Teue­rung frisst Löh­ne weg: An­ge­stell­te ha­ben nichts vom Boom

Ar­beits­markt Der Schweizer Wirt­schaft geht es so gut wie lan­ge nicht. Doch weil die Ar­beit­ge­ber auf deut­li­che Lohn­er­hö­hun­gen ver­zich­ten, bleibt am Mo­nats­en­de we­ni­ger Geld als in frü­he­ren Jahren.

Tages Anzeiger - - VORDERSEITE - Ro­bert May­er

Die im Herbst an­ste­hen­den Lohn­ver­hand­lun­gen könn­ten für die Be­schäf­tig­ten er­neut mit ei­ner Ent­täu­schung en­den. Je­den­falls ge­hen Kon­junk­tur­be­ob­ach­ter da­von aus, dass die aus­ge­han­del­ten Lohn­er­hö­hun­gen im Durch­schnitt nur un­we­sent­lich über der für die­ses Jahr er­war­te­ten In­fla­ti­ons­ra­te von 0,7 bis 0,8 Pro­zent lie­gen wer­den. Die Öko­no­men der Cre­dit Suis­se et­wa rech­nen mit ei­nem Zu­wachs der Ar­beits­ein­kom­men von no­mi­nal 1 Pro­zent, so­dass die Re­al­löh­ne al­len­falls um 0,3 Pro­zent stei­gen wür­den.

Die au­gen­fäl­li­ge Zu­rück­hal­tung der Ex­per­ten über­rascht an­ge­sichts des merk­lich auf­ge­hell­ten wirt­schaft­li­chen Um­felds. In den letz­ten Jahren wa­ren der Fran­ken­schock, die fra­gi­le Wirt­schafts­la­ge in Eu­ro­pa und die kaum mehr exis­ten­te Teue­rung die stets wie­der­keh­ren­den Ar­gu­men­te, mit de­nen die Ar­beit­ge­ber in den Lohn­ver­hand­lun­gen auf mög­lichst gros­se Zu­rück­hal­tung dräng­ten. In­zwi­schen sind sie al­le über­holt: Die Kon­junk­tur hier­zu­lan­de so­wie in den nä­he­ren und fer­ne­ren Ab­satz­märk­ten der Schweizer Ex­por­teu­re läuft rund, und im Zu­ge der all­ge­mei­nen wirt­schaft­li­chen Be­le­bung stei­gen auch die In­fla­ti­ons­ra­ten all­mäh­lich.

Va­len­tin Vogt, Prä­si­dent des Schwei­ze­ri­schen Ar­beit­ge­ber­ver­ban­des, räumt zwar ein, dass die Spiel­räu­me der Un­ter­neh­men im Ver­gleich zum letz­ten Jahr grös­ser ge­wor­den sei­en. Den­noch, so Vogt, «ist es ei­ne Il­lu­si­on zu glau­ben, dass sich im Herbst die Schleu­sen für flä­chen­de­cken­de grös­se­re Lohn­er­hö­hun­gen öff­nen wer­den». Für Da­ni­el Lam­part, Chef­öko­nom des Schwei­ze­ri­schen Ge­werk­schafts­bun­des, ist es hin­ge­gen aus­ge­macht, dass «die gu­te Kon­junk­tur und die un­be­frie­di­gen­den Lohn­run­den 2017 und 2018» bei der Fest­le­gung der Lohn­for­de­run­gen ei­ne Rol­le spie­len wer­den.

Wie die Ban­köko­no­men in­des zu be­den­ken ge­ben, sei die Un­si­cher­heit über den künf­ti­gen Wirt­schafts­ver­lauf wei­ter­hin hoch, gera­de an­ge­sichts des es­ka­lie­ren­den Han­dels­kon­flikts zwi­schen Eu­ro­pa, Chi­na und den USA.

Mit im­mer neu­en Be­grün­dun­gen lehn­te die Mehr­heit der Schweizer Un­ter­neh­men in den ver­gan­ge­nen Jahren deut­li­che Lohn­er­hö­hun­gen ab. Ein­mal mach­ten sie die allgemeine schlech­te Wirt­schafts­la­ge gel­tend, dann den star­ken Fran­ken, und da­nach ent­deck­ten sie die Ne­ga­tiv­teue­rung, um For­de­run­gen nach hö­he­ren Löh­nen als un­ge­recht­fer­tigt ab­zu­blo­cken. In der Tat pro­fi­tier­ten die Lohn­emp­fän­ger wäh­rend meh­re­rer Jah­re von der Mi­nu­steue­rung. Sie führ­te da­zu, dass ih­nen trotz be­schei­de­ner Lohn­er­hö­hun­gen deut­lich mehr Geld im Porte­mon­naie blieb. Doch das Bild täuscht: Ers­tens spür­ten vie­le Ar­beit­neh­mer nichts vom durch­schnitt­li­chen Re­al­lohn­an­stieg. Denn nur ein Vier­tel der Un­ter­neh­men ge­währ­te im ver­gan­ge­nen Jahr al­len Be­schäf­tig­ten ei­ne Lohn­er­hö­hung. Wie in den Vor­jah­ren über­wo­gen die in­di­vi­du­el­len Er­hö­hun­gen. Zwei­tens sind die vom Staat er­ho­be­nen In­fla­ti­ons­zah­len nicht voll­stän­dig. Am meis­ten ins Ge­wicht fällt, dass die Kran­ken­kas­sen­prä­mi­en nicht be­rück­sich­tigt wer­den. Die wah­re Teue­rung ist al­so hö­her als die of­fi­zi­ell aus­ge­wie­se­ne. Je­den­falls ist die Zeit nun ab­ge­lau­fen, Lohn­er­hö­hun­gen auf brei­ter Front zu ver­wei­gern. Denn der Schweizer Wirt­schaft geht es so gut wie seit lan­gem nicht. Fast al­le Bran­chen boo­men, der ab­ge­schwäch­te Fran­ken ver­leiht der Ex­port­in­dus­trie Flü­gel, und selbst die Kla­ge­ru­fe des Tou­ris­mus sind ver­stummt. Auf dem Ar­beits­markt macht sich dies po­si­tiv be­merk­bar. Die Zahl der ge­mel­de­ten Ar­beits­lo­sen ist auf ein Zehn­jah­res­tief ge­sun­ken. Zu den Pro­fi­teu­ren ge­hö­ren auch die Ak­tio­nä­re. Vie­le Fir­men – dar­un­ter die meis­ten Gross­kon­zer­ne – ha­ben im Früh­ling Re­kord­di­vi­den­den aus­be­zahlt. Nun ist es an der Zeit, dass auch die Lohn­emp­fän­ger et­was vom Auf­schwung ha­ben. Denn gleich­zei­tig mit dem Boom hat die Teue­rung deut­lich an­ge­zo­gen, sprich, die Prei­se stei­gen. Wenn die Un­ter­neh­men nun nicht um­den­ken und Lohn­er­hö­hun­gen wei­ter ver­wei­gern, führt dies da­zu, dass den Be­schäf­tig­ten we­ni­ger Geld in der Ta­sche bleibt. Das könn­te den Auf­schwung gleich wie­der ab­wür­gen.

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