«Ei­ne Ro­lex kann um die Welt rei­sen, ein Mensch nicht»

Der Fo­to­graf Oli­vie­ro To­sca­ni mach­te einst die Schock-wer­bung für Be­net­ton. Jetzt kehrt er zur Mo­de­mar­ke zu­rück – und pro­vo­ziert er­neut

SonntagsZeitung - - WIRTSCHAFT - Tho­mas Fromm

Wahr­schein­lich wür­de ihn draus­sen auf der Stras­se kaum je­mand er­ken­nen: den 76-jäh­ri­gen Mann mit der ro­ten Ho­se und der ver­wa­sche­nen Je­ans­ja­cke. Die Schock­fo­tos ei­nes Aids­kran­ken und blu­ti­ger Mi­li­tär­hem­den aber, die Oli­vie­ro To­sca­ni in den 80er­und 90er-jah­ren für die Mo­de­mar­ke Be­net­ton ge­macht hat, sind le­gen­där. Im Jahr 2000 ver­liess er Be­net­ton, ar­bei­te­te bei ei­ner Zeit­schrift und ver­öf­fent­lich­te Bü­cher. Nun folgt das Come­back.

Sie ha­ben in ei­nen Hof in der Tos­ka­na in­ves­tiert, wo Sie Rot­wein und Öl an­bau­en und Pfer­de züch­ten. In­ves­ti­tio­nen an den Fi­nanz­märk­ten in­ter­es­sie­ren Sie nicht?

Ich bin noch nie in ei­ne Bank ge­gan­gen, um dort Ge­schäf­te zu ma­chen. Ich weiss gar nicht, wie das funk­tio­niert.

Mö­gen Sie kei­ne Ban­ken?

Ich woll­te ein­fach nur nie ein­tau­chen in die­se Ge­dan­ken­welt der Ban­ken. Erst Geld ver­die­nen, dann Geld in­ves­tie­ren – das in­ter­es­siert mich nicht. Ich ha­be heu­te An­ge­stell­te, die das für mich ma­chen. Ich be­kom­me mei­ne Kre­dit­kar­te und bin glück­lich da­mit. Ich ha­be auch noch nie ei­ne Rech­nung für Strom oder Hei­zung be­zahlt, ich weiss gar nicht, wie das geht. Wahr­schein­lich kos­tet mich das al­les sehr viel, ich weiss es nicht. Aber ich füh­le mich frei – ich ha­be ab­so­lut kei­nen Be­zug zum Geld.

Was wa­ren Ih­re ers­ten Fo­tos?

Als Kind ha­be ich mei­ne Ma­ma zu Hau­se fo­to­gra­fiert. Und dann bin ich mit mei­nem Va­ter zu Fuss­ball­spie­len ge­gan­gen, wo er fo­to­gra­fiert hat. Er war Fo­to­jour­na­list in Mai­land, und ich war mit da­bei.

Und wie sind Sie dann Pro­fi­fo­to­graf ge­wor­den?

Mit­hil­fe mei­nes Va­ters. Der hat ir­gend­wann zu mir ge­sagt: Hör zu, wenn du Fo­to­graf wer­den willst, dann darfst du nicht im­pro­vi­sie­ren, so wie ich es ge­macht ha­be. Es ist bes­ser, wenn du das rich­tig lernst. So bin ich auf die Kunst­ge­wer­be­schu­le in Zü­rich ge­gan­gen und hat­te dort Leh­rer, die aus der Bau­haus-tra­di­ti­on ka­men. Das war gross­ar­tig.

Und dann kam der gros­se Sprung ins Gla­mour-le­ben, Sie wur­den Mo­de­fo­to­graf!

Ich ha­be an­ge­fan­gen, in­dem ich das Le­ben mei­ner Ge­ne­ra­ti­on fo­to­gra­fiert ha­be. Rock ’n’ Roll, Mu­sik und Mi­ni­rö­cke. Ich ha­be viel für aus­län­di­sche Ma­ga­zi­ne ge­ar­bei­tet, für den «Stern», für «El­le», «Vo­gue», «Har­per’s Ba­zaar». Und so bin ich als Re­por­ter dann zur Mo­de ge­kom­men. Mo­de in­ter­es­siert mich heu­te al­ler­dings über­haupt nicht mehr, weil es da­bei nur noch um wirt­schaft­li­ches Kal­kül geht und nicht mehr dar­um, so­zia­le Ent­wick­lun­gen zu zei­gen wie frü­her.

Ih­re Bil­der für Be­net­ton hat­ten mit Mo­de we­nig zu tun. Sie zeig­ten Aids­kran­ke oder ma­ger­süch­ti­ge Mo­dels. Wie ka­men Sie dar­auf?

Lu­cia­no Be­net­ton rief mich ei­nes Ta­ges an und frag­te, ob ich für ihn ar­bei­ten will. Wir hat­ten da­mals viel über ak­tu­el­le Pro­ble­me ge­spro­chen. Ich weiss ja ei­gent­lich über­haupt nichts von Wer­bung – Wer­be­leu­te sind oft ein­fach nur Kol­la­bo­ra­teu­re der Heu­che­lei, und so et­was woll­te ich nicht.

Ak­ti­vis­ten rie­fen da­mals da­zu auf, Be­net­ton-pro­duk­te zu boy­kot­tie­ren. Am En­de hat das dem Un­ter­neh­men mehr ge­hol­fen als ge­scha­det, oder?

Na­tür­lich, Be­net­ton ist ei­nes der be­kann­tes­ten Mo­de­la­bels der Welt ge­wor­den.

War­um ha­ben Sie sich 2000 von Be­net­ton ge­trennt?

Die Jah­re wa­ren wich­tig für mich. Aber die Be­net­ton-fo­tos wa­ren ja in ers­ter Li­nie To­sca­ni-fo­tos, kei­ne Be­net­ton-fo­tos. Man soll den Mut ha­ben auf­zu­hö­ren, wenn es rich­tig gut läuft.

Seit ein paar Mo­na­ten ar­bei­ten Sie wie­der für Be­net­ton. Aus rei­ner Nostalgie?

Frü­her wä­re das nicht mög­lich ge­we­sen, dass ei­ner wie ich mit 76 Jah­ren noch ein­mal ge­ru­fen wird. Auch Lu­cia­no Be­net­ton war zehn Jah­re lang raus und ist jetzt mit 83 Jah­ren wie­der im Un­ter­neh­men, weil es da zu­letzt nicht mehr so gut lief. Jetzt schau­en wir mal, was wir da ma­chen kön­nen. In sol­chen Krea­ti­vjobs gibt es kei­ne Ga­ran­ti­en.

In Ih­rer Wer­bung für die neue Be­net­ton-kol­lek­ti­on sind die Män­ner und Frau­en nackt und stel­len un­ter­schied­li­che eth­ni­sche Grup­pen dar. In Ita­li­en wird schon wie­der hef­tig dar­über dis­ku­tiert. Ha­ben Sie da­mit ge­rech­net?

Su­bi­to po­le­mi­ca, so­fort Streit! Man strei­tet schon wie­der über Wer­bung, in der jun­ge Men­schen ver­schie­de­ner Na­tio­na­li­tä­ten ge­zeigt wer­den. Wis­sen Sie, dass ich sechs Kin­der von drei Ehe­frau­en ha­be? Ich ha­be auch 14 En­kel – das macht 23 Per­so­nen ins­ge­samt. Al­le ha­ben den ita­lie­ni­schen Pass, aber al­le ha­ben auch noch ir­gend­ei­nen aus­län­di­schen Pass. In mei­nem Haus geht es zu wie bei den Ver­ein­ten Na­tio­nen. Ame­ri­ka­ner, Fran­zo­sen, Nor­we­ger, En­g­län­der, al­les. Das ist vor al­lem dann in­ter­es­sant, wenn wir über Po­li­tik re­den.

Da gibt es ja ge­ra­de ge­nug The­men. Die ita­lie­ni­sche Re­gie­rung fährt ei­nen har­ten Kurs ge­gen Flücht­lin­ge und Eu­ro­pa. In­nen­mi­nis­ter Mat­teo Sal­vi­ni in­sze­niert sich als knall­har­ter Ret­ter Ita­li­ens.

Der Ar­me hat noch nicht ver­stan­den, dass die Zu­kunft auf dem Spiel steht. Wir wer­den so lan­ge nicht an­stän­dig sein, bis wir die Frei­heit der Men­schen, sich zu be­we­gen, nicht ge­klärt ha­ben. Ich sa­ge im­mer: Ei­ne Ro­lex kann frei rund um den Glo­bus rei­sen, sie ist so­gar übe­r­all auf der Welt sehr will­kom­men. Ich als Mensch kann das nicht. Ein Pro­dukt darf, ein Mensch nicht – un­glaub­lich, oder?

In Ita­li­en hat ei­ne Ro­lex zur­zeit wohl bes­se­re Chan­cen als ein Flücht­ling. Im Au­gust ver­wehr­te die Re­gie­rung ei­nem Flücht­lings­schiff lan­ge die Ein­rei­se in ei­nen ita­lie­ni­schen Ha­fen. Sal­vi­ni macht Ernst.

Wis­sen Sie, dass ich zwei Ge­richts­ver­fah­ren mit Sal­vi­ni ha­be, un­ter an­de­rem we­gen Be­lei­di­gung? Es geht da­bei auch um ein Bild auf ei­nem «Time»-co­ver, und ich ha­be ge­sagt: Das ist das Ge­sicht ei­nes Ver­ge­wal­ti­gers, der sich ge­ra­de von sei­nem Op­fer ge­löst hat.

Und das hat dem In­nen­mi­nis­ter nicht ge­fal­len.

Na­tür­lich nicht. Er hat mich ver­klagt. Wis­sen Sie: Mein Gross­va­ter, der ein So­zia­list war, sag­te im­mer, dass der ita­lie­ni­sche Dik­ta­tor Be­ni­to Mus­so­li­ni der Dik­ta­tor der Kre­tins ist. Und des­we­gen sa­ge ich den Rich­tern: Ich möch­te ger­ne, dass al­les auf ei­nem Blatt Pa­pier fest­ge­hal­ten wird. Ich möch­te, dass mei­ne En­kel spä­ter ein Blatt Pa­pier in der Hand hal­ten kön­nen, auf dem steht: Mein Opa hat schon ge­sagt, dass Sal­vi­ni ein Idi­ot ist. Ich bin si­cher, dass sie dar­auf sehr stolz wä­ren. Wenn wir jetzt nicht re­agie­ren, wer­den wir zu Mit­läu­fern. Wir müs­sen Wi­der­stand leis­ten!

Fo­to: Laif/keysto­ne

«Su­bi­to po­le­mi­ca, so­fort Streit!»: Oli­vie­ro To­sca­ni

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