«In den Lob­lie­dern auf den Gar­ten spie­len die Pflan­zen nur ei­ne in­stru­men­tel­le Rol­le.»

Tages Anzeiger - - VORDERSEITE -

Bar­ba­ra Bleisch

Die Phi­lo­so­phin schreibt in ih­rer Ko­lum­ne über die Lie­be zum Gärt­nern.

Jetzt gärt­nern sie wie­der: Sie rup­fen und zup­fen, pi­kie­ren und jä­ten. Ge­ra­de dem Städ­ter weist der Gar­ten den Weg «zu­rück zur Na­tur»: Beim Wüh­len in der war­men Er­de, beim kur­zen Gruss des Re­gen­wurms ent­span­nen sich die Pro­gram­mie­re­rin, der Crea­ti­ve Di­rec­tor, die Hu­man-re­la­ti­ons-ma­na­ge­rin vom Brum­men des be­schleu­nig­ten All­tags. Ganz ähn­lich wie bei Vol­taires Can­di­de, der am En­de sei­ner lan­gen Rei­se ein­sieht: Die Welt ist mit­nich­ten die bes­te von al­len mög­li­chen. Statt ihr mehr Op­ti­mis­mus ab­zu­rin­gen, als sie her­gibt, gilt es, schlicht und ein­fach sei­nen Gar­ten zu pfle­gen. In den Lob­lie­dern auf den Gar­ten spie­len die Pflan­zen aber nur ei­ne in­stru­men­tel­le Rol­le: Sie sind die Mö­blie­rung pri­va­ter Wohl­fühl­oa­sen und die­nen der See­len­be­ru­hi­gung in ei­ner schein­bar sinn­ent­leer­ten Welt. Die grü­ne Phi­lo­so­phie, die zur­zeit mit Neu­er­schei­nun­gen die Buch­hand­lun­gen über­wu­chert und wis­sen­schaft­li­che De­bat­ten auf­wühlt, denkt weit ra­di­ka­ler dar­über nach, was es im Gar­ten zu ent­de­cken gä­be. Der ita­lie­ni­sche Phi­lo­soph Ema­nue­le Coc­cia will zum Bei­spiel nicht nur zu­rück zur Na­tur, son­dern gleich an «Die Wur­zeln der Welt». Der Buch­ti­tel ist Pro­gramm, und wer wür­de dem nicht zu­stim­men: Die Pflan­zen sind die Wur­zeln der Welt. Sie wa­ren es, die der Welt die heu­ti­ge Form ge­ge­ben ha­ben. Dass sie in po­pu­lä­ren Evo­lu­ti­ons­theo­ri­en oft nur ein Schat­ten­da­sein fris­ten, ist er­staun­lich: Erst Pflan­zen ga­ben uns den Atem zu le­ben. Da­für muss­te die Pflan­ze üb­ri­gens nichts wei­ter tun, als in der Welt zu sein; sie muss­te nichts er­fin­den, er­schaf­fen, er­sin­nen. Pflan­zen stoff­wech­seln zwar mit ih­rer Um­ge­bung, sie kei­men, blü­hen, fruch­ten. Und doch scheint ihr Trei­ben ih­nen mehr zu­zu­stos­sen, als dass sie es pla­ne­risch an­ge­hen wür­den. Was Heer­scha­ren stra­te­gisch den­ken­der Men­schen im Yo­ga­kurs man­tra­mäs­sig wie­der­ho­len – ein­fach da sein, ein­fach at­men – macht die Pflan­ze uns täg­lich vor, selbst­ge­nüg­sam und un­auf­ge­regt. Aber ver­fü­gen Pflan­zen des­we­gen auch über ein Be­wusst­sein? Die meis­ten von uns hal­ten schon die­se Fra­ge für ab­strus – aber das, mass­re­gelt Phi­lo­soph Coc­cia, zeu­ge nur von un­se­rem «tie­ri­schen Chau­vi­nis­mus». Zwar, sagt er, sei­en wir vom ho­hen Ross des An­thro­po­zen­tris­mus ge­stie­gen und wür­den mitt­ler­wei­le ei­ni­gen Tie­ren be­stimm­te For­men von Be­wusst­sein zu­ge­ste­hen. Aber die Pflan­zen wür­den da­bei stets aus­sen vor ge­las­sen, weil sie kei­ne Sin­nes­or­ga­ne und kei­ne kom­ple­xen neu­ro­na­len Struk­tu­ren auf­wei­sen. Das ist für Coc­cia aber kein Hin­der­nis, ih­nen Be­wusst­sein zu­zu­ge­ste­hen. Pflan­zen kom­mu­ni­zie­ren mit­ein­an­der, sie pas­sen sich ih­rer Um­ge­bung an. Sie ha­ben ihr «ge­hei­mes Le­ben», von dem der Förs­ter Pe­ter Wohl­le­ben in sei­nen Best­sel­lern er­zählt. Micha­el Mar­der, ein bas­ki­scher Phi­lo­soph, be­haup­tet des­halb in sei­nem Buch «Plant Thin­king», Pflan­zen sei­en eben «an­ders be­wusst». Bei Coc­cia heisst das dann «Ra­tio­na­li­tät als kos­mi­sche Kraft». Ein wahr­haft blu­mi­ger Be­griff, der mit den Be­wusst­seins­kon­zep­ten, mit de­nen die meis­ten Phi­lo­so­phen han­tie­ren, nicht viel zu tun hat. Al­ler­dings er­freut sich der so­ge­nann­te Pan­psy­chis­mus wie­der wach­sen­der Be­liebt­heit. Ihm zu­fol­ge ha­ben al­le Din­ge auch geis­ti­ge Ei­gen­schaf­ten. Man könn­te auch sa­gen: Die Me­ta­phy­sik ist zu­rück in der Welt. Ih­re Re­nais­sance ver­dankt sie dem Un­ver­mö­gen, all un­se­re Fra­gen rein na­tur­wis­sen­schaft­lich klä­ren zu kön­nen. Phy­si­ka­lis­ten beis­sen sich seit Jahr­tau­sen­den er­folg­los die Zäh­ne an der Fra­ge aus, wie denn der Geist oder das Be­wusst­sein in die Ma­te­rie kom­men soll. Ist es da nicht plau­si­bler, an­zu­neh­men, dass das Be­wusst­sein im­mer schon da war als ei­ne Art kos­mi­sche Kraft, die auch den Men­schen durch­strömt? Die­ses Re­den vom kos­mi­schen Be­wusst­sein legt aber vor al­lem et­was Wei­te­res of­fen, das sich auch in der Lie­be zum Gärt­nern zeigt: Vi­el­leicht sind wir letzt­lich ge­trie­ben von der Sehn­sucht, dass eben doch ein «Lied in al­len Din­gen» schla­fe, wie Ei­chen­dorff einst dich­te­te. Und wenn uns der Got­tes­glau­be in un­se­rer sä­ku­la­ren Welt ab­han­den­kommt, kanns die­se Na­tur­mys­tik vi­el­leicht rich­ten?

Di­ens­tags­ko­lum­ne

Die Phi­lo­so­phin Bar­ba­ra Bleisch schreibt ab­wech­selnd mit Lau­ra de Weck, Micha­el Her­mann und Ru­dolf St­rahm.

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