DER ME­LAN­CHO­LI­SCHE CHARME VON GES­TERN

Schweizer Familie - - MEDIENTIPPS - Tho­mas Wid­mer

Mit ih­ren «Tes­si­ner Er­zäh­lun­gen» er­stell­te Ali­ne Val­an­gin dem länd­li­chen Tes­sin ein li­te­ra­ri­sches Denk­mal.

Es gibt in die­ser Ge­schich­ten­samm­lung al­les: Bau­ern­pos­sen. Lie­bes­tra­gö­di­en wie von Sha­ke­speare. He­xen­dra­men. Auch ist da die Mo­ri­tat vom Post­hal­ter, der von sei­nem Bal­kon tag­aus, ta­gein die Dörf­ler be­spit­zelt und da­zu schwer trinkt, der­weil die Gat­tin sei­ne Ar­beit ver­rich­tet; ei­nes Ta­ges ras­tet der Mann aus und trom­pe­tet die Ge­heim­nis­se sei­ner Mit­men­schen aus! Die Ber­ne­rin Ali­ne Val­an­gin, 1889 bis 1986, leb­te ab 1936 in Co­mo­lo­gno im On­ser­no­ne­tal. Das war da­mals ei­ne Welt für sich, arm, ab­ge­schlos­sen und be­völ­kert von den schrul­ligs­ten Fi­gu­ren. Der Küs­ter Mau­ri­lio et­wa kippt den schwe­ren Kes­sel mit dem Kot des Herrn Pfar­rer in die Wie­se der al­ten Te­re­sa, weil er zu faul ist, die Ex­kre­men­te wie sonst am Was­ser­fall zu ent­sor­gen; bis der Sün­der auf­fliegt, kur­sie­ren wil­de Ver­däch­ti­gun­gen. Und als fest­steht, wem der Kot ge­hört, ist das dop­pelt pein­lich – eben, es ist der vom Herrn Pfar­rer; wie will man ihm das bei­brin­gen, wenn er nach­fragt. Mal schmun­zelt man beim Le­sen die­ser Ge­schich­ten, mal ver­drückt man ei­ne Trä­ne, sie sind gros­se Literatur. Und sie be­schrei­ben ein Tes­si­ner Tal, das es so längst nicht mehr gibt. ★★★★★

Gross­ar­ti­ge Er­zäh­le­rin: Ali­ne Val­an­gin.

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