Wenn man sich das Ver­sa­gen ver­sagt

Wie kann es sein, dass jun­ge An­ge­stell­te aus­ge­brann­ter sind als äl­te­re? Sie set­zen sich un­nö­tig un­ter Druck, fin­det Fran­zis­ka Koh­ler

SonntagsZeitung - - STANDPUNKTE - Fran­zis­ka Koh­ler,

Die Schweiz ist ein glück­li­ches Land, sagt die UNO. Die­ses Jahr lan­de­te sie beim «World Hap­pi­ness Re­port» auf Platz 5. Nur in Finn­land, Nor­we­gen, Dä­ne­mark und Is­land geht es den Men­schen noch bes­ser.

Die Schweiz ist ein ge­stress­tes Land, sa­gen drei neue Stu­di­en. Sie zeich­ne­ten letz­te Wo­che ein un­heil­vol­les Bild vom Zu­stand der Schwei­zer Ge­sell­schaft. Je­der Fünf­te steckt in ei­nem psy­chi­schen Tief. Haupt­grund: Stress und Über­las­tung. Je­der vier­te An­ge­stell­te ist bei der Ar­beit über­for­dert, und je­der drit­te fühlt sich emo­tio­nal er­schöpft.

Ja, was denn nun? Wie kann es sein, dass wir zu den Glück­se­ligs­ten der Welt ge­hö­ren, aber gleich­zei­tig bei der Ar­beit über­for­dert sind? Und wie kann es sein, dass die Jun­gen, die erst seit kur­zem im Ar­beits­le­ben ste­hen, be­son­ders lei­den? Denn das tun sie, auch das zei­gen die Stu­di­en. 18bis 39-Jäh­ri­ge ge­ben öf­ter an, dass es ih­nen nicht gut geht. Sie sind aus­ge­brann­ter, wer­den durch be­ruf li­che und pri­va­te Schwie­rig­kei­ten stär­ker her­aus­ge­for­dert. Sie füh­len sich so­gar gleich häu­fig durch kör­per­li­che und see­li­sche Pro­ble­me be­las­tet wie Äl­te­re, ob­wohl sie doch ei­gent­lich fit­ter sein müss­ten.

Vie­le Äl­te­re hat­ten es in ih­rem Be­rufs­le­ben wohl ein­fa­cher als die Jun­gen heu­te. Die Ar­beits­welt ist rau­er ge­wor­den in den letz­ten Jah­ren. Die Kon­kur­renz nimmt zu, vie­le Bran­chen wer­den von der Glo­ba­li­sie­rung und neu­en Tech­no­lo­gi­en über­rollt. All­zu vie­le Fir­men re­agie­ren dar­auf mit Pa­nik. Sie spa­ren, wo im­mer es geht. Sie re­di­men­sio­nie­ren und struk­tu­rie­ren um – oh­ne zu wis­sen, was in den nächs­ten Jah­ren auf sie zu­kommt. So lau­fen sie Ge­fahr, die Res­sour­cen zu zer­stö­ren, die in Zu­kunft am wich­tigs­ten sein wer­den: die Krea­ti­vi­tät und die Leis­tungs­be­reit­schaft ih­rer Mit­ar­bei­ter.

Die Jun­gen aber lei­den nicht nur dar­un­ter. Sie sind sel­ber Teil des Pro­blems. Ge­bo­ren zwi­schen 1980 und 2000, wuch­sen sie in ei­ner Zeit auf, in der al­les mög­lich schien. Schliess­lich war es für ih­re El­tern, die wäh­rend des Wirt­schafts­booms nach dem Zwei­ten Welt­krieg er­wach­sen wur­den, im­mer nur auf­wärts­ge­gan­gen. War­um soll­te es bei ih­nen an­ders sein? Sie lern­ten, dass man al­les er­rei­chen kann im Le­ben – so­lan­ge man nur will.

«Das Pro­blem der Jun­gen ist nicht, dass sie faul und ver­weich­licht sind, wie ih­nen oft nach­ge­sagt wird»

Nun wol­len vie­le eben das, sie wol­len al­les er­rei­chen, und set­zen sich da­mit sel­ber un­ter Druck. Sie möch­ten sich im Job ver­wirk­li­chen, aber trotz­dem ei­ne gu­te Work-life­ba­lan­ce ha­ben. Sie möch­ten ei­ne an­spruchs­vol­le, sinn­vol­le Ar­beit, aber trotz­dem kei­ne Über­stun­den schie­ben. Sie möch­ten ei­ne Fa­mi­lie grün­den, für ih­re Kin­der da sein und sie auf­wach­sen se­hen, aber trotz­dem den An­schluss im Bü­ro nicht ver­lie­ren. Sie möch­ten rei­sen und das Le­ben ge­nies­sen, aber trotz­dem im Al­ter fi­nan­zi­ell ab­ge­si­chert sein.

Das Pro­blem der Jun­gen ist nicht, dass sie faul und ver­weich­licht sind, wie ih­nen oft nach­ge­sagt wird. Son­dern, dass sie der­art ho­he An­sprü­che an sich stel­len. Vi­el­leicht soll­ten sie sich ein­ge­ste­hen, dass eben doch nicht al­les mög­lich ist. Dass es in Ord­nung ist, zwi­schen­durch zu ver­sa­gen, nicht das per­fek­te Le­ben zu le­ben. Und sich da­für ein­fach mal ent­span­nen.

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