Bun­des­ge­richt: Kin­des­wil­le geht vor

Das Bun­des­ge­richt weist ei­nen Va­ter ab, der sich die Ob­hut für sei­ne Toch­ter er­kämp­fen woll­te.

Tages Anzeiger - - VORDERSEITE -

Das Bun­des­ge­richt hat ges­tern ein Ur­teil ge­fällt, das die Fa­mi­li­en­recht­spre­chung in der Schweiz prä­gen könn­te. Es hat die Be­schwer­de ei­nes Va­ters ab­ge­wie­sen, der die Ob­hut über sei­ne heu­te 16-jäh­ri­ge Toch­ter er­lan­gen woll­te. Der Ob­huts­ent­zug sei zu­läs­sig, weil er zum Ziel hat­te, der Toch­ter Sta­bi­li­tät zu ge­ben und ih­ren Wil­len zu be­rück­sich­ti­gen. Die Toch­ter woll­te nach dem Tod ih­rer Mut­ter vor zwei Jah­ren wei­ter­hin bei der Schwes­ter und dem Freund der Mut­ter le­ben und nicht zum Va­ter zie­hen, der von der Mut­ter ge­trennt war.

Ein Va­ter ist ans Bun­des­ge­richt ge­langt, weil ihm das Recht ent­zo­gen wur­de, über den Wohn­ort sei­ner Toch­ter zu ent­schei­den, ihr Geld zu ver­wal­ten und ih­re Zeug­nis­se zu un­ter­schrei­ben. Das Bun­des­ge­richt wies sei­ne Be­schwer­de ab. Die Toch­ter kann blei­ben, wo sie ist – bei der Schwes­ter und beim Pfle­ge­va­ter. Dass sie blei­ben kann, ist rich­tig. Nie­mand wür­de ei­ne 16­Jäh­ri­ge, die ge­ra­de ih­re Mut­ter ver­lo­ren hat, oh­ne zwin­gen­den Grund aus ih­rem Um­feld reis­sen. Doch die Be­deu­tung des Ent­scheids, den die Rich­ter der zwei­ten zi­vil­recht­li­chen Ab­tei­lung ges­tern in ei­ner öf­fent­li­chen Be­ra­tung ge­fällt ha­ben, geht über den Ein­zel­fall hin­aus. Er be­sagt, dass die Kin­des­und Er­wach­se­nen­schutz­be­hör­den (Kesb) bei der Fremd­plat­zie­rung ei­nen gros­sen Spiel­raum ha­ben. Das Kind muss nicht akut ge­fähr­det sein, da­mit den El­tern die Ob­hut ent­zo­gen wer­den kann; der Va­ter nicht er­zie­hungs­un­fä­hig. Es ge­nügt das Ziel der Be­hör­den, dass das Kind im ge­wohn­ten Um­feld bleibt. Vi­el­leicht woll­te der Ge­setz­ge­ber den Kesb die­sen Spiel­raum ge­ben, als er die Be­hör­de vor zehn Jah­ren schuf. Vi­el­leicht hat er auch die Dy­na­mik un­ter­schätzt, die das neue Recht ent­wi­ckelt. Je­den­falls ist es rich­tig, dass der Wil­le des Kin­des so stark ge­wich­tet wird, wie es das Bun­des­ge­richt nun ge­macht hat. Doch ei­nem Va­ter die El­tern­rech­te ent­zie­hen – da­für bräuch­te es mehr. Nur wenn El­tern un­fä­hig sind, für ih­re Kin­der zu sor­gen, soll­ten die Be­hör­den zur här­tes­ten Mass­nah­me grei­fen. Im So­lo­thur­ner Fall wä­re es bes­ser ge­we­sen, dem Va­ter die El­tern­rech­te zu be­las­sen. Die Kesb hät­ten trotz­dem ver­an­las­sen kön­nen, dass die Toch­ter bei der Schwes­ter und dem Pfle­ge­va­ter blei­ben kann. Der Ob­huts­ent­zug war nicht zwin­gend. Svp­na­tio­nal­rat Pir­min Schwan­der kommt das Bun­des­ge­richts­ur­teil ge­le­gen. Er sam­melt seit dem Früh­ling Un­ter­schrif­ten für ei­ne Initia­ti­ve, die ver­langt, dass Fa­mi­li­en­mit­glie­der bei der ge­gen­sei­ti­gen Ver­tre­tung Vor­rang ha­ben. Das Bun­des­ge­richt mach­te mit sei­nem gest­ri­gen Ent­scheid klar: Wer stren­ge­re Re­geln für die Kesb will, kann die Initia­ti­ve un­ter­schrei­ben.

Clau­dia Blu­mer stv. Res­sort­lei­te­rin In­land

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