Spä­te Ant­wort aus Af­fal­ter­bach

Mer­ce­des-benz bie­tet dem Por­sche Pan­ame­ra end­lich die Stirn. Der AMG GT 4-Tü­rer Cou­pé soll so­wohl all­tags- wie renn­stre­ck­en­taug­lich sein

SonntagsZeitung - - AUTO - Da­ve Schnei­der pro Ki­lo­me­ter

Et­was sper­rig ist er schon. Nein, nicht der neue Sport­wa­gen von Mer­ce­des-amg, der fährt sich al­les an­de­re als sper­rig. Es ist viel mehr des­sen Na­men, der nur schwer über die Lip­pen kommt: AMG GT 4-Tü­rer Cou­pé heisst die­ses Fünf­me­ter-fahr­zeug. Die­se Be­zeich­nung ist we­der sport­lich noch se­xy, ob­wohl die­se Ad­jek­ti­ve sonst so gut zu die­sem Au­to pas­sen. Es klingt viel eher nach ei­nem schlich­ten Mo­dell­de­ri­vat, was ja ir­gend­wie auch zu­trifft. Und doch ist der neus­te AMG viel mehr.

Als Daim­ler-chef Die­ter Zet­sche, der die ope­ra­ti­ve Füh­rung des schwä­bi­schen Her­stel­lers im kom­men­den Jahr an Ola Käl­le­ni­us über­ge­ben wird, die Not­wen­dig­keit die­ses neu­en Mo­dells am Gen­fer Sa­lon im März um­schrieb, un­ter­lief ihm ein klei­ner Faux­pas. «Wer bis­her 100 Pro­zent AMG woll­te, der muss­te 50 Pro­zent der Fa­mi­lie zu Hau­se las­sen», sag­te der cha­ris­ma­ti­sche Schnauz­trä­ger, und woll­te da­mit dar­auf hin­wei­sen, dass nur die zwei­plät­zi­gen Su­per­sport­wa­gen kom­plet­te Ei­gen­ent­wick­lun­gen der sport­li­chen Toch­ter aus Af­fal­ter­bach sei­en. Dass Zet­sche mit die­ser Aus­sa­ge al­le Be­sit­zer von an­de­ren Amg-mo­del­len – von A- bis Sklas­se – ein we­nig be­lei­digt hat, war be­stimmt un­ge­wollt.

Seis drum. Die­ses Di­lem­ma, in ei­nem rein­ras­si­gen Amg-sport­wa­gen nur zwei Sit­ze und kaum Kof­fer­raum zu ha­ben, wur­de in­zwi­schen ge­löst. Der neue AMG GT 4-Tü­rer Cou­pé ist die spä­te Ant­wort auf den Por­sche Pan­ame­ra, der in die­sem Ni­schen­seg­ment der sport­li­chen Lu­xus­li­mou­si­nen oder eben der lu­xu­riö­sen Sport­li­mou­si­nen ton­an­ge­bend ist. Eben­falls zu die­ser Rie­ge zäh­len die et­was in die Jah­re ge­kom­me­nen As­ton Mar­tin Ra­pi­de und Ma­se­ra­ti Quat­tro­por­te so­wie al­len­falls der neue Au­di A7 Sport­back, des­sen Sport­ver­si­on RS7 al­ler­dings noch nicht vor­ge­stellt wur­de.

Vier Tü­ren al­so und ent­spre­chend Platz für Pas­sa­gie­re im Fond wa­ren die Vor­ga­ben. Im AMG GT 4-Tü­rer Cou­pé sind für die zwei­te Sitz­rei­he drei Kon­fi­gu­ra­tio­nen wähl­bar, von zwei Ein­zel­sit­zen oh­ne um­klapp­ba­re Leh­nen über ei­ne um­leg­ba­re Rück­bank für drei Per­so­nen bis hin zur High-class­va­ri­an­te mit zwei feu­da­len Ein­zel­sit­zen und ei­ner Mit­tel­kon­so­le mit in­te­grier­tem Touch­pad-dis­play, Steck­do­se, Usb-an­schlüs­sen und vie­lem mehr. Das Kof­fer­raum­vo­lu­men von 456 bis ma­xi­mal 1324 Li­tern reicht für den All­tag völ­lig aus.

Den Test auf dem Cir­cuit of The Ame­ri­cas hat er be­stan­den

Der neue Vier­tü­rer ba­siert aber kei­nes­wegs auf dem zwei­sit­zi­gen AMG GT, wie der Na­me ver­mu­ten lässt. Es steckt viel mehr der Eklas­se oder des CLS dar­in, mit klas­si­schem An­triebs­lay­out statt der Tran­sax­le-bau­wei­se mit Ge­trie­be an der Hin­ter­ach­se. Er­kenn­bar ist die Ver­wandt­schaft mit die­sen Mo­del­len aber höchs­tens an den bei­den rie­si­gen Bild­schir­men im Cock­pit, ab­ge­se­hen da­von ist der In­nen­raum ei­ne ge­lun­ge­ne Mi­schung aus bei­den Wel­ten: edel und lu­xu­ri­ös, mit sport­li­chen An­lei­hen aus dem zwei­tü­ri­gen GT. Das Chas­sis wur­de von den Ent­wick­lern mit ei­nem in­tel­li­gen­ten Ma­te­ri­al­mix, der die Ver­win­dungs­stei­fig­keit er­höht, das Ge­wicht ver­rin­gert und die Crash­si­cher­heit ver­bes­sert, auf renn­stre­ck­en­taug­lich ge­trimmt. Das war ei­ne der Vor­ga­ben für die­ses Mo­dell, näm­lich: «Die über­zeu­gen­de Renn­stre­cken­dy­na­mik un­se­rer zwei­tü­ri­gen Sport­wa­gen mit höchs­ter All­tags­taug­lich­keit zu ver­bin­den», wie es AMG-CHEF Tobias Mo­ers um­schreibt.

Und renn­stre­ck­en­taug­lich ist der AMG GT 4-Tü­rer Cou­pé tat­säch­lich, das ha­ben die Pres­se­test­fahr­ten auf der For­mel-1-stre­cke Cir­cuit of The Ame­ri­cas in Te­xas ein­drück­lich be­wie­sen. Ne­ben dem stei­fen Chas­sis, der aus­ge­klü­gel­ten Ae­ro­dy­na­mik mit ei­nem sich au­to­ma­tisch auf die Fahr­si­tua­ti­on ein­stel­len­den Heck­flü­gel, dem voll­va­ria­blen All­rad­an­trieb, mit der erst­mals in ei­nem Amg-mo­dell ein­ge­setz­ten All­rad­len­kung und na­tür­lich den bä­ren­star­ken An­trie­ben sind es auch die aus­ge­wo­ge­ne Ba­lan­ce, das da­mit ver­bun­de­ne ein­fa­che Hand­ling und die kom­pro­miss­lo­sen Brem­sen, die über­zeu­gen. Di­ver­se Fahr­mo­di ver­än­dern den Cha­rak­ter des Vier­tü­rers, von der kom­for­ta­blen All­tags­li­mou­si­ne bis hin zum bra­chia­len Su­per­sport­ler. Dass kaum ei­ner der künf­ti­gen Be­sit­zer je mit sei­nem GT 4-Tü­rer über ei­ne Renn­stre­cke ja­gen wird, ist ne­ben­säch­lich – man könn­te, wenn man woll­te. Denn wer das vol­le Po­ten­zi­al die­ses Mo­dells – vor al­lem der Top­ver­sio­nen – er­le­ben will, muss sich auf ei­nem Rund­kurs aus­to­ben.

Bei den An­trie­ben hat der Kun­de die Wahl zwi­schen dem neu­en 3-Li­ter-rei­hen­sechs­zy­lin­der mit Tur­bo­la­der und elek­tri­schem Zu­satz­ver­dich­ter in zwei Leis­tungs­stu­fen (367 oder 435 PS) oder dem be­kann­ten 4-Li­ter-v8 mit 558 oder 639 PS. Die Ein­stiegs­mo­to­ri­sie­rung ist auch mit Heck­an­trieb er­hält­lich, an­sons­ten sind der All­rad­an­trieb 4Ma­tic+ und ein blitz­schnell schal­ten­des 9-Stu­fen-au­to­ma­tik­ge­trie­be Stan­dard. Die Sechs­zy­lin­der sind mit ei­nem 48-Volt-bord­netz mit Star­ter­ge­ne­ra­tor (EQ Boost) aus­ge­rüs­tet, der aus dem Stand bis zu 22 PS und 250 New­ton­me­tern zur Ver­fü­gung stellt und so das Tur­bo­loch über­brückt. Im Acht­zy­lin­der sor­gen zwei Twin-scroll-tur­bo­la­der für ge­nü­gend Schub qua­si aus dem Stand so­wie ei­ne Zy­lin­der­ab­schal­tung für ei­nen ge­mäs­sig­ten Ver­brauch.

Wenn der AMG GT 4-Tü­rer Cou­pé im De­zem­ber zu Prei­sen von 124 900 bis 220 900 Fran­ken auf den Markt kommt, tritt er so­wohl ge­gen die er­wähn­ten Kon­kur­ren­ten als auch ge­gen die Amg-va­ri­an­ten des CLS so­wie der Cou­pé­ver­sio­nen von E- und S-klas­se an. Dem zwei­plät­zi­gen Na­mens­ge­ber AMG GT wird der neue 4-Tü­rer hin­ge­gen nicht in die Que­re kom­men – wer ei­nen kom­pro­miss­lo­sen Su­per­sport­wa­gen will, wird wei­ter­hin den Zwei­tü­rer be­vor­zu­gen.

In der sport­li­chen Lu­xus­li­mou­si­ne AMG GT4-Tü­rer Cou­pé hat die gan­ze Fa­mi­lie Platz

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