Be­s­ançon

Bi­jou im Os­ten Frank­reichs

Schweizer Familie - - INHALT - — Text Rolf Hür­zeler Fo­tos Jor­ma Mül­ler

So weit das Au­ge reicht, bie­tet die Zi­ta­del­le von Be­s­ançon ei­nen gran­dio­sen Rund­blick über die Stadt mit ih­ren grü­nen Hü­geln, die sie um­ge­ben. Der Son­nen­kö­nig Lud­wig XIV. liess die­ses Ge­mäu­er vom Mi­li­tär­ar­chi­tek­ten Sé­bas­ti­en Le Pre­st­re de Vau­ban er­bau­en. Es soll­te Frank­reich vor deut­schen Ein­dring­lin­gen schüt­zen und dient heu­te den Ein­hei­mi­schen wie Tou­ris­ten als Er­leb­nis­welt: mit drei Mu­se­en, ei­nem Tierpark vol­ler Af­fen so­wie zahl­rei­chen Vo­gel­ar­ten – vom ge­mei­nen Huhn bis zum plap­pern­den Pa­pa­gei.

Die ost­fran­zö­si­sche Stadt Be­s­ançon liegt un­weit der Schwei­zer Gren­ze am west­li­chen Fuss des Ju­ras. So nah und doch so fern: Wer hier durch die Gas­sen des 18. Jahr­hun­derts fla­niert, taucht ein in ei­ne an­de­re Welt. Be­s­ançon ist ei­ne Per­le, die es für vie­le zu ent­de­cken gilt. Sie liegt am Doubs: ein Fluss im Schwei­zer Ju­ra, ein klei­ner Strom hier in Frank­reich. Über al­le­dem thront Vaub­ans Zi­ta­del­le, als ha­be die­ser Ar­chi­tekt vor 400 Jah­ren ge­ahnt, dass er die Burg nicht nur für Sol­da­ten baut, son­dern eben­so für die le­bens­lus­ti­gen Bi­son­ti­ner, wie die Ein­woh­ner hier heis­sen.

In St­ein ge­haue­ne Ge­walt

Von der Zi­ta­del­le führt der Weg durch ei­nen klei­nen Park hin­un­ter in die Stadt. Un­ter­wegs be­geg­net der Be­su­cher gleich noch­mals ei­nem Stück Ge­schich­te: Die Por­te Noi­re ist ein rö­mi­scher Tri­umph­bo­gen aus dem 2. Jahr­hun­dert, den die Statt­hal­ter des Kai­sers Mark Au­rel er­bau­en lies­sen. Mar­tia­li­sche Sze­nen im Gestein er­zähl­ten den Bür­gern in der An­ti­ke, wo Bart­li den Most holt, näm­lich in Rom: Auf dem Re­lief wird er­schla­gen und er­ sto­chen, was das Zeug hält. Al­so auf­ge­passt, lau­tet die Bot­schaft der Rö­mer, wer auf­muckt, be­kommt es mit der Ob­rig­keit zu tun. «Mark Au­rel woll­te sei­ne Un­ter­ta­nen ein­schüch­tern», sagt die Frem­den­füh­re­rin Christel­le Ca­mu­set, 37. Sie lebt seit ih­rer Ge­burt in der Stadt und kennt al­le Win­kel, «auch wenn es im­mer wie­der et­was Neu­es zu ent­de­cken gibt».

Nach so viel Ge­schich­te ist ei­ne Tas­se Kaf­fee an­ge­sagt, und zwar nur vom Bes­ten. Am Ran­de des Ein­kauf­quar­tiers, an der Rue de la Ré­pu­bli­que 23 fin­det sich das süs­se Pa­ra­dies Alain Ri­cot, ein Scho­ko­la­den­haus mit Ca­fé, das sämt­li­che gu­ten Es­sens­vor­sät­ze ver­ges­sen lässt: Der Kaf­fee ist ex­zel­lent, die Crois­sants sind ein Er­leb­nis, die Pra­li­nés ei­ne Sün­de. Vé­ro­ni­que Ri­cot, 40, und Lau­ri­ne Mail­lot, 16, ver­wöh­nen die Kund­schaft: «Wir füh­ren als Ein­zi­ge in Frank­reich Trüf­fel in Truf­fes

im Sor­ti­ment», sagt Ma­dame Ri­cot und meint da­mit tat­säch­lich die be­gehr­ten Knol­len­pil­ze in ei­ner fei­nen Scho­ko­la­den­mas­se. Der ers­te Biss ist un­ge­wöhn­lich, der zwei­te fan­tas­tisch gut.

Die Stadt Be­s­ançon ist in zwei Tei­le ge­spal­ten. Vis-à-vis dem Stadt­zen­trum, auf der an­dern Sei­te des Doubs, liegt Bat­tant. Hier spriesst das mul­ti­kul­tu­rel­le Le­ben. Ein Spa­zier­gang durch die Haupt­gas­se führt et­wa an ei­nem Tee­ge­schäft mit exo­ti­schem Flair vor­bei; klei­ne Bars ge­hö­ren da­zu und Hand­werks­be­trie­be, zum Bei­spiel ein Kla­vier-re­pa­ra­teur oder ei­ne Royau­me Coif­fure, ein haa­ri­ges Kö­nig­reich al­so, des­sen brö­ckeln­de Fas­sa­de von der küh­nen Selbst­über­schät­zung des Be­sit­zers zeugt. Seit Jahr­zehn­ten füh­ren Ja­mi­la, 39, und Tou­fik Ab­del­li, 40, ne­ben­an ei­nen klei­nen Spe­ze­rei­laden, der die Düf­te Nord­afri­kas ver­brei­tet, Ge­wür­ze, aber auch Back­wa­ren: «Wir sind ein Treff­punkt der Ein­hei­mi­schen», sagt Ja­mi­la mit dem Stolz der er­folg­rei­chen Un­ter­neh­me­rin.

Be­s­ançon liegt nah und doch so fern: Wer durch die Gas­sen des 18. Jahr­hun­derts fla­niert, taucht ein in ei­ne an­de­re Welt.

Schwei­zer Uhr­ma­cher­hand­werk

Tat­säch­lich herrscht in dem La­den leb­haf­tes Ge­schnat­ter. Äl­te­re Män­ner, jun­ge Frau­en mit Kin­der­wa­gen und so­gar ein mun­te­rer Pries­ter re­den wild durch­ein­an­der. An­schei­nend ist das Quar­tier Bat­tant die Wasch­kü­che der Stadt. Die Schweiz scheint ei­nem in die­sem Quar­tier auf ei­nem an­de­ren Pla­ne­ten. Da­bei hat Be­s­ançon mehr mit un­se­rem Land ge­mein, als man glaubt. Im 19. Jahr­hun­dert wan­der­ten Schwei­zer Uh­ren­hand­wer­ker aus dem be­nach­bar­ten Ju­ra in die Stadt und grün­de­ten Ma­nu­fak­tu­ren.

Ein be­son­de­res Ex­em­plar die­ser Ko­ope­ra­ti­on fin­det sich im Mu­sée du Temps an der Gran­de Rue 96: Hier ist die an­geb­lich kom­pli­zier­tes­te Uhr der Welt zu se­hen, die aus fast 1000 Ein­zel­tei­len be­steht, die al­le­samt aus der Schweiz im­por­tiert wur­den. Wer sich nicht für Uh­ren in­ter­es­siert, soll­te den Spa­zier­gang zum Mu­se­um trotz­dem nicht scheu­en: Es ge­hört zur An­la­ge des Pa­lais Gran­vel­le mit ei­nem wun­der­ba­ren Hin­ter­hof aus dem 16. Jahr­hun­dert. In sol­chen An­we­sen leb­ten die

al­ten Fa­mi­li­en der Stadt und lies­sen es sich of­fen­kun­dig ziem­lich gut ge­hen. In die­sen Mau­ern hört der Be­su­cher das Herz der Stadt so zärt­lich ti­cken wie die Uhr der tau­send Tei­le.

Der Hin­ter­hof des Pa­lais ist see­len­ru­hig; lär­mig da­ge­gen ist die Markt­hal­le gleich bei der Place de la Ré­vo­lu­ti­on. Ge­mü­se-, Kä­se- und Fleisch­stän­de ste­hen Sei­te an Sei­te, ei­ne sol­che Fül­le herrscht hier, dass die Kun­den sich ge­ra­de­zu ku­li­na­risch über­flu­tet füh­len. Et­wa am Stand von Ka­tia Jac­quet, 35. Sie führt mit ih­rem Mann ei­ne Metz­ge­rei, in der Würs­te sel­ber her­ge­stellt wer­den. Ger­ne zeigt sie ih­re ge­räu­cher­ten Mont­bé­li­ard-würs­te, mit oder Küm­mel, die so saf­tig träu­feln wie ein Sonn­tags­bra­ten. Die Sau­cis­sons ver­mit­teln den Duft des lo­cken­den Land­le­bens, denn die­se Stadt liegt in ei­nem bäu­er­li­chen Um­feld, wo noch fast je­der je­den kennt.

Das sagt je­den­falls der jun­ge Xa­vier Chou­let, 27. Er schwingt die Löf­fel im Re­stau­rant Le Saint Cerf an der

Rue Me­ge­vand 1 und ist ei­ner je­ner Koch­künst­ler, mit de­nen das glück­li­che Frank­reich mehr als an­de­re Na­tio­nen ge­seg­net ist. Das mag un­ge­recht sein, um­so mehr lohnt es sich für den Be­su­cher, ei­nen Tisch zu re­ser­vie­ren und ein nie­der­ge­gar­tes Qua­si de veau zu be­stel­len an ei­nem sorg­fäl­tig ab­ge­stimm­ten Rüe­b­lipu­rée mit ei­ner Ge­mü­se-de­ko­ra­ti­on – und das al­les zu ei­nem ver­nünf­ti­gen Preis.

Ein wi­der­bors­ti­ger Schrift­stel­ler

Wie fast je­de Stadt hat Be­s­ançon ein be­rühm­tes Kind, in die­sem Fall ei­nen Sohn. Der Mann hiess Vic­tor Hu­go (1802–1885) und ist heu­te vor al­lem für sei­nen so­zi­al­kri­ti­schen Ro­man «Les Mi­sé­ra­bles» be­kannt. In sei­nem Ge­burts­haus be­rich­tet ein klei­nes Mu­se­um von sei­nem po­li­ti­schen Wi­der­stand ge­gen den re­ak­tio­nä­ren Herr­scher Na­po­le­on III., der Hu­go ins Exil trieb.

Der Schrift­stel­ler hat al­ler­dings in Be­s­ançon kei­ne blei­ben­den Spu­ren hin­ter­las­sen, son­dern vor al­lem in die Win­deln ge­macht. Sechs Wo­chen war er alt, als sei­ne El­tern mit ihm nach Pa­ris zo­gen. Den­noch wird sein An­den­ken bis heu­te in der Stadt hoch­ge­hal­ten, denn sei­ne Wi­der­bors­tig­keit war be­ein­dru­ckend. Zu­mal sein li­be­ra­les Welt­ver­ständ­nis ei­nen frei­mü­ti­gen Um­gang mit Frau­en be­deu­te­te, wo­bei sei­ne Frau Adè­le ihm dies­be­züg­lich kei­nes­wegs nach­stand.

Die Place Vic­tor Hu­go muss ein in­spi­rie­ren­der Er­den­fleck sein. Ge­nau hier ka­men auch die Brü­der Au­gus­te und Lou­is Lu­miè­re zur Welt, die im 19. Jahr­hun­dert den Ki­ne­ma­to­gra­phen er­fun­den hat­ten, den Vor­läu­fer der Film­ka­me­ra. Schön, der Ge­dan­ke, die bei­den hät­ten im Kin­der­wa­gen mit dem klei­nen Vic­tor Hu­go um die Wet­te ge­brüllt, wer denn ein­mal be­rühm­ter wer­de. Aber nichts da, die Lu­miè­res ka­men ei­ne Ge­ne­ra­ti­on spä­ter zur Welt, als Hu­go längst im Exil war.

Kei­ne Stadt oh­ne Kir­che. In Be­s­ançon heisst die Ka­the­dra­le Saint­je­an, liegt

In Ja­mi­la und Tou­fik Ab­del­lis klei­nem Spe­ze­rei­laden kau­fen die Bi­son­ti­ner Ge­bäck und Ge­wür­ze aus Nord­afri­ka.

gleich ne­ben der Por­te Noi­re und er­in­nert wäh­rend der nächs­ten Mo­na­te an ei­ne Skulp­tur des Ver­pa­ckungs­künst­lers Chris­to: Ein Bau­ge­rüst um­gibt den Turm, der gera­de re­no­viert wird. Trotz­dem ist der Be­such loh­nens­wert. Beim Ein­tritt fällt so­gleich das selt­sam ge­streck­te Kir­chen­schiff auf. Saint­je­an be­steht näm­lich aus zwei zu­sam­men­ge­bau­ten Kir­chen, die nun ei­ne sa­kra­le Ein­heit bil­den. Auch zwei Got­tes­leu­te las­sen sich be­wun­dern oder, bes­ser, de­ren Gr­ab und Ske­lett. Die Ge­bei­ne des hei­li­gen Sil­ves­ter sind in ei­ner Glas­vi­tri­ne auf­be­wahrt, fein säu­ber­lich aus­ge­brei­tet, was bei ei­nem sen­si­blen Be­trach­ter ein leich­tes Gru­seln aus­löst. Wei­ter vor­ne in der Kir­che liegt der Abt von Mont­be­noît, Fer­ry Ca­ron­de­let (1473–1528), den kennt zwar heu­te kei­ner mehr, aber er könn­te vie­len ein Vor­bild sein: Der wohl­be­tuch­te Ad­li­ge zeich­ne­te sich nach dem frü­hen Tod sei­ner Frau als gross­zü­gi­ger Wohl­tä­ter aus. Sei­ne Skulp­tur liegt fried­lich schla­fend über dem Gr­ab, so ent­spannt, als wä­re der Tod der schöns­te Le­bens­be­ginn.

Hin­aus aus der Kir­che, zu­rück in die Abend­son­ne. Der Weg führt durch die Gas­sen zu­rück, vor­bei an zahl­rei­chen Stras­sen­ca­fés – bis zum Ca­fé Lef­fe. Hier gibt es ei­ne Ein­kehr, die da­zu ein­lädt, dem Trei­ben an der Rue Pa­s­teur 4/6 schier un­end­lich lan­ge zu­zu­schau­en. Und man spürt, dass Be­s­ançon ei­ne Stadt für das Ge­müt ist, wo das be­schau­li­che Ver­wei­len nicht lan­ge ge­nug dau­ern kann.

Lud­wig XIV. liess die Zi­ta­del­le er­bau­en, die über der Alt­stadt von Be­s­ançon thront. Die Fe­s­tung aus dem 17. Jahr­hun­dert soll­te Frank­reich vor deut­schen Ein­dring­lin­gen schüt­zen.

Die Bras­se­rie Gran­vel­le hat ih­ren Na­men vom Pa­lais Gran­vel­le, der gleich um die Ecke liegt.

Christel­le Ca­mu­set, in Be­s­ançon ge­bo­ren, zeigt Au­tor Rolf Hür­zeler auch un­be­kann­te Win­kel der Stadt.

Von der Tour du Pen­du­le im Mu­sée du Temps schweift der Blick über die Dä­cher der Stadt.

Im Pa­lais Gran­vel­le, dem herr­schaft­li­chen Bau aus dem 16. Jahr­hun­dert, lo­gier­ten einst Be­s­ançons alt­ein­ge­ses­se­ne Fa­mi­li­en.

Bei Vé­ro­ni­que Ri­cot, Pa­t­ron­ne im «Le Cho­co­lat Noir», und ih­rer An­ge­stell­ten Lau­ri­ne Mail­lot gibts Trüf­fel in Truf­fes zu kau­fen. Und in Ka­tia Jac­quets Metz­ge­rei selbst ge­mach­te Würs­te.

Xa­vier Chou­let, Mit­in­ha­ber des «Le Saint Cerf», ge­hört zur Gil­de von Frank­reichs Koch­künst­lern. Vis-à-vis vom Stadt­zen­trum liegt Bat­tant. Ein ge­schäf­ti­ges Quar­tier mit Bars und Hand­werks­be­trie­ben.

An­geb­lich die kom­pli­zier­tes­te Uhr der Welt, fa­bri­ziert aus fast 1000 Ein­zel­tei­len.

Al­te Holz­trep­pen zie­ren vie­le von Be­s­ançons In­nen­hö­fen.

In der Ka­the­dra­le Saint-je­an liegt der Abt des Klos­ters Mont­be­noît be­gra­ben.

In der Büs­te Na­po­le­ons III., des Herr­schers, ge­gen des­sen Macht sich Vic­tor Hu­go auf­lehn­te, wur­den die Bü­cher des Schrift­stel­lers aus­ser Lan­des ge­schmug­gelt.

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