Land des Un­er­war­te­ten

Der Kan­ni­ba­lis­mus ist Ge­schich­te, trotz­dem trau­en sich nicht al­le Kreuz­fahrt-pas­sa­gie­re von Bord: Pa­pua-neu­gui­nea funk­tio­niert fern vom Ge­wohn­ten und ist ein Ter­rain für Aben­teu­rer

SonntagsZeitung - - REISEN - Chris­ti­an Zürcher (Text) und Franz Ler­chen­mül­ler (Fo­to) Die Rei­se wur­de un­ter­stützt von der Png-tou­ris­mus­be­hör­de

Pa­pua-neu­gui­nea ist an­ders. Die Ein­hei­mi­schen nen­nen es das Land des Un­er­war­te­ten. Tat­säch­lich gibts hier Über­ra­schun­gen: weil et­was nicht funk­tio­niert, weil die Men­schen das Le­ben lo­cke­rer neh­men, weil der Wes­ten hier noch so fern ist. Ein Rund­gang und ein paar Ein­drü­cke.

Büch­senthun­fisch

Ei­ne Tou­ris­ten­grup­pe reist auf ei­ne In­sel und be­sucht ein Dorf, in dem für sie ein spe­zi­el­les Abend­es­sen vor­be­rei­tet wer­den soll – so ist es ab­ge­macht. Die Ein­woh­ner le­ben in ein­fa­chen Ver­hält­nis­sen, er­näh­ren sich aus dem Meer. Als es zum Es­sen geht, schau­en sich die Gäs­te fra­gend an. Auf dem Me­nü ste­hen To­ast und Büch­senthun­fisch. Die Über­le­gung der In­sel­be­woh­ner: Fisch aus dem Meer ist ge­wöhn­lich und gilt als Es­sen der ar­men Leu­te. Büch­senthun­fisch aber, der ist spe­zi­ell, da­für muss man stun­den­lang mit dem Boot fah­ren und ei­nen Markt be­su­chen. Die Epi­so­de zeigt: Pa­pua-neu­gui­nea (PNG) ent­deckt ge­ra­de den Tou­ris­mus, vie­les ist noch am Ent­ste­hen. Mitt­ler­wei­le hat man da­zu­ge­lernt, auf Tou­ris­ten­ti­sche kom­men heu­te fri­sche Fi­sche.

See­gur­ken­boom

Es war ein­mal ein In­sel­dorf im Bis­marck-ar­chi­pel, das war ein­fach und arm und oh­ne Per­spek­ti­ven. Nach dem Som­mer 2018 ste­hen vor den ein­fa­chen Holz­häu­sern Bob­by­cars und glän­zen­de Ve­los, die Jun­gen tra­gen gol­de­ne Son­nen­bril­len und hö­ren Mu­sik aus Blue­tooth-bo­xen. Der Grund: Die Fi­sche­rei­be­hör­de hat das ers­te Mal seit sechs Jah­ren das See­gur­ken­fang­ver­bot auf­ge­ho­ben. Al­so fisch­ten Kin­der und Er­wach­se­ne ei­nen Mo­nat lang wie wild nach die­sen häss­li­chen Mee­res­tie­ren – die Chi­ne­sen ste­hen auf die Gur­ken und zah­len un­heim­lich ho­he Prei­se.

Et­was Ge­schich­te

Pa­pua-neu­gui­nea ist seit 1972 un­ab­hän­gig, da­vor war es von Deut­schen, Bri­ten, Ja­pa­nern und Aus­tra­li­ern be­setzt. Dar­um spre­chen die Men­schen ziem­lich gut Eng­lisch.

Wun­der­schön

Mor­gens um vier mit dem Boot durch den Bis­marck­ar­chi­pel im West­pa­zi­fik fah­ren, Ster­ne gu­cken und leuch­ten­de Fi­sche se­hen. Fa­mos.

Feuch­tig­keit

Fünf Mi­nu­ten Vol­ley­ball spie­len heisst schwit­zen wie ein Stras­sen­ar­bei­ter beim Tee­ren. Es ist feucht in Pa­pua-neu­gui­nea. Als ha­be das Wet­ter ei­nem ei­ne nas­se Woll­de­cke über die Schul­tern ge­legt.

Schild­krö­ten­jagd

An­ge­li­que Amon steht am Strand, bückt sich und schüt­telt we­nig spä­ter den Kopf. «Oh nein», sagt sie und hält ei­nen Teil des Schild­krö­ten­pan­zers in der Hand. Auf­ge­bro­chen, weg­ge­wor­fen. «Ein­hei­mi­sche su­chen nach Schild­krö­ten und de­ren Eier; bei­de gel­ten hier als De­li­ka­tes­se», sagt sie. Amon sucht nach Ei­ern, sie will sie schüt­zen, be­vor die Ein­hei­mi­schen sie fin­den. Amon ist vor Jah­ren aus Deutsch­land aus­ge­wan­dert und führt ein Ho­tel mit 14 Betten auf ei­ner klei­nen In­sel, Lis­se­n­ung, zwei Fuss­ball­fel­der gross, sie­ben Hüt­ten stark, ge­schmückt mit weis­sen Sand­strän­den – das Pa­ra­dies in Klein. In­sel­l­e­ben­puls­schlag: 60 Schlä­ge die Mi­nu­te. Das Es­sen: Hum­mer, Lan­gus­ten und Fisch à go­go. Lieb­lings­be­schäf­ti­gung: Schnor­cheln und Tau­chen.

Flie­ger­trick

Durch PNG rei­sen heisst viel flie­gen. Vie­le Dör­fer sind noch heu­te nicht er­schlos­sen. Die Stras­sen be­ste­hen vor al­lem aus Lö­chern, das Vor­an­kom­men auf ih­nen ist be­schwer­lich und zeit­rau­bend. Al­so wird ge­flo­gen, im gan­zen Land gibt es Lan­de­bah­nen. Doch das Wet­ter ist un­be­re­chen­bar. Im­mer wie­der müs­sen Flug­zeu­ge in der Luft wie­der um­keh­ren, weil sie nicht lan­den kön­nen. Fin­di­ge (und rei­che) Ge­schäfts­män­ner bu­chen da­her bei wich­ti­gen Ter­mi­nen oft­mals zwei Flü­ge. Bei ei­nem wird es dann schon klap­pen.

Ba­by­lon

PNG ist ein El­do­ra­do für Eth­no­lo­gen. Bis zu 860 Spra­chen gibt es im Land, da­zu 1000 Volks­grup­pen, ver­teilt auf 8 Mil­lio­nen Men­schen (1950 wa­ren es noch 1,6 Mil­lio­nen). Die Men­schen ha­ben frü­her in Stäm­men ge­lebt, ei­nen Rechts­staat gab es nicht, Pro­ble­me lös­te man mit dem Recht des Stär­ke­ren, Krie­ge zwi­schen den Stäm­men wa­ren dar­um nor­mal. Es dau­er­te Jahr­zehn­te, um die­se zu be­frie­den. Heu­te zie­hen vie­le jun­ge Men­schen in die Städ­te. Dort bre­chen die zum Teil jahr­hun­der­te­al­ten Zwis­te wie­der auf.

Kan­ni­ba­lis­mus

PNG ist das Land der Men­schen­fres­ser – das be­sagt zu­min­dest das Kli­schee. Bis in die Sech­zi­ger­jah­re as­sen die Pa­pu­as Art­ge­nos­sen. Heu­te spre­chen sie un­gern dar­über. Men­schen­fleisch soll nach Ka­su­ar schme­cken, ei­ner Vo­gel­art. Ka­sua­re gel­ten in PNG noch heu­te als De­li­ka­tes­se.

Kul­tur

Die Go­ro­ka-show ist der gröss­te Folk­lo­re­an­lass des Lan­des. Die Men­schen tra­gen Fe­dern und Schmin­ke, sie tan­zen und sin­gen, sie trin­ken und es­sen. Tau­send Men­schen ma­chen mit, Zehn­tau­sen­de schau­en zu. Das Bes­te: mit den Men­schen ins Gespräch kom­men und ih­re Ge­schich­ten er­fah­ren.

In­ter­net

Das In­ter­net ist lang­sam. Es wä­re wohl schnel­ler, wür­de man ein Pferd neh­men und die Da­ten auf den Rü­cken schnal­len. Es hat aber kaum Pfer­de hier. Apro­pos Tie­re: Das Schwein ist in PNG ein Sta­tus­sym­bol. Wer ei­nes oder meh­re­re im Gar­ten hat, ge­niesst An­se­hen.

Sor­gen

PNG hat Pro­ble­me, vie­le so­gar. Kor­rup­ti­on. Ar­beits­lo­sig­keit. Ar­mut. Dem Staat fehlt das Geld. Der Prä­si­dent sag­te im Sep­tem­ber am Na­tio­nal­fei­er­tag: «Wir müs­sen an uns glau­ben.»

Stolz

PNG rich­tet Mit­te No­vem­ber den Gip­fel der Asia­tisch-pa­zi­fi­schen Wirt­schafts­ge­mein­schaft (Apec) aus. Der An­lass er­füllt die Ein­woh­ner von PNG mit Stolz: Sie sind plötz­lich je­mand in der Welt­po­li­tik. Ein neu­es Kon­fe­renz­zen­trum wur­de ge­baut, ein Hil­ton-ho­tel er­stellt. Doch es gibt noch im­mer zu we­ni­ge Ho­tel­bet­ten, al­so wer­den wäh­rend des Gip­fels Kreuz­fahrt­schif­fe in die Haupt­stadt Port Mo­res­by ein­lau­fen und den Staats­gäs­ten Ob­dach bie­ten.

Ge­fähr­lich

Apro­pos Kreuz­fahrt­schif­fe. Die­se lau­fen auf ih­ren Süd­see­fahr­ten auch in Port Mo­res­by ein. Doch die Gäs­te blei­ben meist an Bord, sie trau­en sich nicht an Land. Sie ha­ben Angst vor der Kri­mi­na­li­tät in der Stadt – sie soll ei­ner der ge­fähr­lichs­ten Or­te der Welt sein. Das scheint über­trie­ben – wo­bei: Wenn man das be­wach­te Ho­telare­al ver­lässt, fragt die Si­cher­heits­an­ge­stell­te am Tor: «Wol­len Sie wirk­lich Ihr Le­ben ris­kie­ren?» Wir ha­ben es ris­kiert – nichts ist pas­siert.

Vo­gelt­raum

Ei, die­se Pa­ra­dies­vö­gel. Be­zau­bernd. In PNG gibt es die meis­ten Ar­ten auf der Welt. Es sind Vö­gel mit bun­ten Fe­dern und krea­ti­ven Na­men. Der schöns­te (al­so Na­me): Sach­sen­kö­nig. Deut­sches Kul­tur­er­be halt.

Taucht­raum

Hei, die­se Koral­len­rif­fe. Fan­tas­tisch. Haie sieht man üb­ri­gens auch. Klei­ne, bis zu ei­nem Me­ter lan­ge. Schwim­men durch die Bei­ne. Das ist – hihi – ner­ven­auf­rei­bend. Und wer taucht, sieht de­ren gros­se Brü­der. Wie sag­te es ei­ne Deut­sche nach ih­rem Tauch­gang: «Wir ha­ben ihn ge­se­hen, jetzt kön­nen wir nach Hau­se ge­hen und es al­len er­zäh­len.»

Zu­sam­men­fas­sung

PNG emp­fiehlt sich für vier Sor­ten Mensch: Aben­teu­rer. Tau­cher. Eth­no­lo­gisch In­ter­es­sier­te. Und Leu­te, die mei­nen, schon al­les ge­se­hen zu ha­ben (soll es ja auch ge­ben).

PS

Wie viel Tou­ris­mus tut Pa­pua­neu­gui­nea gut? Wie viel von ihm macht den Zau­ber des Lan­des ka­putt?

Pa­pu­as füh­ren ei­nen Geis­ter­tanz auf: Art­ge­nos­sen wer­den heu­te nicht mehr ver­zehrt, doch Stam­mes­tref­fen, an de­nen ge­sun­gen, mu­si­ziert und ge­tanzt wird, sind wei­ter­hin Teil der Kul­tur

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