Fe­de­rer schei­tert in Wim­ble­don ab­rupt

Sein Aus­schei­den ge­gen An­der­son zeigt, wie tü­ckisch Ra­sen­ten­nis sein kann und wie na­he kla­re Sie­ge und Nie­der­la­gen manch­mal bei­sam­men lie­gen.

Tages Anzeiger - - VORDERSEITE -

Ro­ger Fe­de­rers Traum von sei­nem 9. Wim­ble­don-ti­tel en­de­te im Vier­tel­fi­nal, nach­dem er an die­sem Tur­nier 34 Sät­ze in Fol­ge ge­won­nen hat­te. Der klar fa­vo­ri­sier­te Ti­tel­ver­tei­di­ger un­ter­lag dem Süd­afri­ka­ner Ke­vin An­der­son, den er zu­vor vier­mal be­siegt hat­te. Er do­mi­nier­te den ers­ten Satz und ver­gab im drit­ten ei­nen Match­ball, ver­lor aber über zwei St­un­den spä­ter 6:2, 7:6, 5:7, 4:6, 11:13. Fe­de­rer zeig­te kei­ne schlech­te Leis­tung, er fühl­te sich auf Court 1 aber auch nicht be­son­ders wohl und traf auf ei­nen Geg­ner, der ei­nen Gna­den­tag er­leb­te. Sein Ziel sei es, 2019 er­neut in Wim­ble­don an­zu­tre­ten, sag­te der bald 37-jäh­ri­ge Fe­de­rer. In den Halb­fi­nals kommt es zur Schla­ger­par­tie zwi­schen Ra­fa­el Na­dal und No­vak Djo­ko­vic, An­der­son spielt ge­gen den Ame­ri­ka­ner John Is­ner um ei­nen Fi­nal­platz.

Re­né St­auf­fer, Wim­ble­don Das ha­be er nicht kom­men se­hen, sag­te Ro­ger Fe­de­rer, und wie ihm ging es vie­len: Vor­ge­se­hen war, dass er in Wim­ble­don sei­nen goldenen Kar­rier­e­herbst wei­ter ver­edeln wür­de, mit dem 9. Ge­winn des Chal­len­ge Cup, es wä­re sei­ne 21. Grand-slam-tro­phäe ge­we­sen. Der Vier­tel­fi­nal ge­gen Ke­vin An­der­son aber lehr­te wie­der ein­mal, wie klein der Un­ter­schied zwi­schen ei­nem schein­bar pro­blem­lo­sen Sieg und ei­ner er­schüt­tern­den Nie­der­la­ge sein kann. Tat­säch­lich fehl­te Fe­de­rer nur ein Punkt, und die Par­tie wä­re nach 1:57 St­un­den be­en­det ge­we­sen. Doch An­der­son wehr­te den Match­ball sou­ve­rän ab und kam 2:17 St­un­den spä­ter zu sei­nem gröss­ten Sieg, ei­nem 2:6, 6:7, 7:5, 6:4, 13:11. Viel vor­zu­wer­fen hat sich Fe­de­rer nach die­sem böi­gen Tag den­noch nicht. Er traf mit dem Us-open-fi­na­lis­ten des ver­gan­ge­nen Jah­res auf ei­nen vor Selbst­ver­trau­en strot­zen­den Spie­ler, der zwar im ers­ten Satz chan­cen­los, da­nach aber zu­erst eben­bür­tig und nach dem ab­ge­wehr­ten Match­ball über­le­gen war. Im Ge­gen­satz zu Fe­de­rer, der zwar ei­ne an­spre­chen­de bis gu­te Leis­tung zeig­te, er­leb­te der Süd­afri­ka­ner ei­nen Gna­den­tag. Nie­der­la­gen wie die gest­ri­ge las­sen sich in ei­ner Kar­rie­re wie je­ner Fe­de­rers, die sich schon über zwan­zig Jah­re er­streckt, im höchst um­kämpf­ten Pro­fi­ten­nis nicht ver­mei­den, gera­de auf Ra­sen. Schon vier­mal zu­vor hat­te er Par­ti­en trotz 2:0-Satz­füh­rung noch ver­lo­ren, 2011 so­gar zweimal, in Wim­ble­don ge­gen Tson­ga und in New York ge­gen Djo­ko­vic. Eben­falls vier­mal war er an Grand-slamTur­nie­ren schon ge­schei­tert, nach­dem er sel­ber zu min­des­tens ei­nem Match­ball ge­kom­men war. Iro­ni­scher­wei­se wur­den ihm ge­gen An­der­son die Ei­gen­hei­ten die­ses schnel­len Be­lags, als des­sen Meis­ter er gilt, für ein­mal sel­ber zum Ver­häng­nis. Der in Flo­ri­da le­ben­de An­der­son brach­te sei­ne Ser­vice­ga­mes dank zu­neh­mend noch bes­se­rer Auf­schlä­ge und 28 As­sen ab dem drit­ten Satz fast pro­blem­los durch und konn­te als Rück­schlä­ger ent­spre­chend viel Ri­si­ko ein­ge­hen. Zwar hat­te er am En­de we­ni­ger Punk­te ge­won­nen (190:195) – aber da­für die wich­tigs­ten. Be­zeich­nend für Fe­de­rer war, dass er sich für ein­mal so­gar von ei­nem hoch über die An­la­ge dü­sen­den Jet ab­len­ken liess und mit dem zwei­ten Auf­schlag war­te­te, bis der Lärm ab­ge­klun­gen war. Er schlug ihn zu lan­ge, was nach über vier St­un­den sei­nen ers­ten und ein­zi­gen Dop­pel­feh­ler be­deu­te­te. Mo­men­te spä­ter war er zum 11:12 ge­bre­akt wor­den, und kurz dar­auf war der Traum vom 9. Wim­ble­don­sieg aus­ge­träumt – oder bes­ser: ver­tagt. Für Fe­de­rer, der sei­ne letz­ten sechs Fünf­satz­par­ti­en al­le ge­wann, mar­kiert die Nie­der­la­ge am für ihn wich­tigs­ten Tur­nier ei­ne Zä­sur – aber ei­ne, mit der er le­ben kann. Die Num­mer 1 ist für ihn vor­läu­fig kein The­ma mehr, doch die Welt­rang­lis­te hat für ihn längst kei­ne ho­he Prio­ri­tät mehr. Sei­ne Form stimmt, sei­ne Chan­cen auf wei­te­re gros­se Ti­tel sind in­takt. Noch in der St­un­de der Nie­der­la­ge be­kräf­tig­te er sei­nen Wil­len, 2019 wie­der hier an­zu­tre­ten. Fe­de­rer wird sei­ne Wim­ble­don-kar­rie­re nicht nach ei­nem Vier­tel­fi­nal mit dem Ab­gang durch die Hin­ter­tür von Court 1 be­en­den. An­der­sons Weg er­in­nert an Stan Wa­wrin­ka: Wie der Ro­mand muss­te auch er lan­ge rei­fen, bis er sich sei­ner gros­sen Mög­lich­kei­ten be­wusst wur­de und auch in­ner­lich zum Cham­pi­on mu­tier­te. Auf­fal­lend ist, dass es mit dem 32-Jäh­ri­gen wie­der ein Spie­ler der Über-30-ge­ne­ra­ti­on ist, der in Wim­ble­don ei­nen Fa­vo­ri­ten über­rum­peln konn­te. Dass die Jün­ge­ren noch im­mer nicht so weit sind, ak­ti­ve Le­gen­den wie Fe­de­rer oder Na­dal ab­zu­lö­sen, über­rascht zu­min­dest An­der­son nicht. Das Schwie­rigs­te an die­ser Auf­ga­be sei es ge­we­sen, sel­ber dar­an zu glau­ben und sich ei­ne Chan­ce zu ge­ben, den Coup zu schaf­fen, sag­te er. Frü­her hät­te er nach dem ers­ten Satz re­si­gniert. So ver­rückt kann Ten­nis sein: Nach­dem er zehn Sät­ze hin­ter­ein­an­der ge­gen Fe­de­rer ver­lo­ren hat­te, ge­wann er am glei­chen Tag drei in Fol­ge. Und darf jetzt so­gar da­von träumen, ers­ter süd­afri­ka­ni­scher Wim­ble­don­sie­ger zu wer­den.

Fo­to: Ben Cur­tis (Keystone)

Au­gen zu und durch, denn Ro­ger Fe­de­rer ist fä­hig, wei­te­re gros­se Ti­tel zu ge­win­nen.

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