Kaum der Re­de wert

Schwei­zer Zei­tun­gen be­rich­ten we­ni­ger über Po­li­ti­ke­rin­nen als über Po­li­ti­ker. Da­für meist po­si­tiv

SonntagsZeitung - - POLITIK IN DER PRESSE - Barna­by Skin­ner und Mar­cel Blatt­ner

Was den Bun­des­rat be­trifft, sind sich al­le ei­nig: Min­des­tens ei­ner der bei­den frei ge­wor­de­nen Pos­ten soll von ei­ner Frau be­setzt wer­den. Wohl durch die St. Gal­ler Fdp-stän­de­rä­tin Ka­rin Kel­ler-sut­ter. Mit den Cvp-kan­di­da­tu­ren der Wal­li­se­rin Vio­la Am­herd, der Ur­ne­rin Hei­di Z'grag­gen oder der Ba­sel­bie­te­rin Eli­sa­beth Schnei­der­schnei­ter könn­te am 5. De­zem­ber auch der zwei­te Bun­des­rats­sitz an ei­ne Frau ge­hen.

Doch mit al­lem, was über still­schwei­gen­de Ver­ein­ba­run­gen hin­aus­geht, tut man sich bei ei­ner Frau­en­quo­te in Bun­des­bern schwer. Der Frau­en­an­teil steckt im Na­tio­nal- und im Stän­de­rat schon län­ger bei rund 30 Pro­zent fest. We­gen Rück­trit­ten ist er über die lau­fen­de Le­gis­la­tur gar schlech­ter ge­wor­den.

Man könn­te an­neh­men, dass die Pres­se, die vier­te Ge­walt, die sich ei­ner aus­ge­wo­ge­nen Be­richt­er­stat­tung ver­pflich­tet fühlt, auf Frau­en be­son­de­res Ge­wicht le­gen wür­de. Das Min­des­te wä­re, die Re­dak­tio­nen wür­den den Rä­tin­nen ein Drit­tel des Plat­zes re­ser­vie­ren – ent­spre­chend de­ren An­tei­len im Par­la­ment.

Doch Frau­en kom­men noch schlech­ter weg. Das zeigt ei­ne com­pu­ter­ge­stütz­te Ana­ly­se von 38 411 Ar­ti­keln aus neun Ta­ges­zei­tun­gen durch die Sonn­tags­zei­tung. Nur 21 Pro­zent der in der Pres­se er­wähn­ten Na­men von Na­tio­nalund Stän­de­rä­ten ge­hö­ren Frau­en. Deut­lich we­ni­ger als die 29,6 Pro­zent An­tei­le im Par­la­ment.

Auf Par­tei­e­be­ne ist das Miss­ver­hält­nis noch stär­ker aus­ge­prägt. Be­son­ders au­gen­fäl­lig ist er bei der SVP: Bei der rech­ten Volks­par­tei sind oh­ne­hin nur 19 Pro­zent der Rä­te weib­lich, doch in den Zei­tungs­spal­ten kom­men die Svp-rä­tin­nen ge­ra­de mal auf ei­nen An­teil von 8 Pro­zent. Selbst die SP, die auf ih­rer Web­site stolz dar­auf hin­weist, dass von 43 Na­tio­nal­rä­ten 25 weib­lich sei­en, kommt in den Zei­tun­gen auf nur 35 Pro­zent Frau­en­an­tei­le. Al­so auch bei der Lin­ken: Män­ner be­kom­men deut­lich mehr Platz als ih­re Kol­le­gin­nen.

Weil Frau­en we­ni­ger be­kannt sind, sin­ken ih­re Wahl­chan­cen

Für Yvon­ne Schär­li, Prä­si­den­tin der Eid­ge­nös­si­schen Kom­mis­si­on für Frau­en­fra­gen (EKF), pas­sen die Er­geb­nis­se in ein Mus­ter. Auch die­je­ni­gen der SP. Mit der Schwei­ze­ri­schen Ra­dio- und Fern­seh­ge­sell­schaft (SRG) und dem Bun­des­amt für Kom­mu­ni­ka­ti­on (Ba­kom) hat die EKF die me­dia­le Prä­senz von Kan­di­da­tin­nen vor den letz­ten eid­ge­nös­si­schen Wah­len 2015 un­ter­su­chen las­sen. «Frau­en wur­den im Wahl­kampf we­ni­ger be­ach­tet», sagt Schär­li, «die Fol­ge dar­aus: Die Wahl­chan­cen der Frau­en sin­ken, weil sie we­ni­ger be­kannt sind.»

Die Lu­zer­ne­rin sagt, sie ha­be Ver­ständ­nis für die Re­dak­tio­nen.

Mit eta­blier­ten Rä­ten er­rei­chen sie ein grös­se­res Pu­bli­kum. «Aber es ist eben in­ter­es­sant, zu se­hen, dass die Un­ter­re­prä­sen­ta­ti­on der Frau­en nach den Wah­len of­fen­bar wei­ter­geht», sagt Schär­li. Sie nimmt die Par­tei­en in die Pflicht: «Sie müs­sen bei Me­di­en­an­fra­gen mehr Frau­en vor­schi­cken.»

Ge­nau das tue die SP, sagt Co­ge­ne­ral­se­kre­tär Micha­el Sorg auf An­fra­ge: «Aber in der Re­gel wol­len Me­di­en­ver­tre­ter eben doch mit den be­kann­ten Köp­fen re­den.» Der Be­kann­tes­te sei nun mal der Prä­si­dent, und das ist bei der SP ein Mann: Chris­ti­an Lev­rat. Des­halb hät­ten Ver­tre­te­rin­nen an­de­rer Par­tei­en mehr Pres­se­prä­senz. Sie hät­ten Prä­si­den­tin­nen.

Tat­säch­lich ist das Ver­hält­nis bei Grü­nen und FDP um­ge­kehrt: Die Frau­en be­kom­men mehr Raum in der Pres­se als im Par­la­ment. Bei den Grü­nen stei­gern die Rä­tin­nen ih­re Nen­nun­gen um 3 Pro­zent­punk­te ge­gen­über den Kol­le­gen. Bei der FDP gar um 10 Pro­zent­punk­te.

Der Prä­si­den­ten­ef­fekt al­lein als Er­klä­rung für die tie­fe weib­li­che Pres­se­prä­senz reicht nicht: Lässt man ihn weg, wird das Bild nur leicht kor­ri­giert. Über al­le po­li­ti­schen La­ger ge­rech­net, kom­men Frau­en dann auf ei­ne Prä­senz von 23 Pro­zent. Es gibt nichts dar­an zu rüt­teln: Män­ner er­hal­ten in der Pres­se ei­ne deut­lich grös­se­re po­li­ti­sche Büh­ne als Frau­en.

Spit­zen­po­li­ti­ke­rin­nen sind «mu­tig» und «kon­struk­tiv»

Trotz­dem ist es nicht so, dass Män­ner in je­der Hin­sicht be­vor­zugt be­han­delt wer­den. Das zeigt ei­ne tie­fer ge­hen­de Sprach­ana­ly­se. So ver­wen­den die Zei­tun­gen bei Spit­zen­po­li­ti­ke­rin­nen öf­ter po­si­ti­ver be­setz­te Be­grif­fe, als wenn von Män­nern die Re­de ist. Für die­se Be­rech­nung wur­de ein wei­te­res com­pu­ter­ba­sier­tes Mo­dell ent­wi­ckelt. Es ist in der La­ge, Rä­te zu ver­glei­chen, die auf ei­ne ähn­li­che An­zahl Er­wäh­nun­gen kom­men. Ka­rin Kel­ler-sut­ter mit Kol­le­gen et­wa, die wie sie auf über 2000 Nen­nun­gen in der Ta­ges­pres­se ge­kom­men sind.

Das Re­sul­tat: Die Kron­fa­vo­ri­tin für ei­nen der frei­en Bun­des­rats­pos­ten schwingt oben­aus. Am deut­lichs­ten tut sie das im Ver­gleich mit Pir­min Bi­schof, CVP, Ro­ger Köp­pel, SVP, oder And­reas Glar­ner, SVP. In al­len Fäl­len zeigt das Re­chen­mo­dell, dass Be­grif­fe wie «gut», «of­fen» oder «po­si­tiv» en­ger mit der Bun­des­rats­kan­di­da­tin as­so­zi­iert sind als mit ih­ren drei Kol­le­gen. Be­trach­tet man Ad­jek­ti­ve, die meist ne­ga­tiv be­setzt sind, ist das Um­ge­kehr­te der Fall. Be­grif­fe wie «ag­gres­siv», «grob» oder «ver­bis­sen» ste­hen en­ger mit Män­nern in Ver­bin­dung als mit Kel­ler­sut­ter.

Frau­en wer­den oft als we­ni­ger neu­tral ein­ge­stuft

Köp­pel, Bi­schof und Glar­ner sind Ex­trem­bei­spie­le. Tat­säch­lich ist es egal, mit wel­chem Na­tio­nal- oder Stän­de­rat man Kel­ler-sut­ter ver­gleicht: Das ver­wen­de­te Vo­ka­bu­lar ist bei ihr stets po­si­ti­ver be­legt als bei männ­li­chen Kol­le­gen. Das­sel­be gilt für an­de­re in der Pres­se oft zi­tier­te und ge­nann­te Frau­en: für Sp-na­tio­nal­rä­tin Yvon­ne Fe­ri et­wa oder die grü­ne Na­tio­nal­rä­tin Ma­ya Graf.

Auf­fäl­lig ist, wel­che Ad­jek­ti­ve am häu­figs­ten mit Spit­zen­po­li­ti­ke­rin­nen in Ver­bin­dung ge­bracht wer­den: «di­plo­ma­tisch», «mu­tig» oder «kon­struk­tiv». Bei den Män­nern sind die as­so­zi­ier­ten Wör­ter bun­ter. Bei Ro­ger Köp­pel, SVP, et­wa: «lus­tig» oder «emo­tio­nal» – bei Chris­ti­an Lev­rat, SP: «ra­di­kal» oder «rich­tig».

Gut mög­lich, dass die sach­li­che­ren Be­grif­fe in der Um­ge­bung von Spit­zen­po­li­ti­ke­rin­nen als Kom­pen­sa­ti­on funk­tio­nie­ren. Lau­ra Ei­gen­mann, Gen­der­for­sche­rin an der Uni­ver­si­tät Ba­sel, sagt: «Frau­en gel­ten in der brei­ten Öf­fent­lich­keit ge­ne­rell als we­ni­ger kom­pe­tent – ih­nen wird we­ni­ger zu­ge­traut.» Zu­dem wür­den Frau­en oft als we­ni­ger neu­tral ein­ge­stuft. Um die Kom­pe­tenz von Frau Kel­ler-sut­ter zu be­to­nen, se­hen es Me­di­en­ma­cher mög­li­cher­wei­se als not­wen­dig an, stets Sach­lich­keit und Kon­struk­ti­vi­tät zu be­to­nen – et­was, das bei männ­li­chen Kol­le­gen we­ni­ger nö­tig ist.

Ob die Frau­en aus der po­si­ti­ven Pres­se Pro­fit schla­gen, ist zwei­fel­haft. Be­son­ders ent­lar­vend ist der Ver­gleich der Ad­jek­ti­ve, die na­he bei den Na­men Hil­la­ry Cl­in­ton und Do­nald Trump lie­gen. Bei Cl­in­ton: «über­zeu­gend», «di­plo­ma­tisch» – bei Trump: «falsch», «ag­gres­siv». Wer sich bei den Us­wah­len durch­setz­te, ist al­ler­dings hin­läng­lich be­kannt.

Fo­tos:13pho­to(2),keysto­ne(4)

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