Gra­ham Nash

Der Bri­te macht mit 76 noch Mu­sik, die nicht pein­lich klingt.

Tages Anzeiger - - VORDERSEITE - Je­an-mar­tin Bütt­ner

Eben hat er mit Da­vid Cros­by und Ste­phen Stills, sei­nen al­ten Freun­den und Geg­nern, das letz­te Kon­zert der lau­fen­den Tour­nee ge­ge­ben. Es ist An­fang De­zem­ber 1984 in Ho­no­lu­lu, der Haupt­stadt von Ha­waii. Cros­by hat sich schon auf dem Hin­flug zu­ge­dröhnt, er ist süch­tig nach al­lem, was süch­tig ma­chen kann, He­ro­in, Al­ko­hol, Ko­ka­in, Es­sen, Sex. Und vor al­lem raucht er Crack, Tag und Nacht. Sei­nem Kol­le­gen Ste­phen Stills geht es nur we­nig bes­ser, er kämpft mit sei­ner Ko­ka­in­sucht und ka­put­ten Be­zie­hun­gen. Sein Ver­hal­ten ist er­ra­tisch, sei­ne Kar­rie­re Ver­gan­gen­heit.

Auch Gra­ham Nash, der En­g­län­der in der Band, schnupft seit 16 Jah­ren und nach ei­ge­nen An­ga­ben «un­glaub­li­che Men­gen von Ko­ka­in». Im Ka­ha­la-ho­tel von Ho­no­lu­lu, drei Ta­ge nach dem letz­ten Kon­zert, fei­ert die Band mit Freun­den und Be­kann­ten das En­de der Tour. Als Nash zu den an­de­ren stösst, wird ihm et­was klar, das er sehr viel spä­ter, in sei­ner le­sens­wer­ten Au­to­bio­gra­fie, no­tie­ren wird, näm­lich «dass al­le nur so ta­ten, als hät­ten sie es gut. Ihr Lä­cheln blieb pu­re Ober­flä­che, sie sa­hen aus wie Ma­rio­net­ten.» Denn al­le stan­den un­ter Koks.

An je­nem Abend be­schliesst Gra­ham Nash, da­mit auf­zu­hö­ren. «Ich ha­be das Zeug seit­her nie mehr ge­nom­men», sagt er am Te­le­fon. So wie er klingt, im Ge­spräch und auf sei­ner letz­ten, vor fünf Jah­ren er­schie­ne­nen Plat­te, glaubt man ihm so­fort. Die­se Wo­che wird er, von zwei Freun­den be­glei­tet, in der Schweiz auf­tre­ten.

Er war für Ber­nie San­ders

Gra­ham Nash, 76 Jah­re alt, schlank und mit dich­tem Haar, sieht im­mer noch be­nei­dens­wert gut aus. Er ge­hört zu den Über­le­ben­den der 60er-jah­re, die auf ih­ren Idea­len be­ste­hen, oh­ne in Sen­ti­men­ta­li­tät zu ver­fal­len. Und er macht wei­ter Mu­sik, oh­ne dass die­se pein­lich klingt. Sein Pu­bli­kum um­fas­se nun drei Ge­ne­ra­tio­nen, sagt er, was für ihn nur heis­sen kön­ne, dass die Gros­s­el­tern die En­kel an sei­ne Kon­zer­te mit­neh­men.

Er sel­ber hat sich nach 30 Jah­ren Ehe von sei­ner zwei­ten Frau Su­san Sen­nett ge­trennt und lebt jetzt mit sei­ner Freun­din in New York. Die Schei­dung lös­te ei­ne Le­bens­kri­se aus, die er in sei­nem letz­ten Al­bum ver­tont hat. Nash hat drei Kin­der und ist seit meh­re­ren Jahr­zehn­ten ame­ri­ka­ni­scher Staats­bür­ger. Bei den letz­ten Prä­si­dent­schafts­wah­len un­ter­stütz­te er den lin­ken De­mo­kra­ten Ber­nie San­ders. «Vie­le frag­ten mich nach der Wahl von Do­nald Trump, ob ich jetzt Ame­ri­ka ver­las­sen wol­le», sagt er. «Aber es ist mein Land ge­wor­den, und aus­ser­dem soll man in ei­ner sol­chen Si­tua­ti­on erst recht blei­ben.»

Start vor 400 000 Leu­ten

Gra­ham Nash hat meh­re­re Kar­rie­ren durch­lau­fen. Der Sän­ger, Gi­tar­rist und Song­schrei­ber grün­de­te mit sei­nem Schul­freund Al­lan Clar­ke die Hol­lies, das war An­fang der 60er. Zwar spiel­te das Quin­tett im­mer im Schat­ten der Beat­les, aber wel­cher Band er­ging das nicht so? Zu­dem ge­lan­gen den Hol­lies Hits von ho­her me­lo­di­scher Qua­li­tät. Die Grup­pe tour­te un­ab­läs­sig und setz­te sich auch auf der Büh­ne durch. Aber je län­ger die er­schöp­fen­de Ab­fol­ge von Auf­nah­men und Kon­zer­ten an­dau­er­te, des­to we­ni­ger fühl­te sich Nash in­spi­riert. Sei­ne Kol­le­gen tra­fen sich am liebs­ten im Pub zum Bier. Er da­ge­gen, der in Ka­li­for­ni­en mit der psy­che­de­li­schen Wir­kung von Ma­ri­hua­na in Kon­takt ge­kom­men war, woll­te Al­ben auf­neh­men, nicht bloss Singles.

Als die Kol­le­gen meh­re­re sei­ner Songs zu­rück­wie­sen, die er zu Recht zu sei­nen bes­ten zählt – «King Mi­das in Re­ver­se», «Mar­ra­kesh Ex­press» oder «Teach Your Child­ren» –, trenn­te er sich von den Hol­lies, zog nach Ka­li­for­ni­en, ver­lieb­te sich in die Song­schrei­be­rin Jo­ni Mit­chell und grün­de­te mit Da­vid Cros­by und Ste­phen Stills das Po­wer­trio Cros­by, Stills & Nash. Das ers­te – und bei wei­tem bes­te – Al­bum ge­riet gleich zum Welter­folg. Ihr zwei­tes Kon­zert ga­ben die drei am Wood­stock-fes­ti­val vor 400 000 Leu­ten. «We’re sca­red shit­less», sag­te Stills am An­fang: Wir ha­ben so was von Schiss. Aber nicht vor dem Pu­bli­kum, schreibt Nash in sei­ner Bio­gra­fie, son­dern von den Dut­zen­den Kol­le­gen, die am Büh­nen­rand stan­den und schau­ten, was das neue Trio drauf­hat­te.

Kind­heit in Ar­mut

Für ih­re nächs­te Plat­te hol­ten Cros­by, Stills und Nash ih­ren Freund Neil Young ins Stu­dio, aber das Quar­tett brach­te nur ein Stu­dio­al­bum fer­tig. Die Egos von Young und Stills und der Dro­gen­kon­sum von Stills und Cros­by lies­sen kein wei­te­res Al­bum zu. Das Trio hat seit­her meh­re­re Al­ben ver­öf­fent­licht und vie­le Kon­zer­te ge­ge­ben, aber nie mehr die Bril­lanz der ers­ten Jah­re er­reicht.

Vie­le Mu­si­ker der 60er sind ge­stor­ben oder ka­men sich ab­han­den, die we­nigs­ten sind noch heu­te glaub­wür­dig ak­tiv. Dass Nash die­se he­do­nis­ti­schen Jah- re ge­nies­sen konn­te, oh­ne dar­ob ka­putt zu ge­hen, führt er auf sei­ne Her­kunft zu­rück: «Ich kom­me aus Man­ches­ter», sagt er, «was kann mir schon noch pas­sie­ren?»

Nash wuchs mit den bei­den Schwes­tern bei sei­nen El­tern in Sal­ford auf, ei­nem vik­to­ria­ni­schen Ar­men­quar­tier von Man­ches­ter, das im Krieg halb zer­stört wur­de; es zähl­te zu den schlimms­ten Sl­ums En­g­lands. Die Fa­mi­lie muss­te hun­gern, weil der Va­ter so we­nig ver­dien­te. Als er für sei­nen Sohn ei­nen bil­li­gen Fo­to­ap­pa­rat stahl, muss­te er ein Jahr ins Ge­fäng­nis. «Er hat sich nie mehr von der Schmach er­holt», er­in­nert sich sein Sohn, der schon des­halb früh mit der Mu­sik an­fing, um die Fa­mi­lie zu un­ter­stüt­zen.

Das vi­ri­le Selbst­bild des nord­eng­li­schen Pro­le­ta­ri­ats half ihm im Um­gang mit dem Ruhm, den Dro­gen, der ame­ri­ka­ni­schen Hys­te­rie. Nash re­agier­te auf das al­les mit bri­ti­schem Un­der­state­ment und Hu­mor, dar­in den Kol­le­gen der Beat­les ähn­lich; es brauch­te viel, um ihn zu be­ein- dru­cken. «Ich war auch in Wood­stock nicht ner­vös», er­in­nert er sich. Was ihn viel mehr be­schäf­tig­te, war der Nie­der­gang von Da­vid Cros­by, sei­nem bes­ten Freund: «Es war ei­ne schreck­li­che Zeit in sei­nem Le­ben, im Le­ben all sei­ner Freun­de», Nach­dem Cros­by wie­der und wie­der zur Crack­pfei­fe ge­grif­fen hat­te und al­le Ent­zugs­ver­su­che hat­te schei­tern las­sen, gab Nash ihn schliess­lich auf.

Drei Jah­re spä­ter mel­de­te sich Cros­by in Mia­mi auf dem Po­li­zei­pos­ten, lie­fer­te sich gleich­sam sel­ber ein. «Dann erst glaub­te ich», sagt Gra­ham Nash da­zu, «dass er le­ben und nicht ster­ben woll­te.» Was ihn sel­ber be­traf, hat­te er die Fra­ge schon viel frü­her be­ant­wor­tet. Wer so auf­ge­wach­sen ist wie er, für den mag das Ster­ben ei­ne Ge­fahr sein. Aber es ist kei­ne Op­ti­on.

Kon­zert: 12. Ju­li, Volks­haus, Zü­rich. Ak­tu­el­les Al­bum: «This Path To­night» (Blue Cast­le Re­cor­ds, 2016). Au­to­bio­gra­fie: «Wild Ta­les: A Rock & Roll Li­fe». Crown Arche­ty­pe, 2014. 368 S., ca. 33 Fr.

Fo­to: Lu­i­gi Or­rù (Du­kas/con­tras­to)

Gra­ham Nash ist mitt­ler­wei­le 76-jäh­rig und macht wei­ter Mu­sik, oh­ne dass die­se pein­lich klingt.

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