WENN KIN­DER NICHT SCHLA­FEN KÖN­NEN

Schweizer Familie - - VORDERSEITE - — Text Annette Wirth­lin

Ein fried­lich schla­fen­des Ba­by – da­von kön­nen man­che El­tern nur träu­men. Je­des drit­te Kind macht manch­mal über Mo­na­te kaum ein Au­ge zu. Was hilft: Der Spröss­ling soll rich­tig schla­fen ler­nen. Da­für brau­chen Ma­ma und Pa­pa Be­harr­lich­keit und Ge­duld.

Wer schla­fen kann, darf glück­lich sein», sag­te einst der deut­sche Kin­der­buch­au­tor Erich Käst­ner. «Und gleich dop­pelt glück­lich schät­zen dür­fen sich Müt­ter und Vä­ter, de­ren Nach­wuchs mit ei­nem ge­sun­den Schlaf ge­seg­net ist», fügt ei­ner an, der es wis­sen muss: der Kin­der­arzt Os­kar Jen­ni, 51, Lei­ter der Ab­tei­lung Ent­wick­lungs­päd­ia­trie des Kin­der­spi­tals Zü­rich. Tag­täg­lich su­chen ver­zwei­fel­te El­tern sei­nen Rat, weil ih­re Klei­nen über Mo­na­te par­tout nicht schla­fen wol­len – be­zie­hungs­wei­se nicht kön­nen.

«Schlaf­stö­run­gen ge­hö­ren zu den häu­figs­ten Stö­run­gen, die Kin­der ha­ben kön­nen», sagt der Fach­arzt für Kin­der- und Ju­gend­me­di­zin. Man geht da­von aus, dass bis zu 30 Pro­zent der Kin­der im Ver­lauf ih­rer Ent­wick­lung, al­so in den ers­ten 20 Jah­ren, ein­mal Schlaf­pro­ble­me ha­ben. Am ver­brei­tets­ten sind die Pro­ble­me wäh­rend der ers­ten Le­bens­jah­re, bis et­wa in den Kin­der­gar­ten. Manch­mal kann et­was Me­di­zi­ni­sches zu­grun­de lie­gen, zum Bei­spiel ein Atem­weg­spro­blem. Doch in den al­ler­meis­ten Fäl­len ist das Nicht-schla­fen- Kön­nen ein Pro­blem der El­tern-kind-in­ter­ak­ti­on – wenn das Kind et­wa ins Bett ge­bracht wird, be­vor es mü­de ist.

Für Schlaf­pro­ble­me ge­be es kei­ne Stan­dar­d­re­zep­te, sagt Os­kar Jen­ni. Aber: «Man kann sie mit ei­ner Be­ra­tung, ge­eig­ne­ten Ver­hal­tens­mass­nah­men und et­was Ge­duld in den Griff krie­gen.» Als Ers­tes gel­te es zu ver­ste­hen, sagt der Ent­wick­lungs­päd­ia­ter, dass je­der Mensch sei­nen in­di­vi­du­el­len Schlaf­be­darf ha­be, und zwar schon von der Ge­burt an. Die­ser Schlaf­be­darf weicht zum Teil stark von je­nen der Al­ters­ge­nos­sen ab. Ge­mäss Sta­tis­tik schla­fen ein­mo­na­ti­ge Säug­lin­ge zwi­schen 9 und 19 St­un­den täg­lich, Zwei­jäh­ri­ge zwi­schen 11 und knapp 16 St­un­den, und Sie­ben­jäh­ri­ge be­nö­ti­gen zwi­schen 9 und 12 St­un­den Schlaf.

Der Schlaf­ty­pus ist vor­be­stimmt

Ob­wohl der Schlaf­be­darf im Lau­fe des Le­bens bei al­len Men­schen ab­nimmt (sie­he Box Sei­te 76), bleibt er für ein und die­sel­be Per­son recht sta­bil. Das heisst: Ein Viel­schlä­ferba­by wird als Er­wach­se­ner nicht zum Kurz­schlä­fer und um­ge­kehrt. In­ter­es­san­ter­wei­se zeigt sich schon bei Klein­kin­dern, wer eher ein Nacht­schwär­mer, ei­ne «Eu­le», und wer ein Früh­auf­ste­her, ei­ne «Ler­che», ist. «Der Schlaf­ty­pus ist bio­lo­gisch vor­be­stimmt», sagt Os­kar Jen­ni. «Man kann sich sei­ne Schlaf­zei­ten we­der an- noch ab­trai­nie­ren. Je­den­falls nicht dau­er­haft.» Das hat der Arzt auch bei sei­nen ei­ge­nen vier Söh­nen be­ob­ach­ten kön­nen: «Ihr Schlaf­ver­hal­ten ist so un­ter­schied­lich wie ih­re Cha­rak­te­re. Der Äl­tes­te braucht et­wa gleich viel Schlaf wie der Jüngs­te, ob­wohl acht Jah­re zwi­schen ih­nen lie­gen.» El­tern wür­den sich meist völ­lig un­nö­tig Sor­gen ma­chen, sagt Os­kar Jen­ni, wenn ihr Kind im Ver­gleich zum Gsch­pän­li mehr oder we­ni­ger schläft.

Wäh­rend die meis­ten Men­schen für ih­ren ei­ge­nen Schlaf­be­darf ei­nen gu­ten In­stinkt ha­ben, schät­zen vie­le falsch ein, wie viel Schlaf ih­re Kin­der brau­chen. Und stim­men des­halb de­ren Bett­zei­ten nicht op­ti­mal dar­auf ab. Be­son­ders Kin­der mit ei­nem ge­rin­gen Schlaf­be­darf ent­wi­ckeln als Fol­ge Ein­schlaf- oder Durch­schlaf­pro­ble­me. Os­kar Jen­ni sagt: «Muss das Kind län­ger im Bett lie­gen, als es tat­säch­lich Schlaf braucht, kann es ent­we­der abends nicht ein­schla­fen, wacht mor­gens zu früh auf oder ist im­mer wie­der mit­ten in der Nacht hell­wach.»

«Muss das Kind län­ger im Bett lie­gen, als es Schlaf braucht, wird es in der Nacht im­mer wie­der hell­wach.» Os­kar Jen­ni, Kin­der­arzt

EU­LEN sind Men­schen, die bis in al­le Nacht wach blei­ben.

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