Trump sorgt für Eklat beim Na­to-gip­fel

Do­nald Trump hat in Brüssel An­ge­la Mer­kel pro­vo­ziert, in­dem er Deutsch­land ei­nen «Ge­fan­ge­nen Russ­lands» nann­te. Es war ein kal­ku­lier­ter An­griff.

Tages Anzeiger - - VORDERSEITE - (sda)

Mi­li­tär­bünd­nis Am Na­to-gip­fel­tref­fen in Brüssel ist der Streit zwi­schen den USA und Deutsch­land es­ka­liert: Us-prä­si­dent Do­nald Trump griff Ber­lin ges­tern fron­tal an we­gen zu nied­ri­ger Mi­li­tär­aus­ga­ben und mil­li­ar­den­schwe­rer Ga­s­im­por­te aus Russ­land. «Deutsch­land ist to­tal von Russ­land kon­trol­liert», be­haup­te­te Trump. Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel wies dies scharf zu­rück. Nach ei­nem Ein­zel­ge­spräch wie­der­um be­ton­ten Trump und Mer­kel spä­ter das gu­te Ver­hält­nis bei­der Län­der.

Mer­kel un­ter­strich auch die gros­sen An­stren­gun­gen Deutsch­lands für die Na­to. «Wir stel­len den gröss­ten Teil un­se­rer mi­li­tä­ri­schen Fä­hig­kei­ten in den Di­enst der Na­to», sag­te sie. Hin­ter­grund des scharf ge­führ­ten Kon­flik­tes ist Trumps For­de­rung, dass al­le Na­to-part­ner spä­tes­tens 2024 jähr­lich min­des­tens zwei Pro­zent ih­res Brut­to­in­land­pro­dukts für Ver­tei­di­gung aus­ge­ben. In der Sit­zung der Staats- und Re­gie­rungs­chefs schlug Trump nach An­ga­ben von Teil­neh­mern so­gar ei­ne Er­hö­hung auf vier Pro­zent vor.

Do­nald Trump war­te­te gar nicht, bis der Na­to-gip­fel be­gann. Es war beim Früh­stück im klei­nen Kreis, als der Us-prä­si­dent zum Fron­tal­an­griff auf Deutsch­land und An­ge­la Mer­kel aus­hol­te. Es sei sehr trau­rig, dass Deutsch­land ei­nen «mas­si­ven Öl- und Gas­de­al» mit Russ­land ma­che: «Wir sol­len sie vor Russ­land be­schüt­zen, aber sie zah­len Mil­li­ar­den und Mil­li­ar­den an Russ­land», klag­te Trump. Deutsch­land wer­de völ­lig von Russ­land kon­trol­liert, es sei ein «Ge­fan­ge­ner Russ­lands».

Es soll­te wohl spon­tan wir­ken, aber es war ei­ne in­sze­nier­te Show in der Brüs­se­ler US-BOT­schaft, ganz nach dem Gus­to Trumps. Im Fo­kus der Ti­ra­de steht das Pro­jekt Nord Stream 2 von Gaz­prom, über die der rus­si­sche Staats­kon­zern künf­tig noch mehr Gas di­rekt nach Deutsch­land lie­fern will.

Trump ge­gen­über sass beim Früh­stück Na­to-ge­ne­ral­se­kre­tär Jens Stol­ten­berg, der mit dem gröss­ten Bei­trags­zah­ler der Al­li­anz wohl den Gip­fel­ab­lauf be­spre­chen woll­te. Nor­ma­ler­wei­se dür­fen bei sol­chen Ge­le­gen­hei­ten Ka­me­ra­leu­te kurz ih­re Bil­der ma­chen, ohne Ton ver­steht sich. Da­nach wer­den die Me­di­en hin­aus­ge­schickt, und man re­det hin­ter ver­schlos­se­nen Tü­ren wei­ter.

In sei­ner Bot­schaft hin­ge­gen konn­te Do­nald Trump die Spiel­re­geln be­stim­men, und er hat­te durch­aus ei­ne Mes­sa­ge, vor al­lem für das Pu­bli­kum zu Hau­se. Je­den­falls ver­brei­te­te der USPrä­si­dent ei­nen zwei­ein­halb­mi­nü­ti­gen Aus­schnitt sei­ner Ti­ra­de noch wäh­rend des Früh­stücks über den Kurz­nach­rich­ten­dienst Twit­ter.

Mit ei­nem Eklat war ge­rech­net wor­den, aber nicht mit ei­nem Af­front ge­gen ei­nen Ver­bün­de­ten auf of­fe­ner Büh­ne. Na­to-ge­ne­ral­se­kre­tär Jens Stol­ten­berg wirk­te je­den­falls ei­ni­ger­mas­sen kon­ster­niert und ver­such­te mäs­si­gend auf den Us-prä­si­den­ten ein­zu­re­den. Die Fas­sung fand er erst spä­ter, an­ge­spro­chen auf das kon­fron­ta­ti­ve Früh­stück: «Ich hat­te ex­zel­len­ten Oran­gen­saft und et­was To­ast und et­was Frucht­sa­lat», be­rich­te­te Stol­ten­berg. Es sei ein gu­tes Früh­stück ge­we­sen, «be­zahlt von den Ver­ei­nig­ten Staa­ten». Mer­kel re­agiert deut­lich Schär­fer re­agier­te bei der An­kunft im neu­en Na­to-haupt­quar­tier am Brüs­se­ler Stadt­rand die deut­sche Bun­des­kanz­le­rin. Zu­min­dest für ih­re Ver­hält­nis­se wur­de An­ge­la Mer­kel deut­lich. Sie ver­wies dar­auf, dass ein Teil Deutsch­lands wäh­rend des Kalten Krie­ges von der So­wjet­uni­on kon­trol­liert wur­de: «Ich bin sehr froh, dass wir heu­te in Frei­heit ver­eint sind und dass wir un­se­re ei­gen­stän­di­ge Po­li­tik ma­chen kön­nen.» Es war Mer­kels Art, zu sa­gen, dass sie sich Ein­mi­schun- gen à la Do­nald Trump nicht ge­fal­len lässt.

Al­ler­dings hat der Us-prä­si­dent das The­ma sei­ner Ti­ra­de nicht zu­fäl­lig aus­ge­sucht. Es ist so­zu­sa­gen die Achil­les­seh­ne der Bun­des­kanz­le­rin. Schliess­lich gibt es auch in Eu­ro­pa zahl­rei­che Kri­ti­ker von Nord Stream 2. Die Eu-kom­mis­si­on möch­te die Pi­pe­line ver­hin­dern, weil sie dem Ziel der Ener­gie­un­ab­hän­gig­keit zu­wi­der­läuft. Die Ost­eu­ro­pä­er lob­by­ie­ren da­ge­gen, weil sie um die Sta­bi­li­tät der be­nach­bar­ten Ukrai­ne fürch­ten. Die­se kas­siert bis­her Tran­sit­ge­büh­ren für rus­si­sches Gas. Die neue Pi­pe­line soll künf­tig durch die Ost­see und um die Ukrai­ne her­um­füh­ren.

Do­nald Trump hat da al­so durch­aus ei­nen Punkt. Es ist die Iro­nie der Ge­schich­te, dass er da­bei ein Pres­ti­ge­pro­jekt von Wla­di­mir Pu­tin kri­ti­siert, den er nächsten Mon­tag in Hel­sin­ki tref­fen will und für den er an­ders als für sei­ne Ver­bün­de­te Mer­kel bis­her kei­ne bö­sen Wor­te ge­fun­den hat. Aber Trump dürf­te es vor al­lem dar­um ge­gan­gen sein, ei­nen Keil zwi­schen die Eu­ro­pä­er zu trei­ben. Und so selbst­los ist der Us-prä­si­dent nicht: Die Ame­ri­ka­ner möch­ten schon län­ger mehr von ih­rem Flüs­sig­gas in Eu­ro­pa ver­kau­fen.

Doch Trump reich­te es, beim Früh­stück sei­ne Bot­schaft plat­ziert zu ha­ben. Spä­ter bei ei­nem bi­la­te­ra­len Tref­fen mit Mer­kel soll es ver­gleichs­wei­se har­mo­nisch zu­ge­gan­gen sein. «Wir ha­ben ein her­vor­ra­gen­des Ver­hält- nis», sag­te der Us-prä­si­dent im An­schluss. Beim ei­gent­li­chen Gip­fel in­sis­tier­te Trump dann zwar, die Na­to-mit­glie­der müss­ten das 2-Pro­zent-ziel bei den Ver­tei­di­gungs­aus­ga­ben «so­fort» er­rei­chen. Am En­de stimm­te er der vor­be­rei­te­ten Schluss­er­klä­rung doch zu, in der die Na­toStaa­ten ih­re Ab­sicht be­kräf­ti­gen, auf die Vor­ga­be bis 2024 «hin­zu­ar­bei­ten».

Be­kräf­tigt wird auch Kri­tik an der rus­si­schen Anne­xi­on der Krim und die Ab­sicht, im Hin­blick auf die Span­nun­gen mit Russ­land die Kom­man­do­struk­tu­ren in Eu­ro­pa zu mo­der­ni­sie­ren. Gut mög­lich, dass Trump das wie­der zur Dis­po­si­ti­on stellt, wenn er nächsten Mon­tag in Hel­sin­ki Wla­di­mir Pu­tin trifft.

Fo­to: Se­an Gal­lup (Getty Images)

Nach der Atta­cke: An­ge­la Mer­kel und Do­nald Trump an der Er­öff­nungs­ze­re­mo­nie.

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