Wi­der­stand

Der Ver­bands-prä­si­dent stellt sich ge­gen den SCB

SonntagsZeitung - - SPORT - Phil­ipp Muschg

Zürich Als al­les vor­bei ist. Als der Prä­si­dent von Swiss Ice Ho­ckey erst­mals Stel­lung be­zo­gen hat in der Dis­kus­si­on um vier oder sechs Aus­län­der in der höchs­ten Li­ga. Als er sich da­mit ge­gen die Plä­ne von Bern und sei­nes Weg­ge­fähr­ten Marc Lü­thi aus­ge­spro­chen hat. Da will Micha­el Rind­lis­ba­cher noch et­was los­wer­den. «Ich ha­be mich auf Ih­re Fra­gen schrift­lich vor­be­rei­tet», sagt der 62-Jäh­ri­ge «wenn es Ih­nen dient, ge­be ich Ih­nen das ger­ne ab.» Er schiebt ein zehn­sei­ti­ges Do­ku­ment über den Tisch.

Nicht nur der Vor­gang und der Um­fang sind be­mer­kens­wert. Son­dern eben­so der In­halt. Un­ter «her­vor­ste­chends­te Ei­gen­schaf­ten» hat der Prä­si­dent auf Sei­te 1 no­tiert: «In­te­gri­tät, Em­pa­thie, Zu­ver­läs­sig­keit, in­itia­tiv, Prag­ma­tis­mus, Te­am­play­er, Ziel­ori­en­tie­rung und ei­ne struk­tu­rier­te Ar­beits­wei­se.» Es ist die Selbst­ein­schät­zung ei­nes Man­nes, der sich aus der Ber­ner Vo­r­orts­ge­mein­de Os­ter­mun­di­gen Schritt für Schritt em­por­ge­ar­bei­tet hat. Meist im Hin­ter­grund, nicht oh­ne Rück­schlä­ge – aber fast im­mer nach Plan.

Die Kind­heit hat ihn ge­prägt. «Ich bin in be­schei­de­nen Ver­hält­nis­sen auf­ge­wach­sen, wir hat­ten kei­ne Mög­lich­kei­ten.» Lei­se und fast ne­ben­bei sagt der Prä­si­dent die­sen Satz, als er in ei­nem Kon­fe­renz­raum auf der Ge­schäfts­stel­le er­zählt, wie er zum Eis­ho­ckey kam. Wie sein Va­ter ihn einst auf die Ka­we-de zu sei­nem ers­ten Match mit­nahm und dann vier Jah­re ver­gin­gen, ehe er ei­ne Aus­rüs­tung be­kam und zu den Scb-ju­nio­ren ge­hen konn­te. Als Zehn­jäh­ri­ger – für die er­träum­te Sport­kar­rie­re war das schon zu spät.

Und doch er­füll­te sich der Traum – nur an­ders als ge­dacht. Im Sep­tem­ber 2018 wur­de Rind­lis­ba­cher ins höchs­te Amt des Schwei­zer Eis­ho­ckeys ge­wählt. Nach­dem er als Vor­sit­zen­der ei­ner Fin­dungs­kom­mis­si­on so lan­ge kei­nen Prä­si­den­ten ge­fun­den hat­te, bis das An­for­de­rungs­pro­fil er­wei­tert wer­den muss­te. Und zwar so, dass es Rind­lis­ba­chers Wunsch ent­sprach, wei­ter für den Leis­tungs­sport zu­stän­dig zu sein.

So kam es, dass für 80 000 Fran­ken pro Jahr kein Mi­gros-ma­na­ger, Chef von Stad­ler Rail oder ehe­ma­li­ger Ber­ner Re­gie­rungs­rat die SIHF prä­si­diert. Son­dern ein Mann aus der Ver­si­che­rungs­bran­che. Ei­ner, von dem der­einst in Er­in­ne­rung blei­ben soll, «dass ich Teil ei­nes Füh­rungs­teams war, das in Zu­sam­men­ar­beit mit al­len Sta­ke­hol­dern das Schwei­zer Eis­ho­ckey nach­hal­tig auf ei­nen nächst­hö­he­ren Le­vel wei­ter­ent­wi­ckelt hat.» Es wä­re aber falsch, Rind­lis­ba­cher auf sei­ne vor­for­mu­lier­ten Ant­wor­ten zu re­du­zie­ren. Im Gespräch ist er prä­sent, bei ge­lun­ge­nen For­mu­lie­run­gen à la «die nüt­zen dir ge­nau zwei­mal gar nichts» ge­stat­tet er sich ein gut­tu­ra­les La­chen. Sei­ne fes­te Stim­me und sein bo­den­stän­di­ges Bern­deutsch ver­heis­sen So­li­di­tät. Auf so ei­nen kann man bau­en, denkt man. Wo­bei Marc Lü­thi das heu­te viel­leicht ein biss­chen an­ders sieht.

Rück­blen­de. Man schreibt das Jahr 1998, der SC Bern steht vor dem Ru­in, der ge­sam­te Ver­wal­tungs­rat ist zu­rück­ge­tre­ten, an­geb­lich hat der Club zwei Mil­lio­nen Fran­ken Schul­den. Tat­säch­lich sind es zehn, doch das weiss noch nie­mand. Ei­ner der Gläu­bi­ger ist die Ver­mark­tungs­agen­tur IMS mit Ge­schäfts­füh­rer Marc Lü­thi, beim SCB ho­len sie Rind­lis­ba­cher in den Ver­wal­tungs­rat. So kom­men die zwei in Kon­takt.

«Beim SC Bern kann­te man mich auf­grund mei­ner Tä­tig­keit als Nach­wuchs­chef des EHC Rot-blau Bern. In die­ser Funk­ti­on ha­be ich sei­ner­zeit ak­tiv an der Grün­dung der heu­ti­gen SCB Fu­ture Or­ga­ni­sa­ti­on mit­ge­wirkt. Mein Aus­tritt er­folg­te 2008 im Rah­men des Wech­sels im Ak­tio­na­ri­at des SC Bern.» Der Wech­sel im Ak­tio­na­ri­at: Das war der Ver­kauf des Clubs an ei­ne pri­va­te In­ves­to­ren­grup­pe, zu der auch Marc Lü­thi ge­hört – selbst wenn das nie­mand be­stä­ti­gen mag.

Rind­lis­ba­chers Be­zie­hung zum Stamm­club ist al­so kei­nes­wegs so un­ge­trübt, wie das seit­her ger­ne un­ter­stellt wird. 2013 et­wa, als der Os­ter­mun­di­ger Sihf-ver­wal­tungs­rat wer­den woll­te – und statt­des­sen der Zu­ger Fa­bio Oet­ter­li ge­wählt wur­de. Zu vie­le Ber­ner, lau­te­te das Ar­gu­ment. Erst als er von Zsc-ge­schäfts­füh­rer Pe­ter Zah­ner por­tiert wur­de, schaff­te Rind­lis­ba­cher den Sprung ins Gre­mi­um.

Das heisst nicht, dass der Prä­si­dent und der SCB kein gu­tes Ver­hält­nis hät­ten. Im­mer­hin lei­tet ei­ner von Rind­lis­ba­chers Söh­nen die Sport­gas­tro AG, die Le­bens­ader des Clubs. Und war Rind­lis­ba­cher selbst lan­ge Stamm­gast in Lü­t­his Lo­ge. Aber de­ckungs­gleich sind die In­ter­es­sen eben auch nicht mehr. Schon gar nicht im bri­san­ten Ge­schäft, über das die Na­tio­nal Le­ague in drei Ta­gen ab­stimmt. Nach­dem der Prä­si­dent mit Li­ga­di­rek­tor De­nis Vau­cher und Na­tio­nal­team­s­chef Rae­to Raf­fai­ner ei­ne Ri­si­ko­ana­ly­se vor­ge­nom­men hat, kommt er zum Schluss:

«Für mich ha­ben in der Ge­samt­be­trach­tung die Ge­fah­ren ein kla­res Über­ge­wicht. Ich bin des­halb ge­gen ei­ne Er­hö­hung der An­zahl spiel­be­rech­tig­ter Aus­län­der in der Na­tio­nal Le­ague.»

Das sitzt. Und das soll es auch. Für den Fall, dass es un­ter­ge­gan­gen ist, be­tont Rind­lis­ba­cher im Gespräch ex­tra, dass es das ers­te Mal sei, dass er sich in die­ser Sa­che äus­se­re.

Das er­in­nert ans Re­zept von An­ge­la Mer­kel, die sich ger­ne fest­legt, wenn die Mehr­hei­ten schon klar sind. Es ist aber auch wahr, dass hier ei­ner Pro­fil zeigt, der bis­her im Hin­ter­grund blieb. Der sei­ne Kar­rie­re so plan­te, dass er mit 58 nicht mehr ope­ra­tiv tä­tig sein muss­te. Ne­ben der SIHF sitzt er bei ei­ner Ver­si­che­rung, ei­ner It­fir­ma und der ARA Bern im VR. Ei­ner Prä­zi­sie­rung be­darf das nicht, und doch schiebt er nach: «Im Ge­gen­satz zu frü­her ha­be ich heu­te nur noch Vrp-man­da­te.» Das P steht, klar, für Prä­si­dent.

«Ein Ver­wal­tungs­rats­prä­si­dent soll­te mit dem Kern­ge­schäft der Or­ga­ni­sa­ti­on ei­ni­ger­mas­sen ver­traut sein. Dar­über hin­aus braucht es Füh­rungs­er­fah­rung. Im Ide­al­fall so­wohl auf Stu­fe Ge­schäfts­lei­tung wie auch auf Stu­fe Ver­wal­tungs­rat. Wei­te­re wich­ti­ge Ei­gen­schaf­ten sind Le­a­dership und die Fä­hig­keit zum ver­netz­ten und ganz­heit­li­chen Den­ken. Und ganz wich­tig: Als Ver­wal­tungs­rats­prä­si­dent hat man, wie üb­ri­gens auch der CEO, ei­ne Vor­bild­funk­ti­on. Das hat nach in­nen und aus­sen ei­ne di­rek­te Wir­kung auf die Kul­tur und Re­pu­ta­ti­on der Or­ga­ni­sa­ti­on.»

So klingt das, wenn ein Pro­fi-vr ei­nen Sport­ver­band führt. Rind­lis­ba­chers Vor­gän­ger, der po­li­tisch bes­ser ver­netz­te, jo­via­le­re Marc Fur­rer, muss­te wohl auch des­halb ge­hen, weil er im­mer we­ni­ger in die neue Zeit pass­te. Ei­ne Zeit von Cor­po­ra­te Go­ver­nan­ce, Com­p­li­an­ce und Bench­marks.

Es ist die Zeit von Rind­lis­ba­cher. Bei der SIHF hat er zahl­lo­se neue Pro­zes­se im­ple­men­tiert und ei­ne Zu­kunfts­kon­fe­renz or­ga­ni­siert. So­gar auf in­ter­na­tio­na­lem Par­kett hat er sich ver­sucht, woll­te zu­sam­men mit Lü­thi und Koh­ler dem Welt­ver­band un­ter dem Mot­to «IIHF 2.0 – für ei­ne mo­der­ne, glaub­wür­di­ge Ho­ckey­welt» ei­ne zeit­ge­mäs­se Struk­tur ge­ben. Die drei blitz­ten ab, aber ihr Plä­doy­er am Iihf-kon­gress schlug ho­he Wel­len.

Sechs Mo­na­te spä­ter hat Rind­lis­ba­cher den nächs­ten gros­sen Auf­tritt. Wie­der mit Lü­thi, aber nicht mehr auf der­sel­ben Sei­te. Der SCB-BOSS sitzt am Mitt­woch in Solothurn im Plenum, der Prä­si­dent lei­tet die Li­ga­ver­samm­lung. Ein Stimm­recht hat er dann zwar nicht. Aber sei­ne Stim­me wird trotz­dem erst­mals rich­tig ge­hört.

Vom Scb-ju­ni­or zum höchs­ten Amt im Schwei­zer Eis­ho­ckey: Sihf-prä­si­dent Micha­el Rind­lis­ba­cher

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.