Ein schnel­ler Klick bei Face­book mit lang­fris­ti­gen Fol­gen

Wer beim So­ci­al-me­dia-rie­sen bei ehr­ver­let­zen­den In­hal­ten auf «Ge­fällt mir» drückt, macht sich straf­bar. Das ent­schied das Zürcher Ober­ge­richt in ei­nem weg­wei­sen­den Ur­teil

SonntagsZeitung - - SCHWEIZ - Mark Ba­er

Zü­rich Der Prä­si­dent des Ver­eins ge­gen Tier­fa­bri­ken (VGT), Er­win Kess­ler, ver­tre­te «brau­nes Ge­dan­ken­gut» und sei «brau­ne Scheis­se». Bei sol­chen und an­de­ren Bei­trä­gen auf Face­book drück­te Ben­ja­min Frei im Früh­ling 2016 fleis­sig den «Ge­fällt mir»-knopf. Der 32-Jäh­ri­ge Bas­ler lik­te auch Kom­men­ta­re, in de­nen Kess­ler als «An­ti­se­mit» be­zeich­net wur­de.

«Mas­siv ehr­ver­let­zen­de» Be­schul­di­gun­gen

Das Zürcher Ober­ge­richt ent­schied, dass Frei da­mit den Tat­be­stand der üb­len Nach­re­de er­füllt. Im be­grün­de­ten Ur­teil, das den Par­tei­en die­se Wo­che zu­ge­stellt wur­de, be­zeich­nen die Rich­ter die Be­schul­di­gun­gen als «mas­siv ehr­ver­let­zend». Ins­ge­samt drück­te Frei, der als Ve­lo­ku­rier sein Geld ver­dient und wie Kess­ler in Tier­schutz­krei­sen ak­tiv ist, acht­mal auf den Li­ke-but­ton. Ein­mal teil­te er ei­nen ehr­ver­let­zen­den Bei­trag und pos­te­te da­zu zwei Kom­men­ta­re auf sei­ner ei­ge­nen Face­book­sei­te.

Durch sei­ne Ak­ti­vi­tä­ten hät­ten die ehr­ver­let­zen­den Vor­wür­fe ei­ne brei­te Öf­fent­lich­keit er­reicht, heisst es im Ur­teil. Laut dem Ober­ge­richt spie­le da­bei kei­ne Rol­le, dass Frei nicht der Ver­fas­ser der ge­lik­ten re­spek­ti­ve ge­teil­ten in­kri­mi­nier­ten Bei­trä­ge war. Der Be­schul­dig­te ha­be die ehr­ver­let­zen­den Äus­se­run­gen Drit­ter im Fal­le des Li­kens nicht nur ein­fach neu­tral wei­ter­ver­brei­tet, son­dern ih­nen mit dem «Ge­fällt mir» of­fen sei­ne Zu­stim­mung ver­si­chert. Die so­zia­len Me­di­en wür­den kei­nen rechts­frei­en Raum dar­stel­len, in wel­chem nach Be­lie­ben ge­han­delt wer­den kön­ne, ur­tei­len die Rich­ter: «Auch bei der Nut­zung von Face­book und an­de­ren so­zia­len Me­di­en­por­ta­len ist die gel­ten­de Rechts­ord­nung zu be­ach­ten.» Beim Ent­scheid des Zürcher Ober­ge­richts han­delt es sich um die ers­te hö­her­instanz­li­che Ver­ur­tei­lung für Face­book-li­kes. Das Ur­teil wird ei­ne Wir­kung auf die un­te­ren In­stan­zen ha­ben. Im Mai vor ei­nem Jahr mach­te ein Ur­teil des Zürcher Be­zirks­ge­richts Schlag­zei­len, bei dem ein 45-Jäh­ri­ger we­gen meh­re­rer ähn­li­cher Face­book-li­kes ver­ur­teilt wur­de.

Auch Frei un­ter­lag in ers­ter In­stanz am Be­zirks­ge­richt Zü­rich. Im Ju­ni 2017 wur­de er we­gen üb­ler Nach­re­de zu ei­ner be­ding­ten Geld­stra­fe von 1800 Fran­ken ver­ur­teilt. Er zog den Fall ans Ober­ge­richt wei­ter und er­litt nun er­neut teil­wei­se Schiff­bruch. Auf An­fra­ge re­agiert Frei mit Un­ver­ständ­nis auf das Ur­teil. Mit sei­nen «Li­kes» ha­be er nur auf «struk­tu­rel­len An­ti­se­mi­tis­mus» auf­merk­sam ma­chen wol­len. Der 74-Jäh­ri­ge Kess­ler freut sich über das Ver­dikt. Es sei für sei­ne Or­ga­ni­sa­ti­on exis­tenz­be­dro­hend, wenn je­mand be­haup­te, dass er ein Ju­den­has­ser sei. Kess­ler rech­net nach die­sem Ur­teil nun mit we­ni­ger An­fein­dun­gen und tie­fe­ren Rechts­an­walts­kos­ten.

Zu­erst den­ken, dann kli­cken, rät der An­walt

Aber was be­deu­tet der Fall für So­ci­al-me­dia-nut­zer? Der Zürcher An­walt Mar­tin Stei­ger rät zur Vor­sicht: «Man geht mit Kri­tik in den so­zia­len Me­di­en so­fort ein Ri­si­ko ein, wenn die Ge­gen­sei­te be­reit ist, den Rechts­weg ein­zu­schla­gen.» Dies kön­ne dann sehr müh­sam wer­den. «Zu­erst Den­ken und dann kli­cken hilft im­mer», sagt Stei­ger. Ob der Hah­nen­kampf zwi­schen den bei­den Tier­freun­den nun en­det, ist noch nicht ent­schie­den. Frei wur­de wie­der­um zu ei­ner be­ding­ten Geld­stra­fe von 1800 Fran­ken ver­ur­teilt. Zu­dem muss er teil­wei­se für die Ge­richts­kos­ten auf­kom­men und Kess­ler ei­ne re­du­zier­te Ent­schä­di­gung leis­ten. Der laut ei­ge­nen An­ga­ben mit­tel­lo­se Frei hat 30 Ta­ge Zeit, sich vor dem höchs­ten Ge­richt in Lau­sanne ge­gen das Zürcher Ver­dikt zu weh­ren. Ob er das Ur­teil wei­ter­zie­he, sei noch nicht ent­schie­den, sagt Frei.

Ob Ben­ja­min Frei ei­ne Chan­ce vor Bun­des­ge­richt ha­ben wird, sei schwie­rig zu be­ur­tei­len, sagt Mar­tin Stei­ger. «Rein sta­tis­tisch ge­se­hen, sind sei­ne Chan­cen vor dem höchs­ten Ge­richt schlecht.» 2017 sind le­dig­lich et­was über 13 Pro­zent der Be­schwer­den gut­ge­heis­sen wor­den. Stei­ger hofft trotz­dem, dass sich das Bun­des­ge­richt schluss­end­lich der Sa­che an­neh­men wird, dies vor al­lem mit Blick auf den Wahr­heits­be­weis. «Wenn Frei be­wei­sen könn­te, dass die ge­lik­ten Äus­se­run­gen wahr sind, so wä­ren die Li­kes nicht straf­bar.»

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