Grand Tour Schweiz

Das Bel­le­vue er­kun­det das Land – Se­ri­en­start mit Mi­ke Mül­ler.

Tages Anzeiger - - VORDERSEITE - Da­vid Sa­ra­sin

Die­ses mat­te Mo­to­ren­ge­räusch. Das freund­li­che Kli­cken des Blin­kers. Ei­ne ver­trau­ens­er­we­cken­de Stim­me ver­kün­det die Stau­mel­dung. «Und Ih­nen noch ei­ne si­che­re Fahrt.» Wir sind un­ter­wegs. Auf der Grand Tour of Swit­z­er­land. Ein­mal die Schweiz um­run­den, neun Schrei­be­rin­nen und Schrei­ber, 1643 Ki­lo­me­ter. Das Ziel: die Kli­schees auf­spü­ren, die es zur Schweiz gibt. Tou­ris­ten sein im ei­ge­nen Land – weit­ab der ei­ge­nen Stadt.

Es stel­len sich Fra­gen: Wie fin­den wir Ge­schich­ten? Was sieht man, wenn man die Stras­se ver­lässt? Wel­ches ist ei­ne gu­te Rei­se­ge­schwin­dig­keit? Und wie geht es der Schweiz? Aber auch: Wie geht es uns sel­ber mit der Schweiz?

Ei­ner, der Ant­wor­ten auf ei­ni­ge die­ser Fra­gen ge­fun­den hat, ist Mi­ke Mül­ler. Zu­sam­men mit sei­nem Bru­der To­bi hat er die A1 mehr­fach ab­ge­fah­ren. Hat an den Rän­dern der äl­tes­ten Au­to­bahn der Schweiz Ge­schich­ten ge­fun­den. Und dar­aus ein Thea­ter­stück ge­macht. Als Schau­spie­ler, der oft un­ter­wegs ist, hat er viel ge­lernt über die Schweiz. Mül­ler ist ein gu­ter, ein hei­te­rer Ge­sprächs­part­ner und stimmt gut auf un­se­re Tour ein. Ein kom­pe­ten­ter Test­fah­rer. Wir fah­ren auf der A1 von der Au­to­bahn­rast­stät­te Kempt­thal zum so­ge­nann­ten Fress­bal­ken, der Rast­stät­te in Wü­ren­los. Herr Mül­ler, was ge­fällt Ih­nen am Au­to­fah­ren? Der Ko­kon, in dem man ge­fan­gen ist, gibt ei­nem das Ge­fühl von Ge­bor­gen­heit und Pri­vat­heit. Es hat fast et­was Me­di­ta­ti­ves. An­der­seits, schau­en Sie sich ein­mal um. Wir sind um­ge­ben von Au­tos, die Pri­vat­heit ist ein Witz. Es ist halb elf an ei­nem Don­ners­tag­mor­gen, bei Brüt­ti­sel­len reiht sich Fahr­zeug an Fahr­zeug. Das Sze­na­rio führt ei­nem vor Au­gen: Die Schön­heit zeigt sich auf ei­nem Roadtrip nicht zwin­gend von selbst. Man kennt die Schweiz zwar von der Au­to­bahn her, aber man lernt die Schweiz nicht von der Au­to­bahn aus ken­nen. Mül­ler sagt: «Die Schweiz ist ei­ne Agglo­me­ra­ti­on.» Für die A1 mit ih­ren La­ger- und Hoch­häu­sern, den Au­to­bahn­rast­stät­ten, stimmt das, für die Tre­mo­la oder das En­ga­din viel­leicht nicht. Das Ge­spräch dreht sich bald um den Tou­ris­mus, der die Schön­heit ver­mark­tet, ei­nen Berg, ei­nen Dorf­kern. Was aber dar­um her­um ge­schieht, was viel­leicht nicht so glänzt, in­ter­es­siert nie­man­den. Wir zei­gen auch das. Wir be­fin­den uns ge­ra­de auf ei­nem der häss­lichs­ten Stre­cken­ab­schnit­te der nicht mit Häss­lich­kei­ten gei­zen­den A1. Ein­ver­stan­den? Das täuscht. Man muss halt im­mer mal wie­der raus­fah­ren. Auch hier fin­den Sie wun­der­ba­re Or­te. Was gibt es hier zwi­schen Af­fol­tern und Sprei­ten­bach zu ent­de­cken? Es gibt hier ein Moor, das zu durch­wan­dern wun­der­bar ist. Vom Leut­schen­bach aus al­les den Fluss ent­lang. Ge­ne­rell gibt es ab­seits der Stre­cke im­mer wie­der span­nen­de Or­te. Oder ex­tra­va­gan­te Per­so­nen. Der Jä­ger im Tog­gen­burg, der Ge­mein­de­schrei­ber . . . Hier müs­sen Sie sich üb­ri­gens rechts hal­ten. Wir fah­ren durch den vol­len Gu­brist. Mi­ke und To­bi Mül­ler ha­ben im Stück «A1» die ne­ga­ti­ven Sei­ten der Mo­bi­li­tät the­ma­ti­siert – Um­welt­ver­schmut­zung, Stau, die Zer­schnei­dung der Land­schaft. Trotz­dem fährt Mül­ler ger­ne Au­to. Wir sind uns ei­nig: Roadtrips ha­ben bei al­ler Am­bi­va­lenz et­was Ro­man­ti­sches. Be­stimmt in den USA. Nur: Macht ein Roadtrip auch in der klei­nen Schweiz Spass? «Klar!», sagt Mül­ler. «Un­be­dingt.» Das Pro­blem heu­te sei, dass die Leu­te ei­nem zwar ein ko­rea­ni­sches Re­stau­rant auf dem Sun­set Bou­le­vard emp­feh­len könn­ten, aber das Mett­au­er Tal nicht ken­nen wür­den. «Ein wun­der­schö­ner Ort.» Was ha­ben Sie auf Ih­ren Au­to­fahr­ten über die Schweiz ge­lernt? Zum Bei­spiel, dass die Au­to­bahn auch ein Netz ist, das uns ver­bin­det. Ganz sen­ti­men­tal ha­be ich zu­dem ge­lernt, wie schön die Schweiz ist. Die Stre­cken­füh­rung ist zwar ge­ra­de, doch das Ge­spräch mä­an­dert. Mül­ler er­zählt von sei­nem Va­ter, der in ar­men Ver­hält­nis­sen auf­ge­wach­sen ist. Als er zu Geld kam, ha­be er in zwei Din­ge in­ves­tiert: in ei­nen «über­di­men­sio­nier­ten Chlapf» und in Feu­er­werk. Er ha­be die Schweiz per Au­to ken­nen ge­lernt, sagt Mül­ler. Sol­che Ge­sprä­che sind span­nend. Auch auf un­se­rer Rei­se möch­ten wir ab­schwei­fen. Wel­che Rei­se­ge­schwin­dig­keit emp­fiehlt sich? Auf der Au­to­bahn viel­leicht 110 Ki­lo­me­ter pro St­un­de. Ich hef­te mich oft an ei­nen Last­wa­gen und neh­me es ge­müt­lich . . . Hier auf der Spur blei­ben . . . Wäh­rend ei­ner Au­to­fahrt, so­fern man sie nicht al­lei­ne be­strei­tet, spricht man ger­ne so: «Hier rechts ab­bie­gen» – «Das ist ei­ne Ein­bahn­stras­se.» – «Da vor­ne um­keh­ren.» Pha­ti­sches Spre­chen nen­ne man das, sagt der Thea­ter­mann Mül­ler. Nichts sa­gen, aber den Ka­nal of­fen hal­ten. Wenn Mül­ler Per­so­nen nach­ahmt, spricht er häu­fig so. Mül­ler macht das oft. Ob als Ue­li Gie­zen­dan­ner, Mat­thi­as Hüp­pi oder als Jä­ger aus dem Tog­gen­burg. Stimm­la­ge und Dia­lekt wech­selt er in Se­kun­den­schnel­le. Und setzt da­mit den hei­te­ren Ton für die nächs­ten Wo­chen. Zur Un­ter­ma­lung ei­ne Play­list, zu­sam­men­ge­stellt von To­bi Mül­ler. 1. Stahl­ber­ger: Du ver­wachsch wie­der nu­me i di­ne­re Wohnig 2. Ste­fan Gold­mann: As­phalt Mel 3. Ka­la­b­re­se feat. Sa­rah Pa­lin: Ka­fi Lied 4. Charles Brad­ley: Lo­ve Bug Blues 5. Ke­le­la: LMK 6. Min King: Wie de Rhy 7. Mat­t­hew E. Whi­te: Rock & Roll Is Cold 8. So­phie Hun­ger: She Ma­kes Pre­si­dent 9. Ro­man Flü­gel: Wil­kie 10. Still Go­ing: Spa­ghet­ti Cir­cus

Fo­to: Urs Jau­das

«Die Schweiz ist ei­ne Agglo­me­ra­ti­on»: Der Schau­spie­ler und Ko­mi­ker Mi­ke Mül­ler auf der Au­to­bahn­rast­stät­te Wü­ren­los.

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