Ein al­les um­fas­sen­des Whist­leb­lo­wer-ge­setz

SonntagsZeitung - - STANDPUNKTE - Andre­as Brun­ner

«Dem Schwa­chen ist sein St­a­chel auch ge­ge­ben» (Schil­ler, «Wil­helm Tell»).

Whist­leb­lo­wing ist ein sol­cher St­a­chel. Men­schen, die Miss­stän­de in ei­ner Fir­ma oder ei­ner Be­hör­de öf­fent­lich ma­chen, ha­ben es nie leicht. Sie wer­den von vie­len noch im­mer als Ver­rä­ter wahr­ge­nom­men. Der Whist­leb­lo­wer – ob­schon me­di­al teils als «Held» ge­fei­ert – ist stets in der schwä­che­ren und ri­si­ko­be­las­te­te­ren Po­si­ti­on (Mob­bing, Straf­an­zei­ge, Kün­di­gung) als sein Ar­beit­ge­ber.

Gleich­wohl könn­te auf Bun­des­ebe­ne ei­ni­ges zum Schutz von Whist­leb­lo­wern ge­tan wer­den.

Seit zehn Jah­ren wer­keln Bun­des­rat und Par­la­ment an ent­spre­chen­den Vor­schlä­gen. Weit­ge­hend un­be­ach­tet über­wies der Bun­des­rat am 21.Sep­tem­ber 2018 sei­ne zwei­te Bot­schaft an das Par­la­ment. Mit der vor­ge­schla­ge­nen Er­gän­zung des Ar­beits­ver­trags­rechts (Ob­li­ga­tio­nen­recht) wird im De­tail ge­re­gelt, in wel­chen Fäl­len ei­ne Mel­dung zu­läs­sig ist, und es wird das Mel­de­ver­fah­ren fest­ge­legt. Dies dient auch den Ar­beit­ge­bern. Wei­ter wird ge­setz­lich ver­an­kert, dass die im An­schluss an ei­ne recht­mäs­si­ge Mel­dung er­folg­te Kün­di­gung miss­bräuch­lich ist und zu ei­ner Ent­schä­di­gung führt.

Die Vor­la­ge lei­det al­ler­dings an ei­nem er­heb­li­chen Man­gel:

Sie be­trifft aus­schliess­lich das pri­vat­recht­li­che Ar­beits­ver­hält­nis, nicht aber das öf­fent­lich-recht­li­che An­stel­lungs­ver­hält­nis. Der Bun­des­rat ver­zich­tet be­wusst auf den Er­lass ei­nes Spe­zi­al­ge­set­zes ana­log dem Gleich­stel­lungs­ge­setz, das den pri­va­ten und den öf­fent­li­chen Be­reich des Ar­beits­rechts um­fasst. Das ist un­be­frie­di­gend, soll­te doch al­len Whist­leb­lo­wern schweiz­weit der glei­che Schutz zu­kom­men, und es soll­te ein ein­heit­li­ches Vor­ge­hen im Hin­blick auf Mel­de­pflich­ten und Mel­de­rech­te gel­ten. Ein wei­te­rer Man­gel: Wenn sich Mit­ar­bei­ten­de in­ner­halb ei­ner Fir­ma oder ei­nes Am­tes kein Ge­hör ver­schaf­fen kön­nen und da­her an die Öf­fent­lich­keit ge­lan­gen, re­agie­ren Ar­beit­ge­ber nicht sel­ten mit ei­ner Straf­an­zei­ge, z.b. we­gen Ver­let­zung des Ge­schäfts-, Be­rufs- oder Amts­ge­heim­nis­ses, was auch schon zu Ver­ur­tei­lun­gen führ­te. Ei­ne par­la­men­ta­ri­sche Initia­ti­ve aus dem Jah­re 2012 ver­langt Straf­lo­sig­keit, so­fern hö­he­re be­rech­tig­te In­ter­es­sen wahr­ge­nom­men wur­den (ge­setz­li­cher Recht­fer­ti­gungs­grund). Ob­wohl Na­tio­nalund Stän­de­rat der Initia­ti­ve Fol­ge ge­ge­ben bzw. ihr zu­ge­stimmt ha­ben, düm­pelt die Sa­che vor sich hin. Der Na­tio­nal­rat be­ab­sich­tigt bis 2020 ei­nen Er­las­sent­wurf vor­zu­le­gen. Wä­re es nicht ziel­füh­ren­der, auch die­se Fra­ge ein­heit­lich zu re­geln und ein Spe­zi­al­ge­setz, ein al­le Aspek­te be­rück­sich­ti­gen­des «Whist­leb­lo­wing-ge­setz» zu er­las­sen?

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