Neue Er­kennt­nis­se rü­cken Gi­sel ins Zen­trum der Un­ter­su­chun­gen

Un­ter­su­chungs­be­richt deckt gra­vie­ren­de Miss­stän­de bei Fir­men­käu­fen von Raiff­ei­sen auf – ob es zu straf­recht­lich re­le­van­ten Ver­feh­lun­gen kam, ist noch nicht klar

SonntagsZeitung - - RAIFFEISEN - Ar­thur Ru­tis­hau­ser

Kurz vor der Raiff­ei­sen-de­le­gier­ten­ver­samm­lung (DV) kam es zum Knall. CEO Pa­trik Gi­sel muss­te nach 18 Jah­ren die Bank per so­fort ver­las­sen, an­geb­lich we­gen sei­ner Af­fä­re mit der ehe­ma­li­gen Ver­wal­tungs­rä­tin Lau­rence de la Ser­na. An der DV in­for­mier­te der Wirt­schafts­pro­fes­sor Bru­no Geh­rig über den Stand der un­ab­hän­gi­gen Un­ter­su­chung – und da­bei tra­ten gra­vie­ren­de Miss­stän­de bei Fir­men­käu­fen zu­ta­ge, die es frag­lich er­schei­nen las­sen, ob Gi­sel über­haupt noch zu hal­ten war.

Im Fo­kus ste­hen die Jah­re 2012 bis 2015. Das war gleich­zei­tig der Hö­he­punkt der Ex­pan­si­ons­tä­tig­keit von Raiff­ei­sen, die Schluss­pha­se der Ära von Pie­rin Vin­cenz und der Auf­stieg Gi­sels zum CEO.

Of­fen­bar ge­lang es Vin­cenz, die Kon­trol­le durch den Ver­wal­tungs­rat aus­zu­he­beln, in­dem er die Käu­fe nicht di­rekt über Raiff­ei­sen Schweiz durch­führ­te, son­dern über Toch­ter­ge­sell­schaf­ten, na­ment­lich In­vest­net und Bank No­ten­stein. In de­ren Ver­wal­tungs­rat war Vin­cenz ent­we­der Mit­glied oder Prä­si­dent. Aber eben auch Pa­trik Gi­sel: bei In­vest­net als Prä­si­dent, bei No­ten­stein als Vi­ze­prä­si­dent.

In der frag­li­chen Zeit hat Raiff­ei­sen min­des­tens drei gros­se Ak­qui­si­tio­nen ge­tä­tigt, die um­strit­ten sind. Näm­lich In­vest­net, Dy­na­part­ners und die Leon­teq-be­tei­li­gung. Den Kauf der In­vest­net un­ter­such­ten die Fi­nanz­markt­auf­sicht Fin­ma und die Staats­an­walt­schaft. Da­bei wur­de fest­ge­stellt, dass Vin­cenz und sein Ge­schäfts­part­ner Beat Sto­cker er­heb­li­che pri­va­te Ge­win­ne ge­macht ha­ben. Geh­rig wie­der­um hat die Ge­schäfts­tä­tig­keit von In­vest­net un­ter die Lu­pe ge­nom­men. Die Fir­ma agiert als Pri­va­te-equi­ty-ge­sell­schaft, sie be­tei­ligt sich an klei­nen, aus­sichts­rei­chen Fir­men. Wel­chen Preis man für die Be­tei­li­gun­gen zahlt, ist ob­jek­tiv schwer zu be­stim­men. In­ter­es­sen­konf lik­te sind des­halb be­son­ders hei­kel.

Kauf von Be­tei­li­gun­gen oh­ne un­ab­hän­gi­ge Gut­ach­ten

Ein gros­ser Ver­lust ent­stand beim Ein­stieg in die As­set-ma­nage­men­tGe­sell­schaft Dy­na­part­ners von Beat Witt­mann, ei­nem Freund von Vin­cenz. Ur­sprüng­lich in­ves­tier­te Raiff­ei­sen in die 12-Mann-ge­sell­schaft 1,2 Mil­lio­nen Fran­ken. Das war zehn­mal so viel, wie die Grün­der zwei Jah­re zu­vor ge­zahlt hat­ten. Dann wur­de die Be­tei­li­gung zu Raiff­ei­sen Schweiz ver­scho­ben, und die rest­li­chen Ak­tio­nä­re wur­den aus­be­zahlt – ob­wohl die Fir­ma gros­se Ver­lus­te schrieb. In­zwi­schen wur­de Dy­na­part­ners ver­kauft. Wie viel Ver­lust re­sul­tier­te, wur­de nie ganz klar, laut «Ta­ges­an­zei­ger» wa­ren es al­lein 2015 und 2016 84 Mil­lio­nen.

Der drit­te gros­se Kom­plex ist die Leon­teq-be­tei­li­gung. Die Ak­tie düm­pel­te vor sich hin, bis am 12. März 2013 Raiff­ei­sen über ih­re Toch­ter­ge­sell­schaft No­ten­stein ei­ne Be­tei­li­gung von 20 Pro­zent kauf­te. Kurz da­nach er­hielt Leon­teq-grün­der Jan Schoch ei­ne güns­ti­ge Raiff­ei­sen-hy­po­thek für sei­ne Mil­lio­nen­vil­la. Vin­cenz kam zu Leon­teq-ak­ti­en, die im Som­mer 2015 5,8 Mil­lio­nen Fran­ken wert wa­ren. Leon­teq er­hielt von Raiff­ei­sen un­ter Um­ge­hung des Ver­wal­tungs­rats ei­ne Kre­dit­li­nie von 400 Mil­lio­nen Fran­ken. Kurz dar­auf wur­de Gi­sel Ver­wal­tungs­rat bei Leon­teq.

Ge­mäss Geh­rig wur­den Be­tei­li­gun­gen nach den Preis­vor­stel­lun­gen der Ver­käu­fer ge­kauft, oh­ne un­ab­hän­gi­ge Gut­ach­ten ein­zu­ho­len. Es wur­de zu viel be­zahlt, was zu er­heb­li­chen Ab­schrei­bern oder Wert­be­rich­ti­gun­gen führ­te. In ver­schie­de­nen Fäl­len wur­den In­ter­es­sen­kon­flik­te nicht ge­büh­rend be­ach­tet. Die Kon­trol­len und das Ri­si­ko­ma­nage­ment bei der Ver­ga­be von Kre­di­ten an na­he­ste­hen­de Per­so­nen und Ge­sell­schaf­ten war un­ge­nü­gend. Wi­der­stand in­ner­halb von Raiff­ei­sen wur­de nicht ge­hört. Vin­cenz und Gi­sel do­mi­nier­ten die ent­schei­den­den Gre­mi­en und setz­ten sich durch. Laut Geh­rig ist nicht klar, ob es zu straf­recht­lich re­le­van­ten Ver­feh­lun­gen kam, aber er hat die Ak­ten der Staats­an­walt­schaft wei­ter­ge­reicht. Raiff­ei­sen müss­te ei­gent­lich auf Scha­den­er­satz kla­gen.

EX-CEO Pa­trik Gi­sel und sein Vor­gän­ger Pie­rin Vin­cenz (r.)

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.