Tür­kei will Schwei­zer frei­las­sen

Die Tür­kei ver­spricht, die Schwei­zer, die im Land fest­sit­zen, aus­rei­sen zu las­sen – oder doch nicht?

Tages Anzeiger - - VORDERSEITE -

Fest­ge­hal­te­ne Der tür­ki­sche Bot­schaf­ter in der Schweiz kün­dig­te am Frei­tag­mor­gen an, dass die in der Tür­kei fest­ge­hal­te­nen Dop­pel­bür­ger das Land bald ver­las­sen könn­ten. Al­ler­dings kam am Abend ein teil­wei­ser Rück­zie­her. Die Bot­schaft teil­te mit, dass von der An­kün­di­gung nur Per­so­nen pro­fi­tie­ren könn­ten, die von Ad­mi­nis­tra­tiv­mass­nah­men be­trof­fen sei­en. Nicht mit ei­ner bal­di­gen Aus­rei­se rech­nen könn­ten hin­ge­gen schwei­ze­risch-tür­ki­sche Staats­an­ge­hö­ri­ge, de­ren Fest­set­zung ge­richt­lich an- ge­ord­net wor­den sei. Prä­zi­se Zah­len konn­te die Ber­ner Ver­tre­tung der Tür­kei nicht nen­nen.

Die­se Zei­tung hat­te pu­blik ge­macht, dass sie­ben schwei­ze­risch-tür­ki­sche Staats­an­ge­hö­ri­ge und zu­dem meh­re­re Tür­ken mit fes­tem Schwei­zer Wohn­sitz in der Tür­kei fest­ge­hal­ten wer­den. Ein Teil der Be­trof­fe­nen soll mit der eben­falls an­ge­kün­dig­ten Auf­he­bung des Aus­nah­me­zu­stands am 18. Ju­li das Land ver­las­sen kön­nen.

Manch­mal geht es schnell. Sehr schnell so­gar. Am Mon­tag hat­te die­se Zei­tung pu­blik ge­macht, dass die Tür­kei mo­men­tan sie­ben schwei­ze­risch-tür­ki­sche Staats­an­ge­hö­ri­ge fest­hält. Vier Ta­ge spä­ter ging der tür­ki­sche Bot­schaf­ter in der Schweiz an ei­ner Me­di­en­kon­fe­renz auf die Pro­ble­ma­tik ein – und gab so­gar ein Ver­spre­chen ab: Il­han Say­gili kün­dig­te an, dass die Pass­sper­ren der Be­trof­fe­nen auf­ge­ho­ben wer­den, so­bald der Aus­nah­me­zu­stand in sei­nem Land be­en­det ist. Und das soll schon am 18. Ju­li, al­so Mit­te kom­men­der Wo­che, der Fall sein. Da­mit könn­ten die be­trof­fe­nen Dop­pel­bür­ger bald wie­der tun, was sie sehn­lichst tun wol­len: end­lich in die Schweiz zu­rück­keh­ren, wo sie zu Hau­se sind. Das war für ein­mal ei­ne gu­te Nach­richt aus dem Staat von Prä­si­dent Re­cep Tay­yip Er­do­gan. Doch die Freu­de dar­über währ­te nur we­ni­ge St­un­den. Dann mach­te die Bot­schaft ei­nen Rück­zie­her. Sie teil­te mit, dass nur ein Teil der Be­trof­fe­nen frei­kom­me. Ein an­de­rer Teil nicht. Zah­len kön­ne man kei­ne nen­nen.

Da­mit sind die An­ge­hö­ri­gen der Fest­ge­hal­te­nen er­neut ge­täuscht und ent­täuscht wor­den. Die Will­kür der tür­ki­schen Be­hör­den führt da­zu, dass ei­ni­ge von ih­nen ih­re Liebs­ten wohl wei­te­re Mo­na­te nicht in die Ar­me schlies­sen kön­nen. Das Ver­spre­chen, dass nun höchs­tens halb­wegs ge­hal­ten wird, of­fen­bart im­mer­hin, dass auch die tür­ki­schen Be­hör­den manch­mal han­deln, wenn öf­fent­li­cher Druck be­steht. Doch so­bald ei­ne Sa­che aus dem Fo­kus ist, ver­streicht die Zeit, oh­ne dass et­was pas­siert. Des­halb darf auch die Schwei­zer Di­plo­ma­tie nicht ru­hen. Sie darf sich auch in den kom­men­den Mo­na­ten nicht da­von ab­schre­cken las­sen, dass die Tür­kei zu un­ter­bin­den ver­sucht, dass der Bund den Fest­ge­hal­te­nen kon­su­la­ri­schen Schutz ge­währt. Nach wie vor auf sich war­ten lässt Igna­zio Cas­sis. Der me­di­al om­ni­prä­sen­te Aussenminister hat sich noch gar nie zu den Fest­ge­hal­te­nen ge­äus­sert. Nach dem Hin und Her von ges­tern soll­te er das spä­tes­tens jetzt tun.

Thomas Knell­wolf Co-res­sort­lei­ter Re­cher­che­desk

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