Uh­ren­in­dus­trie will nicht für ra­dio­ak­ti­ve Sün­den zah­len

SonntagsZeitung - - SCHWEIZ - Mi­scha Ae­bi

Weil die Uh­ren­bran­che kneift, fehlt dem Bund das Geld für die Sa­nie­run­gen von Heim­ar­bei­ter­woh­nun­gen. Vie­le Lie­gen­schaf­ten blei­ben ver­seucht

Das Bun­des­amt für Gesundheit (BAG) for­dert die Uh­ren­in­dus­trie auf, für die Sa­nie­rung ra­dio­ak­tiv ver­seuch­ter Häu­ser ei­nen fi­nan­zi­el­len Bei­trag zu leis­ten. Da­bei geht es um Lie­gen­schaf­ten, in wel­chen Heim­ar­bei­ter bis in die 60er­jah­re im Auf­trag der Uh­ren­in­dus­trie ra­dio­ak­ti­ves Ra­di­um als Leucht­stoff ver­ar­bei­tet hat­ten. Bis heu­te liegt die Ra­dio­ak­ti­vi­tät vie­ler­orts über den Grenz­wer­ten, weil Res­te des gif­ti­gen Pul­vers in Rit­zen, Hohl­räu­men und Lei­tun­gen ste­cken. Die Lie­gen­schaf­ten müs­sen auf­wen­dig de­kon­ta­mi­niert wer­den. Doch ob­wohl die Uh­ren­in­dus­trie jahr­zehn­te­lang von den Heim­ar­bei­tern pro­fi­tiert hat, sieht sie sich nicht in der Pflicht, für die Schä­den ge­ra­de­zu­ste­hen. Sie teilt dem BAG in ei­nem Brief mit, dass sie nichts zah­len wer­de.

Nun fehlt Geld zur Sa­nie­rung von Woh­nun­gen

Bis im Ju­li wur­den mit Steu­er­gel­dern be­reits 63 be­las­te­te Lie­gen­schaf­ten sa­niert. Doch weil die Uh­ren­in­dus­trie nicht zah­len will und der vom Bund be­wil­lig­te An­teil bald auf­ge­braucht ist, fehlt das Geld nun für die De­kon­ta­mi­nie­rung wei­te­rer Woh­nun­gen. Bag­spre­cher Da­ni­el Dau­wal­der be­stä­tigt: «Die Fi­nan­zie­rung für die Un­ter­su­chung und all­fäl­li­ge Sa­nie­rung der rest­li­chen 400 Lie­gen­schaf­ten ist nicht ge­si­chert.» Im No­vem­ber wird sich des­halb der Bun­des­rat mit den ver­strahl­ten Woh­nun­gen be­fas­sen müs­sen. Das Pro­blem: Er kann die Uh­ren­in­dus­trie nicht zwin­gen, sich an der Sa­nie­rung der Woh­nun­gen zu be­tei­li­gen. Denn Ra­di­um als Leucht­far­be wur­de erst in den 60er-jah­ren ver­bo­ten. Weil die Un­ter­neh­men seit­her auf Ra­di­um ver­zich­ten, kön­nen sie nicht in die Pflicht ge­nom­men wer­den. Ob nun der Bun­des­rat das feh­len­de Geld spricht, steht in den Ster­nen. Ins­ge­samt wird die Un­ter­su­chung und Sa­nie­rung der Woh­nun­gen rund 10 Mil­lio­nen Fran­ken kos­ten. Die meis­ten der be­trof­fe­nen Woh­nun­gen be­fin­den sich im Jur­a­bo­gen von Neu­en­burg, Bern und So­lo­thurn.

«Kein öf­fent­li­ches Ge­sund­heits­pro­blem»

Der Ar­beit­ge­ber­ver­band der Uh­ren­in­dus­trie, die Con­ven­ti­on pa­tro­na­le de l'in­dus­trie hor­lo­gè­re suis­se, führt im Ant­wort­brief an die Bun­des­be­hör­de fol­gen­de Grün­de an, war­um sie für die Sa­nie­rung kei­nen Bei­trag leis­ten will: Ra­di­um sei für die «öf­fent­li­che Gesundheit kein Pro­blem mehr». Zu­dem leis­te die Uh­ren­in­dus­trie mit ih­ren Mil­li­ar­den­um­sät­zen ja be­reits ei­nen gros­sen ge­sell­schaft­li­chen Bei­trag, und drit­tens sei Ra­di­um auch in an­de­ren Bran­chen ver­wen­det wor­den.

Dass vie­le Woh­nun­gen und Ate­liers nach wie vor mit Ra­di­um be­las­tet sind, hat­te die Sonn­tags­zei­tung 2014 auf­ge­deckt. Da­nach fan­den die Be­hör­den 900 Lie­gen­schaf­ten, die mög­li­cher­wei­se ver­strahlt sind.

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