Ja­vier Bar­dem

War­um er Män­ner für das schwa­che Ge­schlecht hält

SonntagsZeitung - - KULTUR - Mat­thi­as Lerf «Ever­y­bo­dy Knows»: ab Don­ners­tag im Ki­no

Ein Land­gut, Wein­bau, ei­ne weit­ver­zweig­te Fa­mi­lie, ein aus­ufern­des Hoch­zeits­fest: «Ever­y­bo­dy Knows» – oder eben «To­dos lo saben» – könn­te spa­ni­scher nicht sein. Aber Re­gie führ­te der Ira­ner As­ghar Far­ha­di, der mit sei­nem in Te­he­ran spie­len­den «A Se­pa­ra­ti­on» 2012 ei­nen Os­car ge­wann. Ab und zu dreht er im Aus­land, jetzt in der Nä­he von Ma­drid, mit Schau­spie­lern und Tech­ni­kern, de­ren Mut­ter­spra­che er nicht ver­steht. «Kein Pro­blem», sagt Ja­vier Bar­dem, 49, der ne­ben Pe­né­lo­pe Cruz die Haupt­rol­le spielt. Die bei­den ar­bei­ten seit «Jamón, Jamón» (1992) im­mer wie­der zu­sam­men. Seit 2007 sind sie auch im rich­ti­gen Le­ben ein Paar und ha­ben ei­nen Sohn (Leo) und ei­ne Toch­ter (Lu­na).

Ja­vier Bar­dem, ei­gent­lich geht es in «Ever­y­bo­dy Knows» um Fa­mi­li­en, nicht wahr?

Ah, Fa­mi­li­en. Stimmt schon. Es geht aber auch um Lie­be, Be­trug, Ver­rat. Es geht um vie­les, wie im­mer bei die­sem kom­ple­xen Re­gis­seur. Aber ich den­ke, Far­ha­di stellt die Fa­mi­lie ins Zen­trum all sei­ner Fil­me, weil wir da am emp­find­lichs­ten sind.

Er spricht nicht Spa­nisch. Wie hat er Re­gie ge­führt?

Die Sprach­bar­rie­re wä­re für mich ein gros­ses Pro­blem, und für die meis­ten an­de­ren auch. Nicht für ihn, er ver­steht, dass es jen­seits der Wor­te ei­ne Wahr­heit gibt. Das klingt viel­leicht blöd, aber er kann das spü­ren. Er sag­te uns manch­mal nach ei­ner Sze­ne, mit­hil­fe des Über­set­zers: «Ich glau­be nicht, was du da sag­test.» Und hat­te da­mit im­mer recht.

Wie ver­stand er es denn?

Es geht eben nicht nur um Wor­te, es geht zum Bei­spiel um das En­ga­ge­ment beim Spre­chen. Dar­um wirkt viel­leicht auch die­ser sehr spa­ni­sche Film so uni­ver­sell. Was ich phä­no­me­nal fin­de: Far­ha­di stellt sich nie­mals auf die Sei­te ei­ner be­stimm­ten Fi­gur. Da wird kei­ne ver­ur­teilt, al­le wer­den mit ih­ren Zie­len und Mo­ti­va­tio­nen prä­sen­tiert. Und al­le ha­ben recht. Das ist sehr schwer zu be­werk­stel­li­gen, be­son­ders in Zei­ten, in de­nen wir da­zu ten­die­ren, die Welt in rich­tig und falsch ein­zu­tei­len, in schwarz und weiss.

Die trei­ben­de Kraft in der Ge­schich­te sind die Frau­en.

Selbst­ver­ständ­lich. Wenn die Welt nur in den Hän­den der Män­ner lie­gen wür­de, wä­re sie vor lan­gem zer­stört wor­den. Dank den Frau­en sind wir ei­ni­ger­mas­sen si­cher. Aber nur, wenn der Mann die Frau als gleich­be­rech­tigt an­sieht.

Auch in Spa­ni­en ist das be­stimmt nicht im­mer der Fall.

Eben. Ich kom­me aus ei­nem Land mit sehr pa­tri­ar­cha­len Struk­tu­ren. Aber ich bin von ei­ner Frau er­zo­gen wor­den. Mein Va­ter war ab­we­send, als ich her­an­wuchs. Mei­ne Mut­ter war Schau­spie­le­rin, das galt in den 1960ern noch we­ni­ger als ei­ne Pro­sti­tu­ier­te. Wenn man nicht ge­ra­de ein Star war, wur­de man über­haupt nicht ernst ge­nom­men. Aber sie hat es mit der Kraft ei­ner Lö­win ge­schafft, drei Kin­der zu er­zie­hen, oh­ne ihr Tem­pe­ra­ment zu ver­lie­ren, zwei Söh­ne und ei­ne Toch­ter. Das be­wun­de­re ich ein Le­ben lang. Und füh­le mich schutz­los oh­ne Frau­en.

Tat­säch­lich?

Aber ja. Ich weiss nicht, wie es bei Ih­nen heisst, aber in Spa­ni­en sa­gen wir ger­ne «das schwa­che Ge­schlecht». Das gibt es schon, aber das sind ein­deu­tig wir Män­ner.

Sie dreh­ten ja mit Ih­rer ei­ge­nen Frau. Spre­chen Sie mit Pe­né­lo­pe Cruz am Abend über die Ar­beit?

Nein, wir sind bei­de lan­ge ge­nug im Ge­schäft, um das blei­ben zu las­sen.

Es gibt Leu­te, die sa­gen, man sol­le nie mit je­man­dem ar­bei­ten, mit dem man ei­ne Be­zie­hung ha­be.

Ich den­ke nicht, dass das wahr ist. Es ist sehr in­ten­siv, ei­nen Film zu dre­hen, aber es dau­ert nicht lan­ge. Wenn man jahr­zehn­te­lang ge­mein­sam ei­nen La­den führt, zehn bis zwölf Stun­den am Tag, ist das viel­leicht an­ders. Aber bei ei­nem Film sind wir höchs­tens drei Mo­na­te zu­sam­men. Und wir ha­ben bei­de im Lauf der Jah­re ge­lernt, die rea­le Welt von der Fik­ti­on zu un­ter­schei­den. Das hilft. Zu Hau­se sind wir Pa­pa und Ma­ma, nicht der Dro­gen­ba­ron Pa­blo Es­co­bar und sei­ne Ge­lieb­te, die wir kürz­lich auch ver­kör­per­ten. Das er­war­ten die Kids. Wo kä­men wir sonst hin?

Es gibt ei­ne Schlüs­sel­stel­le in «Ever­y­bo­dy Knows», in der es eben­falls um Kin­der geht . . .

... das ist ein gu­tes Bei­spiel. Ich will nicht ver­ra­ten, von was da ge­nau die Re­de ist, es geht um die Ver­gan­gen­heit, die sich in die Ge­gen­wart drängt und die Zu­kunft zu zer­stö­ren droht. Und es ist ein­fach sehr emo­tio­nal. Im Dreh­buch war die Stel­le wun­der­bar zu le­sen, aber dann dach­te ich, «hopp­la, das musst du ja spie­len!». Schliess­lich war es be­reits am zwei­ten Dreh­tag so weit, für Pe­né­lo­pe war es gar die ers­te Sze­ne.

Wie­so so früh?

Das hing mit dem Dreh­ort zu­sam­men, es ging nicht an­ders. Wir wa­ren bei­de so­zu­sa­gen noch kalt, hat­ten kei­ne Zeit, ei­ne Film­be­zie­hung auf­zu­bau­en. As­ghar Far­ha­di hat das so­fort ge­merkt und uns et­was ge­sagt, das ich nie ver­ges­sen wer­de: Die Ver­gan­gen­heit war­tet auf dich. Das stimmt, du denkst ger­ne, et­was sei ab­ge­schlos­sen, fer­tig und ver­ges­sen. Aber es gibt Din­ge, mit de­nen du im­mer wie­der kon­fron­tiert wirst, de­nen du nicht ent­kommst. Auch im Po­si­ti­ven. Ich den­ke tat­säch­lich noch an das, was ich von mei­ner Mut­ter lern­te.

Was denn?

Of­fen zu blei­ben. Wenn man äl­ter wird, ist die Ge­fahr gross, dass wir das Ge­fühl ha­ben, al­les zu wis­sen. Da­bei wis­sen wir we­ni­ger und we­ni­ger. Nur Kin­der wis­sen al­les.

Was heisst das kon­kret?

Man darf sich nie, nie an Er­folg und Miss­er­folg ge­wöh­nen. Ich kann da­zu auch die Grup­pe Me­tal­li­ca zi­tie­ren, ich lie­be Hard­rock. Sie hat ein Lied na­mens «Moth in­to Fla­me». Der Nacht­fal­ter wird von der Flam­me an­ge­zo­gen, die­se kann Er­folg be­deu­ten oder Le­bens­ge­fahr. Ich ver­su­che im­mer noch zu ler­nen. Aber wir le­ben in ei­ner Welt, in der es nur noch um die Flam­men zu ge­hen scheint, um die al­le krei­sen.

Ha­ben Sie sich ver­brannt?

Täg­lich.

Sie äus­sern sich, im Ge­gen­satz zu an­de­ren Schau­spie­lern, auch po­li­tisch.

Hö­ren Sie, ich bin spa­ni­scher Bür­ger. Ich be­zah­le mei­ne Steu­ern. Ich stim­me ab. Und sa­ge, was ich will. So­bald man ei­ne Mei­nung hat, hat man auch Fein­de. Das hin­dert manch­mal Schau­spie­ler dar­an, sich po­li­tisch zu äus­sern, sie wol­len von al­len ge­liebt wer­den. Ich aber ha­be kein Pro­blem, zu sa­gen, dass ich Do­nald Trump für den Haupt­dar­stel­ler der schlech­tes­ten Sei­fen­oper hal­te, die je ge­dreht wur­de. Das ist für mich ei­ne Tat­sa­che.

Weil Sie vor­hin die­sen Satz zi­tiert ha­ben: Gibt es Din­ge, die in der Ver­gan­gen­heit auf Sie war­ten?

Uh! Vie­les, fürch­te ich. Wol­len Sie mich rein­le­gen, mit der Fra­ge?

Be­stimmt nicht.

Um ganz ehr­lich zu sein, ha­be ich mehr als auch schon das Ge­fühl, ich hät­te rei­nen Tisch ge­macht mit vie­lem. Ein paar kom­pli­zier­te Din­ge ha­be ich ge­löst, ob­wohl das na­tür­lich nie so ge­schieht, wie man es sich wirk­lich wünscht. Aber wenn ich jetzt tot um­fal­len wür­de, könn­te mir vor­her durch den Kopf ge­hen: Nun gut, ich habs ver­sucht.

Fo­to: Con­tour/get­ty

Auch die Fri­sur ist gut: Ja­vier Bar­dem, 49, in (von oben) «Sky­fall» (2012), «Mar aden­tro» (2004), «No Coun­try for Old Men» (2007) und «The Coun­selor» (2013)

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