Fach­mann sieht ei­ne Lö­sung im Lohn­streit mit der EU

Rah­men­ab­kom­men Laut Prak­ti­kern kann man die omi­nö­se 8-Ta­ge-frist ver­kür­zen. Aber das ist nicht gra­tis.

Tages Anzeiger - - Vorderseite - ( fab)

Eu­ro­pa­po­li­tik Das Re­gime zum Schutz der ho­hen Schweizer Löh­ne ist das gröss­te Hin­der­nis auf dem Weg zum Rah­men­ab­kom­men mit der EU. Nun schal­tet sich ei­ne kun­di­ge Stim­me in die hit­zi­ge De­bat­te ein: Ge­mäss Ste­fan Hirt, dem obers­ten Lohn­kon­trol­leur im Kan­ton Bern, kann die Schweiz der EU bei den flan­kie­ren­den Mass­nah­men ent­ge­gen­kom­men, ohne de­ren Nut­zen in­fra­ge zu stel­len. Aus sei­ner Sicht ist es mög­lich, die um­strit­te­ne Vor­an­mel­de­frist für Un­ter­neh­men aus der EU, die hier­zu­lan­de ar­bei­ten wol­len, von acht auf vier Ta­ge zu ver­kür­zen, ohne dass da­durch der Lohn­schutz ge­schmä­lert wird. Hirt be­tont je­doch, dies sei nur mög­lich, wenn die Kantone und die Kon­troll­stel­len mehr per­so­nel­le und an­de­re Res­sour­cen ein­set­zen kön­nen.

Lohn­kon­trol­leu­re aus an­de­ren Kan­to­nen wol­len sich nicht öf­fent­lich äus­sern aus Rück­sicht auf die Ge­werk­schaf­ten, die Kon­zes­sio­nen bei den flan­kie­ren­den Mass­nah­men wei­ter­hin apo­dik­tisch ab­leh­nen. Ver­brei­tet zu hö­ren ist aber Kri­tik am heu­ti­gen System, das reich­lich kom­pli­ziert auf­ge­baut ist. Zu­dem gilt das On­li­ne­mel­de­sys­tem des Bun­des als ver­al­tet.

Fabian Schä­fer Es ist die gros­se Preis­fra­ge die­ses Som­mers: Kann die Schweiz der EU bei den flan­kie­ren­den Mass­nah­men ent­ge­gen­kom­men, ohne den Schutz der Hoch­lohn­in­sel Schweiz zu schwä­chen? Be­son­ders um­kämpft ist die Re­gel, wo­nach Fir­men aus der EU Ein­sät­ze in der Schweiz acht Ta­ge vor­her an­mel­den müs­sen. In den kom­men­den Wo­chen sucht Wirt­schafts­mi­nis­ter Jo­hann Schnei­der-am­mann (FDP) mit Ge­werk­schaf­tern, Ar­beit­ge­bern und Kan­to­nen nach Lö­sun­gen. Fin­det er kei­ne, kommt das Rah­men­ab­kom­men mit der EU ver­mut­lich nicht zu­stan­de.

Nun mel­det sich ein Prak­ti­ker zu Wort, der Din­ge sagt, die in Schnei­der-am­manns Oh­ren wie Mu­sik klin­gen müs­sen. Ste­fan Hirt, Chef­in­spek­tor der Ar­beits­markt­kon­trol­le des Kan­tons Bern, hält es für mög­lich, die Mel­de­frist auf vier Ta­ge zu hal­bie­ren, ohne den Lohn­schutz zu schmä­lern, wie die NZZ be­rich­tet. Auf Nach­fra­ge stellt Hirt zwei­er­lei klar: Vier Ta­ge sei­en ers­tens das ab­so­lu­te Mi­ni­mum, zwei­tens müss­ten meh­re­re Vor­aus­set­zun­gen er­füllt sein. Vor al­lem brau­che es beim Kan­ton und den Kon­troll­stel­len «mehr und an­de­re Res­sour­cen», sei es beim Per­so­nal, sei es bei der In­for­ma­tik. Sprich: Ei­ne kür­ze­re Mel­de­frist hat auch ih­ren Preis. Wi­der­spruch aus Zü­rich In an­de­ren Kan­to­nen zie­hen es die Lohn­kon­trol­leu­re vor, zu schwei­gen. Sie sind in der Zwick­müh­le, da sie im Auf­trag von Pa­ri­tä­ti­schen Kom­mis­sio­nen tä­tig sind, die je halb aus Ar­beit­ge­bern und Ge­werk­schaf­tern be­ste­hen. Wäh­rend die Ar­beit­ge­ber Spiel­raum se­hen, schlies­sen die Ge­werk­schaf­ter auch kleins­te Kon­zes­sio­nen aus. Dies be­stä­tigt Re­né Lap­pert von der Unia Zü­rich-schaff­hau­sen, der als Prä­si­dent des Ver­eins Ar­beits­kon­troll­stel­le am­tet, die im Kan­ton Zü­rich das Bau­ge­wer­be über­wacht. «Die acht Ta­ge müs­sen blei­ben», sagt der Ge­werk­schaf­ter. Die Frist dür­fe auch dann nicht ver­kürzt wer­den, wenn dank Ver­bes­se­run­gen im Ablauf die Meldungen schnel­ler bei den In­spek­to­ren sind. «Bei die­ser Mas­se sind so oder so min­des­tens acht Ta­ge nö­tig, um das Ri­si­ko ein­zu­schät­zen und die Kon­trol­len zu pla­nen.»

Das sieht der Ber­ner Chef­in­spek­tor an­ders. Ge­mäss Hirt ist ei­ne Ver­ein­fa­chung und Straf­fung des ge­sam­ten Pro­ze­de­res mög­lich. Heu­te ge­hen die Meldungen der aus­län­di­schen Fir­men beim Bund elek­tro­nisch ein; er lei­tet sie eben­falls elek­tro­nisch an die Kantone wei­ter, die sie dann aber auf di­ver­sen We­gen an die Kon­trol­leu­re wei­ter­rei­chen. Hier be­steht zu­min­dest in Bern Ver­bes­se­rungs­po­ten­zi­al, da der Kan­ton die Meldungen heu­te le- dig­lich zweimal pro Woche wei­ter­lei­tet – aus Da­ten­schutz­grün­den nicht elek­tro­nisch, son­dern per Ve­lo­ku­rier. Da könn­te man Zeit ge­win­nen, kon­sta­tiert Hirt.

An­sons­ten sind die Ber­ner bes­ser auf­ge­stellt: Laut Hirt ist Bern ver­mut­lich der ein­zi­ge Kan­ton, in dem ei­ne ein­zi­ge Stel­le für al­le Kon­trol­len zu­stän­dig ist. Da­mit ent­fal­len Dop­pel­spu­rig­kei­ten und Ab­gren­zungs­fra­gen, die in an­de­ren Kan­to­nen zu Ver­zö­ge­run­gen füh­ren kön­nen, weil je nach Be­rufs­gat­tung ver­schie­de­ne Stel­len ver­ant­wort­lich sind. Was ist ein «Mon­teur»? Da­von kann Mar­co Christ, Ge­schäfts­füh­rer der Bau­stel­len­kon­trol­le Ba­sel, ein Lied sin­gen: «Wir er­hal­ten oft Meldungen vom Kan­ton, bei de­nen wir bei der Kon­trol­le vor Ort mer­ken, dass wir gar nicht zu­stän­dig sind.» Christ macht aber nicht dem Kan­ton ei­nen Vor­wurf. Das Pro­blem lie­ge beim Bund, ge­nau­er: bei den On­li­ne­mel­dun­gen, die die Fir­men aus der EU auf dem in die Jah­re ge­kom­me­nen System des Staats­se­kre­ta­ri­ats für Mi­gra­ti­on er­fas­sen.

Die Ein­ga­be­mas­ke er­lau­be fal­sche oder nichts­sa­gen­de An­ga­ben, kri­ti­siert Christ. Der «Klassiker» sei, dass ei­ne Fir­ma ei­nen «Mon­teur» an­mel­de. Da sei völ­lig un­klar, wel­che Kon­trol­leu­re zu­stän­dig sei­en, da es sich um ei­nen Schrei­ner, ei­nen Me­tall­bau­er oder ei­nen an­de­ren Ar­bei­ter han­deln kön­ne. Je nach­dem ist ein an­de­rer Ge­samt­ar­beits­ver- trag re­le­vant, über den auch ei­ne an­de­re Stel­le wacht.

Christ schlägt vor, der Bund sol­le das An­mel­de­sys­tem so än­dern, dass die Fir­men den Be­ruf und die ge­plan­ten Ar­bei­ten nicht sel­ber ein­ge­ben kön­nen, son­dern aus ei­ner vor­ge­ge­be­nen Lis­te aus­wäh­len müs­sen.

Oft er­fah­ren die In­spek­to­ren auch nichts da­von, wenn ei­ne Fir­ma ei­nen Ein­satz ver­schiebt. Christ: «We­gen der Un­zu­läng­lich­kei­ten des Sys­tems kön­nen schon heu­te so­gar zeit­ge­rech­te An­mel­dun­gen zu spät bei der Kon­troll­stel­le ein­tref­fen.»

Folgt dar­aus, dass die Schweiz die 8-Ta­ge-re­gel ver­kür­zen kann, falls sie das On­li­ne-mel­de­sys­tem ver­bes­sert? Die­se Fra­ge lässt der Bas­ler of­fen.

Fo­to: Urs Jau­das

Meist sind un­ter­schied­li­che Stel­len für die Kon­trol­le aus­län­di­scher Ar­bei­ter zu­stän­dig – ei­ne Ver­ein­fa­chung wür­de hel­fen.

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