Bla­ma­bel ver­lief die Au­f­ar­bei­tung des Tur­niers für den Schwei­ze­ri­schen Fuss­ball­ver­band. Er ent­schul­digt sich für den Dop­pel­bür­ger-vor­stoss.

Ana­ly­se Der Fuss­ball­ver­band ent­schul­digt sich für das In­ter­view von Ge­ne­ral­se­kre­tär Mie­scher. Und be­müht sich, dar­aus zu ler­nen.

Tages Anzeiger - - VORDERSEITE -

Thomas Schif­fer­le Die Bot­schaft soll laut und deut­lich sein. Dar­um sagt Pe­ter Gil­lié­ron: «Es ist ein ‹lät­zer› Ein­druck ent­stan­den. Im Er­geb­nis ist es ein Blöd­sinn. Das be­dau­ern wir sehr. Da­für ent­schul­di­gen wir uns in al­ler Form bei al­len Fuss­bal­le­rin­nen und Fuss­bal­lern, un­ab­hän­gig ih­rer Na­tio­na­li­tät. Letzt­lich bei al­len mit mehr­fa­cher Na­tio­na­li­tät, wenn der Ein­druck ent­stan­den ist, wir mö­gen sie nicht oder wir wür­den sie nicht als voll­wer­ti­ge Bür­ger se­hen.» In die­sem Mo­ment müs­sen zehn Ki­lo Asche auf sei­nem Haupt ge­le­gen ha­ben. Es ist das Mea cul­pa des Schwei­ze­ri­schen Fuss­ball­ver­ban­des (SFV), vor­ge­tra­gen von sei­nem Prä­si­den­ten, um auf den Scha­den zu re­agie­ren, den Ge­ne­ral­se­kre­tär Alex Mie­scher letz­te Wo­che mit sei­nem In­ter­view an­ge­rich­tet hat. Mie­scher, ein selbst­be­wuss­ter Frei­geist, stell­te dar­in die omi­nö­se Fra­ge: «Wol­len wir Dop­pel­bür­ger?» Gra­nit Xha­ka ver­setz­te sie auf­ge­bracht in die St­ein­zeit. An die­sem Frei­tag­mor­gen trifft sich der Zen­tral­vor­stand, um sich zum The­ma zu be­ra­ten. Es ist die ers­te Sit­zung nach Mie­schers In­ter­view, das am Frei­tag ver­gan­ge­ner Wo­che Die Kon­se­quenz ist, dass al­le blei­ben, wo sie wa­ren. Auch Alex Mie­scher. auch in die­ser Zei­tung stand, und nach dem Com­mu­ni­qué vom ver­gan­ge­nen Sams­tag­abend, mit dem der SFV der An­nah­me war, er kön­ne da­mit et­was kor­ri­gie­ren. Oder wie Gil­lié­ron als Initi­ant des Schrei­bens sagt: «Wir woll­ten ers­te Lö­cher stop­fen, weil es über­all zu trop­fen be­gann.» Es war ei­ne Fehl­leis­tung. Es ver­stärk­te nur den Ein­druck ei­nes Ver­ban­des, der ori­en­tie­rungs­los han­del­te. Mie­scher kann es nicht wohl sein, be­vor er am Frei­tag in die­se Sit­zung geht, Gil­lié­ron auch nicht, eben­so we­nig Mar­co von Ah als Pres­se­chef. Denn sie tra­gen die Ver­ant­wor­tung da­für, dass die­se Dis­kus­si­on an­ge­zet­telt wur­de: Mie­scher, in­dem er das In­ter­view gab, Von Ah, in­dem er es durch­ge­hen liess, und Gil­lié­ron, in­dem er es nicht stopp­te. Der Ge­ne­ral­se­kre­tär mag vor dem Zen­tral­vor­stand noch lan­ge das Ge­gen­teil be­haup­ten – aber er war es, der zwei Ta­ge nach dem letz­ten Grup­pen­spiel ge­gen Cos­ta Ri­ca dar­auf dräng­te, das In­ter­view die­ser Zei­tung und der NZZ ge­ben zu kön­nen. Die Fra­ge war: Glaub­te er, da­mit auf die Dop­pel­ad­lerDe­bat­te re­agie­ren zu müs­sen, die Gra­nit Xha­ka und Xher­dan Shaqi­ri beim Spiel ge­gen Ser­bi­en aus­ge­löst hat­ten? Oder wünsch­te er Öf­fent­lich­keit? Der wah­re Be­weg­grund ist Spe­ku­la­ti­on. Fakt ist, dass Mie­scher die­ses The­ma schon vor Be­ginn der WM mit sich her­um­trug. Und dass er dann im Ge­spräch fest­hielt: «Der Ver­band könn­te sa­gen, dass die Tü­ren in die För­der­pro­gram­me nur je­nen Nach­wuchs­ta­len­ten of­fen ste­hen, die auf ei­ne Dop­pel­bür­ger­schaft ver­zich­ten.» Gil­lié­ron er­klärt mit ein paar Ta­gen Dis­tanz: «Ich ha­be das In­ter­view im letz­ten Mo­ment ge­se­hen. Aber da war es nicht mehr zu stop­pen, weil es schon au­to­ri­siert war. Viel­leicht wä­re der Scha­den noch grös­ser ge­we­sen, wenn ich das ge­tan hät­te.» Das ist sei­ne Ver­si­on, es gibt auch ei­ne an­de­re. Dass Gil­lié­ron der Meinung von Mie­scher war und dar­um das In­ter­view durch­ge­hen liess. Es wür­de üb­ri­gens über­ra­schen, wenn Mie­scher, ein Fdp-lo­kal­po­li­ti­ker, oh­ne Ab­klä­rung in po­li­ti­schen Krei­sen ge­han­delt hät­te. Zu dank­bar re­agier­te da­nach je­den­falls Svp-na­tio­nal­rat und Swiss-olym­pic-prä­si­dent Jürg Stahl auf sei­ne An­re­gung («Rich­tig so»). Der Ver­band will aus Mie­schers an­geb­li­chem So­lo ler­nen und die Rol­len­ver­tei­lung und Zu­stän­dig­kei­ten re­geln. Das ist die Sprach­re­ge­lung für die Öf­fent­lich­keit. Was im­mer das im De­tail heisst. Gil­lié­ron sagt: «Alex Mie­scher hat ei­nen Feh­ler ge­macht. Da­zu steht er. Wir müs­sen schau­en: Wo sind Feh­ler pas­siert? Was müs­sen wir än­dern?» Aber was war der Feh­ler: dass er die­se Aus­sa­gen oh­ne Se­gen des Zen­tral­vor­stan­des mach­te? Oder ihr In­halt? «Ein Stück weit bei­des», sagt Gil­lié­ron. «Dass er nicht frag­te, ist ein Feh­ler. Und dass wir uns mit dem The­ma in­halt­lich nicht ein­ver­stan­den er­klä­ren kön­nen.» Hier sagt er: «Im Er­geb­nis ist das ein Blöd­sinn. Da­für ent­schul­di­gen wir uns.» Das Pro­blem an Mie­schers Aus­las­sun­gen ist, dass sie oh­ne je­de Not ent­stan­den sind. Das The­ma ist ja nicht neu für den Ver­band, wie er mit den Se­con­dos um­ge­hen soll, wie er sie an sich bin­den kann, zu­mal dann, wenn sie von aus­ser­or­dent­li­chem Ta­lent sind und Kan­di­da­ten fürs Na­tio­nal­team wie Xha­ka oder Shaqi­ri. Da­mit be­schäf­tigt er sich seit Jah­ren. Und nie war die­se Dis­kus­si­on emo­tio­na­ler als bei Ivan Ra­ki­tic und Mla­den Petric, als die sich trotz Ein­sät­zen in den Schwei­zer Nach­wuchs­aus­wah­len für Kroa­ti­en ent­schie­den. Doch steht dem al­lem die Aus­sa­ge von Da­ny Ry­ser ent­ge­gen. Ry­ser führ­te 2009 die «Wir neh­men al­le Dop­pel­bür­ger mit Freu­de auf», sagt Pe­ter Gil­lié­ron jetzt. U-17 zum Wm-ti­tel, mit Xha­ka, Se­fe­ro­vic und Ro­d­ri­guez, al­les Spie­lern mit meh­re­ren Her­künf­ten. In der «Sonn­tags­zei­tung» sag­te er: «War­um re­den wir stän­dig von den fünf, die ge­wech­selt ha­ben, und nicht von den 25, die sich vol­ler Über­zeu­gung für die Schweiz ent­schie­den ha­ben?» Gil­lié­ron sagt: «Mei­ne Re­de.» Und: «Ei­ne deut­li­che Mehr­heit hat sich für die Schweiz ent­schie­den. Dar­um kön­nen wir nicht von ei­nem Pro­blem re­den. Die Schweiz ist nicht ge­seg­net mit ei­ner gros­sen Be­völ­ke­rung und mit gros­sen Ta­len­ten. Dar­um ist es so wich­tig, sie zu för­dern. Wir dür­fen uns nicht leis­ten, ei­nes zu über­se­hen.» Und dar­aus er­gibt sich für ihn: «Dar­um neh­men wir mit Freu­de al­le Dop­pel­bür­ger auf.» Wie­so hat das kei­ner Mie­scher bei­ge­bracht, nach­dem es in Toljat­ti zu sei­nem Aus­bruch ge­kom­men war? Mie­scher sass da­bei ganz ent­spannt auf der Re­stau­rant-ter­ras­se vor dem Sta­di­on, wo die Schwei­zer wäh­rend der WM trai­nier­ten. Am Ne­ben­tisch gab gleich­zei­tig Ste­phan Licht­stei­ner ein In­ter­view und sag­te: «Wenn ich als Cap­tain nicht so­li­da­risch bin, wer soll es sonst sein?» Es war sei­ne Er­klä­rung, wie­so er ge­gen Ser­bi­en zum Dop­pel­ad­ler an­ge­setzt hat­te und Xha­ka und Shaqi­ri bei­ge­stan­den war. Viel­leicht hät­te Mie­scher in die­sem Mo­ment Licht­stei­ner ein Ohr lei­hen sol­len. Ei­ne Kon­se­quenz der jüngs­ten Sit­zung des Zen­tral­vor­stan­des ist, dass al­le blei­ben, wo sie wa­ren: Gil­lié­ron als Prä­si­dent, Mie­scher als Ge­ne­ral­se­kre­tär, Von Ah als Lei­ter Kom­mu­ni­ka­ti­on und Me­di­en. Und viel­leicht hat Mie­scher das er­kannt, was Gil­lié­ron auf ei­ne ent­spre­chen­de Fra­ge be­tont: «Man muss den Leis­tungs­fak­tor se­hen und nicht die Na­tio­na­li­tät. Die Gu­ten sol­len spie­len. Punkt.»

Fo­to: Keysto­ne

Pe­ter Gil­lié­ron: Ein Sor­ry als prä­si­dia­les Macht­wort.

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