Fir­men brem­sen weibliche Ta­len­te schon beim Start aus

Frau­en wer­den bei Be­för­de­run­gen nicht sel­ten über­gan­gen, weil Vor­ge­setz­te von un­be­wuss­ten Rol­len­bil­dern be­ein­flusst sind – die Swiss­com hat Mass­nah­men er­grif­fen

SonntagsZeitung - - WIRTSCHAFT - Lau­ra Fromm­berg (Text) Kor­nel Stad­ler (Il­lus­tra­ti­on)

Ei­gent­lich brau­chen Anäs­the­sis­ten kein Ste­tho­skop, wenn sie zur Be­ra­tung in ein Kran­ken­zim­mer kom­men. Doch vie­le von ih­nen hän­gen sich den­noch eins um den Hals, ge­nau­er ge­sagt: Vie­le Frau­en tun das, die den Be­ruf aus­üben. Der Grund: Sonst hält man sie für ei­ne Kran­ken­schwes­ter.

Die­ses Phä­no­men be­zeich­net man in der Wis­sen­schaft als «Un­con­scious Bi­as» – un­be­wuss­te Vor­ein­ge­nom­men­heit. Es lässt sich nicht nur in der Me­di­zin be­ob­ach­ten. Auch wer sich als ab­so­lut fort­ge­schrit­ten in Sa­chen Gleich­be­rech­ti­gung be­zeich­net, sieht Män­ner vor sich, wenn es um die Be­sat­zung im Flug­zeug­cock­pit geht – und Frau­en, wenn es um die Ka­bi­ne geht.

Bö­se ist das al­les nicht ge­meint. Ste­reo­ty­pe aus der Ge­sell­schaft zu ver­ban­nen, dau­ert, denn vie­le sind tief im Un­ter­be­wusst­sein ver­an­kert. Das Pro­blem da­bei: Der Un­con­scious Bi­as spielt ei­ne wich­ti­ge Rol­le bei der Gleich­be­rech­ti­gung von Män­nern und Frau­en am Ar­beits­platz. Nur 15 Pro­zent der Po­si­tio­nen im Schwei­zer Top­ma­nage­ment sind von Frau­en be­setzt, wie Zah­len des Di­ver­si­ty In­dex der Hoch­schu­le Luzern zei­gen. Laut dem «Gen­der In­tel­li­gence Re­port 2018» des Frau­en­netz­werks Advance und der Uni­ver­si­tät St. Gal­len fängt das Pro­blem be­reits ganz un­ten an. Schon bei Be­för­de­run­gen auf der tiefs­ten Ka­der­stu­fe wer­den nur 36 Pro­zent Frau­en im Ge­gen­satz zu 64 Pro­zent Män­nern be­rück­sich­tigt. Laut den Ver­fas­sern hat das ge­nau mit sol­chen ste­reo­ty­pi­schen Rol­len­er­war­tun­gen zu tun.

Nach­wuchs­kräf­te kön­nen sich selbst für ei­ne För­de­rung be­wer­ben

Im­mer­hin – ei­ni­ge Un­ter­neh­men ha­ben das er­kannt und ge­hen das Pro­blem an. Zum Bei­spiel das Tele­com­un­ter­neh­men Swiss­com. Der Kon­zern hat die Ab­läu­fe in sei­nen so­ge­nann­ten Ta­lent­ma­nage­ment-pro­gram­men an­ge­passt. «Es geht bei den Pro­gram­men dar­um, Po­ten­zi­al- und Leis­tungs­trä­ger zu för­dern», er­klärt Sil­ja Roth, Ver­ant­wort­li­che für das Swiss­com-ta­lent­ma­nage­ment. Im Vor­der­grund ste­he, dass die Mit­ar­bei­ten­den am­bi­tio­niert sei­en und sich wei­ter­ent­wi­ckeln woll­ten.

Aber auch hier gab es lan­ge Zeit ein Frau­en­pro­blem, denn: Wer an den Pro­gram­men teil­neh­men konn­te, wur­de von den Vor­ge­setz­ten be­stimmt. Sie schlu­gen die Kan­di­da­ten für das Pro­gramm vor. Und das wa­ren mehr­heit­lich Män­ner. Der Frau­en­an­teil lag ge­ra­de ein­mal bei 22 Pro­zent.

Vor drei Jah­ren ent­schied man bei Swiss­com dar­um, das Vor­ge­hen zu än­dern. Seit­her kön­nen die Mit­ar­bei­ten­den sich selbst für das Pro­gramm be­wer­ben. So las­se sich ver­hin­dern, dass «die Aus­wahl der Teil­neh­men­den durch be­stimm­te un­be­wuss­te Mus­ter ein­ge­schränkt wird», heisst es von Swiss­com da­zu. Da­her be­mü­he man sich auch um ei­ne gender­neu­tra­le Spra­che.

Ein Pro­blem bleibt bei der Be­wer­bung al­ler­dings: Frau­en schre­cken eher als Män­ner da­vor zu­rück, sich zu be­wer­ben – das be­legt un­ter an­de­rem auch ei­ne Stu­die des In­sti­tuts für Wirt­schafts­for­schung in Köln. Sil­ja Roth be­ob­ach­tet das­sel­be. «Frau­en sind manch­mal viel­leicht zu be­schei­den, sich das La­bel Ta­lent zu ge­ben», sagt sie. Da­her ha­be man «flan­kie­ren­de Mass­nah­men» lan­ciert. So wur­den ge­eig­ne­te Kan­di­da­tin­nen und Kan­di­da­ten ak­tiv an­ge­schrie­ben und dar­auf auf­merk­sam ge­macht, dass sie sich be­wer­ben kön­nen.

Für die Kan­di­da­ten folgt dann ein Pro­zess, der dem für die Aus­wahl von Ka­der­stel­len gar nicht un­ähn­lich ist. Sie müs­sen Mo­ti­va­ti­ons­schrei­ben und Le­bens­lauf ein­rei­chen und sich dann vor ei­nem Gre­mi­um be­haup­ten. Die Aus­wahl­gre­mi­en set­zen sich aus Per­so­nen der un­ter­schied­lichs­ten Ab­tei­lun­gen zu­sam­men, auch die obers­te Ebe­ne ist dort teils ver­tre­ten. Die­se Gre­mi­en sei­en eben­falls di­vers zu­sam­men­ge­setzt, sagt Roth.

Die Mass­nah­me hat ge­fruch­tet: Der Frau­en­an­teil in den Pro­gram­men ist seit­her auf 42 Pro­zent ge­stie­gen. Bis sich der Ef­fekt auch in der Füh­rungs­eta­ge zeigt, ist es al­ler­dings noch ein lan­ger Weg. «Der­zeit wirkt sich das noch nicht auf die Frau­en­quo­te bei den Swiss­com-ka­dern aus», so Roth. Dort be­trägt der An­teil der Frau­en noch im­mer be­schei­de­ne 12 Pro­zent. Aber man bil­de so ei­ne Pipe­line, aus der nach und nach im­mer mehr Füh­rungs­kräf­te her­vor­ge­hen.

Die Mass­nah­me von Swiss­com wur­de von der Hoch­schu­le Luzern in das Pro­gramm Wo­men’s Busi­ness In­spi­ra­ti­ons auf­ge­nom­men. Da­bei wer­den Kon­zep­te aus­ge­zeich­net, wel­che in den Au­gen der Ex­per­ten die Chan­cen­gleich­heit er­hö­hen. Durch ei­ne On­li­ne­ab­stim­mung wird er­mit­telt, wel­che der Mass­nah­men be­son­ders po­pu­lär ist. Letz­ten Don­ners­tag wur­den die dies­jäh­ri­gen Ge­win­ner ge­kürt.

Ikea ge­winnt mit zwei Mo­na­ten Va­ter­schafts­ur­laub

Swiss­com hat es mit der Mass­nah­me zwar nur auf den vier­ten Platz ge­schafft, wird von der Hoch­schu­le aber den­noch ge­lobt. «Wir er­ach­ten die­se Mass­nah­me als ein­fach und leicht um­setz­bar in Kom­bi­na­ti­on mit gros­ser Wir­kung», heisst es.

Die meis­ten Stim­men sam­mel­te das schwe­di­sche Mö­bel­haus Ikea mit ei­nem An­ge­bot, das die Gleich­be­rech­ti­gung jun­ger El­tern för­dern soll. Vä­ter ha­ben bei Ikea die Mög­lich­keit, zwei Mo­na­te Va­ter­schafts­ur­laub zu be­zie­hen. Der ers­te Mo­nat wird zu 100 Pro­zent von Ikea be­zahlt, wei­te­re vier Wo­chen zu 50 Pro­zent. Der Rest wird vom Fe­ri­en­an­spruch ab­ge­zo­gen.

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