gel sa­gen die Per­so­nal­ver­ant­wort­li­chen al­ler­dings nichts, wenn das Arzt­zeug­nis erst am drit­ten Tag ab­ge­ge­ben wird.

Im Not­fall geht die Fa­mi­lie vor

Muss ein Kind län­ger als der ge­setz­li­che Pfle­ge­ur­laub das Bett hü­ten, müs­sen die El­tern ei­ne Er­satz­be­treu­ung su­chen. Das gilt al­ler­dings nicht, wenn der Nach­wuchs so schwer krank ist, dass sich die El­tern wei­ter­hin per­sön­lich um ihn küm­mern müs­sen. Dank der ge­setz­li­chen Für­sor­ge­pflicht kön­nen sie nicht nur von der Ar­beit be­freit wer­den, son­dern ha­ben un­ter Um­stän­den An­spruch auf Lohn­fort­zah­lung. Die El­tern müs­sen in die­sem Fall durch ein ärzt­li­ches At­test oder die Be­schei­ni­gung ei­nes Spi­tals be­le­gen kön­nen, dass sie ihr Kind be­treu­en müs­sen. In­for­ma­tio­nen wie auch Un­ter­stüt­zung bei Ver­hand­lun­gen mit dem Ar­beit­ge­ber bie­ten die So­zi­al­be­ra­tun­gen der Kli­ni­ken. Sind die Krank­heits­ta­ge aus­ge­schöpft, soll­ten sich die

El­tern auf kei­nen Fall selbst krank mel­den. Das kann ein Grund zur frist­lo­sen Kün­di­gung sein. Auch wer öf­ter krank­heits­be­dingt oder we­gen sei­nes kran­ken Kin­des fehlt, dem kann nach Ablauf der ge­setz­li­chen Sperr­fris­ten ge­kün­digt wer­den.

In­for­mie­ren lohnt sich

Die Lohn­fort­zah­lung bei der Er­kran­kung ei­nes Kin­des ist gleich ge­re­gelt wie bei ei­ner ei­ge­nen Krank­mel­dung. Laut Ge­setz muss der Ar­beit­ge­ber die ers­ten drei Wo­chen den vol­len Lohn zah­len, da­nach rich­tet sich die Hö­he nach den kan­to­na­len Lohn­fort­zah­lungs­ska­len. In man­chen Be­trie­ben oder Ge­samt­ar­beits­ver­trä­gen sind die Mög­lich­kei­ten zur Pfle­ge kran­ker Kin­der gross­zü­gi­ger ge­re­gelt. So bie­tet die Post El­tern von schwer er­krank­ten oder ver­un­fall­ten Kin­dern ei­ne Wo­che be­zahl­ten Ur­laub, De­tail­händ­ler Co­op nach Mög­lich­keit un­be­zahl­te Ur­lau­be. Es lohnt sich al­so, sich recht­zei­tig zu in­for­mie­ren oder mit dem Vor­ge­setz­ten zu spre­chen, be­vor der Ernst­fall ein­tritt.

Hil­fe von aussen

Kön­nen die El­tern nicht län­ger frei­neh­men und kann nie­mand aus dem Be­kann­ten­kreis den klei­nen Pa­ti­en­ten pfle­gen, über­neh­men ex­ter­ne Hel­fer die Kin­der­be­treu­ung. Un­ter­stüt­zung zu Hau­se bie­ ten das Ro­te Kreuz (www.red­cross.ch), die Kin­der­spitex (www.kin­der­spitex.ch) oder die Stif­tung Pro Pal­li­um (www.pro­pal­li­um.ch). Ba­by­sit­ter oder Ta­ges­müt­ter bei Notfällen und Be­treu­ungs­eng­päs­sen fin­det man un­ter ba­by­sit­ting24.ch, mom2­mom.ch oder nan­ny­ser­vice.ch. Ei­ne Über­sicht zu öf­fent­li­chen wie pri­va­ten An­bie­tern so­wie ei­nen Mus­ter­ver­trag bie­tet die Kin­der­be­treu­ung Schweiz auf der Web­site www.kin­der­be­treu­ung­schweiz.ch. Kran­ken­kas­sen über­neh­men mit ei­ner Zu­satz­ver­si­che­rung Or­ga­ni­sa­ti­on und Kos­ten für die Kin­der­be­treu­ung. Es lohnt sich je­doch, die Prä­mi­en zu ver­glei­chen.

Be­rufs­tä­ti­ge El­tern müs­sen das Ge­setz be­ach­ten, wenn sie am Kran­ken­bett blei­ben.

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