Rat­ge­ber

Xe­nia Fren­kel über Gäs­te

Schweizer Familie - - INHALT -

Gäs­te sind ei­ne Be­rei­che­rung. Im bes­ten Fall ent­steht ein Ge­ben und Neh­men. Das Mit­ein­an­der wäh­rend ein paar St­un­den ist für Kin­der ei­ne Le­bens­schu­le.

Im gan­zen Haus em­si­ge Be­trieb­sam­keit und freu­di­ge Er­war­tung. Gleich kom­men die Gäs­te. Auf dem Herd schmur­gelt ein Pot-au-feu, Leo­nie und Pau­li­na schie­ben den Ap­fel­ku­chen in den Ofen. Noch schnell das Tisch­tuch auf­bü­geln und das gu­te Ge­schirr her­vor­ho­len. «Neh­men wir die schö­nen Glä­ser?», ruft Ma­xi aus dem Wohn­zim­mer. Selbst­ver­ständ­lich! Vor­sich­tig ba­lan­ciert sie das voll be­la­de­ne Ta­blett in den Gar­ten, in dem Ru­ben Gän­se­blüm­chen für den Tisch­schmuck pflückt.

Und da sind sie schon, Tan­ten und On­kel mit gros­ser Kin­der­schar, die neu­en Nach­barn, ei­ne Freun­din, lan­ge nicht ge­se­hen, mit neu­em Part­ner. Bis weit nach Mit­ter­nacht sit­zen wir zu­sam­men, ob­wohl mor­gen Mon­tag ist und al­le früh raus­müs­sen.

Mei­ne vier wa­ren be­geis­ter­te Gast­ge­ber, egal, ob Kin­der mit von der Par­tie wa­ren oder nicht. Das galt auch, wenn un­er­war­te­te Gäs­te auf­tauch­ten. Freun­de von Freun­den aus dem Irak schnei­en her­ein, ein ehe­ma­li­ger Schul­ka­me­rad, nach ei­ner lan­gen Rei­se mü­de und ab­ge­brannt, braucht ei­nen Schlaf­platz. «Du kannst mein Bett ha­ben», sagt Ru­ben gross­zü­gig. Ei­nes Abends steht ei­ne Freun­din mit ih­ren bei­den klei­nen Kin­dern wei­nend vor der Tür. Gros­se Ehe­kri­se! Ma­xi und Pau­li­na ko­chen Tee, Leo­nie holt ih­re al­ten Ku­schel­tie­re aus der Spiel­kis­te und spielt mit den Klei­nen Bau­ern­hof.

Auf Neu­es ein­las­sen

Gäs­te sind ei­ne Be­rei­che­rung, je­den­falls meis­tens, und ge­wiss für Kin­der. Sie ha­ben ein gros­ses Herz, und das ist die bes­te Vor­aus­set­zung für ech­te Gast­freund­schaft. Aus­ser­dem ist ih­nen völ­lig egal, wenn Gäs­te den Rot­wein­vor­rat weg­trin­ken oder bei der mor­gend­li­chen Du­sche das Bad über­schwem­men. Sie brin­gen näm­lich im­mer et­was mit, und da­mit mei­ne ich nicht nur ma­te­ri­el­le Ge­schen­ke. Ein be­freun­de­ter Kol­le­ge er­zählt von sei­ner Old­ti­mer­samm­lung, von Jagd­aus­flü­gen und Tref­fen mit «ech­ten» Spio­nen. Ru­ben, da­mals 10, kommt aus dem Stau­nen nicht mehr raus. Mei­ne kin­der­lo­se Pa­ri­ser Künst­ler­freun­din An­ge­li­na bringt Pau­li­na und Leo­nie Cho­pin-wal­zer und den Floh­wal­zer bei, sechs­hän­dig!

Gast­lich­keit ist ein Ge­ben und Neh­men und des­halb ei­ne wun­der­ba­re Le­bens­schu­le. In­so­fern fin­de ich es ein biss­chen scha­de, dass sie bei den ak­tu­ell ge­nann­ten Er­zie­hungs­zie­len gar nicht auf­taucht. Sie be­deu­tet so viel mehr, als Speis und Trank be­reit­zu­stel­len. Die sind zwei- fels­oh­ne wich­tig, doch vor al­lem müs­sen Gast und Gast­ge­ber be­reit sein, sich auf et­was Neu­es, Un­be­kann­tes ein­zu­las­sen. Man mag an­ders dar­über den­ken, aber ich glau­be, dass die­se Fä­hig­keit in ei­ner glo­ba­len Welt nicht ganz un­wich­tig ist.

Le­ben­di­ge Ge­sprä­che

Gast­lich­keit lehrt, wie man sich Men­schen ge­gen­über öff­net, die nicht zur Fa­mi­lie und viel­leicht nicht mal zum en­gen Freun­des­kreis ge­hö­ren, und wie man mit ih­nen ei­ne le­ben­di­ge Kon­ver­sa­ti­on führt. Man muss Fra­gen stel­len kön­nen, auf den an­de­ren hin und viel­leicht so­gar über ihn hin­aus ins all­ge­mein Wich­ti­ge, und auf­merk­sam zu­hö­ren, wenn der an­de­re spricht. Das ist gar nicht so leicht, und wenn man noch klein ist, muss man das erst mal ler­nen.

Bei uns wur­den Kin­der des­halb nicht an den Kat­zen­tisch ver­bannt, wie ich es noch aus mei­ner Kind­heit ken­ne, son­dern in bun­ter Rei­he zwi­schen zwei, drei Er­wach­se­ne plat­ziert. Auf die­se Wei­se ka­men die schöns­ten Ge­sprä­che zwi­schen Alt und Jung zu­stan­de, und ganz ne­ben­bei lern­ten mei­ne Kin­der, hier ei­ne Was­ser­ka­raf­fe wei­ter­zu­rei­chen, da ei­ner al­ten Da­me die her­un­ter­ge­fal­le­ne Ser­vi­et­te auf­zu­he­ben, dort ein lee­res Wein­glas zu fül­len. Das war mir wich­tig und für sie ei­ne Freu­de, kei­ne läs­ti­ge Pflicht. Es ist schon so: Wer sich nicht ein­bringt und Zaun­gast bleibt, ver­passt das Bes­te an der Gast­lich­keit, näm­lich das Mit- und Für­ein­an­der, und sei es nur für ein paar St­un­den.

XE­NIA FREN­KEL, 62, ist vier­fa­che Mut­ter und Gross­mut­ter von sechs En­kel­kin­dern. Sie schreibt seit vie­len Jah­ren über Fa­mi­lie und Er­zie­hung.

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