Frölein Da Ca­po

Schweizer Familie - - INHALT -

Die Welt ist ver­wir­rend. Neu­lich sass ich auf der Zu­schau­er­tri­bü­ne am Fuss­ball­tur­nier un­se­res Soh­nes, und da er­zähl­te mir ei­ne jun­ge Da­me – nen­nen wir sie Le­na –, Erd­bee­ren sei­en kei­ne Bee­ren, son­dern Nüs­se. «So ein Seich», sag­te ich und dach­te an das al­te Sprich­wort von So­kra­tes, das be­sagt: «Spon­ta­ne bo­ta­ni­sche Be­leh­run­gen, wel­che man am Ran­de ei­nes Fuss­ball­fel­des von halb­wüch­si­gen Neun­mal­klu­gen er­hält, sind stets zu ve­ri­fi­zie­ren.» Oder war es Pla­ton? Auf al­le Fäl­le goo­gel­te ich mich zu Hau­se schlau, und tat­säch­lich: «Die Erd­bee­re ge­hört zu den Sam­mel­nuss­früch­ten. Denn die ver­meint­lich ro­te Frucht ist in Wahr­heit nur ei­ne Schein­frucht, auch Frucht­bo­den ge­nannt. Die ei­gent­li­chen Früch­te der Erd­bee­re sind die klei­nen, grü­nen Kör­ner an der Ober­flä­che. Da­bei han­delt es sich um Nüs­se, die viel­fach auf der Ober­flä­che ver­teilt sind.» Ku­ri­os. Aber noch harm­los.

Als ich dann am Wo­chen­en­de zu­sam­men mit mei­ner Schwä­ge­rin am Erd­beer­i­rüs­ten war, gab ich die­ses neu er­wor­be­ne Wis­sen alt­klug wei­ter und in­for­mier­te sie über die Schein­früch­tig­keit der Erd­bee­ren. Die Schwä­ge­rin nahms ge­las­sen. Das wun­de­re sie über­haupt nicht, schliess­lich sei zum Bei­spiel die Ba­na­ne – und das wür­de man ja auch nicht ver­mu­ten – ei­ne Bee­re. Ja, ist es denn die Mög­lich­keit? Dann wär das was? Ein Ban­a­bee­ri? Oder ei­ne Bee­ri­ba­ne? Ei­ne zwei­te Schwä­ge­rin kam da­zu, und die­se wuss­te noch viel Un­er­hör­te­res zu be­rich­ten. Dass uns näm­lich auch die To­ma­ten un­ver­hoh­len in die Ir­re führ­ten. Die be­neh­men sich zwar wie Ge­mü­se, ge­hö­ren aber zum Obst! Es wird gar be­haup­tet – und das sag­te die Schwä­ge­rin flüs­ternd –, To­ma­ten sei­en eben­falls Bee­ren. Hei­land­don­ner, dach­te ich bei mir, und mei­ne Sym­pa­thie für die To­ma­te schwand ra­pi­de. Dass man von Ge­mü­se der­art ver­s­eckelt wird, das hät­te ich nicht ge­dacht. Se­hen so harm­los aus und ha­bens faust­dick hin­ter den Oh­ren.

Aber am dreis­tes­ten ist im­mer noch das Erd­bee­ri. Das nennt sich so­gar Bee­ri, ob­wohl es ei­ne Nuss ist. Es müss­te im Grun­de Erd-nüss­li heis­sen. Wo­bei, Mo­ment: Ei­ne Erd­nuss ist ja noch mal was an­de­res. Skep­tisch goo­gel­te ich, ob we­nigs­tens die Erd­nuss auf­rich­tig ist. Zu mei­ner Ent­täu­schung: nein. Es han­delt sich in die­sem Fall um ei­ne be­trü­ge­ri­sche Hül­sen­frucht, die sich un­ter Vor­spie­ge­lung fal­scher Tat­sa­chen als Nuss aus­gibt. Gibt es denn auf die­ser Welt kei­ne ehr­li­chen Ge­wäch­se mehr? So­gar die Gur­ke ist ei­ne Bee­re! Wie­so nur wol­len plötz­lich al­le Bee­ren sein? Und wie­so sind aus­ge­rech­net die Bee­ren kei­ne Bee­ren?

Ich be­kam es mit der Angst zu tun. Wer weiss, was ich da noch al­les her­aus­fin­de – ich trau mich gar nicht mehr zu goo­geln. Dass der Bo­den­see in Wahr­heit ein Meer ist und die Er­de ein run­der Wür­fel? Die Schwer­kraft ein My­thos und wir nur nicht flie­gen, weil wir den­ken, es nicht zu kön­nen? Viel­leicht ist der Traum Rea­li­tät und Wach­sein Il­lu­si­on. Was, wenn es gar kei­ne Zeit gibt, son­dern nur Raum und wir dar­um nicht äl­ter wer­den, son­dern flä­chi­ger? Even­tu­ell ist das Vo­gel­bee­ri gar kein Vo­gel und die Far­be Blau aus­schliess­lich ein Zu­stand, da es ja schein­bar auch ob­si reg­nen kann, wenn man ei­nen ver­kehr­ten um­ge­dreh­ten Hand­stand auf dem Kopf aus­führt, aber an­ders her­um. Mei­ne Gü­te! Viel­leicht ist nicht mal die Kar­tof­fel ein Ge­mü­se!

Mein Welt­bild hat sich so­eben ver­scho­ben. Al­les gibt vor, was an­de­res zu sein, als es ist. Zum gu­ten Glück gibts das bei den Men­schen nicht! Wo­bei, zu­ge­ge­ben, män­gisch bin auch ich ein Bee­ri.

Was, wenn es kei­ne Zeit gibt, son­dern nur Raum und wir dar­um nicht äl­ter wer­den, son­dern flä­chi­ger?

FRÖLEIN DA CA­PO, 38 ist Mu­si­ke­rin und lebt mit ih­rer Fa­mi­lie auf ei­nem Bau­ern­hof in Wil­li­sau LU. www.ein­frau­or­ches­ter.ch

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