Kan­to­ne über­wa­chen 336 Fel­sen und Hän­ge

Erd­rut­sche, Schlamm­la­wi­nen, Fels­stür­ze – erst­mals wird öf­fent­lich, wie ge­fähr­lich das Ge­bir­ge tat­säch­lich ist

SonntagsZeitung - - SCHWEIZ - Do­mi­nik Bal­mer, Patrick Mei­er

Ge­sperr­te Stras­sen und Zug­li­ni­en in Grau­bün­den, Alarm­zu­stand in 35 Wal­li­ser Ge­mein­den und Re­kord­nie­der­schlä­ge im Tes­sin. Der Or­kan Vaia brach­te An­fang Wo­che Dau­er­re­gen und Schnee in die Schweiz. Tei­le des Lan­des ver­fie­len in den Ka­ta­stro­phen­mo­dus. Im Ge­fah­ren­bul­le­tin warn­te der Bund vor Schlamm­la­wi­nen und St­ein­schlä­gen.

Der Al­pen­raum ist ein fra­gi­les Ge­bil­de – ge­ra­de wäh­rend Un­wet­tern. Und es wird im­mer ge­fähr­li­cher: Ex­per­ten war­nen vor zu­neh­men­den Ex­tre­mer­eig­nis­sen wie Star­knie­der­schlä­gen und Glet­scher­schmel­ze. Da­durch wer­den Fel­sen und Bö­den in­sta­bi­ler, don­nern oder rut­schen ins Tal – und rich­ten Scha­den an.

Neue Zah­len zei­gen jetzt erst­mals, wie um­fang­reich und sys­te­ma­tisch ge­fähr­li­che Stand­or­te über­wacht wer­den. Min­des­tens 336 Fels­wän­de und Hän­ge ha­ben die Kan­to­ne un­ter stän­di­ger oder pe­ri­odi­scher Be­ob­ach­tung, weil sie ei­ne Ge­fahr für Men­schen und Tie­re dar­stel­len kön­nen. Oder weil Schä­den an Stras­sen, Schie­nen und Ge­bäu­den dro­hen.

Die Zahl geht aus ei­ner Um­fra­ge der Sonn­tags­zei­tung bei den Kan­to­nen her­vor. Er­fasst sind al­le Über­wa­chun­gen im Zu­sam­men­hang mit gra­vi­ta­ti­ven Pro­zes­sen – das sind im We­sent­li­chen St­ein­schlä­ge, Berg- und Fels­stür­ze, aber auch Rut­schun­gen des Bo­dens und Schlamm­la­wi­nen – so­ge­nann­te Mur­gän­ge. Hef­ti­ger Re­gen wie die­se Wo­che kann sol­che Pro­zes­se be­schleu­ni­gen.

Kan­ton Bern über­wacht am meis­ten ge­fähr­li­che Stand­or­te

Die Art und Wei­se, wie die 336 Stand­or­te über­wacht wer­den, ist sehr un­ter­schied­lich. So sind ei­ni­ge Fels­wän­de rund um die Uhr un­ter Be­ob­ach­tung – mit Ra­dar­sys­te­men, Gps-ge­rä­ten, Ka­me­ras oder La­sern. An­de­re Ge­bie­te wie­der­um ver­mes­sen Geo­lo­gen bloss pe­ri­odisch. Sie in­stal­lie­ren tech­ni­sche Ge­rä­te, die zum Bei­spiel auf­zeich­nen, wie schnell ein Spalt im Fels grös­ser wird.

Man­cher­orts sind so­gar au­to­ma­ti­sche Alarm­sys­te­me auf­ge­baut. Wenn ei­ne Schlamm­la­wi­ne ins Tal don­nert, löst sich ei­ne Reiss­lei­ne, und es wird ei­ne dar­un­ter­lie­gen­de Stras­se ge­sperrt.

Am meis­ten über­wach­te Stand­or­te gibt es im Kan­ton Bern – es sind ins­ge­samt 131. Über­wacht wer­den et­wa Fels­wän­de und Hän­ge in Ski­ge­bie­ten, am Schil­t­horn oder in Adel­bo­den. Im Fo­kus ste­hen aber auch Ge­bie­te ober­halb ex­po­nier­ter Stras­sen – wie ent­lang des Bri­en­zer­sees.

Vie­le über­wach­te Stand­or­te gibt es auch im Wal­lis; ins­ge­samt sind es dort 63. Kan­tons­geo­lo­gen er­fas­sen zum Bei­spiel Rut­schun­gen an der La Rous­set­te oder am Breit­horn und Schlamm­la­wi­nen am Ri­ti­gra­ben oder Je­gi­horn.

Auch Grau­bün­den ver­zeich­net 42 ge­fähr­de­te Stand­or­te – wo­bei das Ge­biet bei Bon­do am Piz­zo Cen­ga­lo das be­kann­tes­te ist. Seit der Ka­ta­stro­phe vom Au­gust 2017 mit ei­nem Fels­sturz und Schlamm­la­wi­nen wird das Ge­biet noch in­ten­si­ver über­wacht.

Schweiz­weit gibt es 128 Stand­or­te, die we­gen St­ein­schlags, Ber­gund Fels­stür­zen über­wacht wer­den, fast gleich vie­le we­gen Rut­schun­gen. Sel­te­ner sind Über­wa­chun­gen we­gen Schlamm­la­wi­nen.

Ei­ne Spe­zia­lis­tin für Mess­sys­te­me ist das Un­ter­neh­men Geo­praevent. CEO Lo­renz Mei­er sagt, dass ge­ra­de für Tou­ris­mus­or­te in den Al­pen sol­che Über­wa­chun­gen «sehr wich­tig sind». Auf den Schul­tern der Si­cher­heits­ver­ant­wort­li­chen las­te ein gros­ser Druck, die Zu­fahr­ten of­fen­zu­hal­ten – «an­sons­ten blei­ben die Tou­ris­ten oder Ar­beits­kräf­te aus, und Ein­nah­men ge­hen ver­lo­ren». Dank Mess- und Alarm­sys­te­men könn­ten die Sper­run­gen re­du­ziert wer­den.

Für Mei­er ist aber auch klar, dass heu­te «im Ge­bir­ge mehr über­wacht wird». Das hän­ge zum ei­nen da­mit zu­sam­men, «dass die Mess­sys­te­me güns­ti­ger und ef­fi­zi­en­ter ge­wor­den sind. Zum an­de­ren ist aber auch das Si­cher­heits­be­dürf­nis ge­stie­gen. Man will um je­den Preis ver­hin­dern, dass je­mand in den Ber­gen we­gen ei­nes St­ein­schlags stirbt.»

Der Bund ver­langt bes­se­re Da­ten aus den Kan­to­nen

Trotz­dem wa­ren die über­wach­ten Stand­or­te lan­ge Zeit ein gut ge­hü­te­tes Ge­heim­nis. So wehr­ten sich ei­ni­ge Kan­to­ne mit dem Ar­gu­ment, die Ge­fahr des Van­da­lis­mus neh­me zu, wenn die Stand­or­te öf­fent­lich ge­macht wür­den. So könn­ten zum Bei­spiel Mess­sta­tio­nen durch Wan­de­rer zer­stört wer­den. Und es be­steht of­fen­bar die Angst, dass die Be­völ­ke­rung ver­schreckt wird, wenn das Aus­mass be­kannt wird. In ei­nem Fall ge­lang­te die Sonn­tags­zei­tung erst über ein Ein­sichts­ge­such an die Lis­te.

Mit dem Ver­steck­spiel ist nun aber so oder so Schluss. Das Bun­des­amt für Um­welt (Ba­fu), das die Über­wa­chun­gen mit­fi­nan­ziert, ver­langt jetzt, dass die Kan­to­ne ih­re Da­ten zu den Stand­or­ten und Mess­sys­te­men ein­heit­lich er­fas­sen und zu­sam­men­stel­len – und der Öf­fent­lich­keit zu­gäng­lich ma­chen. Die Ba­fu-di­rek­ti­on will die­ses so­ge­nann­te Da­ten­mo­dell in den nächs­ten Mo­na­ten lan­cie­ren. Dann ha­ben die Kan­to­ne fünf Jah­re Zeit, um die Vor­ga­ben um­zu­set­zen.

Ei­gent­lich soll­te es in der Schweiz bald auch ein Warn­sys­tem für Mas­sen­be­we­gun­gen wie Fels­stür­ze und Rut­schun­gen ge­ben – ana­log dem­je­ni­gen für La­wi­nen oder Hoch­was­ser. Zu­min­dest be­wil­lig­te der Bun­des­rat im Früh­ling ein sol­ches Pro­jekt. Doch als es im Som­mer um die nö­ti­gen Stel­len da­für ging, brems­te der Bund.

Die na­tio­nal­rät­li­che Um­welt­kom­mis­si­on hat En­de Ok­to­ber ei­ne Mo­ti­on ein­ge­reicht, in der sie den Bun­des­rat da­zu auf­for­dert, das nö­ti­ge Per­so­nal für den Auf­bau des Warn­sys­tems zu be­wil­li­gen.

Die Über­wa­chung ge­fähr­li­cher Fel­sen und Hän­ge ist al­ler­dings nur ei­ne Mög­lich­keit im Um­gang mit Na­tur­ge­fah­ren, wenn auch meist die kos­ten­güns­tigs­te. Wird die Ge­fahr ei­nes Fels­stur­zes oder ei­nes Erd­rut­sches akut, sind oft auch an­de­re Mit­tel nö­tig. Dann braucht es Schutz­bau­ten wie Ga­le­ri­en, St­ein­schlagnet­ze, Fels­ver­an­ke­run­gen oder Däm­me. Manch­mal braucht es so­gar Spren­gun­gen. Ei­ne Schutz­funk­ti­on über­neh­men dar­über hin­aus Wäl­der.

In der Schweiz gibt es Tau­sen­de sol­cher Schutz­bau­ten, al­lein ent­lang des Sbb-net­zes sind es fast 5000. Hin­zu kom­men Schutz­wäl­der, die auf ei­ner Län­ge von 340 Ki­lo­me­tern des Schie­nen­net­zes die­se Funk­ti­on über­neh­men.

169 To­des­op­fer we­gen Mas­sen­be­we­gun­gen

So­wohl die SBB als auch das Bun­des­amt für Stras­sen (As­tra) be­trei­ben ei­ge­ne Über­wa­chun­gen, um ih­re In­fra­struk­tu­ren zu schüt­zen: das As­tra am Wa­len­see, an der Axen­stras­se, am Brü­nig und am Sim­plon; die SBB pri­mär an der Gott­hard-zu­brin­ger­stre­cke und -Berg­stre­cke.

Die Dau­er­über­wa­chung hat ih­ren Preis. Ge­mäss Aus­wer­tung der Platt­form Na­tur­ge­fah­ren kos­tet der Na­tur­ge­fah­ren­schutz jähr­lich fast 3 Mil­li­ar­den Fran­ken, al­lein 300 Mil­lio­nen ent­fal­len auf Schutz und Über­wa­chung im Zu­sam­men­hang mit Mas­sen­be­we­gun­gen wie Fels­stür­zen.

Selbst die bes­te Über­wa­chung kann kei­ne To­des­op­fer ver­hin­dern. Seit 1946 gab es in der Schweiz we­gen St­ein­schlä­gen, Fels- und Berg­stür­zen so­wie Schlamm­la­wi­nen und Rut­schun­gen 169 To­te.

Und die nächs­te Ka­ta­stro­phe wird kom­men. Die­ser Ta­ge ist wie­der Re­gen an­ge­sagt – zu­min­dest im Sü­den der Schweiz.

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