Iris Ber­ben

SonntagsZeitung - - SONNTAGSGESPRÄCH -

Sie wa­ren 17, als Sie Ih­re Mut­ter an­rie­fen, die in Por­tu­gal leb­te, und sag­ten: Ich weiss jetzt, was ich mit mei­nem Le­ben ma­che, ich ge­he nach Is­ra­el und baue das Land auf. Ih­re Mut­ter war be­geis­tert?

Sie hat sich in den nächs­ten Flie­ger ge­setzt.

Um Sie ins Ge­bet zu neh­men?

Sie fand es be­mer­kens­wert, dass man als jun­ger Mensch die­sen Wunsch ver­spürt. Aber da war na­tür­lich auch der Schutz­me­cha­nis­mus der Mut­ter, die sagt, mach erst mal die Schu­le fer­tig. Es hat nicht all­zu viel ge­nutzt.

Sie ge­hö­ren zur ers­ten Gar­de deut­scher Schau­spie­le­rin­nen, und es küm­mert Sie im­mer noch, dass Sie kei­nen Schul­ab­schluss ha­ben?

Das be­schäf­tigt mich. Man muss es im Kon­text der Zeit se­hen. Es war ja nicht wie heu­te, dass man auf Kin­der und Ju­gend­li­che ein­geht, ih­nen Ant­wor­ten und Er­klä­run­gen gibt. Es ging um star­ren Ge­hor­sam. Für mich war das ein Um­gang, den ich aus mei­nem li­be­ra­len El­tern­haus so nicht kann­te, ge­gen den ich re­bel­liert ha­be. Aber ich kann nicht al­les da­mit ent­schul­di­gen. Ich war wohl auch ein­fach ein pe­ne­tran­tes Kind.

Sie en­ga­gie­ren sich seit Jahr­zehn­ten ge­gen Ras­sis­mus und Aus­län­der­feind­lich­keit, ma­chen auch Le­sun­gen da­zu. Ha­ben Sie die Kund­ge­bun­gen in Chem­nitz und Kö­then über­rascht?

Ich bin im­mer über­rascht von so viel Bru­ta­li­tät und Hass.

Hat sich Ihr Pu­bli­kum im Lau­fe der Jah­re ver­än­dert?

Ich ha­be ja ganz un­ter­schied­li­che Pro­gram­me ge­macht. Ei­ne Pro­duk­ti­on mit den Ta­ge­bü­chern von An­ne Frank und Go­eb­bels wur­de in 47 Thea­tern auf­ge­führt, üb­ri­gens auch in der Schweiz. Das ist heu­te gar nicht mehr mög­lich. Die Häu­ser sa­gen, wir ha­ben das Pu­bli­kum nicht mehr da­für. Na­tür­lich, vie­le wol­len aus ih­rer Be­quem­lich­keits­zo­ne nicht mehr her­aus. Man möch­te das un­be­que­me The­ma der da­ma­li­gen Zeit nicht mehr dis­ku­tie­ren. Aber im Zu­ge des­sen, was wir an po­li­ti­schen Ve­rän­de­run­gen welt­weit se­hen, fin­de ich es be­denk­lich, wie ru­hig wir al­le noch blei­ben. Es gibt aber ei­nen Staf­fel­stab, den je­de Ge­ne­ra­ti­on wei­ter­ge­ben muss, weil man aus der Ge­schich­te, wie wir al­le wis­sen, nichts lern­te und sich ge­wis­se Si­tua­tio­nen heu­te tat­säch­lich wie­der­ho­len.

Woran den­ken Sie?

Ich den­ke dar­an, wie leicht es die Men­schen­fän­ger ha­ben, spe­zi­ell bei uns in der AFD, wie­der mit den glei­chen Mecha­nis­men zu ar­bei­ten. Näm­lich die Ve­r­un­si­che­rung und Un­zu­frie­den­heit von Men­schen prag­ma­tisch und zy­nisch zu be­nut­zen. Ich ver­ste­he Men­schen, die sa­gen, wir füh­len uns heu­te nicht mehr ver­tre­ten von eta­blier­ten Par­tei­en. Ich ver­ste­he, dass man ei­ne Al­ter­na­ti­ve fin­den will. Was ich aber nicht ver­ste­hen kann, ist, dass man sich auf teil­wei­se ra­di­ka­les rech­tes Ge­dan­ken­gut ein­lässt. Es ist wie­der mög­lich, Men­schen ein­zu­fan­gen, in­dem man ih­nen ver­spricht, dass durch Rück­zug ins Na­tio­na­le und das Er­rich­ten von neu­en Mau­ern Si­cher­heit ent­steht. Die­se Men­schen möch­te man al­le an der Hand neh­men und sa­gen: Wor­auf lasst ihr euch da ein!

Stos­sen Sie mit Ih­rem En­ga­ge­ment auch auf Un­ver­ständ­nis?

Ja. Frü­her an­onym, heu­te schämt man sich nicht mehr. Es gibt Leu­te in un­se­rer eta­blier­ten Ge­sell­schafts­schicht von Ärz­ten und Rechts­an­wäl­ten, die sehr lan­ge Ab­hand­lun­gen dar­über schrei­ben, war­um ich mit mei­nem Ge­schichts­ver­ständ­nis fal­schlie­ge.

Sie zäh­len zu den er­folg­reichs­ten Schau­spie­le­rin­nen, wur­den vom Pu­bli­kum re­gel­mäs­sig zur «ero­tischs­ten Frau Deutsch­lands» ge­wählt und sind Prä­si­den­tin der Deut­schen Film­aka­de­mie. Kaum je­mand dürf­te den Stand der #Metoo-de­bat­te bes­ser ein­schät­zen kön­nen.

Es ist ei­ne in­ten­si­ve Dis­kus­si­on, die se­ri­ös und un­auf­ge­regt ge­führt wer­den muss. Was wir wirk­lich nicht brau­chen, ist ei­ne hys­te­ri­sche De­bat­te, in der ein Geist von Denun­zia­ti­on herrscht. Ich war vor kur­zem in Los An­ge­les. Da ist es tat­säch­lich so, dass männ­li­che Schau­spie­ler und Pro­du­zen­ten sa­gen: Ich stei­ge in kei­nen Auf­zug mehr al­lein mit ei­ner Frau. Da geht uns ge­ra­de ganz viel ka­putt. Der gröss­te Teil der Män­ner ar­bei­tet längst auf Au­gen­hö­he mit uns.

Das heisst nicht, dass es kein Pro­blem gibt.

Wir ha­ben ein his­to­ri­sches, struk­tu­rel­les Pro­blem. Das Pa­tri­ar­chat, den Um­gang da­mit und die Selbst­ver­ständ­lich­keit, mit der das im­mer noch teil­wei­se ge­lebt wird. Ich re­de jetzt nicht über se­xu­el­le Über­grif­fe. Da­für gibt es Ge­set­ze, al­so die Mög­lich­keit, das zu ahn­den. Ob­wohl es na­tür­lich auch da ei­ne gros­se Grau­zo­ne gibt. Bei die­ser De­bat­te geht es im Kern um Macht­miss­brauch und dar­um, wie der in Zu­kunft mög­lichst ver­hin­dert wer­den kann. Wir in der Film­aka­de­mie ha­ben mit 16 un­ter­schied­li­chen Ver­bän­den ei­ne Ver­trau­ens­stel­le ge­gen se­xu­el­le Be­läs­ti­gung und Ge­walt ge­grün­det, ei­ne Ar­beits­grup­pe un­ter An­lei­tung von Psy­cho­lo­gen und An­wäl­ten, in der Men­schen aus un­se­rer Bran­che über ih­re Erlebnisse er­zäh­len kön­nen. Wir spü­ren, dass es ein gros­ses Be­dürf­nis gibt, und es gibt viel zu er­zäh­len.

Was ist dran an den Vor­wür­fen, dass männ­li­che Re­gis­seu­re her­um­brül­len, Schau­spie­le­rin­nen und Schau­spie­ler de­mü­ti­gen und run­ter­ma­chen?

Da fängt die Dis­kus­si­on an, eng zu wer­den. Ich ken­ne Re­gis­seu­re, die brül­len, und an­de­re, die in­tro­ver­tiert sind. Ich ken­ne wel­che, die sind ver­let­zend, an­de­re sind but­ter­weich. Das al­les ken­ne ich auch von Frau­en. Was da al­les in die­sem gros­sen Topf von Macht­miss­brauch ver­mischt wird, macht es schwer, ei­ne dif­fe­ren­zier­te und un­auf­ge­reg­te Dis­kus­si­on zu füh­ren. Ich ha­be er­lebt, dass ei­ne jun­ge Kol­le­gin sagt, «aber der hat mich so an­ge­schrien!». Dann sa­ge ich: Das wird dir in dei­nem Le­ben in die­sem Be­ruf noch öf­ter pas­sie­ren. Es ist ganz schwer, zu ver­mit­teln, dass das nicht über­grif­fig sein muss. Ich weiss, wel­che Re­ak­tio­nen kom­men, wenn ich die­se Sät­ze sa­ge. Ich wür­de die Frau­en ver­ra­ten! Wie kann ich das wol­len. Ich ha­be vor ein paar Jah­ren ei­nen Film ge­macht, in dem ich die Spd-po­li­ti­ke­rin Eli­sa­beth Sel­bert ver­kör­pern durf­te, die für den Satz «Män­ner und Frau­en sind gleich­be­rech­tigt» ge­kämpft hat. Wir wis­sen, dass wir da im­mer noch nicht an­ge­kom­men sind. Es muss ei­ne Ve­rän­de­rung statt­fin­den, die ist über­fäl­lig.

In Deutsch­land ist der Na­me von Die­ter We­del auf­ge­taucht, Re­gis­seur und Au­tor, un­ter an­de­rem von «Der gros­se Bell­heim». Auch Sie hat­ten ein un­an­ge­neh­mes Er­leb­nis mit ihm. Sie nen­nen ihn of­fen­bar nur noch «Herr Dok­tor Die­ter Schwan­zwe­del».

Das las­se ich jetzt mal un­kom­men­tiert.

Die Män­ner auf Dis­tanz zu hal­ten: Muss­ten Sie sich das erst an­eig­nen?

Nein. Wenn mir ein Mann die Hand auf die Schul­ter oder auf den Hin­tern ge­legt hat, hab ich ge­sagt: «Schatz, du nicht.» Ich ha­be nie das Ge­fühl ge­habt, dass ich das nicht sa­gen kann. Ich bin in den Sech­zi­ger- und Sieb­zi­ger­jah­ren so­zia­li­siert wor­den, ich bin ei­ne Acht­und­sech­zi­ge­rin! Ich ha­be da­mals ge­lernt, angst­frei zu sein. Ich möch­te, dass jun­ge Frau­en heu­te auch selbst­be­wuss­ter sind und sich die Frei­heit neh­men, für die wir auf die Stras­se ge­gan­gen sind.

Jun­ge Frau­en füh­len sich heu­te zu schnell als Op­fer?

Das kann ich nicht ver­all­ge­mei­nern, will ich auch nicht. Aber na­tür­lich gibts das auch. Ge­ra­de in ei­nem künst­le­ri­schen Be­ruf, der von Ego­ma­nen be­trie­ben ist. Da stellt sich die Fra­ge: Wo ist die Gren­ze der künst­le­ri­schen Frei­heit und Tä­tig­keit? Ich bin fas­sungs­los, dass in Mu­se­en Bil­der ab­ge­hängt wer­den, ich bin fas­sungs­los, dass Fil­me nicht mehr ge­zeigt wer­den dür­fen. Was pas­siert da ge­ra­de? Fal­len wir in die Prü­de­rie zu­rück? Ge­gen die sind wir al­le auf die Stras­se ge­gan­gen. Das kann nicht die Ant­wort auf ei­ne so wich­ti­ge Dis­kus­si­on sein. Gross­ar­ti­ge Ma­ler, Fo­to­gra­fen ste­hen heu­te un­ter Ge­ne­ral­ver­dacht. Das fin­de ich ex­trem ge­fähr­lich.

Sie ka­men eher zu­fäl­lig zum Film, über ei­nen Wg-kol­le­gen. Muss­ten Sie am An­fang je­de Rol­le an­neh­men?

Da wa­ren si­cher Fil­me, von de­nen ich heu­te sa­gen wür­de, die hät­te man jetzt nicht ge­braucht. Aber ich ha­be nie mei­ne See­le ver­kauft.

Die «Pro­to­kol­lan­tin» ist ei­ne Frau, die stän­dig über­se­hen wird. Das dürf­te Ih­nen kaum pas­sie­ren. Sie sind 68 und se­hen fan­tas­tisch aus – wie ma­chen Sie das?

Schau­en Sie sich die Fo­tos zu die­sem In­ter­view an: Ich bin zwei St­un­den ge­schminkt wor­den und ich hat­te rich­tig gu­tes Licht. Das kön­nen Sie ger­ne al­les schrei­ben. Ich glau­be, es hat viel mehr da­mit zu tun, wie man auf Men­schen wirkt. Wie wach und of­fen man ist. Dass man ger­ne lacht – auch über sich sel­ber. Ich ken­ne Mo­men­te, wo ei­ne schö­ne Frau ei­nen vol­len Raum be­tritt. Wenn sie sonst nichts vor­zu­wei­sen hat, ist sie nach zwei Mi­nu­ten ver­ges­sen.

Wann ist in Ih­rem Be­ruf der rich­ti­ge Zeit­punkt auf­zu­hö­ren?

Wenn die Lei­den­schaft er­lischt. Was ich mir über­haupt nicht vor­stel­len kann. Ich kann ja auch nichts an­de­res, aus­ser ko­chen und Au­to fah­ren.

Sie sind 17 Jah­re oh­ne Aus­weis her­um­ge­fah­ren.

Dar­um bin ich heu­te ja auch so froh, dass ich ei­nen ha­be.

Fah­ren Sie im­mer noch ei­nen Por­sche?

Ja. In­nen rot, aus­sen sil­ber. Die be­rühm­te Nach­ah­mung von Ja­mes De­ans Au­to.

Ha­ben Sie in Ih­rem Le­ben et­was nicht ge­tan, das Sie nicht mehr nach­ho­len kön­nen?

Es kam mal der Ge­dan­ke, «ach, so ei­ne Hor­de Kin­der...» Es wä­re schon schön, man hät­te übe­r­all auf der Welt ein paar sit­zen. Aber das sind Lu­xus­ge­dan­ken. Ich ha­be ei­nen wun­der­ba­ren Sohn, und er und sei­ne Fa­mi­lie ma­chen mich ex­trem glück­lich.

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