Melk­ma­schi­ne

Milch vom Ro­bo­ter? Was die Kä­se­rei nicht kennt, will sie nicht.

Tages Anzeiger - - VORDERSEITE - Da­vid Hes­se, Turt­mann VS

Im Ja­nu­ar ka­men die Mon­teu­re und in­stal­lier­ten den Ro­bo­ter. Die Voll­ver­si­on, kein Spar­mo­dell. «Ich woll­te al­les, was die Tech­nik her­gibt», sagt Her­bert Bre­gy auf sei­nem Hof in Turt­mann VS. Dampf­rei­ni­gung der Zit­zen­be­cher, Kon­troll-app auf dem Han­dy. «Nicht dass ich in vier Jah­ren den­ke: hät­te ich doch.»

Das hat et­was ge­kos­tet, ei­ne Vier­tel­mil­li­on Fran­ken. Der Va­ter sei erst miss­trau­isch ge­we­sen, sagt Bre­gy – so viel Geld. «Aber ein Mit­ar­bei­ter im Stall kos­tet auf Dau­er auch viel. Und der Ro­bo­ter ist nie krank, muss nie ins Mi­li­tär.» Das rech­ne sich. Man müs­se am rich­ti­gen Ort in­ves­tie­ren: «Vie­le Bau­ern wol­len ja ei­nen gros­sen Trak­tor, weil, den se­hen die Leu­te.» Da­bei sei die Mel­ke­rei im Stall viel wich­ti­ger. «Wo­bei, ich ha­be auch ei­nen ziem­lich schö­nen Trak­tor.»

Her­bert Bre­gy ist 44 Jah­re alt, Fa­mi­li­en­va­ter. Sein mar­kan­ter Kopf ist kurz ge­scho­ren, sei­ne Sta­tur ath­le­tisch, er spricht klar und selbst­be­wusst. Den Hof hat er vom Va­ter über­nom­men, auf Bio um­ge­rüs­tet. Die El­tern woh­nen noch da, er sel­ber mit Fa­mi­lie et­was ent­fernt.

«Le­ly As­tro­naut» über­nimmt

Seit Ja­nu­ar muss Bre­gy nicht mehr da­bei sein, wenn sei­ne 40 Kü­he ge­mol­ken wer­den. Das be­sorgt der «Le­ly As­tro­naut», den gan­zen Tag hin­durch. Ist ei­ne Kuh mel­klus­tig, be­tritt sie die Melk­e­cke am Rand des Stalls. Der Ro­bo­ter er­kennt je­des Tier am Trans­pon­der, den es am Hals­band trägt. Steht die Kuh rich­tig, fährt der Au­to­mat klei­ne Bürs­ten aus, rei­nigt ihr die Zit­zen, zwecks Hy­gie­ne und Sti­mu­la­ti­on des Milch­flus­ses. Dann do­cken vier ro­te Melk­be­cher an, la­ser­ge­lenkt. Die Kuh lässt es ge­sche­hen, kon­zen­triert sich auf die Por­ti­on Kraft­fut­ter, die ihr der Ro­bo­ter aus­gibt. Ist das Eu­ter leer, trot­tet sie durchs Gat­ter weg, die An­la­ge des­in­fi­ziert sich.

Ei­nes wis­se er, sagt Bre­gy, auch oh­ne Dau­er­prä­senz im Stall: Sei­ne Milch sei her­vor­ra­gend. «Das sa­gen al­le mei­ne Da­ten, und so vie­le Da­ten wie heu­te hat­te ich nie.» Der Ro­bo­ter melkt nicht nur die Kü­he, son­dern ana­ly­siert auch de­ren Milch. Die Zell­zah­len stimm­ten, die Kei­me sei­en weit un­ter al­len Richt­wer­ten, wun­der­bar, weis­se Pracht. Dass ir­gend­wer den­ken kön­ne, sei­ne Milch stel­le ein Ri­si­ko dar, sei ab­surd.

Doch ge­nau so ist es. Bre­gys Stamm­kä­se­rei in Turt­mann will sei­ne Milch nicht mehr zu Ra­clette ver­ar­bei­ten, seit der Ro­bo­ter in Be­trieb ist. Denn die Sor­ten­or­ga­ni­sa­ti­on Wal­li­ser Ra­clette AOP schreibt vor: «Der Ein­satz von Melk­ro­bo­tern für ein kon­ti­nu­ier­li­ches Mel­ken ist ver­bo­ten.» So ha­ben es die De­le­gier­ten im April be­schlos­sen. Nun muss Bre­gy sei­ne 1000 Li­ter Bio­milch am Tag als In­dus­trie­milch ab­ge­ben, manch­mal kann die Kä­se­rei noch Tom­me her­stel­len, Mutschli. Das bringt Bre­gy Ver­lus­te – für Bio-ra­clette-milch er­hal­te er fast ei­nen Fran­ken, sagt er, für In­dus­trie­milch nur die Hälf­te. «Wir ha­ben et­wa 100 000 Fran­ken Ver­lust im Jahr. Un­se­re Exis­tenz ist be­droht.»

Ran­zi­ger Kä­se

Der Ent­scheid der Sor­ten­or­ga­ni­sa­ti­on hat mit Bre­gys Ro­bo­ter zu tun. Frü­her sei­en Melk­ro­bo­ter «kein The­ma» ge­we­sen, sagt Urs Gun­tern, Di­rek­tor von Wal­li­ser Ra­clette. Als der Or­ga­ni­sa­ti­on aber zu Oh­ren kam, dass Bre­gy ei­nen Au­to­ma­ten an­schaf­fe, han­del­te sie: «Wir ha­ben dem Bau­ern ge­ra­ten, auf die In­ves­ti­ti­on zu ver­zich­ten.» Dann fäll­te sie ih­ren Grund­satz­ent­scheid, als Ori­en­tie­rungs­hil­fe für wei­te­re Ro­bo­tik-in­ter­es­sier­te. Tu es nicht.

Der Be­schluss sorgt für Auf­se­hen – und Amü­se­ment. Wer Melk­ro­bo­ter ver- bie­te, sei ein «Ewig­gest­ri­ger», spot­te­te der eins­ti­ge Sp-prä­si­dent Pe­ter Bo­den­mann (ein Wal­li­ser) in der «Welt­wo­che». Die tech­no­pho­ben Ra­cletteu­re be­hin­der­ten in­no­va­ti­ve Un­ter­neh­mer. Auch der Ver­band der Schwei­zer Milch­pro­du­zen­ten ist skep­tisch: «Die Qua­li­tät muss stim­men, si­cher, doch man soll­te sich die­sen neu­en Sys­te­men nicht ver­schlies­sen», sagt Spre­cher Re­to Burk­hardt. Für ei­nen jun­gen Bau­ern sei der Ro­bo­ter «ei­ne Per­spek­ti­ve, um ef­fi­zi­ent zu pro­du­zie­ren».

Das Pro­blem an der Ro­bo­ter­milch: Sie kann beim Kä­sen ran­zig wer­den. Je öf­ter ei­ne Kuh in­nert 24 St­un­den ge­mol­ken wird, des­to hö­her wird die Fett­spal­tung in der Milch. «Das wis­sen wir schon von Hand­ver­su­chen aus den 1970ern», sagt Ernst Ja­kob von Agro­scope, dem Kom­pe­tenz­zen­trum des Bun­des für land­wirt­schaft­li­che For­schung. Das Re­sul­tat ist freie But­ter­säu­re, was Ge­ruch wie Ge­schmack be­ein­flus­sen kann.

Agro­scope nahm sich des Pro­blems an, nach­dem in der Gruyè­re-pro­duk­ti­on ran­zig schme­cken­de Kä­se auf­ge­taucht wa­ren. Man kam ei­nem Bau­ern auf die Sch­li­che, der zwei Melk­ro­bo­ter hat­te und des­sen Kü­he teil­wei­se al­le vier oder fünf St­un­den ge­mol­ken wur­den. «Die­se ho­he Ka­denz ver­än­der­te die Qua­li­tät der Milch», sagt Ja­kob.

Agro­scope stell­te ver­suchs­hal­ber ei­nen Kä­sel­aib nur aus Kurzin­ter­vall-ro­bo­ter­milch her – und da­bei stank es nach But­ter­säu­re. Nach ei­ner Ver­gleichs­stu­die ver­bot die Sor­ten­or­ga­ni­sa­ti­on Gruyè­re im Jahr 2012 al­le Melk­ro­bo­ter. Gruyè­re ma­che kei­ne Kom­pro­mis­se bei der Qua­li­tät, hiess es. Auch bei Em­men­ta­ler und Ap­pen­zel­ler gel­ten stren­ge Auf­la­gen be­züg­lich Melk­ro­bo­tern, und in Frank­reich so­wie­so.

Dem schliesst sich Wal­li­ser Ra­clette nun an. «Die Milch­qua­li­tät steht bei uns an obers­ter Stel­le», sagt Urs Gun­tern. Ge­ra­de weil fürs Wal­li­ser Ra­clette Roh­milch zu Kä­se ver­ar­bei­tet wer­de. Die Sor­ten­or­ga­ni­sa­ti­on be­tont aber, sie ha­be kein Ver­bot er­las­sen. Wer ma­xi­mal zwei Ge­mel­ke in 24 St­un­den ein­ho­le, dür­fe wei­ter Ro­bo­ter ein­set­zen. Doch Bau­er Bre­gy reicht das nicht. Er hat ein Acht-st­un­den-in­ter­vall ein­ge­stellt: Will ei­ne Kuh öf­ter ge­mol­ken wer­den, schickt der Ro­bo­ter sie weg. Die­ser Ab­stand ge­nügt laut Her­stel­ler, um Ran­zig­keit zu ver­hin­dern. Bre­gys Kü­he kom­men im Durch­schnitt 2,4-mal am Tag zum Mel­ken. We­ni­ger sei «nicht tier­freund­lich», sagt er. Der Na­tur im­mer ähn­li­cher Das Tier­wohl sei wich­tig, sa­gen Ro­bo­ter­fans. Die Tie­re wäh­len sel­ber, wann sie ge­mol­ken wer­den. Her­stel­ler Le­ly nennt es das «Prin­zip des frei­en Kuh­ver­kehrs», der Kon­kur­rent De­la­val «Vol­un­ta­ry Mil­king Sys­tem». Bre­gy denkt, dass sei­ne Her­de den Ro­bo­ter schät­ze. «Zu pral­le Eu­ter gibt es nicht mehr», die Tie­re sei­en ru­hi­ger. Es gibt Leu­te, die den Melk­ro­bo­ter für na­tür­li­cher hal­ten als bis­he­ri­ge Melk­prak­ti­ken. Käl­ber wür­den ja auch stän­dig ge­säugt, nicht nur mor­gens und abends. Gu­te Ro­bo­ter wer­den der Na­tur ähn­li­cher, nicht frem­der.

Ve­rän­de­run­gen nimmt Her­bert Bre­gy aber auch an sich wahr. «13 Jah­re lang bin ich je­den Mor­gen um 03.15 Uhr auf­ge­stan­den.» Beim Nacht­es­sen sei er am Tisch ein­ge­schla­fen. Heu­te kön­ne er auch um 6 Uhr zur Ar­beit, öf­ter nach den Kin­dern schau­en. «Ich bin frei­er.»

Melk­ro­bo­ter sind in der Schweiz seit bald 30 Jah­ren auf dem Markt. Der Start war zö­ger­lich, doch im Mo­ment sei­en die Bau­ern «kauf­freu­dig», sagt Ti­zia­no Zi­lia­ni von der Fir­ma Le­ly. To­tal sind laut dem Ver­band der Milch­pro­du­zen­ten rund 800 Melk­au­to­ma­ten im Ein­satz, das wä­ren 4 Pro­zent der Milch­be­trie­be. In den Nie­der­lan­den sind be­reits 25 Pro­zent der Be­trie­be ro­bo­te­ri­siert. Die glä­ser­ne Kuh kommt Der Schwei­zer Kon­su­ment mag die­se Ent­wick­lung kri­tisch se­hen. Un­ser Bild des Bau­ern ist das des aus der Zeit ge­fal­le­nen Tra­di­ti­ons­ar­bei­ters, der die Kü­he von Hand melkt und den Kä­se lus­tig zu Tal rollt. Dass die Rea­li­tät von Milch und Fleisch in­dus­tri­el­ler ist, ver­drän­gen wir.

Wie je­de In­dus­trie ist auch die Land­wirt­schaft im Griff der Di­gi­ta­li­sie­rung. Der Sen­der an Her­bert Bre­gys Kü­hen er­hebt Da­ten, misst et­wa die Wie­der­käu­tä­tig­keit, Bre­gy zeigt es im Stall am Com­pu­ter­schirm. Ver­liert man ob all der Da­ten nicht das Ge­fühl für die Tie­re? «Nein, ich ha­be jetzt mehr Zeit für sie.»

Ist Ro­bo­ter­milch nun schlecht oder nicht? «Wenn Melk­pau­sen von acht St­un­den ein­ge­hal­ten wer­den und der Ro­bo­ter gut ge­war­tet ist, spricht nichts ge­gen die Tech­no­lo­gie», sagt Ernst Ja­kob von Agro­scope. Tat­säch­lich sei ein gut be­trie­be­ner Melk­ro­bo­ter al­ten Rohr­mel­kan­la­gen hy­gie­ne­tech­nisch über­le­gen. Ro­bo­ter­ver­bo­te schei­nen al­so eher der Mar­ken­pfle­ge als der Qua­li­täts­kon­trol­le zu die­nen. Man si­gna­li­siert den Bau­ern, dass sie beim Mel­ken an­we­send sein sol­len. So viel Zeit für die Mar­ke muss sein.

Für Her­bert Bre­gy war Ra­clette im­mer wich­tig, für den Va­ter auch. «Kön­nen Tra­di­ti­on und In­no­va­ti­on nicht zu­sam­men­ge­hen?» Er sei gern Bau­er und wol­le es blei­ben. «Aber nicht im Ne­ben­er­werb. Ich will le­ben da­von.»

Fo­tos: Pe­dro Ro­d­ri­gues

«Ich ha­be mehr Zeit für die Tie­re, weil ich we­ni­ger mit Mel­ken ein­ge­spannt bin»: Bau­er Her­bert Bre­gy mit Kü­hen in Turt­mann im Ober­wal­lis.

Der Ro­bo­ter dockt sel­ber an und des­in­fi­ziert sich hin­ter­her.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.