Spiel­grup­pen­ver­band will mehr Kon­trol­len

Um stren­ge und teu­re Auf­la­gen für Krip­pen zu um­ge­hen, nen­nen sich ein­zel­ne Be­trie­be Spiel­grup­pen, weil die­se kaum re­gu­liert sind. Nun for­dert der Spiel­grup­pen­ver­band ei­ne Mel­de­pflicht.

Tages Anzeiger - - VORDERSEITE - Cor­sin Zan­der

Wer in Zü­rich ei­ne Kin­der­krip­pe be­trei­ben will, muss zahl­rei­che, teu­re Auf­la­gen er­fül­len. Um die­se zu um­ge­hen, gibt es Be­trie­be, die sich Spiel­grup­pen nen­nen, aber Di­enst­leis­tun­gen ei­ner Krip­pe an­bie­ten. So ent­zie­hen sie sich re­gel­mäs­si­gen Kon­trol­len, da Spiel­grup­pen kaum re­gu­liert sind. «Da­mit be­schä­di­gen sie den Ruf ei­ner gan­zen Bran­che», sagt die Prä­si­den­tin der Zürcher Spiel­grup­pen­fach­stel­le. Sie for­dert des­halb, Spiel­grup­pen stär­ker zu re­gu­lie­ren und ei­ne Be­wil­li­gungs­pflicht oder zu­min­dest ei­ne Mel­de­pflicht ein­zu­füh­ren. Ähn­li­che For­de­run­gen stellt auch der Schwei­ze­ri­sche Spiel­grup­pen-lei­te­rin­nen-ver­band. Er be­müht sich be­reits län­ger um mehr Kon­trol­len. «Bis­her fehl­ten je­doch die fi­nan­zi­el­len Mit­tel und ein kla­res po­li­ti­sches Be­kennt­nis zur Um­set­zung», heisst es beim Ver­band. Ak­tu­ell er­ar­bei­tet die­ser auf na­tio­na­ler Ebe­ne ein Pa­pier mit der ent­spre­chen­den For­de­rung. Bei der Zürcher Po­li­tik stos­sen die For­de­run­gen nach mehr Re­gu­lie­run­gen aber auf we­nig Ver­ständ­nis. We­der Re­gie­rungs­rä­tin Sil­via Steiner (CVP) noch Stadt­rat Ra­pha­el Gol­ta (SP) se­hen Hand­lungs­be­darf.

Ei­gent­lich woll­te die 35-jäh­ri­ge Mut­ter bloss ihr Kind für ei­nen Mor­gen in der Wo­che in ei­ne Spiel­grup­pe brin­gen. Nun hat Me­la­nie Kue­fer* ei­ne Ver­hand­lung beim Frie­dens­rich­ter hin­ter sich. Sie muss­te schliess­lich ins­ge­samt 571.60 Fran­ken be­zah­len. Ih­re drei­jäh­ri­ge Toch­ter ging En­de Fe­bru­ar drei­mal zum Schnup­pern in «Eli­sa’s Chin­der­spiel­grup­pe»*. Weil es ihr dort nicht ge­fiel, mel­de­te ih­re Mut­ter sie im März wie­der ab. Da ver­lang­te Spiel­grup­pen­lei­te­rin Eli­sa Fal­la­ci*, dass Kue­fer die Mo­na­te Fe­bru­ar und März voll be­zahlt. Und noch drei wei­te­re – die Kün­di­gungs­frist be­tra­ge drei Mo­na­te.

Nach lan­gen Dis­kus­sio­nen wil­lig­te Kue­fer ein, we­nigs­tens drei Mo­na­te zu be­zah­len. Doch das reich­te Fal­la­ci nicht. Sie be­stand auf den zwei wei­te­ren Mo­na­ten. Als sich Kue­fer wei­ger­te, schick­te Fal­la­ci ihr ei­ne Be­trei­bung. Die bei­den sa­hen sich beim Frie­dens­rich­ter wie­der. Die­ser dräng­te auf ei­nen Kom­pro­miss, und Kue­fer be­zahl­te, weil sie ein­fach nichts mehr mit die­ser für sie «är­ger­li­chen Sa­che» zu tun ha­ben woll­te, wie sie dem TA am Te­le­fon sagt. Sie ist noch im­mer über­zeugt, dass sie das Geld nicht hät­te be­zah­len müs­sen. Auch die Fach­stel­le Spiel­grup­pen der Be­zir­ke Zü­rich, Af­fol­tern, Hor­gen und Die­ti­kon (FS-ZAHD) ha­be ihr be­stä­tigt, Schnup­per­ta­ge wür­den ein­zeln oder gar nicht ver­rech­net. Spiel­grup­pen um­ge­hen Vor­schrif­ten für Krip­pen Ga­li­na Bru­der, Prä­si­den­tin der FS-ZAHD, be­stä­tigt auf An­fra­ge, dass es nicht üb­lich sei, Schnup­per­ta­ge zu ver­rech­nen. Doch das sei bei «Eli­sa’s Chin­der­spiel­grup­pe» noch das kleins­te Pro­blem. Als sie sich die Spiel­grup­pe in der Stadt Zü­rich ge­nau­er an­schau­te, merk­te Bru­der: Die Ein­rich­tung ist täg­lich von 8 bis 14 Uhr ge­öff­net, bie­tet ein Mit­tag­es­sen für 5 Fran­ken an und steht ge­mäss der Web­site auch Ba­bys of­fen. «Das sind Di­enst­leis­tun­gen ei­ner Krip­pe», sagt Bru­der. Spiel­grup­pen dür­fen – wenn sie mehr als fünf Kin­der gleich­zei­tig be­treu­en – näm­lich bloss an hal­ben Ta­gen und ma­xi­mal 20 St­un­den in der Wo­che ge­öff­net sein. Krip­pen be­trei­ben ein ähn­li­ches An­ge­bot wie Spiel­grup­pen, sind aber län­ger ge­öff­net und bie­ten auch ein Mit­tag­es­sen an.

Im Ge­gen­satz zu Spiel­grup­pen sind sie stark re­gu­liert. So­gar so stark, dass ver­schie­de­ne Krip­pen und auch der Ver­band Kin­der­be­treu­ung Schweiz (Ki­be­su­is­se) die zahl­rei­chen Vor­ga­ben kri­ti­sie­ren, bei­spiels­wei­se die star­ren Grup­pen­grös­sen und die ge­nau fest­ge­leg­te Qua­drat­me­ter­zahl der Räu­me, in de­nen die Kin­der be­treut wer­den.

Weil Vor­schrif­ten wie ge­trenn­te WC, ei­ne Gastro­kü­che mit Dampf­abzug und ent­spre­chend aus­ge­bil­de­tes Per­so­nal teu­er sind, gibt es Be­trie­be, die das um­ge­hen wol­len. Sie nen­nen sich Spiel­grup­pen, bie­ten aber Di­enst­leis­tun­gen ei­ner Krip­pe an und be­we­gen sich so in ei­nem ju­ris­ti­schen Grau­be­reich.

Zah­len oder Schät­zun­gen, wie vie­le sol­che Spiel­grup­pen exis­tie­ren, gibt es nicht. «Wir wer­den im­mer wie­der auf sol­che Fäl­le auf­merk­sam ge­macht oder stos­sen per Zu­fall auf sie», sagt Bru­der von der Fach­stel­le Spiel­grup­pe. Zu­fäl­le wie bei «Eli­sa’s Chin­der­spiel­grup­pe». Bru­der mel­de­te den Be­trieb bei der Krip­pen­auf­sichts­be­hör­de der Stadt Zü­rich. Ver­gan­ge­ne Wo­che stat­te­te die Be­hör­de der Spiel­grup­pe ei­nen Be­such ab. Da­bei kam sie zum Schluss, dass es sich um ei­ne Krip­pe han­delt, und stell­te Eli­sa Fal­la­ci vor die Wahl: «Sie re­du­zie­ren die Öff­nungs­zei­ten auf we­ni­ger als 20 St­un­den pro Wo­che, oder Sie be­treu­en zu­künf­tig ma­xi­mal fünf Kin­der gleich­zei­tig.»

Fal­la­ci be­stä­tigt die TA-RE­cher­chen und zeigt sich ver­är­gert. Seit 18 Jah­ren be­trei­be sie die Spiel­grup­pe und ha­be nie Pro­ble­me ge­habt. Die El­tern wür­den ihr An­ge­bot sehr schät­zen, aber sie ak­zep­tie­re selbst­ver­ständ­lich die Richt­li­ni­en und Ge­set­ze. Ih­re Web­site hat Fal­la­ci in der Zwi­schen­zeit vom Netz ge­nom­men; sie will sie nun an­pas­sen. Sie wer­de die Öff­nungs­zei­ten so be­las­sen, aber ma­xi­mal fünf Kin­der gleich­zei­tig be­treu­en.

Ob sich Fal­la­ci auch in Zu­kunft an die­se Vor­ga­ben hält, wird die Krip­pen­auf­sicht nicht re­gel­mäs­sig kon­trol­lie­ren. Le­dig­lich den re­gis­trier­ten Krip­pen mit Be­wil­li­gung stat­tet sie min­des­tens al­le zwei Jah­re ei­nen an­ge­mel­de­ten oder un­an­ge­mel­de­ten Be­such ab. Spiel­grup­pen kon­trol­lie­re sie zu­meist auf­grund von Mel­dun­gen von Drit­ten, sagt die Spre­che­rin des zu­stän­di­gen So­zi­al­de­par­te­ments, Hei­ke Is­sel­horst. In den ver­gan­ge­nen fünf Jah­ren hat sie 18 sol- che Spiel­grup­pen be­sucht und bei drei An­ge­bo­ten fest­ge­stellt, dass es sich ei­gent­lich um Krip­pen han­del­te.

Da­bei ging die Krip­pen­auf­sicht so vor wie jüngst bei «Eli­sa’s Chin­der­spiel­grup­pe». Sie for­der­te die An­bie­ter auf, An­pas­sun­gen vor­zu­neh­men oder ih­ren Be­trieb als Krip­pe an­zu­mel­den. Die­se Mass­nah­men sei­en aus­rei­chend, sagt Is­sel­horst. Wür­den sich die An­bie­ter wei­gern, die Mass­nah­men zu tref­fen, könn­te die Auf­sicht die Schlies­sung des Be­triebs an­ord­nen. «Die­se äus­sers­te Mass­nah­me muss­te die Krip­pen­auf­sicht bis heu­te noch nie an­wen­den», sagt Is­sel­horst. Ähn­lich sieht es beim Kan­ton Zü­rich aus. Da kon­trol­liert seit drei Jah­ren ei­ne Auf­sichts­be­hör­de des Amts für Ju­gend und Be­rufs­be­ra­tung die Krip­pen in 77 Ge­mein­den. In die­sen drei Jah­ren ist sie auf drei Spiel­grup­pen ge­stos­sen, die ihr An­ge­bot nach der In­ter­ven­ti­on der Krip­pen­auf­sicht an­pass­ten.

Wie gross die Dun­kel­zif­fer von Spiel­grup­pen ist, die sich in ei­nem Grau­be­reich be­we­gen, weiss man we­der bei der Stadt noch beim Kan­ton. Und auch Ga­li­na Bru­der von der Spiel­grup­pen­fach­stel­le möch­te kei­ne Schät­zung ab­ge­ben. Das Pro­blem ha­be aber ab­ge­nom­men, seit es in der Stadt ge­nü­gend sub­ven­tio­nier­te Krip­pen­plät­ze ge­be, sagt Bru­der. Den­noch stört sie sich sehr an den «schwar­zen Scha­fen», die sich nicht an die Ge­set­ze hal­ten. «Sie be­schä­di­gen den Ruf ei­ner gan­zen Bran­che», sagt Bru­der. Sie for­dert des­halb, Spiel­grup­pen stär­ker zu re­gu­lie­ren und ei­ne Be­wil­li­gungs­pflicht oder zu­min­dest ei­ne Mel­de­pflicht ein­zu­füh­ren. Ähn­lich sieht dies der Schwei­ze­ri­sche Spiel­grup­pen-lei­te­rin­nen-ver- band (SSLV). Der Ver­band sei klar für ei­ne stär­ke­re Re­gu­lie­rung, sagt Sa­bi­ne Mei­li, Vor­stands­mit­glied und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ver­ant­wort­li­che. Ge­ra­de ak­tu­ell er­ar­bei­te man ein Pa­pier zur Mel­de- und Be­wil­li­gungs­pflicht, das dem­nächst ver­öf­fent­licht wer­den soll. Für mehr Kon­trol­len set­ze sich der SSLV schon län­ger ein. «Bis­her fehl­ten je­doch die fi­nan­zi­el­len Mit­tel und ein kla­res po­li­ti­sches Be­kennt­nis zur Um­set­zung», sagt Mei­li. Stadt und Kan­ton se­hen kei­nen Hand­lungs­be­darf Be­wil­li­gungs- oder Mel­de­pflich­ten für Spiel­grup­pen wer­den auch in an­de­ren Kan­to­nen dis­ku­tiert. So hat in Grau­bün­den ein Cvp-gross­rat im April ei­nen ent­spre­chen­den Vor­stoss ein­ge­reicht, wie das «Bünd­ner Tag­blatt» be­rich­te­te. In Zü­rich ist ei­ne Re­gu­lie­rung der Spiel­grup­pen je­doch kein The­ma. We­der Re­gie­rungs­rä­tin Sil­via Steiner (CVP) noch Stadt­rat Ra­pha­el Gol­ta (SP) se­hen ei­nen Hand­lungs­be­darf. « Bei Spiel­grup­pen braucht es kei­ne Be­wil­li­gungs­und Mel­de­pflicht. Im Kan­ton Zü­rich ha­ben wir mit die­ser Pra­xis gu­te Er­fah­run­gen ge­macht», sagt Steiner. Und auch Gol­ta fin­det: «Der Kri­te­ri­en­ka­ta­log, an­hand des­sen sich die An­ge­bo­te un­ter­schei­den las­sen, ist klar und funk­tio­niert in der Pra­xis.»

So bleibt der Spiel­grup­pen­fach­stel­le und dem SSLV bloss die Mög­lich­keit, die Spiel­grup­pen ih­rer Mit­glie­der sel­ber zu kon­trol­lie­ren und den Be­hör­den je­ne Be­trie­be zu mel­den, die sich nicht an die Vor­ga­ben hal­ten – so­fern sie denn per Zu­fall da­von er­fah­ren.

Fo­to: Gaë­tan Bal­ly (Keystone)

Es exis­tie­ren kei­ne Zah­len, wie vie­le als Spiel­grup­pen ge­tarn­te Krip­pen exis­tie­ren.

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