Iko­ne in Ge­fahr

USA Prä­si­dent Trump woll­te Är­ger. Jetzt hat er ihn. Aus­ge­rech­net mit Har­ley-da­vid­son. Ein Be­such in ei­nem Werk, in dem die ame­ri­ka­ni­schen Ikonen auf zwei Rä­dern zu­sam­men­ge­baut wer­den und das nur zwei St­un­den nörd­lich vom Weis­sen Haus liegt.

Tages Anzeiger - - Vorderseite -

Har­ley-da­vid­sons gröss­ter Feind sitzt im Weis­sen Haus.

Hu­bert Wet­zel und Chris­ti­an Zasch­ke, York Als Prä­si­dent Do­nald Trump und Har­ley-da­vid­son noch Freun­de wa­ren, da hat Trump ein paar An­zug­men­schen aus den hö­he­ren Eta­gen der Fir­ma nach Wa­shing­ton ein­ge­la­den, die ger­ne vor­bei­ka­men und als Mit­bring­sel ein paar di­cke Ma­schi­nen vor dem Weis­sen Haus plat­zier­ten. Ei­ni­ge der An­zug­men­schen hat­ten sich ei­gens in na­gel­neue, knar­zen­de Le­der­ja­cken ge­presst und prie­sen dem Prä­si­den­ten die Vor­zü­ge die­ser ur­ame­ri­ka­ni­schen Mo­tor­rä­der an. Er­staun­lich ei­gent­lich, dass Trump da­mals dar­auf ver­zich­te­te, sich auf ei­ner der Ma­schi­nen fo­to­gra­fie­ren zu las­sen.

Als bei an­de­rer Ge­le­gen­heit Ver­tre­ter der Last­wa­gen­in­dus­trie im Weis­sen Haus zu Be­such wa­ren und ei­nen Truck von der Grös­se ei­nes Kreuz­fahrt­schiffs mit­brach­ten, dau­er­te es knapp ei­ne hal­be Se­kun­de, schon sass der Prä­si­dent in der Fah­rer­ka­bi­ne, er griff ins Lenk­rad und tat so, als wä­re er ein Ka­pi­tän der High­ways. Er hup­te, lenk­te, und es ist kei­ne Über­trei­bung zu sa­gen, dass Trump in den ein­ein­halb Jahren sei­ner Prä­si­dent­schaft nie glück­li­cher wirk­te als in die­sem Mo­ment hin­ter dem Steu­er des ge­park­ten Trucks. Der Prä­si­dent ist fas­zi­niert Die Har­leys, das war beim Be­such im ver­gan­ge­nen Jahr zu se­hen, fas­zi­nier­ten Trump auf ähn­li­che Wei­se. Aber of­fen­sicht­lich war ihm nicht wohl beim Ge­dan­ken, auf ei­nem wack­li­gen Zwei­rad von der Grös­se ei­nes Wohn­wa­gens Platz zu neh­men. Er be­liess es da­bei, bei­de Dau­men zu he­ben und Ma­schi­nen der Mar­ke Har­ley als «ame­ri­ka­ni­sche Ikonen» zu be­schrei­ben.

War­um Trump so­wohl von gros­sen Trucks als auch von schwe­ren Mo­tor­rä­dern fas­zi­niert ist, er­schliesst sich nur leid­lich kü­chen­psy­cho­lo­gisch be­gab­ten Men­schen un­mit­tel­bar: Bei­de sind Teil ei­ner gros­sen ame­ri­ka­ni­schen Er­zäh­lung, in der es auch dar­um geht, das Land in sei­ner Wei­te zu durch­mes­sen. So­wohl Tru­cker als auch vie­le Har­ley­Fah­rer sti­li­sie­ren sich zu Cow­boys der Neu­zeit. Das muss man wis­sen, um zu ver­ste­hen, war­um Trump jetzt gera­de so aus­ser sich ist vor Wut.

Do­nald Trump und Har­ley-da­vid­son sind al­so jüngst zu bes­ten Fein­den ge­wor­den. In­zwi­schen ver­geht kaum ein Tag, an dem Trump sich nicht die Zeit näh­me, den Mo­tor­rad­her­stel­ler aus Mil­wau­kee zu be­schimp­fen, her­ab­zu­wür­di­gen oder zu be­dro­hen. Un­ter an­de­rem geht es um Ver­rat.

Um der Ge­schich­te die­ses Ver­rats auf die Spur zu kom­men, emp­fiehlt sich ei­ne Rei­se ins lieb­li­che Penn­syl­va­nia Dutch Country, gut zwei St­un­den nörd­lich von Wa­shing­ton. Hier lie­gen die Far­men der Amish, die Bio­ge­mü­se an­bau­en und Bie­nen­stich ba­cken. Und mit je­dem Ki­lo­me­ter, den man sich York nährt, nimmt die Har­ley-dich­te auf den Stras­sen zu.

Har­ley-da­vid­son be­treibt in York, Penn­syl­va­nia, ei­nes sei­ner gröss­ten Wer­ke. 900 Ar­bei­ter schrau­ben hier je­den Tag in zwei Acht-st­un­den-schich­ten 450 Ma­schi­nen zu­sam­men, vor al­lem die be­hä­bi­gen Stras­sen­kreu­zer. Vie­le die­ser Ar­bei­ter fah­ren bei je­dem Schicht­wech­sel auf ih­ren Har­leys durch York, da­zu kom­men je­de Men­ge pri­va­te Har­ley-lieb­ha­ber, die sich ein­mal an­schau­en wol­len, wo und wie ih­re Ge­fähr­te zu­sam­men­ge­baut wer­den.

Weis­ses Haus, vor ei­ni­gen Ta­gen, ge­gen halb sechs am Abend: Der Prä­si­dent ist wü­tend, und wenn Do­nald Trump wü­tend ist, be­ginnt er zu twit­tern. «Bin über­rascht, dass aus­ge­rech­net Har­ley-da­vid­son als ers­te Fir­ma die weis­se Flag­ge hisst», tippt er. «Ich ha­be

Es ging nie dar­um, was die­se Mo­tor­rä­der kön­nen, son­dern wo­für sie ste­hen.

hart für sie ge­kämpft.» Am nächsten Mor­gen ging die Ti­ra­de wei­ter. «Ei­ne Har­ley-da­vid­son soll­te nie­mals in ei­nem an­de­ren Land ge­baut wer­den – nie­mals», twit­ter­te Trump di­rekt nach dem Auf­ste­hen: «Ih­re An­ge­stell­ten und Kun­den sind schon sehr wü­tend. Wenn sie um­zie­hen, ist das der An­fang vom En­de – sie ha­ben ka­pi­tu­liert, sie ha­ben auf­ge­ge­ben. Ihr Ruf ist da­hin, und sie wer­den Steu­ern zah­len müs­sen wie noch nie zu­vor.»

Das klang für Aus­sen­ste­hen­de ver­wir­rend, aber es war klar, wer der Ver­rä­ter und wer der Ver­ra­te­ne war: So wie Trump die Sa­che sieht, ist aus­ge­rech­net Har­ley-da­vid­son ihm in den Rü­cken ge­fal­len. Da­bei hat­te die Fir­ma der Bör­sen­auf­sicht in New York nur pflicht­ge­mäss mit­ge­teilt, dass sie künf­tig mehr Mo­tor­rä­der, die in Eu­ro­pa ver­kauft wer­den, im Aus­land bau­en wer­de. Das sei un­ter­neh­me­risch not­wen­dig, denn die EU ha­be sich für den von Trump ver­füg­ten Schutz­zoll auf im­por­tier­ten Stahl (sat­te 25 Pro­zent) mit ei­nem ent­spre­chen­den Straf­zoll auf ame­ri­ka­ni­sche Pro­duk­te ge­rächt (eben­falls 25 Pro­zent). Die­ser trifft un­ter an­de­rem al­le in den USA ge­bau­ten Mo­tor­rä­der mit ei­nem Hu­b­raum von mehr als 500 Ku­bik­zen- ti­me­tern. An­ders ge­sagt: al­le Har­leys aus Ame­ri­ka. Mo­tor­rä­der mit we­ni­ger als 500 Ku­bik­zen­ti­me­tern Hu­b­raum be­trach­ten Har­ley-fah­rer als Mo­fas.

Statt 6 Pro­zent Zoll wür­den beim Ex­port in die EU nun 31 Pro­zent Zoll fäl­lig, teil­te Har­ley-da­vid­son mit, der Preis ei­ner Ma­schi­ne stei­ge da­mit um 2200 Dol­lar. Um auf dem eu­ro­päi­schen Markt be­ste­hen zu kön­nen, müs­se das Un­ter­neh­men da­her die Pro­duk­ti­on von Mo­tor­rä­dern für die EU aus den Ver­ei­nig­ten Staa­ten nach an­ders­wo ver­la­gern und mehr Geld in Wer­ke im Aus­land in­ves­tie­ren. Al­so: we­ni­ger Pro­duk­ti­on und vi­el­leicht we­ni­ger Jobs in den USA, mehr Pro­duk­ti­on und mehr Jobs weit weg von Ame­ri­ka. In Bra­si­li­en und In­di­en zum Bei­spiel, wo Har­ley-da­vid­son be­reits Wer­ke un­ter­hält. Trump war stink­sau­er. Der Zweck sei­nes Schutz­zolls soll­te sein, so hat­te er sich das aus­ge­dacht, ame­ri­ka­ni­sche Un­ter­neh­men vor aus­län­di­schen Kon­kur­ren­ten zu schüt­zen. Nicht, sie aus­ser Lan­des zu trei­ben.

Das so ame­ri­ka­ni­sche Un­ter­neh­men Har­ley-da­vid­son stöhn­te be­reits un­ter Trumps Stahl­zoll, denn was im­por­tiert ei­ne Fir­ma nun mal, die Mo­tor­rä­der her­stellt? Stahl. Jetzt ka­men noch die Ein­fuhr­zöl­le der EU als Re­ak­ti­on auf Trumps Pro­tek­tio­nis­mus da­zu. Trumps Ver­spre­chen, es Ame­ri­kas Un­ter­neh­men leich­ter zu ma­chen, ver­kehr­te sich für Har­ley-da­vid­son gleich doppelt ins Ge­gen­teil. Die Fir­ma kämpft oh­ne­hin, denn im­mer we­ni­ger jun­ge Men­schen kön­nen sich da­für be­geis­tern, zwi­schen 7000 und 42 000 Dol­lar für ein neu­es Mo­tor­rad aus­zu­ge­ben, das mehr Er­zäh­lung ist als Sub­stanz.

Ein Pro­blem für Har­ley-da­vid­son ist jetzt, dass es nie dar­um ging, was die­se Mo­tor­rä­der kön­nen. Es ging im­mer nur dar­um, wo­für sie ste­hen, um ei­ne Idee. Die Har­ley-leu­te wa­ren stets ge­nia­le Mar­ke­ting­stra­te­gen. Bis in die Acht­zi­ger­jah­re hin­ein lieb­ten die Kun­den die Mar­ke, merk­ten aber auch an, dass die­se ver­damm­ten Mo­tor­rä­der zu teu­er und no­to­risch un­zu­ver­läs­sig wa­ren. Har­ley­Da­vid­son druck­te des­halb ei­ne An­zei­ge, auf der 16 sehr ge­fähr­lich drein­bli­cken­de Ro­cker zu se­hen wa­ren. Un­ter­zei­le: «Wür­den Sie die­sen Ty­pen ein un­zu­ver­läs­si­ges Mo­tor­rad ver­kau­fen?» Die An­zei­ge ist bis heu­te le­gen­där. In 85 Län­der wird ver­kauft Im Har­ley-werk in York ist die Pro­duk­ti­on der 2018er-mo­del­le vor­bei, die Fer­ti­gungs­stras­sen wer­den auf die 2019erMo­del­le um­ge­rüs­tet. Wenn man sich hier um­se­hen will, wen­det man sich an Bob und Ste­ve. Bob geht vor und er­klärt al­les, Ste­ve geht hin­ter­her und passt auf, dass man nicht vom Ga­bel­stap­ler über­fah­ren wird. Bob heisst mit vol­lem Na­men Ro­bert Hess, er ist ein gros­ser, ha­ge­rer Mann mit grau­em Bart. Seit 19 Jahren ar­bei­tet er bei Har­ley-da­vid­son, da­vor war er 31 Jah­re lang Di­rek­tor der Marsch­ka­pel­le ei­ner Schu­le. Die da­bei er­wor­be­ne Au­to­ri­tät hat er sich be­wahrt. Zur Grup­pe, die Bob durch die Fa­b­rik­hal­len führt, ge­hö­ren vie­le ker­ni­ge Bi­ker mit Glat­zen und Voll­bär­ten so­wie ei­ni­ge kaum we­ni­ger ker­ni­ge Bi­ke­rin­nen, die mehr Haupt- und we­ni­ger Ge­sichts­haar ha­ben. So weit die Kli­schee­ro­cker.

Aber es sind eben auch rund­li­che, gut ra­sier­te Her­ren in Po­lo­hem­den da­bei, die sich jetzt, da in Sicht­wei­te des Ru­he­stands end­lich das wil­de Le­ben be­ginnt, ei­ne Har­ley leis­ten wol­len. Vi­el­leicht ei­ne von den ge­müt­li­chen. Ei­ne Street Gli­de. Ei­ne Road King Spe­cial. Die sind wirk­lich be­quem, kos­ten aber um die 30 000 Dol­lar. Der Ko­mi­ker Ste­phen Col­bert schrieb neu­lich: «Wenn Har­ley­Da­vid­son weg­zieht, wo­mit wer­den die pen­sio­nier­ten Zahn­ärz­te in mei­ner Nach­bar­schaft mich dann am Sams­tag­mor­gen we­cken?»

Im Werk in York sieht man, dass das ein wei­ser Witz war. Mit genau die­sen Men­schen ver­dient Har­ley-da­vid­son näm­lich heu­te Geld. Die Fir­ma ver­kauft längst nicht mehr Mo­tor­rä­der, son­dern den Ent­wurf ei­nes wie auch im­mer ge­ar­te­ten frei­en oder gar wil­den Le­bens, und zwar we­sent­lich an mit­tel­al­te, weis­se, un­wil­de wie ver­mö­gen­de Män­ner. Die Fir­ma lebt von ih­rem Ruf, von so gut wie nichts sonst. Des­halb sind Trumps Atta­cken so ge­fähr­lich. Er un­ter­stellt Har­ley-da­vid­son un­ame­ri­ka­ni­sche Um­trie­be. Das kann für bei­de Sei­ten schlecht aus­ge­hen.

Ers­te Be­trof­fe­ne von Trumps Han­dels­krieg wä­ren die Mit­ar­bei­ter in York. Je­de Ma­schi­ne, die hier aus mehr als 1300 Tei­len zu­sam­men­ge­setzt wird, be­kommt zu Be­ginn ei­nen in Plas­tik­fo­lie ein­ge­schweiss­ten Zet­tel an­ge­hängt. Dar­auf ste­hen al­le De­tails des je­wei­li­gen Mo­tor­rads: wel­che La­ckie­rung der Tank und die Kot­flü­gel ha­ben sol­len, ob ABS oder ein Tem­po­mat ein­ge­baut wer­den soll und auf wel­che Fel­gen die Rei­fen auf­ge­zo­gen wer­den. Ganz oben auf dem Zet­tel steht, in wel­che Welt­re­gi­on die Ma­schi­ne ge­lie­fert wird. Har­ley-da­vid­son ver­kauft sei­ne Mo­tor­rä­der in 85 Län­der.

Was Trump an­geht: Es darf als si­cher gel­ten, dass der Prä­si­dent, ob­wohl er ver­mut­lich bes­ten­falls un­ge­fähr ver­stan­den hat, was Har­ley-da­vid­son einst war und heu­te ist, gera­de ent­schei­den­den Ein­fluss dar­auf nimmt, was Har­ley­Da­vid­son ein­mal sein wird.

Fo­to: Bloom­berg, Getty Images Har­ley-da­vid­son-werk in York, Penn­syl­va­nia: 900 Ar­bei­ter schrau­ben hier je­den Tag in zwei Acht-st­un­den-schich­ten 450 Ma­schi­nen zu­sam­men.

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