Der Glau­be der Un­gläu­bi­gen

Mar­kus Somm über Do­nald Trump und des­sen Geg­ner. War­um kön­nen sie ihn nicht be­sie­gen?

SonntagsZeitung - - STANDPUNKTE - Mar­kus Somm, Au­tor

Ziel war es, den wohl un­be­lieb­tes­ten Prä­si­den­ten der ame­ri­ka­ni­schen Ge­schich­te fak­tisch ab­zu­wäh­len, ihn zu de­mü­ti­gen, sei­ne Mehr­hei­ten im Kon­gress zu zer­stö­ren, ja, ihn so zu ver­let­zen, dass es ein Leich­tes wä­re, ihn sei­nes Am­tes zu ent­he­ben. Er­reicht ha­ben die De­mo­kra­ten, die seit zwei Jah­ren sich ver­hal­ten, als stün­de Ame­ri­ka fünf Mi­nu­ten vor dem Un­ter­gang, viel, viel we­ni­ger – ei­ne ein­zi­ge Kam­mer ha­ben sie er­obert, in­dem sie rund 35 Sit­ze im Re­prä­sen­tan­ten­haus den Re­pu­bli­ka­nern ab­ge­nom­men, wäh­rend sie im Se­nat gar Sit­ze ein­ge­büsst ha­ben und die Mehr­heit hier noch lan­ge aus­ser Griff­wei­te lie­gen dürf­te.

Do­nald Trump, der gröbs­te, un­an­stän­digs­te und wirk­sams­te Po­li­ti­ker der Ge­gen­wart, hat die Zwi­schen­wah­len ge­won­nen, die die­se Wo­che in den USA statt­ge­fun­den hat­ten, auch wenn es De­mo­kra­ten und ih­ren Me­di­en schwer­fiel, das of­fen ein­zu­räu­men. Von ei­ner blau­en Wel­le, ei­nem Tsu­na­mi der De­mo­kra­ten, der Wa­shing­ton über­flu­tet hät­te, wie man dies er­war­tet hat­te, konn­te kei­ne Re­de sein. Blau ist die Far­be der De­mo­kra­ten, Rot je­ne der Re­pu­bli­ka­ner.

Mit an­de­ren Wor­ten, wenn dies das bes­te Er­geb­nis ist, das die De­mo­kra­ten zu­stan­de brin­gen, wenn so vie­les für sie spricht: ein Fle­gel von Prä­si­dent, Me­di­en, die fast ge­schlos­sen auf ih­rer Sei­te ste­hen, ein zwei Jah­re dau­ern­der Feld­zug ge­gen das ver­meint­lich Bö­se und so viel Geld, wie noch nie ei­ne Par­tei für Kon­gress­wah­len ein­zu­set­zen ver­moch­te, näm­lich rund 1,5 Mil­li­ar­den Dol­lar, dann kann sich Trump mit ei­ner ge­wis­sen Ge­las­sen­heit auf die Prä­si­dent­schafts­wah­len in zwei Jah­ren vor­be­rei­ten. Die­se De­mo­kra­ten sind sehr viel schwä­cher und rat­lo­ser, als sie es viel­leicht sel­ber wis­sen.

Ein Ver­gleich mag das ver­deut­li­chen: 2010, al­so zwei Jah­re nach­dem Ba­rack Oba­ma, der de­mo­kra­ti­sche Rock­star, ins Weis­se Haus ge­zo­gen war, ver­lo­ren die De­mo­kra­ten in den Zwi­schen­wah­len 63 Sit­ze im Re­prä­sen­tan­ten­haus und da­mit die Mehr­heit so­wie sechs Sit­ze im Se­nat. Nur knapp blie­ben sie hier an der Macht. Prä­si­den­ten wer­den oft in den Mid­terms be­straft, wie es dem Ge­rech­tig­keits­sinn der Wäh­ler ent­spricht, doch so krass, wie Oba­ma das er­le­ben muss­te, kommt es sel­ten vor. Trump er­litt nichts Ver­gleich­ba­res. 35 Sit­ze ab­zu­ge­ben, liegt im Durch­schnitt der ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­te.

Woran liegt es, dass die De­mo­kra­ten die­sem Prä­si­den­ten nicht bei­zu­kom­men schei­nen? Wenn man ih­ren Kampf Re­vue pas­sie­ren lässt, dann fällt auf, wie hu­mor­los, wie ver­bis­sen, ja, mit wel­chem re­li­giö­sen Ei­fer sie die­sen Prä­si­den­ten ver­fol­gen, als glaub­ten sie wirk­lich, es han­del­te sich um ei­nen Ket­zer, der die Wäh­ler über die Ver­hält­nis­se im Jen­seits falsch in­for­miert. Im Grun­de ist es pa­ra­dox. Weit da­von ent­fernt, Po­li­tik für un­er­heb­lich zu hal­ten, glau­be ich den­noch, dass wir sie in­zwi­schen zu ernst neh­men.

Ob rechts oder links, es hat sich nicht nur in Ame­ri­ka ei­ne Art des En­ga­ge­ments aus­ge­brei­tet, das vor­gibt, für po­li­ti­sche An­lie­gen ein­zu­ste­hen, wo es tat­säch­lich dar­um geht, sich bei den Gu­ten ein­zu­rei­hen und die Bö­sen zu ver­dam­men. Po­li­tik ist zum Re­li­gi­ons­er­satz ge­wor­den in ei­ner Epo­che der Un­gläu­bi­gen. Es wird nicht mehr um die Hö­he der Steu­ern ge­strit­ten oder über Sinn und Zweck ei­nes Hal­len­bads, son­dern die Apo­ka­lyp­se naht, und wir ver­han­deln dar­über, wer zu Recht in die Höl­le fährt.

Es ist die­se Mora­li­sie­rung der Po­li­tik, die die De­mo­kra­ten in die Ir­re führt. Denn bei al­ler, mit­un­ter hys­te­ri­schen Auf­rüs­tung auf bei­den Sei­ten: Der Wäh­ler sieht die Din­ge ru­hi­ger, selbst wenn er den De­mo­kra­ten zu­neigt. Un­ter de­ren Kan­di­da­ten ha­ben sich am Di­ens­tag eher die Mo­de­ra­ten durch­ge­setzt, wäh­rend die Pro­gres­si­ven, al­so Leu­te, die die po­li­tisch kor­rek­te Be­zeich­nung von Trans­gen­der-toi­let­ten für re­le­van­ter hal­ten als die neu­es­ten Ar­beits­lo­sen­zah­len, vom Wäh­ler ab­ge­wie­sen wor­den sind. Wer Po­li­tik als ei­ne Art Mis­si­ons­tä­tig­keit un­ter Ein­ge­bo­re­nen be­treibt, macht Feh­ler, ins­be­son­de­re schätzt er den Geg­ner falsch ein. Nichts an­de­res ist den De­mo­kra­ten wi­der­fah­ren. Gleich­sam re­li­gi­ös er­weckt, ver­mö­gen sie in Do­nald Trump nicht ein­fach ei­nen Po­li­ti­ker zu er­ken­nen, des­sen Mei­nung sie ab­leh­nen, son­dern es ist der Teu­fel ins Weis­se Haus ge­wählt wor­den, was die De­mo­kra­ten ge­ra­de­zu zwingt, die­se Wahl für Un­recht zu hal­ten. Hat nicht der Teu­fel den Bür­ger ver­führt? Statt Trump zu wi­der­le­gen, wid­men sich die De­mo­kra­ten seit­her der Teu­fels­aus­trei­bung. Oh­ne Er­folg.

Sie über­se­hen, dass die meis­ten Ame­ri­ka­ner ih­re Ein­schät­zung nicht tei­len. Wer Trump wählt, fin­det ihn sel­ten sym­pa­thisch, wie vie­le Um­fra­gen be­le­gen, doch er wählt ihn trotz­dem, weil er sei­ne Po­li­tik gut­heisst. Trump hat viel ver­spro­chen, und aus Sicht sei­ner Wäh­ler auch viel ge­hal­ten. Die Wirt­schaft blüht, die Ar­beits­lo­sig­keit liegt so tief wie seit 1969 nicht mehr, er hat kon­ser­va­ti­ve Rich­ter er­nannt und das Land aus Krie­gen her­aus­ge­hal­ten, ob­wohl er so klingt, als lieb­te er es, das Aus­land mit Bom­ben ein­zu­de­cken.

Po­li­tik als Re­li­gi­on birgt Ri­si­ken. Ir­gend­wann ver­liert der Teu­fel an Schre­cken, und manch­mal stellt sich her­aus, dass der Ket­zer am En­de recht be­kommt. Ganz gleich, wie un­an­stän­dig er pre­digt.

«Wer Trump wählt, fin­det ihn sel­ten sym­pa­thisch, doch er wählt ihn trotz­dem, weil er sei­ne Po­li­tik gut­heisst»

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