«WAS MIR VON 1968 BLIEB, IST UN­SE­RE TOCH­TER»

Im wil­den Jahr der Hip­pies fei­er­te er mit sei­ner Band Er­fol­ge. To­ni Ves­co­li sah sich aber nie als Re­vo­luz­zer, son­dern als Mu­si­ker, der vor 50 Jah­ren auch pri­vat sein Glück fand.

Schweizer Familie - - MENSCHEN - — In­ter­view Mar­kus Schnei­der

Was ha­ben Sie heu­te vor?

End­lich mei­ne ge­schäft­li­chen Mails be­ant­wor­ten.

Wie ein nor­ma­ler Bü­ro­list?

Ja, schliess­lich bin ich mein ei­ge­ner Ma­na­ger, Gra­fi­ker und Pro­du­zent. Ich ma­che al­les sel­ber: vom Book­let, den Pla­ka­ten, den Ver­trä­gen für mei­ne Kon­zer­te bis zu den Ton­auf­nah­men mei­ner nächs­ten CD.

Und wo ist das Stu­dio?

Im Bü­ro und im Mu­sik­raum. Heut­zu­ta­ge ge­nü­gen Lap­top, Mi­kro­fon und Kopf­hö­rer. Erst ganz am En­de, beim Mi­schen, kommt ein pro­fes­sio­nel­ler Ton­tech­ni­ker hin­zu, doch der kann dann auch nichts mehr ver­bes­sern. Wis­sen Sie war­um?

Weil Ih­re Stim­me so klar ist.

Nein, weil sie so ka­putt ist. Hät­te ich ein bes­se­res Mi­kro­fon als mein un­ter tau­send­frän­ki­ges, wür­de man das mer­ken. Mei­ne Stim­me ist nicht schön, aber sel­ten.

1968 stan­den Sie auf Platz 1 in der Hit­pa­ra­de, Ih­re da­ma­li­ge Band Les Sau­terel­les galt als die «Schwei­zer Beat­les». Er­zäh­len Sie!

Das Lus­tigs­te war wohl der Vi­deo­clip für un­se­ren Hit «Hea­ven­ly Club». Wir wa­ren auf Tour­nee, an­ge­reist von In­ter­la­ken nach Mai­en­feld, sas­sen um acht in der Früh beim Früh­stück, es gab Weiss­wein und Kaf­fee, wir wa­ren käp­pelet – und hat­ten bis elf Uhr mit­tags Zeit, dann muss­ten die Film­auf­nah­men im Kas­ten sein.

Was kam her­aus?

Wir ha­ben ein­fach Seich ge­macht, tanz­ten als Engel in weis­sen Ge­wän­dern her­um, ei­ner spiel­te den Teu­fel, Pe­trus hielt ei­nen Schlüs­sel in der Hand und ver­lang­te Ein­tritts­geld, als wä­re der Him­mel ei­ne Dis­co.

Woll­ten Sie re­li­giö­se Ge­füh­le ver­let­zen?

Mein Gott, ich war doch kein Re­bell. 1962 ging ich noch brav in die RS, mein au­to­ri­tä­rer Va­ter gab mir, als ich zwan­zig war, noch eins auf den De­ckel. Mei­ne Haa­re liess ich erst wach­sen, als ich von zu Hau­se aus­ge­zo­gen bin.

Was be­deu­te­te Ih­nen das Auf­bruchs­jahr 1968?

Po­li­tisch war ich nie ak­tiv. Doch die Klei­dung ge­fiel mir: Ich trug be­reits in den Fünf­zi­gern Jeans­kluft mit Nie­ten und spä­ter Hip­pie­kla­mot­ten. Mei­ne Haa­re liess ich seit 1964 wach­sen.

Ha­ben Sie Ex­pe­ri­men­te mit Dro­gen ge­macht?

Als Nicht­rau­cher ha­be ich Ni­ko­tin nicht ver­tra­gen und dar­um nicht ge­kifft, höchs­tens mal Gras pur ge­raucht oder ein Tee­li ge­braut.

Und wie wars mit der frei­en Lie­be?

Im Som­mer 1965 ha­be ich Ruth­li ken­nen­ge­lernt, sie war al­lein­er­zie­hend, hat­te zwei Kin­der. Ei­ne sol­che Patch­work­fa­mi­lie war da­mals ein Ta­bu. Aber was ist pas­siert? Nach 53 Jah­ren sind wir im­mer noch zu­sam­men und fei­ern je­den Sil­ves­ter zu zweit im Whirl­pool auf un­se­rer Dach­ter­ras­se.

«Ich war kein Re­bell. 1962 ging ich noch brav in die RS. Und mein Va­ter gab mir, als ich zwan­zig war, noch eins auf den De­ckel.»

Ih­re ge­mein­sa­me Toch­ter kam 1968 zur Welt.

Am 13. Ju­li mor­gens um halb eins. Noch am sel­ben Abend ha­be ich mit den Sau­terel­les an der Voll­ver­samm­lung der Zürcher Ju­gend im Volks­haus ge­spielt. An­schlies­send ging ich mit mei­nem Bru­der ins Spi­tal zu Ruth und Na­ta­lie. Na­ta­lie ist ganz klar das Nach­hal­tigs­te, was uns von 1968 ge­blie­ben ist, sie wohnt gleich um die Ecke.

Mehr zum The­ma «1968 – Das wil­de Jahr»: Sei­te 22

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