In­ter­net-ärz­te und ope­rie­ren­de Ro­bo­ter

Die Di­gi­ta­li­sie­rung re­vo­lu­tio­niert das Ge­sund­heits­we­sen. Tau­sen­de von Apps er­fas­sen un­se­re Da­ten, und Ro­bo­ter füh­ren selbst­stän­dig Ein­grif­fe durch. Auch in der Schweiz

SonntagsZeitung - - GESUNDHEIT - Erik Brühl­mann und Ma­ri­us Leu­ten­egger

Die Zu­kunft ist di­gi­tal – das gilt auch für das Ge­sund­heits­we­sen. In den ver­schie­de­nen App-stores fin­det man mitt­ler­wei­le über 300 000 Pro­gram­me rund um das The­ma Gesundheit, vom Schritt­zäh­ler über den Ab­nehm­coach bis zum Nah­rungs­ratge­ber. Un­ter­neh­men, al­len vor­an Ver­si­che­run­gen, bie­ten Ge­sund­heits-apps als Mehr­wert an. Be­fürch­tun­gen, dass bei all die­sen Da­ten­trans­fers der glä­ser­ne Pa­ti­ent in al­len mög­li­chen Netz­wer­ken zu fin­den sein wird, wer­den im­mer lau­ter.

Seit nun­mehr zehn Jah­ren gibt es die von Bund und Kan­to­nen ge­tra­ge­ne Ko­or­di­na­ti­ons­stel­le E-he­alth Suis­se. Im Zen­trum steht da­bei das Elek­tro­ni­sche Pa­ti­en­ten­dos­sier (EPD). Ziel ist es, al­le Pa­ti­en­ten­da­ten zu­künf­tig in ei­nem di­gi­ta­len Dos­sier zu spei­chern. Kri­ti­ker mö­gen wie­der den glä­ser­nen Pa­ti­en­ten her­auf­be­schwö­ren, doch auf den Da­ten­schutz wird bei der Um­set­zung gröss­ten Wert ge­legt. «Beim EPD kön­nen die Pa­ti­en­ten selbst Da­ten ab­le­gen, das Dos­sier ein­se­hen und Zu­griffs­rech­te ver­tei­len», sagt Ge­schäfts­stel­len­lei­ter Adri­an Schmid. Für Lang­zeit­pa­ti­en­ten oder bei Be­hand­lun­gen im Aus­land wird das EPD gu­te Di­ens­te leis­ten, ist er über­zeugt. «Es wird die Be­hand­lungs­ko­or­di­na­ti­on ver­bes­sern, In­for­ma­ti­ons­we­ge ver­kür­zen und die Be­hand­lungs­qua­li­tät er­hö­hen.»

Noch gibt es kei­ne ge­ne­rel­len Richt­li­ni­en zur Tele­me­di­zin

Wenn schon das Dos­sier di­gi­tal ist, wes­halb nicht auch gleich der Dok­tor selbst? Die Web­site Dein­dok­tor.ch et­wa bie­tet seit 2015 te­le­me­di­zi­ni­sche On­li­ne­sprech­stun­den an. «Die Idee kam mir, als mein ers­ter Sohn krank wur­de», sagt Phil­ipp Mar­sa­nik, der die Platt­form mit­be­grün­det hat. «Ich war al­lein mit ihm zu Hau­se und wä­re froh ge­we­sen, ei­ne schnel­le Be­ra­tung zu ha­ben.» Aber grund­sätz­lich ge­he es nicht dar­um, ärzt­li­che Sprech­stun­den kom­plett durch On­lin­ebe­ra­tun­gen zu er­set­zen. «Wir se­hen Vi­deo­sprech­stun­den vor al­lem im Be­reich der Nach­be­hand­lung», so Mar­sa­nik. «Den Hei­lungs­ver­lauf ei­nes Haut­aus­schlags kann ein Der­ma­to­lo­ge meist auch am Bild­schirm be­ur­tei­len.»

Bei Dein­dok­tor.ch sind 150 Ärz­te re­gis­triert, vom Der­ma­to­lo­gen über den Kin­der­arzt bis zum All­ge­mein­arzt. Rund 2000 Pa­ti­en­ten sind an­ge­mel­det. Al­ler­dings tut sich das te­le­me­di­zi­ni­sche An­ge­bot der­zeit noch schwer. Das lie­ge un­ter an­de­rem dar­an, dass Ärz­te für Vi­deo­sprech­stun­den nur we­nig Zeit hät­ten, dass die­se Vi­deo­sprech­stun­den nach Tar­med zu ge­rin­ge­ren An­sät­zen als nor­ma­le Sprech­stun­den ver­rech­net wür­den und dass in der Schweiz – im Ge­gen­satz zu Deutsch­land und Frank­reich – noch kei­ne ge­ne­rel­len Richt­li­ni­en zur Tele­me­di­zin be­stün­den.

Hin­der­li­che Ge­set­ze be­ste­hen da­ge­gen in der Schweiz für Ver­sand­apo­the­ken. Zwar darf ei­ne Ver­sand­apo­the­ke über ih­ren On­li­ne­shop sämt­li­che in der Schweiz zu­ge­las­se­nen Arz­nei­mit­tel und das üb­li­che Apo­the­ken­sor­ti­ment an­bie­ten. Me­di­ka­men­te hin­ge­gen dür­fen nur ge­gen Re­zept ver­schickt wer­den – auch wenn sie gar nicht re­zept­pflich­tig sind. «Die heu­ti­ge Re­ge­lung ist pa­ra­dox und ab­surd», sagt Wal­ter Ober­häns­li, CEO von Eu­ro­pas gröss­ter Ver­sand­apo­the­ke Zur Ro­se mit Sitz in Frau­en­feld. Noch pa­ra­do­xer er­scheint dies an­ge­sichts der Tat­sa­che, dass der Be­zug ei­nes Mo­nats­be­darfs von Me­di­ka­men­ten, auch re­zept­pflich­ti­gen, für den Ei­gen­ge­brauch im Aus­land zu­läs­sig ist. Der Me­di­ka­men­ten­ver­sand über Ver­sand­apo­the­ken hät­te ge­ra­de für äl­te­re und chro­nisch kran­ke Men­schen vie­le Vor­tei­le. Zwar be­fürch­ten Kri­ti­ker, dass ei­ne Lo­cke­rung der Be­stim­mun­gen dem Me­di­ka­men­ten­miss­brauch Vor­schub leis­ten könn­te. Doch die güns­ti­gen Me­di­ka­men­ten­prei­se der Ver­sand­apo­the­ken sei­en auch ein kon­kre­ter Bei­trag an die Sen­kung der Ge­sund­heits­kos­ten. Ober­häns­li: «Ei­ne zeit­ge­mäs­se Re­ge­lung ist über­fäl­lig.»

Aber auch in den Spi­tä­lern hin­ter­lässt die Di­gi­ta­li­sie­rung Spu­ren, un­ter an­de­rem im Be­reich der Ro­bo­tik. Das ro­bo­te­ras­sis­tier­te Ope­ra­ti­ons­sys­tem Da Vin­ci ge­hört in den gros­sen Kran­ken­häu­sern mitt­ler­wei­le fast schon zur Stan­dard­aus­stat­tung. Am Ber­ner In­sel­spi­tal wird der­weil ein Ope­ra­ti­ons­ro­bo­ter ge­tes­tet, der mehr als nur der ver­län­ger­te Arm des Chir­ur­gen ist. «Auf ei­ner Ro­bo­tik­ska­la von 1 bis 5 be­fin­det sich Da Vin­ci bei 2, un­ser Coch­lea-im­plan­tat-ro­bo­ter bei 1», sagt Mar­co Ca­ver­sac­cio, Di­rek­tor der Hals-na­senoh­ren-kli­nik am In­sel­spi­tal. Bei ei­ner Coch­lea-im­plan­ta­ti­on – dem Ein­set­zen ei­nes Sti­mu­la­tors für die Ge­hör­schne­cke – über­nimmt der Ro­bo­ter be­reits ge­wis­se Funk­tio­nen selbst­stän­dig.

Der Pa­ti­ent ent­schei­det, ob er von ei­nem Ro­bo­ter ope­riert wer­den will

Der ers­te er­folg­rei­che Ein­griff mit dem Ro­bo­ter fand 2016 statt, seit­her sind wei­te­re Ope­ra­tio­nen da­zu­ge­kom­men. «Drei Ope­ra­tio­nen brach ich je­doch vor­zei­tig ab, weil sich im Ver­lauf zeig­te, dass der di­rek­te Weg auch mit dem Ro­bo­ter zu eng war», sagt Ca­ver­sac­cio. Da­mit er­klärt er auch gleich die Funk­ti­ons­wei­se der Ma­schi­ne: Zwar bohrt der Ro­bo­ter auf­grund der ein­ge­speis­ten Da­ten selbst­stän­dig. Doch die Ope­ra­teu­re ha­ben mehr­fach die Mög­lich­keit ein­zu­grei­fen. Wer im In­sel­spi­tal ein Coch­lea-im­plan­tat be­nö­tigt, trifft aber nicht zwangs­läu­fig auf ei­nen Ro­bo­ter. Ca­ver­sac­cio: «Der Pa­ti­ent trifft letzt­lich die Ent­schei­dung im­mer selbst, ob er mit Ro­bo­ter oder kon­ven­tio­nell be­han­delt wer­den möch­te.»

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