Aus­sen oran­ge, in­nen grau

De­tail­han­del Kün­di­gun­gen zwecks Ge­winn­stei­ge­rung, Ta­bak und Al­ko­hol im Mi­gro­li­no, Spül­mit­tel für rei­che Chi­ne­sen: Wird die Mi­gros ein Kon­zern wie je­der an­de­re?

Tages Anzeiger - - SEITE DREI - Lau­ra Fromm­berg und Da­vid Hesse

Es stimmt im­mer noch: Wer die Be­völ­ke­rung des Lan­des auf kleins­tem Raum an­tref­fen will, muss in ein Mi­gros-re­stau­rant. In der ei­nen Ecke: Se­nio­ren­treff bei Kaf­fee und Ku­chen, gleich da­ne­ben kratzt ein et­was ver­wahr­lost aus­se­hen­der Mann Geld zu­sam­men; ki­chern­de Te­enager­mäd­chen kau­fen Ener­gy­drinks; am Steh­tisch schau­felt sich ein Ban­ker im Drei­tei­ler Fleisch­kä­se in den Mund. Für die Ge­räusch­ku­lis­se sor­gen Fa­mi­li­en mit klei­nen Kin­dern. Hier stört es nie­man­den, wenn die klei­ne Toch­ter schlech­te Lau­ne hat und schreit. Al­le sind will­kom­men.

Mi­gros-grün­der Gott­lieb Dutt­wei­ler hät­te das ge­fal­len. 56 Jah­re nach sei­nem Tod ist die Mi­gros im­mer noch ei­ne In­sti­tu­ti­on. So­zi­al, hei­mat­ver­bun­den, in­klu­siv – das wa­ren Wer­te, die «Dut­ti» über al­les stell­te. Sein Un­ter­neh­men soll­te mehr sein als ein Wa­ren­haus.

Ist das noch wahr, jen­seits der Re­stau­rant-idyl­le? Der Mi­gros-ge­nos­sen­schafts-bund (MGB) wan­delt sich. Er wird grös­ser: Man braucht kein oran­ge­far­be­nes Ein­kaufs­kör­b­li mehr am Arm, um Mi­gros-kun­de zu sein. Die Piz­ze­ri­aKet­te Mo­li­no mit 18 Re­stau­rants von Affoltern bis Zer­matt? Ge­hört der Mi­gros. Der On­li­ne­shop Di­gi­tec/ga­la­xus mit den om­ni­prä­sen­ten Wer­be­kam­pa­gnen? Teil der Mi­gros. Die Sport­ge­schäf­te Spor­txx und Bi­ke­world? Mi­gros. Die Ge­sund­heits­zen­tren Med­ba­se und San­té­med, die Fit­ness­zen­tren von Ac­tiv Fitness? Mi­gros. Die Fast-food-ket­te Chi­cke­ria? Den­ner und Glo­bus? Bä­cke­rei Hug? Mi­gros, Mi­gros, Mi­gros. Der Kon­zern ist ein Im­pe­ri­um mit 28 Mil­li­ar­den Fran­ken Um­satz (2017) und der gröss­te pri­va­te Ar­beit­ge­ber der Schweiz.

Der Ge­winn lag ver­gan­ge­nes Jahr bei 503 Mil­lio­nen Fran­ken – mi­nus 24 Pro­zent ge­gen­über 2016. Da­her wer­den Stel­len ab­ge­baut. Wie bei je­dem ge­winn­ori­en­tier­ten Kon­zern, der die Zie­le ver­fehlt. Bit­te kei­ne pro­fa­ne Fir­ma «Mi­gros» und «Ge­winn» – das passt für vie­le schlecht zu­sam­men. In den Au­gen der Fans ist die Mi­gros ei­ne Son­der­wirt­schafts­zo­ne im Schweizer Ka­pi­ta­lis­mus. Sie darf al­les sein, Bank, Tank­stel­le, Rei­se­bü­ro. Das hat­te Dutt­wei­ler so auf­ge­gleist. Aber bit­te kein pro­fa­ner Kon­zern der Mar­gen und Ma­na­ger.

«Die Mi­gros ist na­tür­lich nicht mehr die Mi­gros wie vor 70 Jahren», sagt Pe­ter Bir­rer (76). Er ar­bei­te­te 33 Jah­re für das Un­ter­neh­men, die meis­te Zeit in ver­schie­de­nen Funk­tio­nen bei der Mi­gros Luzern, zu­letzt als Lei­ter der Mi­gros Zü­rich. «Für mich war sie mehr als ein Ar­beit­ge­ber.» Bir­rer sagt, er ha­be «das Hand­werk des De­tail­händ­lers er­lernt», weil er als jun­ger Mensch mit «den Schrif­ten Dutt­wei­lers in Kon­takt» ge­kom­men sei. Das ha­be ihn in­spi­riert.

Gott­lieb Dutt­wei­ler ( 1888–1962) mach­te sein Ver­mö­gen als Le­bens­mit­tel­händ­ler in der Not des Ers­ten Welt­kriegs. Als der Frie­den kam, ver­lor er fast al­les, die Mi­gros war sein zwei­ter An­lauf. Sein Vor­ge­hen wür­de man heu­te wohl dis­rup­tiv nen­nen: 1925 schick­te er fünf Ver­kaufs­wa­gen los, die güns­ti­ge, qua­li­ta­tiv so­li­de Wa­ren di­rekt zur Kund­schaft brach­ten. Das eta­blier­te Ge­wer­be hass­te ihn, Ge­werk­schaf­ten pro­tes­tier­ten, doch die Kon­su­men­ten wa­ren über­zeugt. 1926 er­öff­ne­te der ers­te La­den in Zü­rich, 1932 war die Mi­gros in Ba­sel, Bern, St. Gallen und so­gar Ber­lin. Im Zwei­ten Welt­krieg mach­te Dutt­wei­ler sein Un­ter­neh­men zur Ge­nos­sen­schaft, ver­schenk­te es. Die Wa­gen fuh­ren bis 1997, bis heu­te ha­ben un­zäh­li­ge Schweizer ein Bild der rol­len­den Markt­stän­de im Kopf. Das Ge­schäft, das zu den Men­schen kommt.

Der Ge­winn lag 2017 bei 503 Mil­lio­nen Fran­ken – we­ni­ger als 2016. Des­halb wer­den Stel­len ab­ge­baut.

Da­mit die Mi­gros in sei­nem Sinn wei­ter­lebt, schu­fen der Fir­men­grün­der und sei­ne Frau die Gott­lieb-und-adele-dutt­wei­ler-stif­tung. In sie wur­de Bir­rer, der lang­jäh­ri­ge Mi­gros-mit­ar­bei­ter, nach sei­ner Pen­sio­nie­rung 2004 ge­wählt. Seit 2012 ist er ihr Prä­si­dent und da­mit so et­was wie der Wäch­ter über «Dut­tis» Idea­le. Er und die sie­ben an­de­ren Mit­glie­der des Stif­tungs­ra­tes prü­fen, ob die Sta­tu­ten ein­ge­hal­ten wer­den. Die Stif­tung ist un­ab­hän­gig, der Prä­si­dent kann sich in Mgb-sit­zun­gen ein­brin­gen – wenn auch nur mit «Emp­feh­lun­gen». Bir­rer war auch an den Ver­wal­tungs­sit­zun­gen da­bei, an de­nen jüngst die Stel­len­strei­chun­gen be­schlos­sen wur­den.

«Je­des Un­ter­neh­men braucht Ge­winn», sagt er. Er fügt aber an: «Dutt­wei­ler hat­te ei­ne an­de­re Auf­fas­sung vom Wirt­schaf­ten.» Was Bir­rer meint, ist et­wa das Kul­tur­pro­zent: Ein Teil des De­tail­han­dels­um­sat­zes muss ge­mäss den Sta­tu­ten für Kul­tur und So­zia­les aus­ge­ge­ben wer­den. Das sind zur­zeit et­wa 120 Mil­lio­nen Fran­ken jähr­lich. Die­ses Geld müs­se erst ver­dient wer­den. Das Kul­tur­pro­zent sei ein­zig­ar­tig und iden­ti­täts­stif­tend für die Mi­gros, so Bir­rer. Auch Bo­ni er­hal­ten die Top­ka­der bei der Mi­gros bis heu­te nicht.

Wä­re es auch in Dutt­wei­lers Sinn, dass die Mi­gros heu­te Geld mit Al­ko­hol und Ta­bak ver­dient? Ei­gent­lich müss­te sie auf die­se Mil­lio­nen im Na­men der «Volks­ge­sund­heit» ver­zich­ten, heisst es in den Sta­tu­ten. Trotz­dem hat der MGB Glo­bus und Den­ner über­nom­men, wo Wein, Bier und Spi­ri­tuo­sen zen­tral sind. Auch in den 313 Mi­gro­li­no-klein­ge­schäf­ten wird Al­ko­hol ver­kauft.

Bei sol­chen Fra­gen wird Stif­tungs­prä­si­dent Pe­ter Bir­rer di­plo­ma­tisch – wie auch an­de­re ehe­ma­li­ge Ka­der, die nicht na­ment­lich ge­nannt wer­den wol­len. Die Her­ren er­in­nern an Geist­li­che, die Dutt­wei­lers Schrif­ten ent­spre­chend den Be­dürf­nis­sen der Zeit aus­le­gen müs­sen. «Auf Dauer ist nicht mehr al­les, was da drin­steht, zeit­ge­mäss, und man muss sich Ge­dan­ken ma­chen, wie man den Idea­len den­noch treu blei­ben kann», so ein pen­sio­nier­ter Mi­gros-ka­der. Kon­kur­renz killt Idea­le Beim The­ma Al­ko­hol und Ta­bak funk­tio­niert die Neu­aus­le­gung et­wa so: «Al­ko­hol brach­te zur Zeit Dutt­wei­lers in vie­le Fa­mi­li­en viel Leid. Des­halb woll­te er kei­nen Al­ko­hol und Ta­bak ver­kau­fen», sagt Bir­rer. Das gel­te wei­ter für die Ver­kaufs­stel­len der Mi­gros, al­so die Su­per­märk­te. «Die Un­ter­neh­men der Mi­gros, die Al­ko­hol an­bie­ten, ta­ten dies aber schon vor der Über­nah­me.» Ein Ver­zicht – et­wa bei Den­ner, der selbst­stän­dig am Markt auf­tritt – wä­re «nicht im In­ter­es­se der Kund­schaft».

Der Ex-mi­gros-ka­der wird deut­li­cher. Es ha­be durch­aus Wi­der­stand in den ei­ge­nen Rei­hen ge­ge­ben. «Aber ir­gend­wann muss man sich ein­ge­ste­hen, dass wir uns nicht von der Kon­kur­renz ab­hän­gen las­sen dür­fen.»

Die In­ten­si­tät des Kon­kur­renz­kamp­fes zeigt sich an den Mi­gro­li­no-lä­den und Co­op-pron­to-shops, die sich in man­chen Schweizer Städ­ten um je­de Stras­sen­ecke bal­gen. Die Kund­schaft freut das nicht nur. Et­li­che der Shops wir­ken ram­schig, das Per­so­nal scheint von lan­gen Schich­ten und ge­rin­gen Löh­nen ge­zeich­net. Plus: Die Shops ver- drän­gen klei­ne­re Lä­den. Im Zürcher Lang­stras­sen­quar­tier wur­den jüngst Un­ter­schrif­ten ge­gen ein neu­es ThaiFast-food-lo­kal der Mi­gros ge­sam­melt. Mit ho­hen Miet­ge­bo­ten hat­te sie ein Schuh­ge­schäft und ei­nen Buch­la­den aus­ge­sto­chen. Schon jetzt gibt es an der Lang­stras­se ei­nen Mi­gro­li­no und ei­nen Chi­cke­ria. In Chi­na lie­ben sie die Mi­gros Ne­ben Co­op be­drän­gen Dis­coun­ter die Mi­gros. Lidl Schweiz et­wa ver­buch­te 2017 ein Um­satz­wachs­tum von 10,4 Pro­zent. Die Um­sät­ze der Mi­gros-märk­te schrumpf­ten um 0,7, Den­ner wuchs um et­wa 3 Pro­zent. Des­halb tritt man bei der Mi­gros auf die Kos­ten­brem­se – und sucht neue Er­trags­quel­len. Auch in­ter­na­tio­nal: Die Spar­te M-in­dus­trie ver­dient fast 15 Pro­zent ih­res Um­sat­zes nicht in der Schweiz. Sie fer­tigt nicht nur in den hie­si­gen 25 Her­stel­lungs­be­trie­ben, son­dern auch im Aus­land. Et­wa Süs­sig­kei­ten in den USA mit der Fir­ma Sweet­works oder Pfle­ge­pro­duk­te in En­g­land.

An­ders funk­tio­niert das Ge­schäft in Chi­na. Seit En­de 2017 ver­kauft die Mi­gros un­ter dem Na­men Oran­ge Gar­ten Schweizer Mi­gros-pro­duk­te wie Du­sch­mit­tel und Zahn­pas­ta. Die Kun­den kau­fen on­li­ne, die Mi­gros ko­ope­riert mit dem chi­ne­si­schen On­li­ne­rie­sen Ali­ba­ba. Meist sind die Pro­duk­te viel teu­rer als hier: Ein All­zweck­rei­ni­ger, den es hier für 3.05 Fran­ken gibt, kos­tet in Chi­na 16 Fran­ken mehr. Die Mi­gros recht­fer­tigt das mit Trans­port und Lo­gis­tik.

Of­fen­bar läuft das Ge­schäft gut an, Chi­ne­sen lie­ben Schweizer Tra­di­ti­ons­wa­re. So lebt aus­ge­rech­net am an­de­ren En­de der­welt der My­thos Dutt­wei­ler neu auf: Ein Wer­be­spot für den Oran­ge Gar­ten be­ginnt mit his­to­ri­schen Film­auf­nah­men von den al­ten Mi­gros-ver­kaufs­wa­gen. Ver­trau der Mi­gros. Dem La­den, der zu dir kommt. Bis nach Chi­na.

Fo­to: Ales­san­dro Del­la Val­le (Keystone)

De­mon­tiert sich die Mi­gros gera­de sel­ber? Oder passt sie sich ein­fach der Zeit an? Ar­bei­ter ent­fer­nen in Bern das Lo­go.

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