Von küh­nen Stör­chen und al­ten Tan­ten

Sonn­tags­aus­flug ins Flie­ger-flab-mu­se­um in Düben­dorf, das be­we­gen­de Ge­schich­ten aus der Mi­li­täravia­tik er­zählt

SonntagsZeitung - - REISEN - Da­ni­el J. Schüz

Der Schöns­te ist er nicht, er ist nicht der Gröss­te und schon gar nicht der Schnells­te. Dem Fie­seler Storch, der sei­nen Na­men sei­nem lang­bei­ni­gen Fahr­ge­stell und dem deut­schen Kon­struk­teur Ger­hard Fie­seler ver­dankt, ge­bührt ein an­de­rer Su­per­la­tiv: Von rund 50 Ex­po­na­ten, die im Flie­ger-flab-mu­se­um am Pis­ten­rand des Flug­plat­zes Düben­dorf ZH die Ge­schich­te der Mi­li­täravia­tik zu­sam­men­fas­sen, ist das Klein­flug­zeug das in­ter­es­san­tes­te Flug­ge­rät. Der «Storch» ist am 24. No­vem­ber 1946 zum «Held vom Gau­li» ge­wor­den.

Fünf Ta­ge zu­vor hat­te sich ei­ne Da­ko­ta DC 3 über dem Ber­ner Ober­land ver­flo­gen. Ein glück­li­cher Zu­fall woll­te es, dass die Us­mi­li­tär­ma­schi­ne, als sie die Wol­ken­de­cke durch­brach, un­mit­tel­bar über dem Gau­liglet­scher im Ber­ner Ober­land ein­schweb­te. Al­le zwölf In­sas­sen über­leb­ten, zum Teil schwer ver­letzt, die Bruch­lan­dung auf dem Eis. Na­he­zu ei­ne Wo­che muss­ten sie aus­har­ren, bis Hil­fe kam. Zwei Fie­seler Stör­che stie­gen auf; sie wag­ten, mit Ski un­term Fahr­ge­stell, das küh­ne Lan­de­ma­nö­ver auf dem Eis, und sie schaff­ten es, zwi­schen den Glet­scher­spal­ten wie­der ab­zu­he­ben. So wur­de ein Pas­sa­gier nach dem an­de­ren in Si­cher­heit gef lo­gen, be­vor der Win­ter sein weis­ses Tuch über das Flug­zeug­wrack zog.

Das Wun­der vom Gau­li war der Auf­takt zur Ge­schich­te der al­pi­nen Luf­tret­tung.

Vom Hun­ter über die Ve­nom bis zur Mi­ra­ge

Ei­ner der bei­den Fie­seler Stör­che – er trägt die amt­li­che Be­zeich­nung A97 – steht, noch im­mer f lug­taug­lich, in der Hal­le 8 je­nes Mu­se­ums, das nicht nur Avia­tik­fans ma­gisch an­zieht. Die be­ein­dru­cken­de Samm­lung be­ginnt mit dem de­tail­ge­treu­en Nach­bau von Lou­is Blé­ri­ots Ein­de­cker: Vor bald 110 Jah­ren hat der Fran­zo­se mit die­ser Kon­struk­ti­on zum ers­ten Mal den Är­mel­ka­nal über­quert. Die Nach­bar­hal­le ist der Ära der Dü­sen­jä­ger ge­wid­met. Hier kann man den un­ver­ges­se­nen Hun­ter be­wun­dern, die Ve­nom und auch den skan­dal­um­wit­ter­ten Ab­fang­jä­ger Mi­ra­ge. Wei­te­re Hal­len bie­ten ei­nen na­he­zu voll­stän­di­gen Über­blick auf Flab-ge­schüt­ze und Flug­zeug­mo­to­ren. Dar­über hin­aus kann man sich ins en­ge Cock­pit ei­ner Ve­nom zwän­gen. Oder im Flug­si­mu­la­tor ei­gen­hän­dig Steu­er­knüp­pel und Schub­reg­ler be­die­nen – wahl­wei­se im Pi­la­tus-por­ter, in der Bo­eing 737, im F/A-18 oder im Mi­ra­ge-iii-jä­ger, der mit dop­pel­ter Schall­ge­schwin­dig­keit über das Schwei­zer Mit­tel­land düst – in zwan­zig Mi­nu­ten vom Bo­den­see bis zum Lac Lé­man. Das Flie­ger-flab-mu­se­um ist ei­nes von meh­re­ren Stand­bei­nen des Düben­dor­fer Air Force Cen­ter. Das an­de­re, die Ju-air, hat noch bis vor kur­zem mit drei f lie­gen­den Old­ti­mern vom Typ Ju-52 Nost­al­gieflü­ge durch­ge­führt.

Ju-52-un­fall­ma­schi­ne könn­te bald er­setzt wer­den

«Mit der Ju ist al­les mög­lich», weiss Air-force-cen­ter-grün­dungs­mit­glied und Mu­se­ums­füh­rer Man­fred Hil­de­brand. «Vom Al­pen­rundf lug über ei­nen Event-char­ter-trip in die Wüs­te bis zur At­lan­tik­über­que­rung auf der al­ten Is­land-hop­per­rou­te.» Der­zeit brum­men al­ler­dings nur noch zwei Ex­em­pla­re der «Tan­te Ju» – so der Spitz­na­me der Ju-52 – übers Land; das drit­te ist vor zwei Mo­na­ten nach 82 un­fall­frei­en Jah­ren ab­ge­stürzt und beim Piz Seg­nas ob Flims zer­schellt. Kei­ner der 20 In­sas­sen hat das Un­glück über­lebt. Auch wenn des­sen Ur­sa­che of­fi­zi­ell noch nicht ge­klärt ist, liegt die Ver­mu­tung na­he, dass die Som­mer­hit­ze die Mo­to­ren­leis­tung be­ein­träch­tigt hat.

Es mag wie ei­ne Iro­nie des Schick­sals an­mu­ten, dass die al­ten Flug­zeu­ge in den ver­gan­ge­nen Mo­na­ten Schlag­zei­len mach­ten und in den kom­men­den Mo­na­ten wie­der zu re­den ge­ben wer­den. Denn die­sel­be Som­mer­hit­ze hat dem hoch­al­pi­nen Eis so mas­siv zu­ge­setzt, dass der Gau­liglet­scher die Da­ko­ta DC 3 frei­ge­ben muss­te. Kaum wa­ren die Trüm­mer im Ber­ner Ober­land ins Tal ge­schafft, muss­ten im Bünd­ner­land die Über­res­te der Ju-52 ge­bor­gen wer­den. Das schie­re Glück, das den Da­ko­ta-pi­lo­ten vor ei­nem hal­ben Jahr­hun­dert im Schnee­sturm be­schie­den war, blieb den Ju-52-pi­lo­ten im Au­gust im Bünd­ner­land bei schöns­tem Wet­ter ver­wehrt.

In na­her Zu­kunft lie­gen zwei gu­te Nach­rich­ten so­zu­sa­gen in der Luft: Ei­ner­seits könn­te der Fie­seler Storch schon bald wie­der aus dem Mu­se­um rol­len und Rich­tung Gau­liglet­scher ab­he­ben; denn in sechs Wo­chen jährt sich die Ret­tung der zwölf Da­ko­ta-pas­sa­gie­re zum 72. Mal. Bis­lang sind al­le Ver­su­che, die flie­ge­ri­sche Meis­ter­leis­tung mits­amt Glet­scher­lan­dung zu wie­der­ho­len, am Wet­ter ge­schei­tert. An­der­seits könn­te die Ju-52-flot­te der­einst wie­der mit drei Ma­schi­nen am Him­mel zu se­hen sein: In ei­nem Mu­se­um in Mön­chen­glad­bach (D) steht ei­ne «Tan­te Ju», die der­zeit flott­ge­macht wird. Und vi­el­leicht schon bald star­ten und Kurs auf Düben­dorf neh­men kann.

Öff­nungs­zei­ten:

So 13–17 Uhr, Di–fr 13.30–17 Uhr, Sa 9–17 Uhr Er­wach­se­ne 15 Fr., Ju­gend­li­che bis 16 Jah­re 6 Fr. Tel. 044 824 55 11, www.air­force­cen­ter.ch

Ein­tritt: In­for­ma­ti­on:

Fo­to: Pao­lo Dut­to

Fie­seler Storch: Die le­gen­dä­re Ma­schi­ne schrieb als «Held vom Gau­li» Ge­schich­te

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