Im Bun­des­rat droht ein Über­ge­wicht der Bau­ern

Wird Pe­ter Hegg­lin ge­wählt, sind drei von sie­ben Bun­des­rä­ten di­rek­te Ver­tre­ter der hoch sub­ven­tio­nier­ten Land­wirt­schafts­lob­by. Da­ge­gen gibt es Wi­der­stand

SonntagsZeitung - - SCHWEIZ - Mischa Ae­bi

Bern Bis 2002 hat Pe­ter Hegg­lin Kü­he ge­mol­ken. Dann wur­de er Po­li­ti­ker: zu­erst Re­gie­rungs­rat im Kan­ton Zug, spä­ter Stän­de­rat. Das Vieh hat er zwar ver­kauft, das Land ver­pach­tet. Doch sei­ne Nä­he zur Schol­le ist ge­blie­ben: Da­von zeugt nicht nur der Trak­tor, den er «als An­den­ken» be­hal­ten hat, son­dern auch sein Amt als Prä­si­dent der Bran­chen­or­ga­ni­sa­ti­on Milch, das er bis heu­te aus­übt.

Jetzt will Hegg­lin für die CVP in den Bun­des­rat, doch sein Bau­ern­tum wird zum Stol­per­stein: Wählt das Par­la­ment den ge­lern­ten Land­wirt, sind drei von sie­ben Bun­des­rä­ten Bau­ern­ver­tre­ter. Denn schon heu­te sit­zen mit Ue­li Mau­rer und Guy Par­me­lin zwei Män­ner mit un­mit­tel­ba­rem Be­zug zur Land­wirt­schaft im Bun­des­rat. Par­me­lin, eben­falls ge­lern­ter Bau­er, hat bis zu sei­ner Wahl als Bun­des­rat den vä­ter­li­chen Hof im Kan­ton Waadt ge­führt. Und Bau­ern­sohn Mau­rer ver­brach­te sein Be­rufs­le­ben in Diens­ten der Land­wirt­schaft: Wäh­rend 14 Jah­ren als Ge­schäfts­füh­rer des Zürcher Bau­ern­ver­ban­des, dann bis zur Wahl in den Bun­des­rat als Prä­si­dent der Ge­mü­se­bau­ern.

Die Bau­ern ha­ben zwar ei­ne ge­wal­ti­ge Lob­by un­ter der Bun­des­haus­kup­pel. Ob es ihr ge­lingt, im De­zem­ber mit Hegg­lin ei­nen drit­ten Ver­tre­ter in die Re­gie­rung zu hie­ven, ist den­noch frag­lich. Denn jetzt for­miert sich Wi­der­stand: «Drei Bau­ern­ver­tre­ter im Bun­des­rat wä­ren für mich ein­deu­tig zu do­mi­nant», sagt Fdp-na­tio­nal­rat Chris­ti­an Was­ser­fal­len. «Dann fehlt die Ver­tre­tung an­de­rer wich­ti­ger In­ter­es­sen, wie et­wa der Bil­dung oder der Ex­port­wirt­schaft.» Auch die Aar­gau­er Sp-na­tio­nal­rä­tin Yvon­ne Fe­ri be­rei­tet die dro­hen­de Macht­aus­brei­tung der Bau­ern Sor­ge: Pro­ble­ma­tisch wä­re für sie ein drit­ter Bau­ern­ver­tre­ter im Bun­des­rat ins­be­son­de­re, «weil die Bau­ern schon jetzt die gröss­te Lob­by und die gröss­ten Sub­ven­ti­ons­neh­mer im Bun­des­haus sind». Und Was­ser­fal­lens Par­tei- und Rats­kol­le­ge Andrea Ca­ro­ni hält fest: «Ob mit oder oh­ne Hegg­lin im Bun­des­rat ist die Land­wirt­schaft in der Bun­des­po­li­tik gi­gan­tisch ver­tre­ten.» Im­mer­hin will Ca­ro­ni zu­erst noch er­ör­tern, in­wie­fern Hegg­lin die Land­wirt­schaft ein­fach als Er­fah­rungs­hin­ter­grund oder aber qua­si als Lob­by­auf­trag sieht. Kaum Zwei­fel lässt die Grü­nen-prä­si­den­tin Re­gu­la Rytz of­fen: «Ein Bun­des­rat mit mehr Bau­ern als Frau­en ist kein Ab­bild der Be­völ­ke­rung. Wir wer­den am 5. De­zem­ber zwei Frau­en wäh­len.»

Hegg­lin: «Se­he mich nicht nur als Ver­tre­ter der Bau­ern­lob­by»

Hegg­lin, der sich ei­nen Na­men als Fi­nanz­po­li­ti­ker ge­macht hat, sä­he kein Pro­blem, als drit­ter Bau­ern­ver­tre­ter in die Re­gie­rung ein­zu­zie­hen: Sei­ne Chan­cen als Bun­des­rats­kan­di­dat sei­en in­takt. Na­tür­lich ha­be er bis heu­te vie­le Be­kann­te aus der Land­wirt­schaft. Doch in der Po­li­tik sei er «nicht nur ein Ver­tre­ter der Bau­ern­lob­by». Und als Prä­si­dent der Bran­chen­or­ga­ni­sa­ti­on Milch ver­tre­te er «nicht nur die Bau­ern, son­dern al­le Glie­der der Wert­schöp­fungs­ket­te der Milch­pro­duk­te – vom Pro­du­zen­ten bis zum Kon­su­men­ten». Ob es ein Han­di­cap sei, dass be­reits zwei Bun­des­rä­te mit Be­zug zur Land­wirt­schaft in der Lan­des­re­gie­rung sit­zen, wer­de sich zei­gen, sagt Hegg­lin.

Es ist in der Tat nicht aus­ge­schlos­sen, dass ei­ne Mehr­heit des Par­la­ments un­ter ge­wis­sen Um­stän­den im Bun­des­rat ei­ne Über­macht der mit 3,6 Mil­li­ar­den Fran­ken Steu­er­gel­dern un­ter­stütz­ten Land­wirt­schaft to­le­rie­ren wür­de. Da­für spricht, dass gleich meh­re­re Par­tei­en – ins­be­son­de­re SVP und CVP – um die Wäh­ler­schaft der Bau­ern buh­len. Da­für spricht auch die ex­zel­len­te Ver­net­zung der Bau­ern­lob­by im Par­la­ment bis tief in lin­ke Krei­se hin­ein. Doch weil Hegg­lins Kan­di­da­tur in den ver­gan­ge­nen Ta­gen auch in an­de­rer Hin­sicht ge­lit­ten hat, dürf­te die Un­ter­stüt­zung der land­wirt­schafts­af­fi­nen Par­la­men­ta­ri­er nicht aus­rei­chen: Hegg­lin hat sich die­se Wo­che an ei­nem Po­di­um in Sa­chen Fremd­spra­chen bla­miert. Er stam­mel­te Sät­ze wie: «On Eng­lish c’est dif­fi­cult» und «I denk it is pos­si­ble.» Fremd­spra­chen­kennt­nis­se wer­den von vie­len als Gr­und­vor­aus­set­zung für das ma­gis­tra­le Amt be­trach­tet. Be­reits zu­vor hat er sich da und dort den Ruf ei­nes zu ein­sei­tig spe­zia­li­sier­ten Po­li­ti­kers ein­ge­han­delt.

Fo­to: Keysto­ne

Ehe­ma­li­ger Bau­er und Prä­si­dent der Bran­chen­or­ga­ni­sa­ti­on Milch: Cvp-kan­di­dat Pe­ter Hegg­lin

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