Pein­li­che Selbst­dar­stel­ler

Ihr Drang, Op­po­si­ti­on ge­gen Trump zu mar­kie­ren, führt die ame­ri­ka­ni­schen Me­di­en in die Ir­re, glaubt Mar­tin Su­ter

SonntagsZeitung - - STANDPUNKTE - Mar­tin Su­ter, Us-kor­re­spon­dent

Am Tag nach den Zwi­schen­wah­len sprach Us-prä­si­dent Do­nald Trump mit Nan­cy Pe­lo­si, der kom­men­den Füh­re­rin im neu de­mo­kra­tisch be­herrsch­ten Re­prä­sen­tan­ten­haus. Bei­de Po­li­ti­ker zeig­ten sich wil­lens, kon­struk­tiv zu­sam­men­zu­ar­bei­ten und zu­guns­ten der Be­völ­ke­rung Po­si­ti­ves zu voll­brin­gen. Es klang arg sal­bungs­voll, könn­te aber auch ernst ge­meint ge­we­sen sein. Egal, die Me­di­en woll­ten nichts da­von wis­sen. «Ich wer­de Sie her­aus­for­dern», be­gann Cnn-re­por­ter Jim Acos­ta an der Pres­se­kon­fe­renz und ging gleich zu ei­ner Be­leh­rung über: Der Prä­si­dent ha­be nicht recht, wenn er die Tau­sen­den zur Us-gren­ze wan­dern­den Mi­gran­ten in Me­xi­ko ei­ne In­va­si­on nen­ne. «Sie sind kei­ne In­va­si­on», de­kla­rier­te Acos­ta, im Geist den mo­ra­li­schen Zei­ge­fin­ger hoch­ge­reckt.

Trumps Ant­wort soll­te den CNN-MANN zum Schwei­gen brin­gen. «Ehr­lich», sag­te der Prä­si­dent, «ich fin­de, dass Sie mich das Land re­gie­ren las­sen soll­ten. Re­gie­ren sie CNN!» Doch Acos­ta liess nicht lo­cker, re­de­te wei­ter. Pein­lich lan­ge wei­ger­te er sich, das Saal­mi­kro­fon aus sei­nem Klam­mer­griff zu las­sen.

Der ver­ba­le Schlag­ab­tausch mit Acos­ta war nur ei­ner von meh­re­ren Kon­fron­ta­tio­nen an die­ser Me­di­en­kon­fe­renz. Doch er re­prä­sen­tiert gut ei­ne ver­brei­te­te Prak­tik von Me­di­en­ver­tre­tern un­ter Trump. Am bes­ten vor lau­fen­der Ka­me­ra wer­fen sich all­zu oft selbst­ver­lieb­te Jour­na­lis­ten in Po­se und über­gies­sen den un­ge­lieb­ten Prä­si­den­ten mit Schmä­hun­gen. Sie wäh­nen sich als Wi­der­stands­kämp­fer, als Ver­fech­ter des frag­los Gu­ten.

Wer hat die Acostas zu ih­rer Mis­si­on be­ru­fen? Die we­nigs­ten Ame­ri­ka­ne­rin­nen und Ame­ri­ka­ner wol­len an der pri­vi­le­gier­ten Rol­le rüt­teln, die die Us-ver­fas­sung den Me­di­en zu­si­chert. New­skon­su­men­ten er­war­ten je­doch, dass Jour­na­lis­ten dem recht­mäs­sig ge­wähl­ten Prä­si­den­ten Fra­gen stel­len, dar­über be­rich­ten und al­len­falls kom­men­tie­ren. Ihn live bloss­zu­stel­len, ge­hört nicht zum Auf­ga­ben­pro­fil.

Aus­ser bei Trump. Der un­ge­stü­me Re­pu­bli­ka­ner im Weis­sen Haus sieht sich ei­nem täg­li­chen Dau­er­be­schuss sei­tens der Me­di­en aus­ge­setzt. In den ers­ten 60 Ta­gen sei­ner Amts­zeit wa­ren 62 Pro­zent der Be­richt­er­stat­tung über ihn ne­ga­tiv, über drei­mal mehr als bei sei­nem Vor­gän­ger Ba­rack Oba­ma. Bloss fünf Pro­zent der Be­rich­te wa­ren po­si­tiv.

Die kras­se Ein­sei­tig­keit dau­ert bis heu­te an. Sie scheint eher schlim­mer zu wer­den, je län­ger sich Trump im Amt hält und je bes­ser die von ihm de­re­gu­lier­te Wirt­schaft läuft. Den Me­di­en des Main­stream ist un­er­träg­lich, dass die Wäh­ler­schaft den Prä­si­den­ten in den Mid­terms nicht to­tal zu­rück­wies.

Na­tür­lich macht es Trump sei­nen Kri­ti­kern leicht. Er mel­det sich stän­dig zu Wort, pflegt ei­nen rü­pel­haf­ten Stil und nimmt es, ge­lin­de ge­sagt, mit der Wahr­heit nicht ge­nau. Auf die­se Wei­se do­mi­niert er die po­li­ti­sche Sze­ne wie kein Prä­si­dent vor ihm. Hin­zu kommt, dass er zu er­ra­ti­schen Ent­schei­dun­gen neigt und oft ei­ne frem­den­feind­li­che bis ras­sis­ti­sche Grund­ein­stel­lung ver­rät.

Zu Be­ginn des Wahl­kampfs 2015 ta­ten die Us-me­di­en Do­nald Trump als chan­cen­los ab und nutz­ten ihn als Quo­ten-boos­ter. Als ihn die Re­pu­bli­ka­ner im Ju­li 2106 zum Kan­di­da­ten no­mi­nier­ten, kehr­te sich die Hal­tung. Die «New York Ti­mes», noch im­mer der Leit­ham­mel in der Me­di­en­her­de, er­klär­te die Zeit der nüch­tern-ob­jek­ti­ven Be­richt­er­stat­tung für vor­über: Bei dem «ab­nor­ma­len und po­ten­zi­ell ge­fähr­li­chen Kan­di­da­ten» müss­ten Jour­na­lis­ten ih­re geg­ne­ri­sche Hal­tung über­all ein­flies­sen las­sen.

Der Kon­tra-chor wur­de prak­tisch ein­stim­mig. Seit­dem sind die Me­di­en die Op­po­si­ti­ons­par­tei, wie der Ex-be­ra­ter Ste­ve Ban­non for­mu­lier­te. Sie fol­gen zwar den Vor­ga­ben der De­mo­kra­ten bei der Aus­wahl er­folg­ver­spre­chen­der The­men. Zum Bei­spiel ka­men Waf­fen­ge­set­ze oder die Mu­el­ler­un­ter­su­chung in den Mid­terms­wahl­vor­schau­en kaum vor. Doch die Sol­da­ten im An­ti-trumpKampf sind Jour­na­lis­ten. Das ent­fal­tet po­li­ti­sche Wir­kung, weil Trump im­mer zu­rück­schlägt. Er zeich­net em­sig mit am ne­ga­ti­ven Bild sei­ner selbst, das sei­ne Zu­stim­mungs­wer­te nie­der­drückt.

Eben­so wich­tig ist aber die Fra­ge, was die Me­di­en sich selbst an­tun. Auch hier lie­fert die ein­gangs ge­schil­der­te Epi­so­de ei­ne Illustration. Be­vor Acos­ta das Mi­kro­fon frei­gab, schlug er den Arm der Prak­ti­kan­tin nach un­ten, die da­nach grei­fen woll­te. Mit der Be­grün­dung, er sei tät­lich ge­wor­den, nahm ihm das Weis­se Haus vor­läu­fig den Zu­tritts­aus­weis weg.

Wie re­agier­ten Acostas Kol­le­gen? Sie schlos­sen die Rei­hen, rüg­ten den an­geb­li­chen An­griff auf die Pres­se und for­der­ten die Rück­ga­be des Aus­wei­ses. Zu­gleich pro­du­zier­ten sie Fa­ke News, in­dem sie nicht nach­voll­zieh­bar be­haup­te­ten, ein vom Weis­sen Haus get­wit­ter­tes Vi­deo des Vor­falls sei ver­än­dert wor­den.

Un­glaub­wür­di­ge News und of­fen­sicht­li­che Ein­sei­tig­keit – das stösst das Pu­bli­kum vor den Kopf. Kein Wun­der, sind die Zu­stim­mungs­wer­te für die Me­di­en noch tie­fer als die für Trump.

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