Am Es­sen mä­keln macht .

SonntagsZeitung - - GESELLSCHAFT -

ve­ga­ne Er­näh­rung für Kin­der nicht emp­feh­len», sagt Da­ni­el.

Zu den in­di­vi­du­el­len An­sprü­chen kom­men recht­li­che hin­zu: Seit dem 1. Mai die­sen Jah­res ver­langt das neue Le­bens­mit­tel­ge­setz auch von Mit­tags­ti­schen ver­bind­lich, dass sie über In­halts­stof­fe und All­er­ge­ne Aus­kunft ge­ben kön­nen. Auch hy­gie­ni­sche und bau­li­che Vor­ga­ben in der Kü­che müs­sen ein­ge­hal­ten wer­den.

Kein Wun­der, wird es für Hor­te und Krip­pen im­mer schwie­ri­ger, sel­ber zu ko­chen. Vie­le Ge­mein­den und Städ­te ha­ben die Verpf le­gung ih­rer Hor­te und Krip­pen an Ca­te­ring­fir­men aus­ge­la­gert, die al­len An­for­de­run­gen ge­recht wer­den kön­nen – und das mög­lichst güns­tig. Die Kos­ten für den Mit­tags­tisch va­ri­ie­ren von Kan­ton zu Kan­ton und von Hort zu Hort; oh­ne Sub­ven­tio­nen sind durch­schnitt­lich rund 25 Fran­ken fäl­lig pro Kind – ver­teilt auf Mahl­zeit, Be­treu­ung und Lo­kal­mie­te. Viel Geld für Fa­mi­li­en, de­ren Kin­der mehr­mals aus­wärts spei­sen.

Weil na­tio­nal tä­ti­ge Ca­te­rer oft mit tie­fe­ren Prei­sen und brei­te­rem An­ge­bot punk­ten als klei­ne An­bie­ter aus der Re­gi­on, wer­den Me­nüs teil­wei­se von weit her an­ge­lie­fert – und vor Ort per In­duk­ti­on auf­ge­wärmt, al­so «re­ge­ne­riert». Kein Be­griff, den El­tern ger­ne im Zu­sam­men­hang mit dem Es­sen ih­rer Kin­der hö­ren. Ein zu­sätz­li­cher Auf­re­ger al­so, auch wenn das kor­rek­te Re­ge­ne­rie­ren dem Ge­schmack und der Qua­li­tät meist kei­nen Ab­bruch tut.

«Die Er­näh­rung ist ein sehr emo­tio­na­les The­ma», sagt Ma­ri­an­ne Ho­negger, Team­lei­te­rin Er­näh­rungs­be­ra­tung beim Schul­ärzt­li­chen Di­enst der Stadt Zü­rich. Um­so wich­ti­ger sei es, ei­ne kla­re Hal­tung ein­zu­neh­men. Was ge­nau in den städ­ti­schen Hor­ten und Krip­pen wie häu­fig auf den Tisch kommt, ist in der Stadt Zü­rich in Er­näh­rungs­richt­li­ni­en fest­ge­hal­ten. Da­rin steht un­ter an­de­rem, dass täg­lich ein Ve­gi-me­nü zur Aus­wahl ste­hen soll, ma­xi­mal zwei- bis drei­mal pro Wo­che Süs­ses und ein- bis drei­mal Fleisch.

Kri­tik an «Welt­rau­mes­sen» in der Stadt Bern

«Ei­ni­ge El­tern ma­chen sich Sor­gen, dass ih­re Kin­der zu we­nig Ener­gie be­kom­men, wenn es nicht täg­lich Fleisch gibt. Oder sie re­kla­mie­ren, weil sie fin­den: ‹Wir zah­len schon so viel, und dann gibt es nicht ein­mal Fleisch zum Mit­tag›», sagt Ma­ri­an­ne Ho­negger. Als die Stadt 2007 erst­mals Er­näh­rungs­richt­li­ni­en er­stell­te, ha­be es aber nicht des­we­gen ei­nen Auf­schrei ge­ge­ben. «Kei­ne Süss­ge­trän­ke mehr im Hort! Das geht doch nicht!», wet­ter­ten die Me­di­en da­mals. «Mitt­ler­wei­le hat uns die Rea­li­tät über­holt. Heu­te gibt es eher Rück­mel­dun­gen von El­tern, dass es zu viel Süs­ses ge­be.»

Auch die Stadt Bern hat neue Qua­li­täts­richt­li­ni­en für Mahl­zei­ten in Be­treu­ungs­ein­rich­tun­gen ein­ge­führt und ist nun dar­an, die­se um­zu­set­zen. Sie ver­lan­gen un­ter an­de­rem, dass das Es­sen nach­hal­tig und aus­ge­wo­gen sein soll und Salz, Zu­cker so­wie Fet­te zu­rück­hal­tend ein­ge­setzt wer­den. Aber aus­ge­rech­net die ge­sun­de Er­näh­rung, die im In­ter­es­se al­ler lie­gen soll­te, liess die Emo­tio­nen hoch­ko­chen: «Un­mut we­gen ‹Welt­rau­mes­sen›» ti­tel­te «Der Bund».

Der Ar­ti­kel han­del­te von Schü­lern, de­nen das neue An­ge­bot über­haupt nicht schmeck­te. Vor al­lem für Kin­der mit «schma­lem Spek­trum an Es­sen­s­er­fah­rung» sei ein Lin­sen­cur­ry ge­ra­de­zu «ein Schock», sag­te ei­ne Krip­pen­lei­te­rin. Ei­ne Viert­kläss­le­rin pro­tes­tier­te mit ei­ner Un­ter­schrif­ten­samm­lung ge­gen die Mahl­zei­ten aus Zü­rich, die «un­ge­niess­bar» sei­en. Nicht zu­letzt als Fol­ge der Pro­tes­te setzt die Stadt Bern künf­tig auf Ei­gen­pro­duk­ti­on – mit neu­en Quar­tier­kü­chen, die das Ca­te­ring für Ein­rich­tun­gen oh­ne ei­ge­ne Kü­che über­neh­men. Die ers­te wird im Som­mer in Be­trieb ge­nom­men.

Die Kids es­sen im­mer noch am liebs­ten Spa­ghet­ti und Pom­mes

In Zol­li­kon ZH wur­de das Ca­te­ring-es­sen 2015 eben­falls zum Po­li­ti­kum, von ei­ner «Über­do­sis To­fu» war in den Me­di­en die Re­de. El­tern stell­ten sich kol­lek­tiv ge­gen das neue Mit­tags­tisch-an­ge­bot, es gab Kri­sen­sit­zun­gen, Schü­ler­um­fra­gen, Ver­bes­se­rungs­vor­schlä­ge. Die Schulpf le­ge – ir­ri­tiert, dass das The­ma das gan­ze Dorf be­schäf­tig­te im Ge­gen­satz zum En­ga­ge­ment der Ge­mein­de für Asyl­su­chen­de – lenk­te schliess­lich ein, da­mit «die Kin­der satt und zu­frie­den vom Mit­tags­tisch ge­hen», wie es im El­tern­brief hiess. Fort­an gab es wie­der ver­mehrt Chi­cken Nug­gets und Brätchü­ge­li – ein­fa­che­re Kost mit ge­rin­ge­rem Ve­gi-an­teil.

Ca­te­rer las­sen sich der­weil viel ein­fal­len, um die Kin­der auch mit ge­sun­den Spei­sen zu­frie­den­zu­stel­len oder gar aus­zu­trick­sen. Ei­ne lie­be­vol­le Prä­sen­ta­ti­on sei sehr wich­tig, «weil Kin­der aus man­geln­der Er­fah­rung zu­erst mit den Au­gen es­sen», sagt der Me­nu-an­d­mo­re-ag-ge­schäfts­füh­rer Mar­kus Da­ni­el. Ge­mü­se wird leicht kna­ckig und oh­ne Ge­mü­se­bouil­lon zu­be­rei­tet, da­mit nicht al­les gleich schmeckt, in Sau­cen wer­de das Ge­mü­se pü­riert. «So kön­nen die Kin­der die Stü­cke nicht raus­su­chen.»

Dora Sie­gen­tha­ler, Qua­li­täts­ver­ant­wort­li­che beim Ki­ta-trä­ger Pop e Pop­pa mit fast 40 Ein­rich­tun­gen von Genf bis Pfäf­fi­kon SZ, fin­det sol­che Tricks nicht un­be­dingt nö­tig. «Die meis­ten Kin­der pro­bie­ren frei­wil­lig Ge­mü­se, Sa­lat und exo­ti­sche­re Spei­sen, so­lan­ge man sie nicht un­ter Druck setzt.» Er­wach­se­ne müss­ten das nur vor­le­ben. Sie­gen­tha­ler ist seit rund 30 Jah­ren in der Kin­der­be­treu­ung tä­tig und staunt, wel­chen Stel­len­wert die Er­näh­rung ein­ge­nom­men hat – ein «Lu­xus­pro­blem man­cher Schich­ten». Um­so wich­ti­ger sei es, ein kla­res Es­sens­kon­zept zu ha­ben, nicht, dass am En­de je­des Kind ein À-la-car­te-me­nü brau­che und so das Ge­mein­schafts­ge­fühl beim Mit­tags­tisch lei­de. Die Klei­nen sei­en heu­te üb­ri­gens im Schnitt nicht an­spruchs­vol­ler. «Frü­her hiess es: ‹Es wird ge­ges­sen, was auf den Tisch kommt.› Hät­ten sie frei wäh­len kön­nen, hät­ten sie auch da­mals am liebs­ten Spa­ghet­ti und Pom­mes ge­habt.»

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